201. Jahrgang.
Hanauer W Anzeiger
Genèral-Anzeiger für die Streife Kanau Stadt und Land.
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«r. 211
Donnerstag den 9. September
im
Deutschland im Völkerbund.
Mimmide Aufnahme NsutfMauds. - Die dsuifKe Delegation nach Genf uutevmess.
r»e Völkerbundsversammlung hat gestern einstimmig beschlossen, Deutschland auf Grund seines Gesuches vom März als Mitglied auszunehmen, ebenso einstimmig ist ihm ein ständiger Ratssitz zugeteilt worden und gleichzeitig damit hat die Vollversammlung des Völkerbundes beschlossen, die Zahl der nichtständigen Ratsmitglieder von sechs auf neun zu erhöhen. Sicherlich war es ein geschichtlich denkwürdiger Augenblick, als der Präsident der Vollverjamlung das Ergebnis verkündete, doch getrübt wird dieses historische Ereignis durch ein Zwischen- und Nebenspiel, das damit verbunden war. Die Vertreter von Holland, Norwegen und Schweden haben mit vollem Recht und mit großem Nachdruck darauf aufmerksam gemacht und laut vor aller Welt betont, daß die vom Rat beliebte als untrennbar bezeichnete Verbindung des Antrags, Deutschland einen ständigen Ratssitz zuzuteilen, mit dem andern Antrag, die Zahl der nichtständigen Ratssitze von sechs auf neun zu erhöhen, nicht nur unnötig und überflüssig, sondern unangebracht war. Die Opposition hat große Mätzi- guna gezeigt, als sie sich damit begnügte, ihre Auffassung über dieses willkürliche Vorgehen zur Geltung zu bringen. Vielleicht wäre es ihr nicht allzu schwer geworden, die geschäftsord- erfmieiüülienfieben^^
men zusammen zu bringen, um die Verweisung der Erhöhung dèr Mitgliedszahl an eine Kommission durchzusetzen. Es hätte dazu vorerst eines Antrags bedurft, getrennt abzustimmen, und dann hätte der zweite Teil des zu einem zusammengefaßten Antrags an die Kommission gehen können, wie es allein logisch und richtig gewesen wäre. Aber es scheint wirklich, als ob im Völkerbund das allein Logische und Richtige zu einfach ist und deshalb hat man sich zu dem Verfahren verstiegen, das besonders von Frid- jof Nansen so scharf gegeißelt worden ist. Ueber den ungünstigen Eindruck, den dieses Zwischen- und Nebenspiel, das man ruhig eine Intrige nennen kann, auf die Versammlung und auf die Welt gemacht hat, kann auch die Beredsamkeit nicht hinwegläuschen, mit der sich der sonst so verdienstvolle Schweizer Motta auch in den Dienst dieser zweifelhaften Sache gestellt hat.
Die führenden Geister in der Vollversammlung, die diesen Schatten heraufbeschworen haben, sollten sich darüber klar sein, daß es immerhin ein gewagtes Spiel ist, dauernd die Unzufriedenheit der kleineren Mächte im Völkerbund durch Intrigen und durch Vereinbarungen hinter dem Rücken der andern zu nähren. Es geht sicherlich nicht an, daß einige wenige Mächte, also gewissermaßen eine Clique, zur Förderung der ehrgeizigen und selbstsüchtigen Bestrebungen einiger Bevorzugten die Mehrheit vor den Kopf stoßen. Man darf getrost sagen, daß sich die Opposition lediglich aus dem Grunde so maßvoll gezeigt hat, weil sie nicht abermals eine Störung bei der ihr besonders erwünschten Aufnahme Deutschlands hevbeiführen wollte. Darin liegt ein Kompliment für Deutschland, aus das es stolz sein kann. Es liegt aber auch zugleich darin eine Warnung für die Diktatoren im Völkerbund, daß sie ein solches Spiel nicht straflos wiederholen können. Wenn es sich nicht um die Aufnahme Deutschlands, sondern um irgend eine andere Frage gehandelt hätte, wenn also die Opposition keine Rücksicht zu nehmen brauchte, dann hätte eine Niederlage der im Büro herrschenden Geister und eine neue schwere Blamage für den Völkerbund die Folge sein können.
