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Hanauer «Anzeiger

General-Anzeiger sür die greife Kanan Stadt und Land.

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Nr. 212

Freitag den 10. September

1026

Die deutsche Delegation in Genf.

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(Von unserem Genfer Vertreter.)

Genf, 9. Sept. Die deutsche Delegation ist heute nachmittag pünktlich kurz nach 5 Uhr in Genf eingetroffen. Ihre Ankunft erfolgte bei strahlendem Sonnenschein. See und Umgebung lagen in dem Glanz der kalten September­sonne da. Genf erlebte außerdem heute einen lokalen Festtag, den sogenannten Fasttag, dessen Namen man aber keine Ehre mehr an­tut. Infolgedessen waren die Straßen mit einer festlich gestimmten Bevölkerung angefüllt. Durch dieses Gedränge fuhr die Delegation zu dem Hotel Metropole, wo sie zum größten Teil ihr Standquartier aufgeschlagen hat. Wenn man will, war das die Glanzseite der Medaille, deren Kehrseite man dem Abzug der deutschen Delegation nach der gescheiterten Aktion im März dieses Jahres vor sich sah.

Die politische Lage entsprach dem heiteren Rahmen, in dem sich Genf heute zeigte. Der weitere Gang der Entwicklung liegt ziemlich klar vor uns. In den Kreisen der Presse zirku­lierte die Aeußerung: Wenn der Delegation unterwegs nichts passiert hier in Genf passiert ganz gewiß nichts. Nachdem die Völ- kecbundsversammlung die Aufnahme Deutsch­lands und die Verleihung des ständigen Rats­fitzes beschlossen hat, wird alles weitere glatt schon. Man sieht das Bild der festlichen Ta- gung am Freitag schon vor sich. Man sieht wie die beiden leeren Stühle, die nun schon so viele Jahre auf die Ankunft der Delegierten war­ten, morgen bei dem Anbruch der Sitzung be­setzt sein werden, durch den Außenminister Stresemann und den Staatssekretär Schubert. Man sieht vor sich das ungeheure Gedränge, das auf den Tribünen herrschen wird und das Bild der lückenlosen Vollversammlung unten im Saal. Man sieht vor sich das Walten und Treiben der Filmphotographen und man erlebt schon im Geiste die Ansprache des Vorsitzenden Nintschitsch. Man ist gespannt auf den Mo­ment, in dem der deutsche Außenminister sei­nen Platz verlassen wird, um auf die Tribüne zu steigen, um in deutscher Ansprache auf die Begrüßungsrede des Vorsitzenden zu antwor­ten. Man erwartet auch schon, daß die Tribü­nen an den Vorgängen ihren Anteil nehmen werden, obgleich seltsamerweise in einer der letzten Sitzungen durch Präsidial-Verfügung das sonst stets übliche Klatschen der Tribünen verboten worden ist. Man sieht auch schon, wie Briand nach Stresemann die Tribüne besteigen wird, um, wie man annimmt, mit herzlichen Worten den ganzen Verlauf abzurunden. Und dann wird der geschichtliche Vorgang zu Ende sein und Deutschland wird seinen Platz im Völkerbund einnehmen.

Meue litten in Griechenland

Blutige SlrahenKämpse in Athen.

A l h e n, g. Sepk. Innerhalb der letzten Stunden hat sich die Lage von neuem außerordentlich zuge- spihk, und Griechenland steht nach allgemeiner Auf­fassung am Vorabend einer neuen Revolution. Die in Athen kasernierte republikanische Garde hat sich gegen die Regierung erklärt. Die regierungstreuen Truppen haben die Kasernen der Meuterer umzingelt, wobei es zu heftigen Kämpfen gekommen ist. General Plastiras marschiert an der Spitze einer starken Truppenmacht auf Athen, um die Regierung zu stürzen. Die Re­gierung hat den Belagerungszustand ver­hängt und mobilisiert sämtliche noch zuverlässigen Truppen.

