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Hr. ZV9

Dienstag den 7. September

Sette 3

Lâles.

Hanau, 7. September.

Der schlecht belegte Platz.

Ich hatte im Speisewagen eine, nad) langer Fahrt wohlverdiente, Atzung eingenommen und wanderte zu meinem Abteil zurück. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich das Abteil voll besetzt finde. Auf meinem gemütlichen Platz in der Ecke hatte ein athletisch ausschauender Mann Platz genommen, dem eben die müden Augenlieder zufallen wollten. Ich gebe ihm einen kleinen Stoß und mache ihn höflich da­rauf aufmerksam, daß er auf meinem Platz sitze. Er öffnet die Äugen zu einem kleinen Spalt, blinzelte mich durch diesen schlaftrunken und verständnislos an und dann klappen die Augendeckel wieder zu.Sie", rief ich, schon ein bißchen in Wut,Sie, Herr! Sie sitzen auf meinem Platz." Er öffnet bei geschlossenen Augen den Mund ein wenig und sagt nur das eine Wort:Quatsch". Ich war aufs höchste empört! Die Abteil-Insassen wurden lebendig. Die dicke Frau neben meinem Platz sagte: Djah, hier Ham Sie vorhin gesessen." Und das süße, blonde Fräulein mit den kleinen Füßen und den Nehaugen in der Ecke gegen­über versicherte mir, sie habe dem Herrn gleich gesagt, daß der Platz besetzt sei. Dabei sahen die Rehaugen, Mitleids- und liebevoll zugleich, zu mir empor. Ihr Urteil war vielleicht nicht ganz parteilos, aber es ermutigte mich. Ich wurde also, soweit ich es mir meinem herku­lischen Platzhalter gegenüber glaubte gestatten zu können, energisch. Da wurde der Mann munter und brüllte, ich solle ihn in Ruhe lassen, das sei sein Platz und machte mit seiner Boxer- Hand eine schon sehr gefahrvolle Bewegung. Ich verzichtete deshalb auf weitere Auseinander­setzungen und rief den Schaffner. Dieser zuckte die Achseln und sagte mir in der neuen, ver­bindlichen Form unserer kaufmännischen Reichsbahnbeamten:Es tut mir außerordent­lich leid, mein Herr, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Nach der Eisenbahnverkehrsordnung muß der Platz, wenn Sie ihn verlassen, belegt sein. Nein, mein Herr, es genügt nicht, daß Sie ihre Koffer im Gepäcknetz über Ihrem Platz haben oder eine Zeitung auf den Platz legen. Es muß schon ein Gepäck- oder Kleidungsstück sein". Da hatte ich meine Belehrung, war mein Platz los und mußte mich wohl oder übel auf dem Gang draußen plazieren. Plötzlich stand das kleine, blonde Fräulein, das die Unter­redung mit dem Schaffner mit angehört hati'e, neben mir und versicherte mir tröstend, die Be­stimmungen der Eisenbahnverkehrsordnung seien sehr hart und eigentlich habe ich doch Recht. Dabei sahen mich ihre Rehaugen so mitfühlend an, daß mein Aerger sogleich ver­rauscht war. Die kleine Dame plauderte ent­zückend, und als ich ausstieg, bedauerte ich es

ordnlmg nicht gekannt zu haben, hatte ich. doch nunmehr nicht nur sie. sondern in meiner blonden, mitfühlenden Reisegefährtin noch et­was viel Schönefes kennen gelernt. Und viel­leicht vielleicht machen wir schon bald eine andere Reise zusammen, wobei wir dann frei­lich unsere neue Kenntnis der Platzbelsgungs- vorschriften nicht außer acht lassen werden.

Allerlei aus hem Gerichlssaal.

Die billige Zigaretkensteuer.

