201. Jahrgang
SanauerW Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kana« Stadt und Land.
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Nr. 160
anonlag den 12. Juli
1926
— Reichskanzler Dr. Marx hielt gestern an die Sieger der Deutschen Kampfspiele eine Ansprache.
— Der französische Finanzminister Caillaux wird hä in Begleitung von 4 Sachverständigen im ? Flugzeug nach London reisen, um mit dem englischen Schatzkanzler über ein Schuldenabkommen zu verhandeln.
— Die französischen Frontkämpfer verâstalteten gestern Kundgebungen gegen das Washingtoner . Schuldenabkommen.
— Die Sawjetregierung hat beschlossen, Krassin nach London zu entsenden, um dort durch neue Verhandlungen die Spannung zwischen London und Moskau zu beseitigen.
— Das französisch-spanische Marokko-Abkommen , ist am Samstag unterzeichnet worden.
— Eine furchtbare Explosionskatastrophe hat sich in dem Munition-- und Sprengstoffdepot der amerikanischen Kriegsmarine ereignet.
Der AbMmmunsssedenAag in tOftpreutzen.
„©les Land bleibt deutsch!“
Frankens aufhalten und jede Gelegenheit be- W stabilisieren. Sehr gebet dieser Gelegerchett da--
nutzen müsse, schickt wies rauf hin, daß auch
and trotz seiner
Dev âsmMsvKeK des fva«- zMMerr AesievEs.
Vier Tage und eine Nacht tobte die ge= wattige Redeschlacht in der französischen Kammer hin und her. Der neue Finanzminister Caillaux, der in den letzten. Tagen vor den entscheidenden Sitzungen etwas nervös geworden zu sein schien, hat sich tapfer gehalten. Wenn er seine Reden stets nur mit leiser Stimme begann, so daß öfter von den Abge- ftäâetHN die Zurufe „lauter!" erschollen, so WWWs nur ein rhetorisches Mittel, den 0er > gewandte Dialektiker absichtlich benutzte, um seinen späteren Ausführungen um so größeren Nachdruck zu geben.
Mit seiner ersten Rede, in der der FinaNz- i diktator in großen Zügen das Gutachten der ! Sachverständigen und seine eigenen Absichten ! barlegte, hatte er nicht den gehofften durch- I schlagenden Erfolg. Das Vertrauensvotum der I Kammer wurde ihm nicht, wie vielfach erwar- I tet wurde, sofort gegeben, und keine Partei I verzichtete auf das Wort, sondern alle schickten ihre schlagfertigsten und besten Redner in Fi- I nangfragen • nor. Aber von vornherein waren alle Parteien von der äußersten Rechten bis I zu dem Kommunisten von der Aufrichtigkeit I Caillaux' und seinen guten Absichten über- I zeugt; allgemein war man sich allmählich da- I rüber klar geworden, daß er zurzeit der einzige I Mann in Frankreich ist, der das schwierige Fi- ‘ nanzproblem meistern kann. Auf der anderen s Seite aber wußten alle Parteien nur zu gut, s daß jeder Tag des Aufschubs der für die Fi- I nanzsanierung nötigen Arbeiten, einen schwe- i ren Nachteil für ganz Frankreich bedeutete und g sich auch unverkennbar in dem Stand des I Frankenkurses ausdrückte. Wenn die Parteien 8 trotzdem auf eine Besprechung der Angelegen- j heit wenigstens in großen Zügen bestanden, g so taten sie es lediglich aus dem Grunde, weil I sie von der gewaltigen Verantwortung durch- j dnlngen waren, die sie mit dem Uebertragen r so wichtiger Vollmachten auf den Finanzdiktator ihren Wählern gegenüber auf sich nahmen. Zudem hat die Aussprache völlige Klarheit gebracht und Caillaux in vieler Hinsicht unerwartete Hilfen gegeben, die er als ersah- I teuer Finanzpolitiker nun zu feinen Gunsten I ausnutzen kann . . .