Eine spätere Meldung aus Athen lautet:

Aus Gerüchte, daß die republikanische Garde die Ausrufung eines Direktoriums beab­sichtige, ließ Ministerpräsident Kondylis die Kaser­nen. in denen sich zwei Bataillone der republikani­schen Garde befanden, von regierungstreuen Trup­pen umzingeln. Kondylis forderte die Offiziere auf, sich zu ergeben und stellte ihnen ein mehrere Jahre währendes Ruhegehalt in Aussicht. Den Soldaten bot er den Eintritt in die Gendarmerie an. Die beiden Kommandanten Dertilis und Zervas erklärten sich nach einigem Zögern mit diesem Angebot ein­

verstanden, baten jedoch um Zurücknahme der Regie­rungstruppen, damit die Uebergabe in weniger demü­tigender Form erfolgen könne. Kondylis genehmigte diese Bitte. Die republikanische Garde unternahm jedoch daraus den Versuch, gegen das Skadtinnere durchzubrechen und feuerteaufdie Regierungstruppen.die dos Feuer erwider­ten. Die auf den Höhen rings um Athen ausgestellten regierungstreuen Batterien eröffneten das Feuer auf die republikanische Garde. Zwei Panzerwagen der Garde fuhren in raschem Tempo durch die Haupt­straße bis zum Verfassungsplah und schossen wäh­rend der Fahrt ununterbrochen in die Menschen­menge. Sine große Zahl von unbeteiligten Zivilisten fiel dem Feuer der Wagen zum Opfer. Die Versuche der Panzerwagen, die Ministerien zu stürmen, miß­langen. Der eine wurde von Regierungstruppen genommen, der andere in die Luft gesprengt. Das Gefecht zwischen Regierungstruppen und repu­blikanischer Garde dauerte drei Stunden. Die Ruhe ist wiederhergestellt und die Regie­rung Herr der Lage.

Paris, 10. Sept. Nach einer Meldung aus Athen ist auf Veranlassung der neuen Regie­rung die von General Pangolas geschaffene republikanische Garde aufgelöst worden.

auf schweizerischem Boden beginnt und auf niederländischem Boden endet.

" r viel entschiedener noch wird dieTäg­liche Rundschau", die den Mut zu einem schar­fen Wort aufbringt. Sie bemerkt dazu:

Niemand hat die Internationalisierung der deutschen Ströme als eine Maßnahme an­erkannt. die für ewige Zeiten bestehen bleiben müßte, und das Recht, gegen diese Vergewal­tigung der politischen Vernunft durch den Ver­sailler Vertrag anzukämpen, haben wir nie­mals aufgegeben. Herr Briand mag sich ge­sagt sein lassen, daß wir von diesem Recht Ge­brauch machen werden, und er mag sich ferner gesagt sein lassen, daß der Rhein trotzdem und allem ein deutscher Strom ist und ein deutscher Strom bleibt, daß an dieser ewigen Tatsache auch der Widersinn des Vertrages von Ver­sailles zerschellen wird."

Herr Briand wird über diese Antwort, die ihm gleichzeitig mit der Ankunft der deutschen Delegation in Genf wird, nicht sehr entzückt sein. In derselben Rede soll er übrigens auch gesagt haben, .man müsse daran denken, Deutfchland einige Zugeständnisse zu machen bis zu einer Teilrevision des Versailler Ver­trages". Solche schönen Worte haben wir mehr als einmal gehört. Wir wären im Augenblick zufrieden, wenn Herr Briand die Zugeständ­nisse, die er uns vor einem Jahr in Locarno machte, nur Halbwegs loyal ausführen würde.

Die Vormitlagssigung des Völkerbundes.

Aber trotz dieses äußeren glänzenden Bil­des lauern doch noch Intrigen im Hintergrund und hinter den Kulissen. Polen kann sich im­mer noch nicht damit abfinden, daß Deutsch­land seinen Zweck erreicht hat und im Völker­bundsrat als ständiges Mitglied sitzt, ehe an der Gestaltung des Rates irgend etwas geän­dert worden ist. An dieser Grundtatsache wird man sesthalten müssen, daß immer noch Ver­suche gemacht werden, in der äußeren Form den Erfolg Deutschlands abzubiegen, und zwar irch, daß man die nächste Ratsversamm-

dadurch, ______ ____________......

hing erst einberuft, wenn auch die neun nicht­ständigen Mitglieder, und darunter Polen, ihren Sitz im Rate einnehmen können. Das würde äußerlich gesehen bedeuten, daß Deutsch­land und Polen gleichzeitig in derselben Sitz­ung im Rate willkommen geheißen werden. Gewiß ist das nur eine Förmlichkeit. Aber es wird jedem Beobachter klar, daß hier in Genf «m Völkerbund alles aus Aeußerlichkeiten be­steht und daß das Ganze schließlich eine Börse ist, an der ein heftiger Windstoß

stürzen kann. Daher bedeuten Aeußerlichkeiten m dieser Umgebung sehr viel und deshalb sammt auch sehr viel darauf an, ob nach der leterlichcn Begrüßung der deutschen Delega- stan tatsächlich die Intrige recht behält, die, äußerlich gesehen, Deutschland gewissermaßen '"Anrecht-setzen könnte, da'man ja aus dem st^ichzeitigen erstmaligen Erscheinen Deutsch­lands und Polens im Völkerbundsrat immer- "'n Schlüsse ziehen kann. Die Angelegenheit

