201. Jahrgang.
SanauerV Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Sladl und Land.
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ar. 182
Freilag den 6. August
1926
Das Neueste.
— In Paris ist gestern das deutsch-französische
Handelsabkommen unterzeichnet worden.
— Die französische Kammer hat gestern mit 420 gegen 140 Stimmen das Projekt zur Schaffung einer Wortisationskasse ohne Aenderungen angenommen.
— In Berlin wird das Gericht dementiert, Deutschland wolle die gleichzeitige Zuteilung von Ratssitzen an Spanien und Polen anregen.
— Die in einem Wiener Blatt erschienenen Ausführungen über Briands Außenpolitik werden von der Pariser Rechtspresse sehr stark eingeschränkt.
— Die elsässische Lehrergesellschaft hat Professor Rassè, der durch Gerichtsurteil - seines Amtes enthoben wurde, zu ihrem Generalsekretär ernannt.
DÄsLttsrmssNrrsleAvorrdeV Kammer auseuHmmest.
g. Die Kammer trat heute 3 Uhr zusammen. Als erster
Paris, 5. Au! nachmittag um I Redner erstattete der Berichterstatter der Fi
nanzkommission den Bericht über die Arbeiten der Kommission. Die Finanzkommission der Kammer habe den Wunsch geäußert, daß die Amortisätionskasse nicht nur mit der Tilgung her schwebenden Schuld, sondern der gesamten öffentlichen Schuld beauftragt werde. Die Tilgung durch die Amortisätionskasse werde zunächst mit einem Betrage von 3,5 Milliarden jährlich begonnen. Der Berichterstatter betonte die Notwendigkeit einer beschleunigten Durchberatung, des Finanzprojektes. Eine sofortige Inangriffnahme der Tilgung, der schwebenden Schuld würde dem gesamten Lande das ver- «er Gruppen im Prinzip sich mit dem Regiè- rungbentwurf einverstanden erklärt hatten, an verschiedenen Einzelheiten des Regierungsentwurfs jedoch Kritik übten; wandte' sich' das Interesse des Hauses den Ausführungen zu, die Dubois im Namen der demokratisch-republikanischen Bereinigung zu dem Regierungsentwurf machte. Auch er erklärte sich im Prinzip mit der Gesetzesvorlage einverstanden, bedauerte jedoch lebhaft, daß an der Spitze sowohl des Finanz- als auch des technischen Komitees der Amortisationskasse Politiker stünden. Er befürchte, daß hieraus wesentliche Schwierig- Aten entstehen würden, die eine ungünstige Rückwirkung auf die Arbeiten der Kasse haben tonnten. Ferner bemängelte er, daß in dem Bejetzemmurs eine deutliche Trennung der Kompetenzen fehle.
Am Schluß der Diskussion wurde über den Regierungsentwurf, der die Schaffung der ckmoMationskasse zur Tilgung der Bonds der nationalen Berteidigung vorsieht, nach Ab- chnung verschiedener Zusatzanträge
das Gesamtprojekt ohne Aenderungen mit gegen 140 Stimmen angenommen. Abstimmung über das Gesamtprojekt war ebenfalls mit einem Vertrauensvotum
verbunden.
Die Sitzung wurde sodann bis %10 Uhr verbrochen.
(Röt?? ^ Nachtsitzung hat die Kammer den Rietzentwurf betreffend die Ermächtigung der k. LP™ Frankreich, Gold und Devisen an Börse zu taufen,
toif 305 gegen 181 Stimmen angenommen
Einfügung eines von radikaler iennmmr an9on "nd von der Regierung an- 2°mmenen,Zusatzes, nach welchem die Bank rücht nur beim Ankauf von bei ^inoten herausgeben darf, sondern ip«ÄU^run9 ^°n Devisen, die ent- !ebr im °» ^.en9e Banknoten aus dem Ver-
^W-ehen verpflichtet sein soll.
knif*» o^^^ite erklärte der sozial-rep-uibli- ®ürbe eFrA°^eLc Ehabrun, zweifelsohne gäbe nn« X'$ ?^ der geplanten neuen Aus- bifen >,„" A^noten gegen vereinnahmte Deanne mnn^^617 Banknoten handeln und das leitens^" m normalen Zeiten zulassen, aber Mes ^^ und des Zwangs- derartig Mft^" "Klären Faktor. Mit iiisierung " komme man nicht zur Sta- èn°/è vertrat in seiner Antwort die iwe 3j;nk^ die Bank von Frankreich über ton einer ^nÄ^ "hrsugen müsse und daß decken Rn»p^ ? ^n durch Ausgabe der ge- der Ba»- fn°ton nicht die Rede sein könne. »Cen beL” «Srfnfreid> würde es freistehen, litoen nithtn tT^ “ntnoten zu verweigern, die böten. »?^'len u«b Gold zum Umtausch eure 7^„ii ^^ den betreffenden sagen, holt osten wieder nach Frankreich herein
GruueuesHaudelsabronnueu mit âauseeiO.