- Drei Punkte waren es besonders, bei denen ' ach Gegensätze zwischen den Parteien auf- - einander platzten: das Sachverständigengut- E "Men, die Aenderung der direkten und indi- I te’ten Steuern u^b ganz besonders die Rege- s ang der französischen Schulden an Nord- i aweriko und England. Was den ersten Punkt i angeht, so hatte Caillaux einen leichten Stand, er sich selbst nicht ganz dem Sachverständi- Mgutachten angeschlossen und verschiedene Punkte sogar selbst bekämpft hatte. Es ist aber »u ermarfen, daß zwischen ihm und den Sach- I ??taönbigen inzwischen diese in Aussicht ge- i Me Einigung erfolgt ist, so daß in dieser Hin- Ms an ein gemeinsames Arbeiten beider j und ersprießliche Erfolge gedacht werden
Königsberg, 11. Juli. Aus Anlaß der sechsten Wiederkehr des Abstimmungstages hielt Oberpräsident Siehr eine Rede, in der er zunächst dem Anlaß entsprechend ausführlich des 11. Juli 1920, der Vorgeschichte der Abstimmung und ihrer Bedeutung gedachte. Er erinnerte daran, daß Ostpreußen die Abstimmung als einen unbilligen, jeden inneren Grundes entbehrenden Zwang unberechtigten Zweifel an seiner kerndeutschen Gesinnung empfunden habe. Er erinnerte weiter daran, daß das Ostpreußenvolk in jener Zeit der Sorge um das Schicksal der Heimat ein seltenes Beispiel der inneren Einigkeit und Geschlossenheit gegeben habe. Er erinnerte endlich an den 11. Juli selbst, an dem 92% Prozent aller Stimmen im westpreußischen Abstimmungsgebiet, 97% Prozent im Allensteiner Bezirk und rund 100 Prozent in den masurischen Kreisen für Deutschland abgegeben worden seien. Nach einer Zurückweisung gewisser Ausdeutungen seiner wiederholten Aeußerungen über den unbeugsamen Selbstbehauptungswillen Ostpreußens als Worte des Haffes gegen die polnische Nation oder gegen den polnischen Staat fuhr Oberpräsident Siehr fort: •
„W ir wünschen ehrlich, mit u n = je rm p olnisch en N ach bar n in Frie - den zu leben, und wenn die neue Staats- leitung Polens den gleichen ernstlichen Wunsch hat, mit dem deutschen Nachbarvolks in ersprießliche Beziehungen zu treten, so werden wir Ostpreußen dies nur freudig begrüßen. Dazu ist aber vor allem erforderlich, daß die polnische nationalistische Presse mit ihren bisherigen, auf Kampf eingestellten Methoden grundsätzlich bricht und daß man uns mit der Propagierung der Dmowski'schen Ideen von einer Einverleibung Ostpreußens in Polen endgültig verschont. Die Sprache der ostpreußischen Volksabstimmung zeigte klar und deutlich den Willen der ostpreußischen Bevölkerung. Wenn die jetzigen Leiter der Geschicke Polens staatsmännisch weitblickend daraus die Konsequenzen ziehen und allen Annexionsgelüsten auf ostpreußisches Land entschieden entgegentreten, so werden sie ihrem eigenen Lande und der Befriedung Europas einen großen Dienst erweisen."
Nach einer Zurückweisung der im Zusammenhand mit Roman Dmowskis Schrift: „Die polnische Politik und der Aufbau des polnischen Staats" aufgetauchten Gerüchte von einer Förderung des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland durch Preisgabe ostpreußischen Landes fuhr der Redner fort:
Ich betonte vorhin, daß wir Ostpreußen auch mit unserm polnischen Nachbarn in Frieden leben wollen. Dem widerspricht es nicht, wenn wir immer wieder von neuem auf die wirtschaftliche und politische Unmöglichkeit des sogenannten polnischen Korridors hingewiesen. Gerade wenn wir friedliche Arbeitsmöglichkeiten im Osten Europas schaffen und dadurch die wirt- chaftliche und finanzielle Sanierung der Ost- taaten erleichtern wollen, dann müssen die lauernden Reibungsflächen beseitigt werden, die aus der Zereißung Deutschlands in zwei Teile mit Naturnotwendigkeit folgen. Daß die Beseitigung der Reibungsflächen im wohlverstandenen Interesse Polens selber liegen würde, erkennt jeder etwas weiter blickende Auslände, der das Korridorproblem einmal aus der Nähe studiert hat, auf den ersten Blick. Ob Polen selber für diese Erkenntnis heute schon reif ist, bezweifle ich stark, da dort auch einsichtigere und staatsmännisch denkende
stischen Phrasen ihrer Presse schwer hindurch- schauen können. Ein Mann, der in Polen den Mut fände, seinem Volke diese unpopuläre Wahrheit zu sagen, könnte der Retter seiner Nation werden. Da wir aber einstwellen von der vernunftgemäßen Lösung der Korridorfrage noch weit entfernt sind, müssen wir in Ostpreußen nach wie vor die Augen offen hallten.