Wenn nun unsere Delegation sich gestern abend auf den Weg nach Genf gemacht hat, um morgen feierlich als Mitglied im Völkerbund begrüßt zu werden, so ist das ein Ereignis, das unter den geschilderten Umständen uns nicht mit reiner Genugtuung erfüllen kann. Wie wir überhaupt in der Aufnahme in den Völkerbund und in der Zuteilung eines ständigen Ratssitzes keinen Anlaß zum Anstimmen von Jubelhymnen erblicken. Im Gegenteil. Wir verhehlen uns nicht, daß neue und schwere Ausgaben an die politische Leitung des Deutschen Reiches damit herantreten. Wir verhehlen uns auch nicht, daß die ganze Struktur des Völkerbundes sich längst und heute wieder
nicht als das Ideal erwiesen hat, das man einst in ihm zu erblicken hoffte. Wir verhehlen uns nicht, daß der Völkerbund heute der Tummelplatz für das politische Spiel und Gegenspiel der Mächte geworden ist, auf dem es gilt, klares Auge, kühle Besonnenheit und feste Hand zu zeigen. Trotzdem erblicken wir in dem Eintritt in den Völkerbund einen Schritt vorwärts, da es dadurch Deutschland ermöglicht wird, die Politik des Völkerbundes, die bisher sehr häufig gegen Deutschland gerichtet war, mit- zubestimmen. Deutschland ist jetzt gleichberechtigtes Mitglied des Völkerbundes und die maßgebenden Mächte dieses Bundes müssen sich klar sein, daß Deutschland darauf bestehen wird, auch als gleichberechtigt behandelt zu werden, daß eine Reihe Fesseln, die Deutschland durch den Versailler Vertrag angelegt sind, kraft des Locarnopaktes und der Zugehörigkeit Deutschlands zur Liga der Nationen ihre Daseinsberechtigung verloren haben. Sind diese Fesseln gefallen, dann wird man von einer Ausgießung des Locarno-Geistes über Genf und von einer wahren Völkergemeinschaft reden können. Dieses Ziel zu erreichen, sei unsere Aufgabe
Der Beschluß der Völkerbunds- verfammlung.
Hal die raferötinbeverftimmt die Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund beschlossen und hat Deutschland gleichzeitig einen ständigen Ralssitz im Völkerbundsrak zuerkannt. 48 Staaten waren bei der Abstimmung vertreten, alle 48 Stimmen lauteten auf ja.
Das Telegramm des Völkerbundes an StrefeWann.
Der Generalsekretär des Völkerbundes hat sofort nach Schluß der heutigen Sitzung der Völkerbundsversammlung folgendes Telegramm an den Reichsaußenminister Dr. Stresemann gerichtet:
„Auf Anweisung des Präsidenten der Völkerbundsversammlung habe ich die Ehre, Ihnen mitzuleilen, daß die Völkerbundver- fammlung in ihrer Sitzung vom 8. September gebilligt hat, durch die Deutschland als unter die Mitglieder des Völkerbundes ausgenommen erklärt und die Entschließung des Rates vom 4. September Deutschland eine ständige Vertretung im Völkerbundrak zuerkannt wird. gez. Drummond."
Sirefemann animorlet.
Genf, 8. Sept. Der Generalsekretär des Völkerbundes hat heute von dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann folgendes, in englischer Sprache gefaßtes, Telegramm erhalten:
An den Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drumond!
„Ich nehme mit Dank von Ihrem heutigen Telegramm Kenntnis und habe die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß die deutsche Delegation für die Vollversammlung des Völkerbundes heute abend nach Genf abreisen wird. gez. Stresemann."
Dèe historische SlunSe.