Ein gutes Geschäft machte ein Kaufmann aus Großkrotzenburg mit Zigaretten. Er hatte ein. Tabakversandtgeschäft und belieferte auch eine Reihe Hanauer Gastwirte mit Zigaretten. Einem Steuerbeamten, der sich in einem

Hanauer Cafè Zigaretten bestellte, fiel es auf, daß die Banderole an der Stelle, wo der Preis stand, überklebt war. Man stellte Nachfor­schungen an und nun kam ein gerissener Schwindel zu Tage. Man hatte sich billige Steuerstreifen besorgt (zu 1 Pfg. für die Zigarette) und den richtigen Preis (612 Pfennig) auf die Banderole aufgeklebt. Die teuren Streifen hatte man sich für die Stück­zahl von 10 Zigaretten besorgt und dann auf Schachteln zu 25 oder 100 aufgeklebt. Der An­geklagte gab in der Verhandlung an, daß diese Manipulationen nicht er, sondern seine Frau und sein Bruder gemacht hätten. Beide wurden darum wegen Steuerhinterziehung tu drei Monaren Gefängnis oerurtei.t. Der Haupi- angeklagte aber, dem man seine Unwissenheit an diesen Dingen nicht glaubte, erhielt vier Monate Gefängnis und 300 RM. Geldstrafe. Die Steuerbehörde war um 45 RM. betrogen worden. Ob Strafaussetzung erfolgen wird, soll noch erwogen werden.

Hehlerei.

Auf der Strecke nach Fulda zwischen Steinau und Schlüchtern an einer steil an­steigenden Stelle, wo der/Zug langsam fahren muß, haben, wie bekannt, drei Brüder einer Familie die Züge beraubt, alle drei sind vor Monaten in Hanau deshalb zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Die Frau des einen Angeklagten hatte auf der Eisenbahn gestohlenes Hemdentuch verarbeitet und mußte sich nun wegen Hehlerei verantworten. Sie er­hielt eine Geldstrafe von 30 RM.

Unterschlagung.

In Utrichshausen (Kreis Schlüchtern) be­treibt ein Mann ein Holzgeschäft und führte gleichzeitig die Posthilfsstelle cis Beamter. Da das Geschäft schlecht ging, unterschlug er ca. 200 RM., die er im Geschäft verwandte. In der gestrigen Verhandlung gab er an, daß er das Geld habe zurückerstauen wollen. Das Ge­richt verurteilte ihn zu vier Monaten Gefäng­nis wegen Unterschlagung im Amt.

Sikklichkeiksvecbrechen.

An zwei Kindern von 5% und 5 Jahren hatte ein Mechaniker aus Wächtersbach un­züchtige Handlungen vorgenommen. Er leug­nete zwar, doch glaubte das Gericht den Kin­dern, da durch andere Zeugen bewiesen wurde,

daß er sich schon mehrfach an Mädchen ver­gessen hat. Das Gericht verurteilte ihn unter Zubilligung mildernder Umstände zu einer Ge­fängnisstrafe von einem Jahr.

Ich hatt einenKameraden".

Es war aber ein recht schlechter Kamerad, dieser vielfach vorbestrftae Mann aus Nieder­rodenbach. Ueberall, wo er Kriegskameraden harte, reifte er hin und wurde gut ausgenom­men. Durch geschickte Schwindeleien verstand er es, in gemeiner Weise seine ehemaligen Kriegskameraden zu schröpfen. Meist erzählte er, daß seine Frau krank fei und er Geld brauche. Er erhielt mehrfach Beträge bis zu 200 RM. Ein andermal war ihm angeblich die Brieftasche oder der Mantel gestohlen. Das Ge­richt verurteilte ihn unter Versagung mildern­der Umstände wegen gewohnheitsmäßigem Betrugs zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus 300 RM. Geldstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre. Für die­senKameraden", der schon sechsmal wegen ähnlicher Sachen bestraft worden ist, haben noch weitere fünf Staatsanwälte dringendes Interesse, so daß der Angeklagte für die nächste Zeit für die Menschheit ' unschädlich sein dürfte.

* Staatsbürgerliche Erziehung durch den Besuch von Stadtverordnetenversammlungen. Der Äeltestenausschuß der Berliner Stadtver­ordnetenversammlung beschloß, Schülern und Schülerinnen der Fach- und Berufsschulen klassenweise Gelegenheit zu geben, auf der Tri­büne den Sitzungen des Stadtparlamentes beizuwohnen. Da in den Berufsschulenstaats­bürgerliche Erziehung" als neues Fach ausge­nommen worden ist, glaubt man, daß der Be­such der Stadtverordnetenversammlungen den Schülern in dieser Beziehung nützen könnte. Allerdings sollen nur Sitzungen für den Schülerbesuch freigegeben werden, bei denen nicht allzuviel Konflikts st off zu erwarten ist.