ist nt der Tat nicht von weltbewegende deutung. Aber trotzdem wird die deutsche Delegation, sobald sie morgen ihren Sitz ein­genommen hatz den Kampf aufnehmen müssen. Wie man hier in Genf weiß, hat man von Berlin aus bereits Schritte unternommen, um der Intrige entgegenzuarbeiten. Die deutsche Delegation wird sich sofort kräftig ins Mittel legen und für ihr gutes Recht kämpfen müssen. Es wird für den ersten Eindruck sehr viel da­rauf ankommen, wie Deutschland bei dieser Formsache abschneidet.

Ankunft der deutschen Delegation.

Genf, 9. Sept. Unter sehr starkem Andrang des Publikums und der Presse sind heute abend kurz nach 554 Uhr Reichsminister des Aeußern Dr. Stresemann, Staatssekretär v. Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus mit anderen Mitgliedern der. deutschen Dele­gation hier eingetroffen. Die deutschen Dele­gierten wurden auf dem Bahnhöfe vom deut­schen Gesandten in Bern, Dr. Adolf Müller, durch den deutschen Generalkonsul in Genf, Aschmann, und den Führer der derzeitigen deutschen Delegation für die Abrüstungskom­mission, Oberstleutnant v. Boetticher und an­dere begrüßt. Die deutschen Delegierten be­gaben sich sofort ins Hotel Metropole, vor dem sich ebenfalls eine große Menge Schaulustiger und ein Heer von Photographen und Kino­matographen eingefunden hatte. Weitere Mit­glieder der deutschen Delegation werden mit dem Abendzug um 8,40 Uhr in Genf erwartet.

Genf, 9. Sept. Heute abend 8.40 Uhr ist die zweite Gruppe der deutschen Delegation hier eingetroffen. Zur Begrüßung waren u. a. Reichsaußenminister Dr. Stresemann und Staatssekretär v. Schubert auf dem Bahnhof erschienen.

Presseempfang bei SIrefemann.

Genf, 9. Sept. Heute abend empfing

alles um-

Minister Stresemann die deutsche Presse, um einige Erklärungen abzugeben. Deutschland sei durchaus mit der Regelung der Ratsfrage ein­verstanden, sein Vertreter $ '. ; ' " Lösung mitgearheitet. Es sei durchaus unrich­tig, immer wieder von einem polnischen Er­folg zu sprechen, das jetzt mit Deutschland in den Rat des Völkerbundes eintrete. Die wahre Lage sei doch so, daß Deutschland mit dem morgigen Tag ständiges Mitglied des Völker­bundsrates ist, während es Polen erst nach seiner eventuellen Wahl werde. Er persönlich sei übrigens nicht so furchtbar erschreckt, Polen im Rate anzutreffen.

Uebrigens trete nicht nur Polen als Mit­glied ein, sondern es würden auch andere und kleine Ueberseeländer gleichzeitig im Rat er­scheinen. Ob eine Sitzung des Völkerbunds-

abe

ja selbst an der urchaus unrich­

rates stattfinde noch vor der neuen Wahl, wisse

SÄW WWW »ensächlicher Bedeutung fei. Immer wieder 'S der Minister darauf hin, daß man ob

neben'

wies

solchen Kleinigkeiten nicht die wichtigste Tat­sache vergessen dürfe, den morgigen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und als stän­diges Mitglied in den Rat.

Anschließend hieran empfing Stresemann die ausländischen Pressevertreter. Nach einer Meldung des Tschechoslowakischen Pressebüros aus Genf erklärte Reichsaußenmtnister Dr. Stresemann bei diesem Empfang u. a.:

Als ich im März hier das letzte Mal war, standen wir vor dem Zusammenbruch der Hoff­nungen, die auf Locarno gegründet waren. Ich habe Ihnen schon damals gesagt, daß es nicht richtig wäre, auf die Ideen von Locarno zu verzichten und daß wir an dem gemein­samen Erfolg Mitarbeiten wollen. Gestatten Sie mir, meine Freude darüber auszusprechen, daß mir die Tatsachen Recht gaben. Locarno und der damit verbundene Aniversalikätsbegriff der europäischen Politik haben den Sieg da­vongelragen. Morgen werden die Locarno­pakte in Wirksamkeit treten und ratifiziert werden. Das Gefühl, daß es nach dem schreck­lichen Kriege zwischen Siegern und Besiegten zu einer friedliebenden Politik aller Leute guten Willens kommt, ist erhebend. Es kommt nicht auf die Form an, ob der Völkerbundsrat aus foundfovielen Mitgliedern besteht, sondern auf die friedliebende praktische Zusammenar­beit. Richt die Form, sondern das Ergebnis ist das Entscheidende. Sicherlich wird diese Zu- fammenarbeif nicht ohne Mißverständnisse und Kämpfe abgehen. Aber davon bin ich über­zeugt, schließlich wird sie über destruktiven politischen, wirUchafklichen und sozialen Ten­denzen unserer Zeit siegen.

