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201. Jahrgang.

SanauerS Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. / Fernsprecher Nr. 3956, 3957, 8958.

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Ar. 111

Freitag den 14. Mai

1926

Nach dem Sturz der Ireichsregierung.

Dev ÄerchsvvWdent beauftvagi Dv. Getzlev mit dev Neubildung des -Kabinetts.

wie das Kabinett ru Satt Lam.

Der Vorsitzende der demokratischen Reichs- tagsftaktion, Herr Koch hat fein Ziel erreicht. Die Parole, die er ausgegeben hatte, ist Wirk­lichkeit geworden. Das Feldgeschrei lautete zwar nur: Fort mit Luther!" doch das Ergebnis der Abstimmung war der Sturz der gesamten Re­gierung. Ueber die Reichstagsverhandlungen am Vorabend des Himmelfahrtstages und die Annahme des demokratischen Mißtrauensan­trages, die mit 176:146 Stimmen bei 103 Ent­haltungen der Deutschnationalen und Völkischen erfolgte, haben wir unsere Leser noch am Mitt­wochabend durch Sonderausgabe unterrichtet. Nach Fertigstellung des größten Teiles dieser Ausgabe lief bei unserer Redakiton folgendes Telegramm ein, das wir in den Rest der Auf­lage noch aufnehmen konnten, im übrigen durch Aushang bekannt gegeben haben:

Berlin, 12. Mai. wie das Rachrichten- büro des Vereins Deutscher Zeikungsverleger berichtet, hat das Reichskabinelt die Gesamt- demifsion beschlossen. Das Kabinett betrachtet der zur Annahme

gelangte, zwar nicht als ein Mißtrauensvotum im sinne der Verfassung, glaubt aber doch die Konsequenzen ziehen ju Dr. Luther hat sich zum geben, um diesen von dem Beschluß des Sabi netts Mitteilung zu machen. Der Reichspräsi­dent wird voraussichtlich das Kabinett bis zur endgültigen Reubildung mit der Weiterführung der Geschäfte betrauen.

Wenn man sich das Abstimmungsergebnis näher betrachtet: 176 gegen 146 Stimmen bei 103 Enthaltungen, so muß man sagen, daß der Erfolg des Herrn Koch keineswegs sehr glän­zend ist, denn da die Deutschnationalen aus­drücklich durch den Mund des Grafen Westarp ihr Einverständnis mit dem Flaggenerlaß der Regierung erklären ließen, so zählen die mehr als 100 Simmenthaltungen nicht für Herrn Koch, sondern ehrer für die Gegenseite. Hier erhebt sich die Frage, ob nicht der Reichskanzler durch eine andere Taktik den Mißerfolg des Tages hätte verhüten können. Am Schluß der parlamentarischen Aussprache agen eine Reihe von Anträgen vor, die dem Unbehagen der einzelnen Parteien in allen Avancen vom offiziellen Mißtrauensvotum vis zur mildesten Form des parlamentarischen Aufsels Ausdruck gaben. Wäre der Kanzler von Anfang an bei der geraden Linie geblie­ben, dann mußte er es erreichen, daß die Leutschnationalen, die ja gerade wegen der vlaggenverordnung ihm keinerlei Vorwürfe machen konnten, gegen alle solche Anträge Mfmten und dadurch die Bildung einer Mehrheit verhinderten. Nachdem aber Dr. Aucher am Dienstag noch eine Kurve zu den Lemokraten hin geschlagen hatte, die ihm frei- Uch nichts nützte, glaubten die Deutschnatio- nalen, sich an dem Schicksal der Regierung end- gultlg desinteressieren zu können und enthiel- ten sich deshalb bei allen Anträgen der summe. So war es möglich, daß zwar die Mißtrauensvoten abgelehnt wurden, daß aber billigungsantrag der D e- mokraten, der sich nur gegen den Kanzler richtete, mit Unterstützung der ommunisten und der Sozialdemokraten bei der Deutschnationalen und Eichen angenommen wurde. Rein "erfassuftgstechnisch lag darin mn Zwang zu einem Rücktritt.

kann zwischen Entziehung des Ver- und Mißbilligung sehr wohl unter- !cheiden. Das Reichskabinett hat sich aber doch t auf den Standpunkt gestellt, daß es Haarspalterei nicht verantworten chte, und ist deshalb zurückgetreten.

kAr Reichspräsident beauftragte daraufhin Kabinett mit der Fortführung der Ge- bis zur Neubildung der Regierung. Dr. vther teilte auf dieses an ihn und die Reichs- minister gerichtete Ersuchen dem Reichspräsi- n Mit, daß die Reichsminister zur Weiter- suyrung der Geschäfte bereit seien. Gleichzeitig nJ, im Hinblick auf die Tatsache, daß der ^lchluß des Reichstages, aufgrund dessen die

MMoHt in Warschau.

Pilsudski an der Spitze der meuternden Truppen.

Warschau, 12. Mai. Gestern abend kam es in mehreren Kaffeehäusern und Konditoreien der Stadt zu Kundgebungen für Mar- s ch a l l p i l s u d s k i, die zumeist von Offizie­ren und Pilsudski treu ergebenenSchützen" und von Studenten ihren Ausgang nahmen. Reben Hochrufen auf den Marschall wurden Pfuirufe auf die jetzige Regierung Witos und den Senatsmarschall laut, der sich bei den Pil- fudski-Anhängern durch feine letzte Rede be­sonders unbeliebt gemacht hat.