* Heimstätten und Beamtenschaft. Wie ge­meldet wird, hat das Reichskabinett ein Gesetz über die Abtretung von Veamtenbezügen zum Heimstättenbau angenommen. Es handelt sich um die Beschaffung von Mitteln für die Be­amtensiedlung durch ein freiwilliges Sparver­fahren im Wege des Gehaltsabzuges.

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* Loskage im September. Der September ist reich an Lostoom, denen die Bevölkerung Bedeutung beimist. Am 8. September (Mariä Geburt) werden Getreidekörner geweicht und unter die übrigen Sämereien gemischt, um für das nächste Jahr zu einer guten Ernte zu ge­langen. Am 14. September, dem Tage der Kreuzerhöhung, dürfen in Haus und Wirtschasl keine ernsteren Vorgänge unternommen wer­den, weil diese sonst zu Unheil ausschlagen. Ins­besondere soll an diesen Tagen kein Winter­getreide ausgesät werden. Der 29. September, der St. Michaelstag, ist ein wichtiger Termins­tag im ländlichen Haushalt an Stelle des 1. Oktober. An diesen Tag knüpfen sich auf dem Lande mancherlei Sitten und Gebräuche, denen man ihre Abstammung vom uralten Wotan­kult oft ansieht, wenn sich auch die eigentliche frühere Bedeutung allmählich verwischt hat.

* Emanuel Schmuck. Am Sonntag wurde unter großer Beteiligung und in feierlichster Form der 1. Kreisvertreter des 9. Kreises der D. P., Schulrat E. Sch chmuck in Darmstadt, zur letzten Ruhe geleitet. Er war in Worm- geboren, von Jugend auf Turner und Mitglied der D. T., später als Schulrat Dezernent für das Turnen im Staate Hessen, Gründer und langjähriges Vorsitzender des hessischen Turn­lehrervereins, seit 27 Jahren auch Vorsitzender (Vertreter) des 9. Kreises, der in ihm seinen begabten, nach Können und Charakter hervor­ragenden Führer verliert. Schmuck war keine weiche Natur, aber ein gerader ehrlicher deut­scher Mann, der geborene Führer zu hohem Ziel. Ein schier endloser Zug mit ca. 190 Turnerfahnen geleitete seine Leiche zum Fried­hof, wo der 2. Vorfitzende der D. T. Dr. Neuen­dorff, Direktor der Preußischen Hochschule für Leibesübungen, die Gedächtnisrede hielt.

* Die Seeschlacht im Skagerrak wurde gestern in der Zentralhalle im Film vorgeführt. Den instruierenden B^leitvortrag hielt Kapi­tän-Leutnant a. D. Mumm. Originalauf­nahmen gab es naturgemäß wenig, dafür aber geschickte Trickaufnahmen, die den Verlauf und die einzelnen Kampfesphasen ausgezeichnet fest- hielten und dem Zuschauer die Entwicklung der Seeschlacht verständlich machten. Die nach dem amtlichen Material gemachten Aufnahmen dürfen den Anspruch eines historischen Doku­mentes machen. Der Film zeigte, daß unsere blauen Jungens" den Engländern an Kampf­qualität weit überlegen waren und dadurch den Erfolg auf ihre Seite zwangen. Es war ein Bild âus Deutschlands großer Zeit. Den Schluß des Vortrages bildete ein Film, der die Feier des Sieges von Tannenberg in Ostpreußen zeigte. Beide Bildstreifen fanden lebhaften Bei­fall der Zuschauer.

* Der bunte Abend des Rezitators Bock wird von dem städtischen Orchester mit einem TongemäldeDer verklungene Ton" von Sul­livan eingeleitet werden, dann wird Rezitator Bock mit ernsten Vorträgen zu Worte kommen. Dieser Abteilung schließt sich Präludium, Chor und Tanz ausDas Pensionat" von Suppë an, um den Auftakt zu den modernen YMM- ristifchen Rezitationen zu geben. Hier sind ès die bewährten Autoren Oflini, Busch, Presber, Braunsberg und Graf, die für feinen Humor Gewähr leisten. Nach einigen Straußwalzern wird Herr Vock aus der SammlungBlühen­der Blödsinn" von dem modernen Schrift­steller E. Warlitz lesen. Im Anschluß hieran soll das deutsche Volkslied zu seinem Rechte kommen. Den Abschluß des Vortragsabends werden humoristische Mundartdichtungen bil­den. Der Abend findet am 9. Septbr., abends 8 Uhr, in derCentralhalle" statt.