Paris. 5. August. Zwischen dem deutschen Bot- schafler v. Hoesch und Ministerialdirektor Posse einerseits und dem französischen Außenminister Briand und dem Handelsminister Bokanowski andererseits sind heute abend im französischen Außenministerium zwei Handelsverträge unterzeichnet worden. Der erste ist ein auf sechs Monate berechnetes vorläu- siges Handelsabkommen, der andere ein Teilabkom- inen über den Warenverkehr zwischen Deutschland und dem Saargebiek.
Durch den ersten der heute geschlossenen Verträge wird der Warenverkehr zwischen Deutschland und Frankreich für eine bestimmte Anzahl Ausfuhrwaren beider Länder geregelt. Für Deutschland handelt es sich dabei um Erzeugnisse der drei großen deutschen Aussuhrgruppen, der Maschinen-, der chemischen und der elektrotechnischen Industrie. Daneben sind einige weniger wichtige Industrieen, wie Glas, Papier, Möbel, Kleineisenwaren, Musikinstrumente, Spielwaren, Holz usw. berücksichtigt worden. Frankreich erhält u. a. die Meistbegünstigungsklausel ohne Kontingentierung für Gemüse, Früchte, besonders Weintrauben, Blumen, Kognak, Champagner, Parfümeriewaren, Seife, Seide, Automobile und besondere Vorteile für Automobilersatzteile. Deutschland hatte für Parfümerien, Selfe, Seide und Automobile die Kontingentierung vorgeschlagen, die aber von Frankreich abgelehnt wurde. Die' Meistbegünstigungsklausel findet keine Anwendung auf die Most-Aepfel aus der
■^SSSW« Deutschland aus dem Provisorium herausgenommen.
Außerdem enthalt dieser Vertrag Bestimmungen über das Statut der Personen und Gesellschaften, d. h., er regelt das Niederlassungsrecht deutscher Firmen in einem für Deutschland befriedigenden Sinne, denn der Deutsche wird in Frankreich in Zukunft dieselbe Behandlung wie jeder Staatsangehörige eines anderen meistbegünstigten Landes erhalten. Wichtig sind die Vereinbarungen über die Stellung deutscher Staatsangehöriger in den französischen Kolonien und Mandatsgebieten, wo nach Inkrafttreten des Vertrages die bisherige Sonderstellung der Deutschen aufgehoben wird.
In dem Tsilabkommen über das Saargebiet find eine Anzahl der Fragen des Warenverkehrs zwischen Deutschland und dem Saargebiet geregelt worden, die in dem vor einem Jahr abgeschlossenen, aber nicht in Kraft getretenen Saarabkommen geregelt worden waren. Auf deutscher Seite betrachtet man das Saarabkommen nicht als eine endgültige Regelung dieses schwierigen Problems.
Was die weiteren Verhandlungen über den endgültigen deutsch-französischen Handelsvertrag betrifft, die seinerzeit bekanntlich wegen der Unübersichtlichkeit der Lage unterbrochen werden mußten, so ist man heute in deutschen Kreisen von Paris optimistischer geworden, da eine Anzahl von früher bestehenden Hemmungen fortgefallen sind. Was die in letzter Zeit geführten privatwirtschaftlichen Verhandlungen anbelangt, so sind eine ganze Reihe von Fragen geklärt worden. Die sich aus der Entwicklung des französischen Kurses ergebenden Bedenken sind gleichfalls vermindert worden, und schließlich wird
und ihr werdet die geforderten Banknoten erhalten.
Abgeordneter Nicolle von der demokratisch- republkanischen Vereinigung erklärte, die Ausgabe neuer Banknoten werde unzweifelhaft eine
Erhöhung der Lebenshaltungskosten nach sich ziehen. Außerdem müsse man sich die Frage vorlegen, ob nicht, wenn die Devisen- Operation der Bank von Frankreich in der Wochenbilanz offen dargelegt wird, die Spekulation sich laufend genau über die Höhe des Devisenbestandes unterrichten und daraus Nutzen ziehen könne?
Poincärè weigerte sich dazu Stellung zu nehmen mit dem Hinweis, er könne nur solche Aufklärungen geben, die nicht allein schlechten Einfluß auf den Gang der Ereignisse haben könnten.