Genf, 8. Sept. Die heutige Vormittagssitzung wurde um 10.10 Uhr eröffnet. Die Versammlung trug den Charakter eines großen Tages. Die Delegierten sind vollzählig anwesend. Auf der Diplomatentribüne sieht man den deutschen Generalkonsul in Genf, Dr. Aschmann. Präsident Nintschitsch erteilt sofort dem Schweizer
Bundesrat IRofta,
dem Vorsitzenden des Ausschusses für die Ratsumbildung, das Wort. Motta empfiehlt unter gespannter Aufmerksamkeit der Versammlung im ersten Teile seiner Rede die vom Vorstandsbüro der Versammlung vorgeschlagene Beschlußfassung über die Aufnahme Deutschlands, die Zuerteslung eines ständigen Ratssitzes und die Vermehrung der nichtständigen Ratssitze. Im zweiten Teile seiner Rede, der vorwiegend dem durch die Ratskrise entstandenen Problem galt, erklärt Motta zunächst, daß
die Aufnahme Deutschlands eine Lebens Notwendigkeit für den Völkerbund
sei. Diese Ueberzeugung habe sich bei ihm von Jahr zu Jahr verstärkt und werde heute von niemanden mehr bestritten. Auch die Zu. erteilung eines ständigen Ratssitzes an Deutschland werde allgemein als eine elementare Notwendigkeit empfunden. Zur Frage der Vermehrung der nichtständigen Ratssitze führt Motta aus: Die Versammlung dürfe durch Vermehrung der Ratssitze nicht an Einfluß und Autorität gegenüber dem Rate verlieren. Bei Vermehrung der Ratssitze bestehe infolge der E i n st i m m i g k e i t s k l a u f e l für die Ratsbeschlüsse die Gefahr, daß der Völkerbundsrat in seiner Arbeit und Entschlußkraft behindert werde. Andererseits wären es aber auch sehr ernste Gründe, die zugunsten einer Vermehrung der nichtständigen Ratssitze spreche. Der wichtigste Grund für die Vermehrung der nichtständigen Ratssitze sei aber die Notwendigkeit die Ratskrise zu lösen.
In der Aussprache über die vom Büro der Völkerbuudsversammlung vorgeschlagenen heutigen Tagesordnung beteiligten sich Loudon- Holland, Nansen-Norwegen und Loefgren- Schweden. Loudon widersprach dem durch das Büro vorgeschlagenen Verfahren, durch das die Versammlung behindert werde, in ein gründliches Studium des Ratsproblems einzutrsten. Ueber das Problem der Vermehrung der nicht- Stellungnahme werde aber die yoSammche Delegation um keine Schwierigkeiten zu schaffen, für den Antrag des Büros stimmen, damit die Aufnahme Deutschlands, die von allen gewünscht werde, nicht weiter verzögert werde
Nach dem Bericht Mottas sprach
der holländische Verkreker Loudon
Für einen deutschen ständigen Ratssitz dürfte es keine getrennten Anschauungen geben. Es müßten alle für ihn eintreten. Die holländische Delegation hätte stärkste Bedenken gegen den Antrag, die Zahl der nichtständigen Mitglieder von sechs aus neun zu erhöhen. Das Gleichgewicht im Rat sei hierdurch bedroht und ebenso seine Arbeitsfähigkeit. Am liebsten würde die holländische Delegation die Zahl der nichtständigen Ratsmitglieder von sechs auf vier vermindert sehen. Aber sie sei bereit, für eine Vermehrung zu stimmen, falls hierdurch eine Lösung der Krise erfolge.
Hierauf ergriff der Delegierte Norwegens, Frithjof Nansen,
das Wort und wandte sich energisch gegen eine Verbindung der Zuerteilung eines ständigen Ratssitzes an Deutschland mit der Erhöhung der Zahl der nichtständigen Ratsmitglieder. Er wies darauf hin, daß seinerzeit die Erhöhung der nichtständigen Ratsmitglieder auf sechs erst nach schwierigen Verhandlungen erfolgt fei. Heute werde der Vollversammlung das Projekt vorgslegt, ohne daß ihr Gelegenheit gegeben werde, über das sehr schwierige und ernste Problem nachzudenken und Verhandlungen zu führen. Er müsse daher gegen die Verbindung dieser beiden Fragen
energisch protestieren
und verlangen, daß über die Frage der Zuteilung eines ständigen Ratssitzes für Deutschland, an der übrigens niemand Zweifel hege und über die Frage der nichtständigen Ratssitze getrennt abgestimmt werde. Er müsse darauf hinweisen, "daß die Verbindung des ständigen Ratssitzes für Deutschland mit der Frage der Vermehrung der nichtständigen Ratssitze den Bestimmungen, des Artikels 4 des Völkerbundspaktes nicht entspreche. Er wisse, daß 15 Staaten die gleiche Auffassung mit ihm teilten.
Diese Methode, die der Völkerbund jetzt anwende, entspreche in keiner Weise dem Geist des Völkerbundes.
Zum Schluffe richtete Frithjof Nansen einen Appell an die Versammlung, die souveränen Rechte der Vollversammlung des Völkerbundes besser zu wahren.