* 85. Geburtstag. Heute ist es Herrn Phil. Bohlender, Marktstr. 20, vergönnt, seinen 85. Geburtstag zu feiern.

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Roman von Hugo Bettauer.

Copyright 1926 by R. Löwit-Verlag (Dr. Max Präger) Wien.

5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten)

Idylle an der Havel."

DerBerliner Generalanzeiger" war das Blatt der Heiratsannoncen. Der Jüngling, der Seelenfreundschaft braucht, der reifere Mann mit Bedarf nach Mitgift, die einsame Jungfrau, die Witwe, der Vater, der anders seine Töchter nicht anbringen kann, Fie alle pflegten ihre Schmerzen, Sehnsüchte und Hoffnungen demGeneralanzeiger" anzuver­trauen und viele tausend Ehen waren vielleicht im Himmel geschlossen, aber imGeneral­anzeiger" angebahnt worden.

Zeitlich morgens, als noch wenige Leute die Annoncenschalter desGeneralanzeigers" belagerten, begab sich Krause dorthin. Seine Arbeit wurde wesentlich dadurch erleichtert, daß jeder Schalter nur bestimmte Gruppen von Anzeigen behandelte. Hier konnte man nach Hauspersonal inserieren, dort seine alten Sachen anpreisen und der Schalter Nummer fünf war den Heiratsannoncen reserviert. Krause zeigte der ältlichen, mit einer Hornbrille bewaffneten Dame, die hier den Liebesgott spielte, sein Abzeichen und bat sie um eine kurze Unterredung. Mit kurzen Worten erklärte er ihr, um was es sich handelte, und stellte dann seine präzisierte Frage:

Der Mann, den ich suche, dürfte im Laufe des Monats Juni, vielleicht auch noch etwas früher, feine Annoncen aufgegeben haben. Diese Annoncen dürften sehr verlockend ge­wesen sein, da es ihm ja um möglichst viele Antworten zu tun war. Sicher hat er auch schockweise Briefe bekommen. Außerdem war dieser Mann blond, hatte einen Kneifer und machte einen reckt anten Eindruck. Mebr weiß

ich nicht und alles Weitere hängt von Ihrem guten Gedächtnis ab."

Fräulein Lieblein war Feuer und Flamme, ballte die Fäuste und schoß Wut aus den kurz­sichtigen Augen.

So ein Schuft, so eine Bestie! Oh, wenn ich etwas dazu tun könnte, ihn aufs Schafott zu bringen, wäre ich direkt glücklich!"

Sie stemmte die Bleifeder gegen das spitze Kinn und dachte angestrengt nach.

Gerade der Juni ist ein starker Monat ge­wesen, weil der Frühling so spät fam.. Da werden ja die Menschen wie toll und möchten um jeden Preis heiraten!"

Innerlich lächelte' Krause über das alte Mädchen, daß die Jahreszeiten und Witterun­gen vielleicht in einen viel tieferen und rich­tigeren Zusammenhang mit dem menschlichen Liebesbedürfnis brachte als mancher gra­duierte Psycho- und Physiologe.

Himmel! Jetzt entsinne ich mich eines blonden Herrn mit Kneifer, der aber nein der kann es nicht fein! Der sah ja so lieb und gut aus und doch er hat ein ganzes Bündel Antworten bekommen, und ich er= innere mich deutlich, wie er lachend die Briefe in seine Aktentasche steckte und mich fragte: Fräulein, glauben Sie nicht auch, daß ich mir jetzt ein ganzes Dutzend Bräute aussuchen könnte?" .

Krause hing gespannt an ihren Lippen. Nun, und wissen Sie noch, wie der Text der Annonce gelautet hat?"

Fräulein Lieblein schüttelte den Kopf. Nein, das nicht, aber die Chiffre, unter der er die Briefe abholen wollte, ist mir irgend­wie ausgefallen. Wenn ich sie vor mir hätte, würde ich sie gleich unter hundert anderen herausfinden."