Der radikale Abgeordnete Margaine bringt einen Gesetzentwurf ein, durch beut er die Einführung einer Goldwährung fordert, denn die Exporteure wollten deshalb ihre ausländischen Devisen nicht hereinholen, weil sie durch das Sinken des Franken zu gewinnen hofften und von den Banken für von ihnen au leistend«
demnächst der neue französische Zolltarif herauskommen.
Beide Teile haben vereinbart, daß sie sich vier Wochen nach Veröffentlichung des Tarifs über die Fortführung der Verhandlungen zum Abschluß eines endgültigen Handelsvertrages verständigen werden. Ministerialdirektor Posse reift heute abend nach Berlin zurück.
Handelsminister Dokanowsky über das franz, deutscheHandelsabkommen
Paris, 6. August. Handelsminister Balanowsky hat anläßlich des gestern erfolgten Abschlusses des deutsch-französischen Handelsabkommens sich einem Vertreter des „Petit Parisien" gegenüber dahin geäußert, daß die Ursache des Zögerns auf deutscher Seite während der langen Monate geführten Verhandlungen, in der Umstabilisierung der französischen Währung und in der wachsenden Entwertung des Franken beruht habe. Weil sich Frankreich auf dem Wege der Währungsstabilisierung befinde, seien sehr viele Hindernisse, die der Unterzeichnung ent- gegengeftanben hätten verschwunden.
Eines der Hauptergebnisse sei die Tatsache, daß er von einem Wunsch der Pazafizierung in Europa Zeugnis ablege und daß er den Beginn ernstlicher Besprechungen zwischen den beiden ehemals feindlichen Staaten darstelle.
Im übrigen begnügen sich die Blätter zumeist mlt_üer..Veröffentlichung, einer Inhaltsangabe des Handelsabkommens.
Der ,',Gaülols" nimmt jcMcfj Stellung und schreibt, das provisorische Abkommen sichere Deutschland beträchtliche Vorteile, da Deutschland in Frankreich Gemüse und Früchte kaufe und die Mehrzahl seiner Manufakturwaren in Frankreich absetzen könne. Was jedoch in der amtlichen Inhaltsangabe über das Handelsabkommen nicht ausdrücklich her- vorgehoben worden fei, fei, daß die deutschen Staatsangehörigen, die deutschen Häuser und die deutschen Handelsgeschäfte sich in Frankreich feinen Kolonien und den Mandat- und Protektoratsländern mit dem gleichen Recht, wie die französischen Staatsangehörigen sich vor 1914 niederlassen konnten.
Allerdings genieße der französische Staatsbürger, der französische Handel und die französische Industrie die vollen Vorrechte in Deutschland, aber es bedeute dies keine Gleichheit, denn die französische Expansion sei weit weniger machtvoll, als die deutsche. Soviel Idealismus, wie man beim Abschluß des Handelsabkommens bewiesen habe, werde hoffentlich die Legende zunichte machen, die darauf abziele, das Frankreich und die französische Regierung der Gegenwart als unfähig darzustellen, sich einer Politik des wirtschaftlichen Aufbaues in Europa, inspiriert vom Geiste der Versöhnung und vom Geiste von Locarno, anzuschließen. Eine nahe Zukunft werde lehren, was der französische Handel und die französische Industrie bei diesem Abkommen, das, wie alle derartigen Verträge, nur einen Teil befriedigen könne, zu gewinnen oder zu verlieren habe.
Das Wirtschaftsblatt „Journal Industrielle" bedauert, daß eine Anzahl wichtiger Kategorien in dem Vertrag noch nicht geregelt worden feien, so vor allem, was Frankreich interessiere, Wein, Wolle, Baumwolle und Eisen.
Auszahlungen Kredite erzielten, ohne ihre Guthaben im Ausland heranholen zu müssen. Diesem Zustand könnte durch
Einführung einer Goldwährung neben der Papierwährung und durch gleichzeitige Erhöhung des Diskontsatzes, also die Kreditverteuerung, ein Ende gemacht werden. Die Stabilisierung des Papierfranken würde dann in Beziehung auf den Goldfranken vor sich gehen und somit zu einer inländischen Operation werden, an Stelle unter Bezug auf ausländische Kredite zu einer ausländischen Operation.
Poincarè lehnte den Gesetzentwurf Mar- gain<>s ab, der dann auch mit 360 gegen 115 Stimmen verworfen wurde.
Erhöhung der frnzösischen Postgebühren.
Paris, 6. Aug. Die Jnlandsgebühren für den Postverkehr sind durch ein heute im „Journal Offiziell" erscheinendes Dekret am 9. August erhöht worden und zwar für einen Jnlandsbrief von 40 auf 50 Centime. Die Erhöhung der übrigen Sätze bewegt sich im gleichen Verhältnis.
Zusicherung Briands in der Frage der Defatzungsmindernng.
