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201. Jahrgang

SanauerS Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kana« Stabt und Land.

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Nr. 218

Freitag den 17. September

1926

Dev neue DMevvundsvat.

Ständige Mitglieder: Deutschland, England, Seankvelch, Stallen, Savan.

Me dvek Sahver Polen ttviedev wählbar), Ehile, RnmSnienr fite zwei Sahver Kolumbien Holland, Shinar fäe ein Sahvr Belgien, Tschechoslowakei, Salvador.

Als letzter Akt in dem diesjährigen Schau­spiel der Völkerbundstagung blieb noch die Wahl der neun nichtständigen Ratsmitglieder. Diese Wahl hat gestern stattgefunden, bei der Frankreich und die Kleine Entente einen glän­zenden Sieg davongetragen haben. Nicht nur Belgien und die Tschechoslowakei sind für ein weiteres Jahr in ihrem Amte bestätigt wor­den, auch Polen und Rumänien, zwei wei­tere, Frankreich nahestehenden Staaten, sind gewählt worden und zwar gleich für drei Jahre; dagegen hat der Vorkämpfer der euro­päischen Neutralen, Holland, sich mit einem zweijährigen Sitze begnügen müssen. Betrach­tet man sich heute das Gesicht des neuen Völkerbundsrates, das ja schließlich für die Politik des Völkerbundes maßgebend ist, so wird man sich kaum so recht freuen können. Frankreich gibt dem Gesicht das Ge­präge, in Paris und Warschau herrscht Jubel und die polnische Regierung wird sich heute bei Herrn Briand schönstens dafür bedanken, daß er trotz der deutschen Widerstände sein Versprechen an Polen durchgesetzt hat, wenn auch nicht der Form nach, so doch der Sache nach; Polen har den Anspruch auf einen ftän« tagen Sitz un Volkerbundsrat erhoben, es wollte diesen Sitz gleichzeitig mit Deutschland zuerkannt haben. Von deut­scher Seite wurde erklärt, Deutschland könne nur unter der Bedingung in den Völkerbund eintreten, daß vor seinem Eintritt keine Ver­änderungen im Rat vorgenommen werden. Aus dem Gegensatz zwischen den polnischen Wünschen, die von Frankreich beeinflußt und unterstützt wurden, und dem deutschen Stand­punkt entstanden die bekannten Schwierigkeiten.. Frankreich hat nach einem Ausweg gesucht und hat ihn gefunden! Um die polnischen Wün­sche zu erfüllen, die nichts anderes darstellen als den französischen Wunsch, den deutschen Einfluß im Rat herabzudrücken, hat man schließlich den Völkerbundsrat umgeformt und hat die Einrichtung der Wiederwählbarkeit ge­schaffen. Mit allerhand Kniffen hat man die Volkerbundsversammlung dazu gebracht, den Umformungsplan anzunehmen. Einige Staaten wehrten sich gegen die französische Erpresser- politik, aber vergeblich. Der Plan ist durchge­gangen. Die Zahl der Ratsmitglieder würde

Naht, um Platz für Frankreichs Freunde zu schaffen. Polen ist die MEnschaft zugesprochen worden, daß es nach Ablauf, seiner dreijährigen Amtsdauer von neuem in den Rat gewählt werden kann.

Zunächst sitzt Polen also für 6 Jahre fest. Fu feiner Forderung nach einem ständigen Ratssitz hat es Dank der Hilfe Briands recht viel erreicht. Und auch fein zweiter Wunsch ist B Erfüllung gegangen, es ist gleichzeitig mit Fvtschland in den Völkerbund eingetreten. Ruch in diesem Punkt hat Herr Briand den x legliches Entgegenkommen gezeigt, der veutschen Delegation dagegen nicht das ge- nngste. Es wäre wohl möglich gewesen, nach oer Aufnahme Deutschlands in den Völker- bunb, den Völkerbundsrat in seiner alten Zu- ammenfetzung, also ohne Polen, zusam­menzurufen, und Deutschland im Rat zu be« prußen. 6s Polens Wir

l, und Deutschland im Rat zu ist nicht geschehen, weil Frankreich ------msch erfüllen wollte.

Man kann nicht gut sagen, das sind Kleinig- durch die man sich in Deutschland nicht erstimmen lassen dürfte. Diese Vorgänge sind unzweifelhaft, trotz aller schönen Reden, eine Warnung, aus der Hut zu sein.

Die Wahl der 9 nichtständigen Ralsmilglieder.

