201. Jahrgang.
SanauerW Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land.
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Donnerstag den 22. Juli
1926
Das -Kabinett Gevrioi seftüvzt
Das Dertrauensvolum mN 290:237 Stimmen abgelehnt. PoincarS beauftragt. — Demonstrationen vor der Kammer.
Etwa gegen halb 10 Uhr zogen Gegenmanifestanten vor der Kammer auf und riefen: „Es lebe Herriot!" Es kam zu wilde!
reien, wobei es
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darum rasch zu handeln. Die Einigkeit muß in einem finanziellen Programm der sofortigen Durchführung begründet sein. Es scheint
Paris, 21. Juli. Das Kabinett Herriol fff um 9 Uhr mit 290 gegen 237 Stimmen gestürzt worden, nachdem die Regierung zu einer Tagesordnung des radikalen Abgeordnete« Lastide, die der Regierung das Vertrauen der Sammer ausdrückt, die Vertrauensfrage ge- fkellt hatte.
Paris. 21. Juli. Nach Beendigung des Ministerrates begab sich das Kabinett in die Kammer, die um 5 Uhr ihre Sitzung begann. Ministerpräsident Herriot verlas die außerordent- ■ lich kurze
Regierungserklärung.
In dieser heißt es u. a.: „Die gestern gebil- tète Regierung hat ihre ganze Sorge auf das Ananzproblem konzentriert; niemals ist die Lage klarer und die Entscheidung dringlicher
Caillaux' Sturz nicht notwendig geworden wäre. De Monzie fährt fort, wenn die Kammer das Projekt ablehne, werde er die Maßnahme trotzdem durchführen. Die Kammer könnte ihn später, wenn sie wolle, vor den Obersten Ge- richtshof stellen. Die Beispiele hätten bewiesen, daß man von dort wiederkomme. Die Erklärung des Finanzministers entfesselte einen derartigen
gemessn. Wir sind der Ansicht, daß wir den Schwierigkeiten, selbst der dringlichsten, mit ' Hilfe des Parlaments entgegentreten müssen. ! Unser Programm gründet sich auf die Ueber» I Zeugung, daß das Land sich selbst retten muß.
Frankreich gedenkt die Schuld, die es zur Verteidigung der Freiheit eingegangen ist, in einem Maße und in einer Form zu bezahlen, daß es sicher ist, die Verpflichtungen, die übernehmen wird, halten zu können.
es
216er wir find unnachgiebig insofern, als
Sturm, daß die Sitzung kurz nach 7 Uhr unterbrochen werden mußte.
Nach der Wiederaufnahme der Sitzung hatte zuerst de Monzie seine Ausführungen fortgesetzt, und zwar in ebenso unwirschem Tone wie zuvor, der der Kammer wenig imponierte. Er erklärte, Frankreich könne aus eigenen Kräften stabilisieren. Er teilte ferner mit, daß er in 48 Stunden der Kammer sein Finanzprojekt vorlegen könne.
Hierauf ergriff Herriot das Wort. Er verteidigte sich zunächst gegen den Vorwurf, das Kabinett meuchlings erdolcht zu haben. Seine Interventionen feien prinzipiellen Gründen entsprungen. Das Land wolle nichts von den Vollmachten wissen und ebensowenig von den äußeren Anleihen. Er wolle auch nicht, daß die Stabilisierung von der Ratifizierung der Kriegsschulden abhänge. Das Land müsse sich elbst bewußt werden, daß im gegenwärtigen
Wir weigern uns unter allen Umständen, die Grenzen des Notenumlaufs zu erweitern. Un-
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Polizei schritt energisch ein und nahm mehrere Verhaftungen vor. Es ist nicht abzusehen, welche Entwicklung diese Kundgebungen ttn Verlaufe der Nacht nehmen werden.
Mittlerweile erfährt man, daß Doumergue sich bereits mit Poincarè in Verbindung gesetzt hat, um ihn spätestens morgen vormittag im Elysee zu empfangen. Poincarè hat erklärt, daß er eine Regierung von nur sieben Mitgliedern bilden werde. — Die Gruppe der öffentlichen Wohlfahrt, die vor einigen Tagen gegründet wurde und über 250 Mitglieder zählt, hat beschlossen, morgen eine Delegation zu Doumergue zu entsenden und die Blldung einer Regierung der nationalen Einigung zu fordern. Alles deutet somit auf diese Lösung hin.
PoinearS übernimmt die Kabinettsbildung.
Paris, 22. Juli. poincarè hat den Auftrag, ein Kabinett zu bilden, angenommen.