Berlin, 5. Aug. In der Unterredung, die der deutsche Botschafter in Paris, Herr von Hoesch, vor einigen Tagen mit Briand hatte, find die Hauptfragen, die gegenwärtig zur Diskussion stehen, durchbesprochen worden; in erster Linie die Vorbereitung der Völkerbundstagung und die Stärke der Vesatzungstruppen im Rhein- land. Der französische Außenminister hat bei dieser Unterredung Zusicherungen gemacht, die zu der Annahme berechtigen, daß jetzt endlich mit der Verminderung der Besatzungstruppen ein Anfang gemacht wird. Das Ausmaß der Verminderung steht noch nicht fest. Wenn aber von einer fühlbaren Herabsetzung im Sinne der Note der Votschafterkonferenz vom 14. November des letzten Jahres die Rede sein soll, so werden natürlich an der gegenwärtig noch etwa 85 000 Mann betragenden Zahl der Besatzungstruppen erheblich Abstrichs gemacht werden müssen. Auch die Engländer und Belgier, auf deren Truppenzahl sich Frankreich bei seinem Widerstand gegen eine Herabminderung versteift hat, werden sich dann einem Abbau nicht entziehen können. Zu welchem Zeitpunkt die Verminderung der Truppenstärke erfolgen soll, ist ebenfalls noch nicht bekannt. Man hofft aber, daß das Tempo etwas beschleunigt wird, so daß möglicherweise schon vor dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ein Ergebnis vorliegt. Alles wirb natürlich davon abhängen, inwieweit Briand sich im Kabinett und gegenüber den Militärs durchsetzen wird, doch denkt man in dieser Beziehung hier jetzt etwas optimistscher als es bisher der Fall war.
Über die französische Außenpolitik veranlaßt den „Temps", dem durch die Erklärungen Briands ausglösten Optimismus einen Dämpfer aufzusetzen Im besonderen hebt das Blatt mit Nachdruck hervor, daß der französische Standpunkt in der Anschlußfrage in keiner Weise verändert sei und daß sich Frankreich nach wie vor jeder derartigen Bewegung aufs energischste widersetzen werde. Mit großer Befriedigung stellt der „Temps" fest, daß Frankreich bei Italien in seinem Widerstand gegen den Anschluß einen starken Rückhalt findet.
Das konservative „Jounral des Debats' zeigt sich auf höchste entrüstet über die Erklärungen Briands. Besonders aufgebracht wird es durch die Bemerkung, die Verträge von Locarno würden zu vier Fünfteln bereits schon angewendet. Das reaktionäre Blatt behauptet, Deutschland könnte daraus den Schluß ziehen, man erwarte von ihm keine Anstrengungen mehr und feine Haltung sei durchaus korrekt gewesen. Die Ausführungen Briands über dis wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland erregen den Zorn der Blattes. Es wirft Briand vor, daß er nicht energisch genug darauf bestanden habe, daß Deutschland vorher die durch die Friedensverträge geschaffenen Verhältnisse anerkenne und jeden Versuch aufgeben müsse, den neuen europäischen Status abzuändern.
Frankreich u. Sie deutsch-österreichische Anschlußfrage.
Paris, 5. Aug. Die Wiedergabe eines Interviews mit Briand in der wiener „Neueu Freien Presse" veranlaßt die Abendbörse zur Präzisierung des fraoMschen Standpunktes in der Anschlußfrage. Der „Temps" wendet sich dagegen, daß gewisse österreichische Kreise eine Aenderung in der Haltung Frankreichs in bei Anschlußfrage aus den Aeußerungen Briands entnehmen zu können glauben. Er schreibt, die Bedenken Frankreichs beständen in ihrem gan- zcn bisherigen Umfang fort und das „Neue Wiener Tagebl.", das dieses Interview kommentierte, täusche sich ganz und gar, wenn es annehmen wolle, daß Frankreich infolge des Abkommens von Locarno feine Haltung in einer Frage von derart überragender Wichkig- keik geändert habe. Abgesehen von den Frankreich unmittelbar betreffenden Argumenten beständen noch viele andere ausschlaggebende Bedenken gegen einen Anschluß Oesterreichs an Deutschland, so die Bedrohung, die sich für Italien aus einer neuen Entwicklung bet deutschen Macht in Mitteleuropa ergeben würde und die Gefahr, die diese Entwicklung für die Tschechoslowakei, für Jugoslawien and für Rumänien, Frankreichs Verbündete, bedeuten würde, denn Deutschland könne von Wien aus auf jede Gefälligkeit der Ungarn bei der Einleitung eines neuen Vorstoßes nach dem Balkan rechnen. Der Anschluß würde gewiß der Ausgangspunkt eines Dranges nach Osten fein.