Zwei Wahlgänge.

®enf> 16. Sept. Mit einiger Verspätung mürbe die heutige, wohl die letzte große Sitzung siebenten Völkerbundsversammlung um k"b0.Uhr eröffnet. Präsident Nintschitsch ver- as die Beschlüsse des Büros für das Verfah- ren zur Wahl der nichtständigen Ratsmitglie- oer, dessen, grundsätzliche Bestimmungen in gestern angenommenen Wahlreglement . ^halten sind. Das Büro hat beschlossen, die Wahl der neun nichtzuständigen Ratsmitglie- oer in folgender W-il« nnriunebmen;

One Rede Eitvefemanns

Genf, 16. Septbr. Auf einer geselligen Veran­staltung, bie vom Reichspressechef heute abend am Sitz der deutschen Delegation gegeben wurde, sprach Reichsauhenminister Dr. Stresemann vor den Delegationsmitgliedern und den Vertretern der deutschen Presse. Der Minister nahm zu den verschiedenen Anschauungen bezüglich der gegenwärtigen Genfer Tagung in groß­angelegten politischen Ausführungen von grund­sätzlicher Bedeutung Stellung. Ich habe, so führte er u. a. aus, das Recht, subjektiv zu sein. Eine reine Objektivität in politischen Dingen gibt es nicht. Ein Mensch, der immer und unter allen Umständen um eine reine Objektivität sich bemüht, ist kein Kerl im deutschen Sinne. Ich empfinde tiefe Genugtuung über die Stellung, die sich Deutschland in der Welt wieder erobert hat. Es war nicht mein eigener Wunsch, aber durch die Entwicklung der Ding« war ich dazu berufen, an die Spitze des ^«i^^^5 zu treten, zu einem Zeitpunkt, wo wir alle Kräfte darauf

weit über dessen Bestimmungen hinausgehend uns zum Opfer ihrer Gelüste und Ansprüche machen zu können. Damals wäre als Narr bezeichnet worden, wer vorher gesagt hätt«, daß Deutschland heute mit solchem Jubel begrüßt als gleichwertige Großmacht in den Völkerbund einziehen würde. Ich habe heute die Empfindung, daß dieser Vorgang

ein Aufgaben des Geistes von Versailles bedeutet. Wir haben 1919 um Aufnahme in den Völkerbund gebeten. Man hat sie uns verweigert. Dann kam Macdonald, der von dem leeren Stuhl sprach, der besetzt werden müßte. Wir folgten dieser Einladung nicht. Wir sind nicht bedingungslos in den Völkerbund eingetreten. In Locarno sprachen mir es aus, daß unser Eintritt in den Völkerbund niemals die Anerkennung moralischen Unrechtes von deutscher Seite bedeuten könne. Wir haben uns da­gegen verwahrt, daß mir unbefähigt seien an der kolonialen Arbeit anderer Weltvölker teilzuhaben. Wir haben als selbstverständlich darauf bestanden, daß, solange ein Unterschied im Rat zwischen Groß­mächten und anderen Mächten bestehe, Deutschland nicht anders als im Rahmen dieser Großmächte in Wesen Rat eintreten könne, und schließlich hat auch der Austritt zweier großer Nationen den Völkerbund nicht daran gehindert, anzuerkennen, daß der Ein- tritt Deutschlands wichtiger ist als selbst dieses Opfer.

Wir wollen doch das Eine hier festftellen:

Es gibt keine ausdrucksvollere Zurücknahme der moralischen Anschuldigung als die Aufnahme Deutschlands selbst so. wie sie sich am Freitag, be­grüßt von den Nationen der Welt, vollzogen hat. Indessen: die größte der deutschen Wieüeraufrichtung wird draußen in der Welt weit mehr anerkannt, als in unserem eigenen Volk«. Jedes andere Volk hätte die Wärme dieses Sonnenstrahls empfunden. Ob das bei uns in zureichendem Maße der Fall ist, daran kommen mir berechtigte Zweifel. Wenn ich sehe, wie die dereinst für uns kritisch den Dingen gegenüberstehenden Deutschen heute so sehr . zu Extremen neigen und das Verständnis dafür ver­missen lassen, wie verschieden das gleiche Ereignis von draußen und von drinnen gesehen wird. Für unsere Haltung ist entscheidend, daß die künftig« Ge­schichtsschreibung nickst die Frage des Unterliegens voranstellen wird, sondern ine Frage, mie es über­haupt möglich war, daß Deutschland die Kraft auf­gebracht hat, solange einer Wett von Femden zu

Es werden alle neun Mitglieder in einem einzigen Wahlgange mit Listenwahl gewählt. Dann werden in einem Wahlgange drei davon bestimmt, die für drei Jahre gewählt sind, und in einem weiteren Wahlgang drei, die für zwei Jahre gewählt sind. Die verbleibenden drei gelten als für ein Jahr gewählt.