Ungeduldig pochten Leute an das Schalter- fenster, Fräulein Lieblein bat eine der ande­ren Damen, sie zu vertreten, führte Krause rückwärts in die Administration und begann die Eremvlare des ..Generalanreiaers" ab

Mitte Mai zu durchforschen. Nach gut einer Stunde, sie war eben beim Sonntagsblatt vom 2. Juni angelangt, legte Krause, der über ihre Schultern gebeugt mitsuchte, den Finger auf eine Anzeige und sagte trocken und bestimmt:

Das wird es sein!"

Die Annonce lautete:

Akademisch gebildeter Herr, 32 Jahre alt, einnehmendes Aeußere, wohlhabend, der sich in der Nähe von Berlin ankaufen will, sucht, des Alleinseins müde, Lebensgefährtin. Re­flektiert wird auf gut erzogene Dame, die einem liebevollen, charakterfesten Mann eine treue, brave Gattin sein will. Etwas Vermö­gen erwünscht. Freundliche Anträge unter Idylle an der Havel" an denGeneral­anzeiger".

Jawohl", schrie Fräulein Lieblein erregt auf,das ist die Armonce! Idylle an der Ha­vel, so hat die Chiffre gelautet! Wissen Sie, diesesIdylle an der Havel" hat mich so ei­gentümlich berührt und ich dachte mir, daß an der Seite des netten, blonden Herren ein Mädchen doch ein rechtes Glück finden könnte. Ich wurde sogar ein wenig traurig damals."

Fräulein Leblein schwieg plötzlich verschämt und Krause ließ aus feinen grauen, kühlen Augen einen Blick voll Mitleid über das hagere eckige, reizlose Mädchen gleiten.

Bald war auch das Manuskript der Annonce mit Hilfe des Druckereileiters herbeigeschafft. Enttäuscht hielt Krause den beschmierten, zer­knitterten Bogen, der mit Schreibmaschinen­schrift ausgefüllt war, in der Hand.

Viel weiter bin ich nun eigentlich doch nicht gekommm. Immerhin, ein Faden, der nach rückwärts läuft. Und etwas könnte man ja versuchen. Fräulein Lieblein, ich werde jetzt den Text einer Annonce aufsetzen, die morgen erscheinen soll. Viel nützen wird es ja nicht: was ich tue, ist eigentlich recht plump, aber man kann nicht wissen, mitunter begehen auch die raffiniertesten Verbrecher die größten Dumm- beiten."

Fräulein Lieblein gelobte Stillschweigen über alles, was sich etwa ereignen würde, und im nächsten Morgenblatte desGeneralanzei­gers" erschien folgende, von Krause verfaßte Anzeige unter der UeberschriftIdylle an der HaveU:

Habe auf Annonce unter obiger Chiffre, die am 2. Juni erschienen ist, geantwortet, mein Brief wurde aber nicht behoben. Bitte nun­mehr, da mich für geeignete Person halte, Brief unterBlondes Gretchen", Postamt Dorotheerstraße, zu beheben.

Der blonde Herr mit dem Kneifer.

Von acht Uhr morgens bis in die späten Nachmittagsstunden stand am anderen Tage Krause mit einer Briefträgerkappe auf dem Kopf vor dem Postlagerschalter in der Doro­theerstraße. Es ist durchaus nicht so einfach, sieben, acht Stunden in einem engen, muffigen Raum müßig dazustehen und auf etwas zu warten, was vielleicht, sogar wahrscheinlich gar nicht geschehen wird. Die Hoffnung schwin­det in solchen Fällen mit jeder schleichenden Minute, und jeder erfahrene Kriminalist weiß, daß mit derartigen Aufgaben nur besonders pflichttreue, zähe, disziplinierte Leute betraut werden dürfen. Joachim von Dengern war von Natur aus sicher nicht besonders zähe und auch kein Pflichtenfanatiker, aber die drei furchtbaren Jahre im Zuchthaus hatten ihm Selbstbeherrschung und Geduld genug aner­zogen. Denn für den, der noch nicht verkommen ist, der vom Leben noch etwas will, bedeutet ja Gefängnis nichts als ein qualvolles Warten, ein Zählen der Minuten und Stunden und Tage und wieder Warten, Warten, nichts als Warten.

Gegen fünf Uhr, als Krause doch schon fühlte, wie er apathisch und stumpf wurde, be­trat ein Herr das Postamt, der sich fd)cu nach links und rechts umsah.

Krause fuhr zusammen, sein Herzschlag setzte fast aus. Der Herr, der den Raum b»