Der Minister ersuchte schließlich um freund­schaftliche Zusammenarbeit der ausländischen Vertreter und um objektive Politik. Anfragen wurden an Dr. Stresemann nicht gestellt.

Eine Kühne Behauplung Briands Briands Abfuhr.

Berlin, 9. Sept. Briand hat sich beim Emp­fang von französischen Pressevertretern zu den vielen Entgleisungen, die er sich in den letzten Monaten zuschulden kommen ließ, eine neue geleistet, die fast schonein diplomati­sches Eisenbahnunglück" ist. Er hat mit kühner Gelassenheit den Satz ausgespro­chen, daß durch dieLocarnoverträge der Rhein ein internationaler Strom ist, der zwischen einer Breite von 50 Kilometern entmilitarisierten Ufern fließt und unter dem Schutze des Völkerbundes steht. Das geht sogar demBerliner Börsenkurier" über die Hut­schnur, der allerdings seine deutsche Entrüstung hinter der Tatsache.verbirgt, daß der Rhein

fang von

Monaten

ormittagssttzung der Völkèrbundsversamm- lung fortgesetzt wurde, sprach der kanadische Delegierte Sir George Foster die Hoffnung aus, daß der Beitritt Deutschlands zum Völker­bund auch zur Verstärkung der Välkerbunds- freundlichkeit in den Vereinigten Staaten bei­tragen möge.

Lord Robert Cecil hielt eine große Rede, in der er zwei außerordentlich wichtige Pro­bleme anschnitt und auch Anträge dazu ein­reichte. Er beschäftigte sich zunächst mit der Tatsache, daß die vom Völkerbund oder unter feinen Auspizien beschlossenen internationalen Konventionen nur sehr langsam die Ratifizie­rung der Regierungen fände. So führte er an, daß die Opiumkonventionen zwar von 34 Re­gierungen unterzeichnet, aber im Laufe von mehr als einem Jahr erst von sechs Regie­rungen ratifiziert worden sei. Dadurch tritt nach Cecils Meinung

eine gewisse Sabotage der praktischen Arbeit des Völkerbundes

ein, die unbedingt beseitigt werden müsse. Ce­cil brachte in diesem Sinne eine Resolution ein. Im zweiten Teil seiner Rede besprach er die Zuständigkeit des Völkerbundes und er­klärte die vielfach herrschende Unsicherheit, ob der Völkerbund in dieser oder jener Frage zu­ständig sei, für unerträglich und schädigend für die ganze Arbeit des Bundes. Gewisse natio­nale^ Fragen, wie Schulwesen, Tierquälerei seien in gewissem Sinn internationale Fragen. Cecil beantragte die Einsetzung einer Kom­mission, die sich mit der Prüfung und Präzisie­rung der Frage beschäftigen soll, welche Fei­gen' zum Tätiakeitsbereich des Völkerbundes im Sinne der Präambel und der Artikel 3 unk 4 des Paktes gehören.

Die Rede und der Antrag Cecils warfen das ganze ungeheuere Problem der Staats- fouoeränität auf und werden notwendiger­weise auch zu einer

Erörterung der Kompetenzfrage zwischen Rat und Versammlung

führen, die vor einigen Jahren bereits in bei Völkerbundsversammlung viel Staub aufge­wirbelt hat. Der norwegische Vertreter Hambro brachte den Antrag ein, daß in den Kommissionen auch der Turnus eingeführl werde, um denjenigen Staaten, die nichtständig in den Kommissionen vertreten sind die Mit­arbeit an allen Fragen zu ermöglichen. Am Schluß seiner Ausführungen sagte Hambro, es müsse nun endlich dafür gesorgt werden, daß nicht von den kleinen Staaten Opfer auf den Altar des Völkerbundes gefordert werden. Nach Hambro legte der Vertreter Hollands, Loudon, der Versammlung einen Antrag vor, in dem die Erweiterung der bisherigen Postu­late in der Abrüstungsfrage vorgeschlagen wird.