Paris, 22. Julsi Nachdem der Finanzausschuß der Kammer gestern abend dem einzigen Artikel des vom Fina-nzminister de Bionzie eingebrachten Gesetzentwurfs der Bank von Frankreich den restlichen Betrag des Morgan- Fonds zu Werweffen, noch einen zweiten Artikel beigefügt hatte, der besagt, daß die Notenausgaben der Bank von Frankreich um einen im Wert der Devisen entsprechenden Betrag erhöht werden dürfe, wurde die Sitzung der Kammer wieder ausgenommen. Art. 1 wurde mit erhobenen Händen, Artikel 2 mit 275 gegen
uns, daß das Unwesentliche
persönlichen Auffassung die Sachverständigen
von den Spezialisten
sein Pläne, in
unserer möge, die seinen
großzügigen Progressiven aufgestellt ist, es gestatten werden, unverzüglich eine fast einmütige Zustimmung' zu erlangen. Wir glauben, daß Abänderungen und Ergänzungen mögüch sind, wir glauben aber auch, daß eine internationale Kredit-Organisatton gegründet auf dem von allen heute empfundenen Gefühl der
Solidarität zwischen den Völkern, eine gerechte Verteilung unserer Schulden ermögliche«
Solidarität zwischi
Verteilung unfe könnte. Wir sind
> außerdem entschlossen, alle Opfer zu fordern, die die Lage gebietet. Der Kla.en-Egoismus sowie grundsätzliche Partei- rücksichten müssen heute vor den Realitäten an den Jnteresien des Landes verschwinden.
stunden eine Delegation der nationalen Der- igungen der Kriegsinvaliden zum Präsiden- der Republik ins Elyfee begeben, um ihm ’ Tagesordnung zu überreichen, in der es
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einigungen der Kriegsinvaliden und Frontkämpfer einen Ausschuß gebildet, der entschloß t tagen und dem Prä-
sen sei, in Permanens zu tagen 1 sidenten der Republik seinen entschieden, Willen zum Ausdruck zu bringen, unverzügli und unter Umgehung jeder politischen Fra, ein Ministerium der nationalen Wiederau
richtung zu bilden, das geeignet sei, allen sen des Voltes sein Vertrauen wieder zu c Der Präsident der Republik hat sich, na
ser Ziel ist die Stabilisierung der Währi Die Devisen, die sich außerhalb Frankreich! französischem Besitz befinden, müssen zurückgeschafft werden. Wir wollen die Rückkehr durch sine neue Amnestie vorbereiten, auf deren Ab-
Währung.
iS in
iehnung so empfindliche Strafen gefetzt werden sollen, daß sich niemand darüber wird Hinweg- setzen können. Es ist notwendig, als Ausgleich für die von den französischen Rentenbesitzern erlittenen Verluste
eine Ausgleichssteuer auf alle Aktiven zu schaffen, die nicht im Dienste des öffent
lichen Kredits stehen.
Uebrigens gedenken wir dem Parlament einen Gesetzentwurf über die Höchstbesteuerung »orzulegen, der auf alle Falle die steuerlichen Lasten des Ertrages der Arbeit und der Spartätigkeit einschränkt. Wir haben für die höchst dringliche Aufgabe der Einschränkung der Staatsausgaben eine parlamentarische Eini- Arng zusammengebracht, soweit dies bei den Spaltungen angängig war. Erklären Sie sofort, ob Sie eine andere Mehrheit für eine andere Formel haben, oder ob Sie im Gegenteil der Ansicht sind, daß man die Gedanken der demokratischen Gerechtigkeit mit der Sorge um die nationale Selbstbehauptung vereinigen darf."
Nach Verlesung der Regierungserklärung die ohne jede Beifalls- oder Mißfallenskund- Sfebung
mit eisigem Schweigen angehört
Ard, intervenieren verschiedene Abgeordnete. Der Kommunist Cachin forderte die Kammer- auflösung, der Radikale Borel die Stabilisierung des Franken und der sozialistische Republikaner Aubriot fragt die Regierung, welche äaßnahmen sie zur Einlösung der Bons der Nationalen Verteidigung und zur ausreichenden Bezahlung ihrer Beamten zu treffen gedenke. Finanzminister De Monzie besteigt die Nednertribüne zu einer Erwiderung.