Der Wahlverlauf.

Präsident Nintschitsch verliest auch die all­gemeinen Bestimmungen der Geschäftsordnung

widerstehen. Ich erinnere an das Wort, das «in Argentinier kurz nach dem Kriege öffentlich aus­sprach:Das Haupt umwunden von Lorbeer, ist Deutschland im Kampfe gegen eine Welt von Fein­den unterlegen. Aber der Ruhm seiner Taten wird durch die Jahrhunderte leuchten!"

Für uns war die große Frage, ob wir einmal in der Welt die moralische Genugtuung erhalten wür­den, wie sie uns in Genf zuteil geworden. Man kann naturgemäß nicht verlangen, daß all die realen Dinge, die durch den verlorenen Krieg zur Tatsache geworden sind, mit einem Schlage ihre Bedeutung verlieren. Ich kann es nicht verstehen, wie die Leute, die sich aus den größten deutschen Staatsmann berufen, sein Wesen so verleugnen können, daß sie heute von seiner Auffassung der Realitäten so wenig verspüren lasten. Wir sind machtlos von waffen­starrenden Nachbarn umgeben, nicht mehr im Sonnenglanze deutscher Weltgeltung und

wir müssen versuchen, schrittweise das zurück-

sagt«, daß man nicht erwarten könne, daß die frül)eren Feinde auf Früchte ihres Sieges verzichten und auf Deutschlands Forderungen eine Entsagung üben sollten, die wir im gleichen Falle ebensowenig geübt haben würden. Aber die moralischen Erfolge sind Gewähr für eine weitere Entwicklung.Hätte etwa Bismarck", so fragt Dr. Stresemann,1877 eine versöhnlichere Rede an die Adresse Frankreichs halten können, wie Briand an diejenige Deutsch­lands?" Er stellte dabei eine viel verbreitete Rede­wendung richtig, die ihm unterstellt werde.Ich habe niemals gesagt, es gibt feine Sieger und De- siegten. Aber das habe ich gesagt:Es gibt un­glückliche Besiegte, aber keine glücklichm Sieger!" Und das ist auch die Signatur dieser Tage. Man versteht endlich, daß man den falschen Weg gegangen ist. Ich habe di« feste Ueberzeugung, daß Briand seine Rede aus dem Innersten des Herzens gehalten hat, daß er diese Empfindungen wirklich und auf­richtig hegt. Nicht das ist das Entscheidendste, daß er sie gehalten hat, sondern daß er sie halten konnte, ohne von dem französischen Volk desavouiert zu werden.

Eingehend auf

die heutige Ratswahl

untersuchte der Minister weiter bie tatsächliche Ein­stellung der verschiedenen neugewählten Ratsmächte zu Deutschland, um zu dem Schluß zu kommen: Man tann diese Staaten nicht in ein starres System ein- rangierm, und, um dann auf Grund eines soeben »on dem früheren Reichskanzler Dr. Luther aus Columbia eingetroffenen Funkspruches angesichts der geradezu begeisternden Kundgebungen, bie ihm und Deutschland dort zuteil geworden sind, den Schluß­gedanken zu entwickeln, daß das do ut des Prinzips bie Grundlage jeder Verständigung sei und sein muß. Dabei haben finanzielle Leistungen grundsätzlich hinter dem Gedanken zurückgetreten, daß die politi­schen Fragen das oberste Ziel unseres Strebens fein müssen. Dabei kommt es auch nicht auf Tageserfolg«, wie etwa eine kleine Verminderung der Desatzungs­truppen an, sondern auf die vollständige Bereinigung der zwischen uns und unseren ehemaligen Gegnern schwe­ben denPunkte. EineFrage, diedurch die vollkommen veränderte geistige Atmosphäre ihrer Erledigung ent« gegenreift