Reich und Staat haben, fo erklärte Oberpräsident Siehr weiter, die Notwendigkett erkannt, Ostpreußen, solange es vom Mutterlande räumlich abgetrennt ist, wirtschaftlich und kulturell zu heben und bewußt vor den andern Teilen des Reiches zu bevorzugen. So manchès ist auf diesem Gebiet auch bereits geschehen, das muß bei objektiver Würdigung durchaus dankbar anerkannt werden. Aber es genügt bei weitem nicht, wenn man daneben noch berücksichtigt, daß die Mißernte des Jahres 1924, die schwache Ernte des Jahres 1925 und die Auswinterungsschäden des letzten Winters im 3»= sammenhang mit dem Rückgang der Presse für landwirtschaftliche Produtte, mit der Frachtbelastung und der Kreditnot die ostpreußische Landwirsschaft und dadurch Handel und Ge- werbe der Provinz in eine ernste Notlage
dem ohnehin wirtschaftsschwachen südlichen Teile der Provinz besonders schwer auswirken, ist nur natürlich. Daß die Fürsorge des Staates dort in erster Linie einges ein berechtigter Wunsch der
st
Masurens und des Ermlandes. Falsch wäre es aber, wenn die Provinz ihre Wünsche, für die
jetzt neben dem durch den Finanzausgleich geschwächten preußischen Staat auch die stärkere Finanzkraft des Reiches in Anspruch genommen werden muß, zersplittern wollte und die einzelnen Teile der Provinz einander mißgönnen wollten, was etwa den andern zufällt. Die verschiedenen Wünsche können nur innerhalb der Provinz ausbalanziert und dann als geschlossene Forderung ganz Ostpreußens dem Staat und Reich vorgelegt werden. Ein Schreiben des preußischen Innenministeriums an den Landtag ist in der Oeffentlichkeit fälschlich so aufgefaßt worden, als wolle Preußen die Durchführung der Hilfsmaßnahmen für Ostpreußen auf die lange Bank schieben. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil Preußen die Hilfsmaßnahmen in einem Umfange für notwendig hält, der seine eigene Leistungsfähigkeit "z. St übersteigt, hat es vom Reiche Beteiligung an der Hilfsaktion gefordert. Das Reich wird sich dieser Forderung nicht entziehen können, da Ostpreußens Nöte zum großen Teile Folgen des Versailler Diktates sind. Trotz aller Finanznöte unserer Zeit müssen die berechtigten ostpreußischen Forderungen Beachtung verlangen, da, Ostpreußen kraftvoll zu erhalten, eine der wichtigsten stattspolitischen Aufgaben ist, die Reich und Preußen zu erfüllen haben, wenn sie sich nicht selber aufgeben wollen.
Wir Ostpreußen aber, so schloß der Redner, wollen uns geloben, unter uns feste Geschlossenheit und Einigkeit aufrecht zu erhalten. Wir wollen bei Austragung politischer und wirt- sHaftlicher Kämpfe" nie" vergessen, daß wir auf unserer Insel doch schließlich alle aufeinander angewiesen sind, wenn uns wieder einmal ernste nationale Gefahren bedrohen sollten, wie am Tage der Volksabstimmung. Dann soll und wird man uns einig finden unter dem Wahlspruch: „Dies Land bleibt deutsch!"
Bedeutend schwieriger war die Frage der ^gelung der Steuern in Frankreich, die be- anntlich schon seit Jahren ein Zankapfel zwi- Mn der Rechten und der Linken bildet. Die Mlalisten hatten auf diesem Gebiete ihren taiten Sachkenner, den Abgeordneten Leon L, m voraeschickt. der einen gewaltigen Er
wl"v ^ucyrenner, oen Avgeoroneren * tJu m vorgeschickt, der einen gewaltige! M «rang, da er ein ebenso guter R< m., ajN Fachmann auf dem finanzpolitischen ^bieie ist. Aber Caillaux merkte sofort, daß
seine Sache durch den gewaltigen Eindruck der Rede Blums gelitten hatte und erhob sich daher sofort lkm sie in ihren einzelnen Teilen zu zerpflücken. Und der Finanzdiktator hat ebenfalls als Finanzsachverständiger wie als Retoriker einen glänzenden und durchschlagenden Erfolg gehabt, er hatte einen besonders guten Tag und konnte daher glänzend beweisen, daß er doch der bessere Dialektiker ist.
sondern es müßten 300 Milliarden Schulden bezahlt werden. Es wäre daher ein Wahnsinn
ebner,
von der Natton, jetzt ein Opfer in solcher Höhe zu verlangen und auf diese Weise Frankreich feines Volksvermögens zu berauben. Ueberall und bei jeder Gelegenheit sei bisher die Vermögensabgabe noch gescheitert oder habe sich in eine Übersteuerung des Einkommens ver- manbelt. Außerdem müsse durch eine solche Maßnahme die Kapitalflucht noch verstärkt werden. Caillaux erklärte zum Schlüsse seiner „ ______ . __________ großartig angelegten Rede noch einmal aus-
den Bons verschwinden zu lassen, drücklich, daß die Regierung den Sturz des
Caillaux wies in seiner Erwiderung darauf hin, daß es sich gegenwärtig nicht, wie Blum anzunehmen scheine, darum handele, 50 bis 60 MiMari ~ -----
traft nur mit auswärtiger Hilfe an Krediten zur Goldbasis habe zvrückkehren können. Deshalb wäre es auch für Frankreich keine Schande, dasselbe zu tun.