Nach Nansen sprach
der schwedische Vertreter
Minister Loefgren, der gleichfalls hervorhebt.
daß eine Verkoppelung der Frage des ständigen Ratssitzes für Deutschland mit der Erhöhung der Zahl der nichtständigen Ratsmitglieder nicht erfolgen dürfe, doch würde Schweden keine Schwierigkeiten in den Weg legen, es hoffe jedoch, daß hierdurch kein Präzedenz- ffall für die Zukunft entstehe.
Darauf erklärte der Vorsitzende Nintschitsch die Abstimmung für eröffnet.
Die Vollversammlung beschloß einstimmig, über den Vorschlag der Studienkommffsion, mit Ausnahme der Frage der Regelung des Wahlmodus für die nichfftändigen Ratsmitglieder sofort abzustimmen. Der letzte Punkt wird zur weiteren Behandlung an eine Kommission überwiesen.
Ueber die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund wird durch namentlichen Aufruf ab gestimmt.
Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund, die Iuerleilung eines ständigen Rakssitzes, die Erhöhung der nichtständigen Ratsfihe von sechs auf neun
werden von der Versammlung (48 Staaten find vertreten) einstimmig beschlossen.
Die beiden Abstimmungen, die Deutschland betreffen, werden von der Versammlung mit
Abstimmung, mit dem eine der wichtigsten und lebensnotwendigsten Aufgaben des Völkerbundes gelöst sei. Er drückte feine tiefste Befriedigung über das Ergebnis aus und fügte hinzu, daß Deutschland, nachdem es in den Völkerbund ausgenommen und seine Forderung auf einen ständigen Ratssitz erfüllt sei, nunmehr in kürzester Frist an den Arbeiten der Völkerbundsversammlung teilnehmen werde.
Kurz nach 12 Uhr wurde diese für die Geschichte des Völkerbundes denkwürdige Sitzung geschloffen.
Abreife der deutschen Delegation.
Berlin, 8. Sept. Heute abend hat dis deutsche Delegation für Genf unter Führung des Reichsministers des Aeußern Stresmann Berlin verlassen. Die Abfahrt erfolgte in drei fahrplanmäßigen Zügen. Zur Verabschiedung der Hauptdelegierten, die vom Potsdamer Bahnhof abfuhren, waren erschienen: Der Reichskanzler, die Reichsminister Dr. Külz, Reinhold, Haslinde, Ministerialdirektor Ritter und Ministerialrat Koepke, Geheimrat Zechlin sowie eine größere Anzahl Herren des Auswärtigen Anites, der französische Geschäftsträger de Laboulaye, der Vertreter des englischen Geschäftsträgers, der erste Botschaftssekretär Ingram, der belgische Gesandte Everts, der schweizerische Geschäftsträger Vogei, der tschechoslowakische Geschäftsträger Blanoz. Die Delegierten Deutschlands sind bekanntlich Reichsminister Stresemann, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus. Außerdem gehören der Delegation zur Vertretung Deutschlands in sachlichen Arbeiten der Kommission als Sachverständige für die bei der Völkerbundstagung zu erörternden Fragen an: Generalkonsul" Aschmann, Frau Ministerialrat Dr. Bäumer, Botschafter z. D. Graf Bernstorff, M. ). R., Oberstleutnant von Bötticher, Dr. Brcit- cheid M. d. R.. Vortragender Legationsrat v. Bulow, Ministerialrat Karlowa, Ministerialrat Dr. Kiep, Ministerialrat Dr. Mayer, Kon- ul Pönsgen, Staatssekretär Dr. Pünder, Staatssekretär c. D. Freiherr v. Rheinbaben M. d. R., Ministerialdirektor Dr. Schäffer, vortragender Legationsrat Dr. Söhring, Staatssekretär Dr. Weißmann und als Sekretär der Delegation Gefandfchaftsral Dr. Botze.
Da die Arbeiten des Völkerbundes in sechs Kommissionen erledigt werden, macht sich eben« o wie bei anderen Rationen auch für Deutsch- and die Ernennung stellvertretender Delegierter für diese Kommissionsarbeiten notwendig. Es sind außer den Delegierten für die Vertretung Deutschlands in den Kommissionen Graf Bernstorff, Dr. Breitscheid. Dr. Kerns und