über die Wahl der nichtständigen Ratsmitglie­der, ernennt die Stimmenzähler und der Wahl­akt selbst beginnt um 10.40 Uhr. Da es sich um ein ganz neues Versahren handelt, das zum ersten Male angewandt wird, beginnt der Namensaufruf der Länder mit A und als einer der ersten besteigt der deutsche Reichs­außenminister Dr. Stresemann die Tribüne, um seinen Stimmzettel mit den neun noch in Geheimnis gehüllten Namen in die Urne zu

werfen, die wie üblich, vom Generalsekretär Sir Eric Drummond und dem Chef des Der- waltungsdienstes im Völkerbundssekretariat Huston bewacht wird. Einer nach dem anderen marschieren dann die Delegierten in dem nun schon seit langem gewohnten Gänsemarsch auf die Tribüne. Der erste Wahlgang ist gegen 10.55 Uhr beendet. Um 11.15 Uhr verkündete Präsident Nintschitsch

das Ergebnis des ersten Wahlganges.

Abgestimmt haben 49 Staaten, so daß die ab­solute Mehrheit 25 beträgt. Es haben erhalten: Columbien 46, Polen 45, Chile 43, Salvador 42, Belgien 41, Rumänien 41, Holland 37, China 29, Tschechoslowakei 23, Persien 20 Portugal 16, Finnland 10, Kanada 2, Däne­mark 2, Siam 2 und Estland 2 Stimmen.

Gewählt sind also im ersten Wahlgang nur acht von den neun Mitgliedern, nämlich Columbien, Polen, Chile, Salvador, Bel­gien, Rumänien, Holland und China,

so daß für das neunte Mitglied ein neuer Wahlgang notwendig ist.

Der zweite Wahlgang.

weit Wahlgang werden ebenfalls

ostowakei reich' aus der Wahl hervorgeht. In der Minderheit blei­ben im zweiten Wahlgang Finnland mit 11 Portugal mit 7 und Irland mit 4 Stimmen.

Die Tschechoslowakei ist also als neuntes nichtständiges Mitglied gewählt.

Von den bisher nichtständigen Ratsmitaliedern sind also nur Belgien und die Tschechoslowakei wiedergewählt, da Uruguay offenbar in letzter Stunde vor der Wahl freiwillig verzichtet hat, weil es nicht die Mehrheit der südamerika­nischen Stimmen erhalten konnte. Als Vertre­ter von Südamerika sitzen nun im Rat Colum­bien, Chile und Salvador, deren hohe Stim­menzahl sich daraus erklärt, daß die latein­amerikanischen Delegationen ziemlich geschlos­sen für die drei amerikanischen Kandidaten gestimmt haben dürften.

Die Dauer der Rakszugehörigkeit.

Bei der Abstimmung über diejenigen Rats- Mitglieder, die

für drei Jahre gewählt sein wollen, er­hielten Polen 44, Chile 41 und Rumänien 30 Stimmen,

die damit also für drei Jahre Mitglieder der Völkerbundsrates sind. Holland erhielt 16 Stimmen und eine Reihe anderer Staaten kleine Minderheiten. Das Mandat der damit auf drei Jahre gewählten Mitglieder kommt also im Jahre 1929 zum Ablauf, wenn nicht die

heutige oder eine der nächsten Versammlungen

Zweidrittelmehrheit ihre Wiederwählbar­

mit

keit bestimmt, die natürlich noch nicht ihre Wiederwahl bedeutet. Es ist theoretisch und praktisch sehr wohl möglich, daß ein Staat, der heute für wiederwählbar erklärt wird, in drei Jahren bei Ablauf seiner Amtsperiode nicht einmal mehr die ausreichende Mehrheit erhält, um überhaupt gewählt zu werden. Deshalb ist im Wahlreglement auch die Möglichkeit vor­behalten worden, daß vier oder noch mehr Staaten für wiederwählbar erklärt werden, obwohl tatsächlich nur drei Staaten wieder ge­wählt werden können.

Der Wahlgang für die Ausscheidung der für zwei Jahre gewählten Ratsmitglieder begann um 12% Uhr. Es erhielten: Columbien 47, Holland 47 und China 34 von je 49 abgegebe­nen Stimmen. Diese drei Ratsmitglieder sind also nunmehr auf zwei Jahre gewählt.

Für die folgende

Abstimmung über Wiederwählbarkeiks- erklärung

müssen nach dem Wahlreglement Kandida­turen aufgestellt werden und die Versammlung stimmt über diese Kandidaturen mit Zwei­drittelmehrheit ab, wobei die Abstimmung mit Ja und Nein erfolgt. Die weißen Stimmzettel (Stimmenthaltung) werden entsprechend dem Antrag Loucheur in der ersten Kommission