Weitaus den größten Widerspruch' aber, fand anfänglich bei mehreren Parteien Vis' Forderung der Regierung, das Schuldenab- kommeu von Washington zu ratifizieren. Man fürchtete eben, daß durch einen solchen Schritt das Abkommen mit England beeinflußt wurde und daß England auf denselben harten Bedingungen bestehen würde, wie es Amerika getan hat, obwohl es kurz vorher Station große Erleichterungen gemäht hat. Caillaux hatte aber — Ä>enfalls ein sehr geschickter Schachzug — in der Zwischenzeit bereits Verhandlungen mit London angeknüpft und seines Anwesenheit in der britischen Hauptstadt un». mittelbar nach dem Schluß der Kammerde- batten, wenn auch nur für einige Stauben in Aussicht gestellt, um über die strittige Frage
habe, wenn er auch noch keine bestimmten Da-! ten und Zahlen nennen tonnte. Don großen« Einfluß auf das wettere Verhalten der Par»! feien waren die Ausführungen Caillaux' über! die Bezeichnung der Kriegsschulden. „D8r müssen", so sprach er mit erhobener Stimme,: „bie Kriegsschulden begleichen, damit wirs frei werden, damit Frankreich seinen vollen: Kredit in der Welt znrückgewinnt." Schließ-'
gen, „wenn wenn wir 1
ieme verzichten und iskussion wenigstens
einen eigenen Willen bekunden. Der Kampf wird hart fein, aber der Sieg ist gewiß, wenn das Parlament und das Bott einig sind."
Briand setzte es im Interesse der schnellen« Erledigung der schwierigen Angelegenstes
durch, daß die Kammer in eine Sauers eintrat, die bis 4 Uhr vormittags des 11. dauerte. Hin und her schwankte das Zur an der Wage, da einzelne der kleinen Pa sich nur schwer entscheiden konnten, ob f
geh die Regierung stimmen oder fn Stimme enthalten sollten. Erst in den ,__,__ Morgenstunden wurde über das von dem Radikalen angebrachte Vertrauensvotum aH»! gestimmt, das dann mit 269 gegen 247 Stimmen angnommen wurde, so daß die Regierung^ nur mit 22 Stimmen Mehrheit einen Meg er-,
der;
ohne weiteres dem Finanzausschuß zur erstem Beratung überwiesen wurde.
Somit siegt für Caillaux der Weg für ferne gewaltigen Arbeiten offen. Ist es auch kein glänzender Sieg gewesen, den er mit Briand so hat er doch den Erfolg, sich' durchgesetzt zu haben. Er kann und wird aller Wahrscheinlichkeit nach nun den Beweis bringen, daß er wirklich der so oft gerühmte „starke Mann in Finanzangelegenheiten" ist. Der Kurs
errungen Hai,
des Franken wird die Antwort auf die Entschließung der sran^ösischen Kammer sein.
Bernstorff ist schuld.
Die Engländer stützen einen Sündenbock für den völligen Mißerfolg der Abrüstungskonferenz und haben ihn nun ausgerechnet im Ver- treter des abgerüsteten Deutschland gefunden. Diese Leistung ist so intelligent, daß wir sie unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.
London, 9. Juli. Die „Times" bringt heute; einen Leitaufsatz mit der Uetzerschrift „Völkerbundsgeist", der sich zunächst mit Oesterreich, und anderen Staaten beschäftigt. Man merkst aber gleich, daß er lediglich wegen der Be->!
Blatt vom
Rimes'
es fertig, folgendes zu schreiben: „Bei ist ein ehrlicher Name in Deutschland- Mitglieder dieser Familie sind bekannt ihre Frömmigkeit und Unbescholtenheit. Abe gerade dieser" Graf Bernstorff hat sich eine Ruf von einer ganz anderen Art erworben. Es kommen dann die Beschuldigung der Spi nage und die miberechtigten Bewürfe, für deck Un terseebeootskkieg vemntlvortlich zu seins Die „Times" fährt dann fort: „Heute posiert dieser Graf Bernstorff als Advokat des Völker^