Der Finanzminister erklärte u. a. : Das Guthaben des Schatzamtes bei der Bank von mankreich habe gestern früh 230 Millionen, Ostern abend 180 Millionen und heute früh !sur noch 60 Millionen betragen. Er schlage vor, einfach von der Bank von Frankreich Dor- chüsse auf die im Besitze des Schatzamtes be- endlichen Devisen geben zu lassen. Diese Ankündigungen, die auf einen
Verkauf des noch vorhandenen Kesles des Morganfonds
ämousliefen, erregten größten Lärm in der Kammer. De Monzie erklärt, er tue nur das, was auch sein Vorgänger Caillaux beabsichtigt yabe. In zahlreichen Zwischenrufen drückt die Kanmrer dann die Ansicht aus, daß damit
daß er gegen die Regierung stimmen werde, weil Herriot sich bei seinem Ausfall gegen das Kabinett Briand einer schamlosen Handlung schuldig gemacht habe. — Darauf kam es inmitten großer Aufregung zur Abstimmung, de^en Ergebnis wir eingangs gemeldet haben.
Die Aufnahme im Senat.
Paris, 21. Juli. Die Regierungserklärung wurde im Senat von Justiznunister Colrat verlesen und gleichfalls mit äußerster Zurückhaltung ausgenommen. Bei der Stelle, die Einschränkungen fordert, erhob sich Gelächter, während die Anspielung auf die Wahlrechtsreform den Beifall von etwa 15 Senatoren der Linken hervorief. Als Colrat die Tribüne verließ, spendeten einige 20 Mitglieder der äußersten Linken Beifall.
Was nun?
poincarè der neue Mann — Die erregte Menge versucht die Kammer zu stürmen.
Paris, 21. Juli. Die Regierung hat sich unverzüglich nach der Abstimmung nach dem Elysee begeben, um dem Präsidenten der Republik ihre Demission zu überreichen. In den Wandelgängen ist die Rede von einer Regierung der nationalen Einigung mit Poincars als Ministerpräsident und Finanzminister an der Spitze. Außerdem dürften dem neuen Kabinett Barthou als Innenminister, Briand als Außenminister und Albert Sarraut als Kolonialminister angehören.
Noch vor der Abstimmung hatten sich vor der Kammer etwa 5000 Personen eingefunden, die laut schreiend den Rücktritt Herriots forderten. Es wurden die wildesten Rufe hörbar. In der Kammer war man außerordentlich besorgt darüber, wie Herriot nach dem Elysöe gelangen werde. Denn man befürchtete, daß die wütende Volksmenge ihn lynchen würde, falls er ihr in die Hände fiele. Die Menge versuchte einen Augenblick mit Gewalt in die Kammer einzudringen, und nur dank einem großen Aufgebot der Republikanischen Garde war es möglich, die Manifestanten zurückzu- drüngen. Einige von ihnen zogen darauf nach dem Elysèe, während die Volksmenge vor der Kammer und auf der Place de la .Concorde rasch auf etwa 10 000 anwuchs. In der Kammer entstand einen Augenblick eine wilde Panik unter den Abgeordneten. Zahlreiche Abgeordnete haben das Gebäude fluchtartig durch die Hintertür verlassen.
Vor Aufhebung der Sitzung hat der Kammerpräsident eine Sitzung auf heute abend halb 12 Uhr anberaumt. Die Kammer soll über den Vorschlag von de Monzie abstimmen, wonach der Rest des Morgansonds verkauft werden soll, um zu verhindern, daß die Schalter der Bank von Frankreich morgen geschlossen werden müssen.
gemeinen Aussprache wies der Generalberichterstatter Chappedelaine darauf hin, daß Artikel 2 notwendig sei, damit das Abkommen ratifiziert werde. Es liege übrigens im Interesse des Landes, daß die Bank von Frankreich, in dem man ihre Möglichkeit, Banknoten auszugeben, erhöhe, die ihr anvertrauten Devisen behalten könne. Der sozialistische Abgeordnete Vincenz Auriol protestierte gegen diese Auslegung Das Parlament dürfe nicht die Diktatur der Bank von Frankreich annehmen. 'Abgeordneter Bokanowfki betonte seinerseits, daß man die Bank von Frankreich cm der Schließung ihrer Kassen verhindern müsse. Daher sei es notwendig, die Unabhängigkeit der Bank zu wahren und zwar durch Annahme dieses Artikels 2. Die Bank von Frankreich brauche sie, um den Bedürfnissen der Industrie genügen zu können. Finanzminister de Monzie bestätigte die Worte Bokcmowskis. Der Kommunist Garehery erklärte, das sei nur ein Notbehelf für drei Tage. Hieraus wurde ab gestimmt. Der Gesetzentwurf ging alsdann vor den Senat, der nach längerer Beratung in den ersten Vormittagsstunden den 1. Artikel des Gesetzentwurfes mit erhobenen Händen, den 2. mit 180 gegen 86 Stimmen annahm.
Die polnische Lage.
Paris, 22. Juli. Der Sturz des Kabinetts, den die Börse schon nach der Mittagsbörse diskutierte, was sich dadurch kenntlich machte, daß das Pfund Sterling, das am Dienstag abend mit 221 heute noch 243,5 gehandelt wurde. Eine ziemlich große Menschenmenge hatte sich in den Straßen von Paris mobil gemacht. Vor dem Kammergebäude und vor dem Elysee sanden Kundgebungen gegen Herriot statt. Zu gleicher Zeit hat die Aktion des sozialrepublikanischen Abgeordneten Morinot, die seit einigen Tagen verbreitet wurde, den Demarchen des Präsidenten der Republik eine ganz bestimmte Richtung zu geben, statgefun- den. Die Abgeordneten Astier (repl. Linke) und Pestche haben sich ins Elysee begeben, um dem Präsidenten eine Eingabe zu überreichen, die die Unterschrift von 230 Abgeordneten trägt. In ihr heißt es: Nur die Bildung einer Regierung des öffentlichen Wohls sei geeignet, das Ziel, den Sturz des Franken aufzuhalten, in kurzer Frist zu erreichen. Eine Regierung des öffentlichen Wohls sei jedoch nur im Rahmen der nationalen Einigkett möglich. Männer, die die schwere Verantwortung der Regierungsumbildung auf sich nehmen müßten, dürften nicht die Beauftragten der politischen Parteien sein, die noch in der Erinnerung an ihre Vergangenheit kämpfen wollen, sondern müßten im Gegenteil durch ihren eigenen Wert und durch ihren neuen Geist Kräfte wecken, die dem Land die Hoffnung und den Willen zur Wiederaufrichtung beibringen. Es handelt sich
nach Konsultierung des SenatsprSfidenkerr dè Selves und des Vizepräsidenten der Kammer Bouysson und Poincarès nach Mitternacht ins Elyfee begeben. Dieser hatte nach mehr- stündiger Beratung erklärt, er nehme gründ* sätzlich die Bildung eines Ministeriums anj Er werde heute normst tag feine Demarchen be* ginnen, t
Poincarè in den Senat, um an der NachtsitzunA teilzunehmen. Noch während der Nacht haü^ er im Senatsgebäude mit Barthou, dem ehemahligen Handelminister Chaumet und Albert Sar* raut, dem französischen Botschafter in Angora, verhandelt, die er angeblich in sein Kabinett aufnehmen will. Dieses soll dem „Echo de Paris" zufolge nur wenige Minffter, vielleicht nur 5 oder 6 enthalten. Heute vormittag will Poincarè mit Briand, Painlevè und Boka* nowsky verhandeln. Poincarè wird wahrschein* sich auch das Finanzministerium übernehmen.'
Deutsche Pressestimmen zum Sturz des Kabinetts Kerrivl.
Zu dem Sturz des Kabinetts Herriot schrsiK der „Vorwärts:" Herriot ist gestürzt worden, weil das Programm seiner Regierung eine stärkere Heranziehung des Besitzes vorfah, während die Regierung Briand-Caillaux die Sanie*
rung durch die Gewinnung ausländischer Kredite erreichen wollte. Herriot sei zum Teil als Opfer eigener Fehler gefallen. Weil er gegen die Gewährung außergewöhnlicher Vollmach, ten an das Kabinett Briand protestierte, sei er zwar feinem republikanischen Gewisien gefolgt, außergewöhnliche Zeiten erforderten jedoch außergewöhnliche Maßnahmen. Eine Ver- fassung werde nur für nomale Zeiten ausge-
' " ' Ohne Regierungsvollmachten lasse, so fortgeschrittene Inflation nicht'
arbeitet.
sich eine so , _ . .
überwinden. Niemals wäre es in Deutschland'
gelungen, die Mark zu stabilisieren, wenn nicht der deutsche Reichstag Ermächtigungsgesetze angenommen hätte. Was jetzt kommen werden sei nicht gerade erfreulich für die französisch« und die deutsche Demokratie. Pvincarè als Retter sei ein trüber Abschluß zweijähriges Politik des Linkskartells.
Die „Tägliche Rundschau" meint: Die par< lamentarischè Lage in Frankreich sei im Lauft der letzten Tage etwas geklärt worden. Es habt sich gezeigt, daß für die Durchführung des Pr« grammes der Finanzsachverständigen unter del Führung von Caillaux keine Mehrheit in det französischen Kammer vorhanden sei. Der Start fierrtots habe gezeigt, daß auch das sozialistische Programm der Kapitalsabgabe und der Sal nierung aus eigener Kraft keine Mehttzcif finde. Es bleibe nunmehr nur noch die Fragt offen, ob ein Politiker der Rechten im Standl sei, mit einem eigenen Finanzprogramm eins Mehrheit M finden.