Heute früh wurde bekannt, daß eine große Anzahl Anhänger pilfudskis in der Armee sich in der Rähe von Warschau organisiert haben, um einen Staatsstreich durchzuführen, die Diktatur pilsudski auszurufen und Warschau zu besehen. Die Regie­rung hat in den Mittagsstunden einen Aufruf erlassen, in dem erklärt wird, daß die Regierung alle Maßnahmen getroffen habe, um Warschau gegen das meuternde Militär zu schützen. Die meuternden Truppen roetbet^ciufgefot^ed

.... ...... ,

Pilsudski besetz! Warschau.

Mittwoch nachmittag ist das 22. Infanterie­regiment und das 7. Alanenregiment mit Mar­schall pilsudski an der Spitze in der warschauer Vorslandt Praga eingerückt und hat diese be- fetzt. Die weichselbrücken zwischen Warschau und praga wurden sofort militärisch besetzt. Marschall pilsudski verhandelt gegenwärtig mit dem Staatspräsidenten Wojciechowski über den Rücktritt der Regierung und Uebernahme der Staatsgewalt.

Sejmmarschall Ralaj bisher ergebnislos sich um eine friedliche Beilegung der Staatskrise bemühte, pilsudski forderte in politischer Be­ziehung Garantien für eine Befreiung der bei­den wichtigsten Ressorts des Kriegs und des Aeußern von parteipolitischen Einflüssen.

DiePrager Presse" meldet weiter aus Warschau unmittelbar von den Grenzen: Die Regierung ist in das Belvedere übergesiedelt, wo die Präsidentenwache und alle regierungs­treuen Truppen konzentriert sind. In der Um­gegend des Belvedere haben neue Kämpfe be­gonnen. Die innere Stadt ist in der Hand pil­sudski, der seinen Stab im sächsischen Palais versammelt hat. Mehrere hohe Offiziere, die als Anhänger Pilfudskis verhaftet worden waren, sind freigelaffen worden. Die Regierung sucht die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, um Zeit für die Heranziehung von Verstärkungen zu gewinnen.

Malozewski hat den militärischen Schutz der Regierung dem neuernannten Kommandanten

nach

unterwegs sind.

Der Telephonverkehr ist im ganzen Lande un­terbrochen, um die Mobilisierung der An­hänger Pilfudskis zu verhindern.

Schwere Kämpfe.

Nach Blättermeldungen befindet sich die adt Warschau vollständig in den

Prag, 13. Mai. Die »Prager presse" meldet aus Warschau: Die durch den Einmarsch der Anhänger des Marschalls pilsudski in War­schau gestern abend geschaffene Lage ist bis zur Stunde unverändert. Als pilsudski gestern vor Warschau erschien, wurde ihm eine größere Truppenabteilung entgegengestellt, und es kam zu einem Waffenstillstand. Die Regie­rung suchte im Ramen des Präsidenten der Republik pilsudski zum Rückzüge zu bewegen, pilsudski antwortete mit der Aufforderung an die neue Regierung Witos, sofort zurückzutre­ten, damit unter Führung einer starken hand die Bildung eines überparteilichen Kabinetts von Fachmännern durchgeführk werde. Die Ver- Handlungen endeten ergebnislos, und Pilsudski erzwang feinen Einmarsch mit Waffengewalt, wobei die Regierungskruppen überwältigt oder zurückgedrängt wurden. Das Belvedere blieb jedoch im Besitze der Wache des Präsidenten. Die Zitadelle soll sich in der Hand des Kriegs­ministers befinden. Die Aktion Pilsudski war nach Besetzung einiger Ministerien und des Hauptbahnhofes vorläufig beendet, und es fetz­ten neue Verhandlungen ein. in deren Verlauf

idia in den Präsident der Republik und die Regierungsmitglieder haben sich ins Belverdere begeben, das von regie­rungstreuen Truppen verteidigt wird. Bei dem Vordringen der Pilfudski-Truppen soll es in der Stadt, besonders am Theaterplatz und auf dem Drei Kreuze-Plah zu schweren Kämp­fen gekommen sein. Rach einer Bläktermeldung aus Mährisch-Üsirau soll es dabei

18 Tote und etwa 80 Verwundete

u d s k i.

Die

Minis

gegeben haben. In Posen soll sich nach der gleichen Quelle der dortige Korpskommandant und ehemalige Minister für Heereswesen, Sosakowski, das Leben genommen haben. Der Kommandant von Lublin, General Romer, habe sich für Marschall pilsudski erklärt. In Lemberg habe die A r b e i t e r s ch a f t g r o tz e Straß endemonstrakionen für pil- fudski veranstaltet. Auch in Krakau demonstrierte eine von den Sozialdemokraten einberufene Versammlung für Pilsudski. Rach einer weiteren Meldung aus Mährifch-Ofirau sollen die sozialistischen Eisenbahner-Gewerk­schaften einen Aufruf zum Streik erlassen haben. Auch das Zentralkomitee der sozial­demokratischen Partei habe sich in einem Auf­ruf für die Bildung einer neuen Regierung ausgesprochen.

Gesamtdemission des Reichskabinetts erfolgt ist, sich ausdrücklich auf den Reichskanzler bezo­gen hat, ihn selbst alsbald endgültig vom Amte als Reichskanzler zu entbinden.

Was wird nun? Die Hoffnung auf die Große Koalition" wird man aufgegeben haben. Wer sich trotz allem noch mit derlei Hoffnungen

trug, wird sie nach dem zynischen Bekenntnis gestern morgen wohl

desVorwärts" von gestern morgen wohl einsargen müssen.Die Bereitschaft der Sozial­demokratie, über die Neubildung einer Regie­rung zu verhandeln, bedeutet natürlich noch lange nicht den Eintritt in die neu zu bildende

Regierung." Das heißt wohl: Die Sozial­demokratie wird sich nur an einem Kabinett beteiligen, in dem ihre Matadoren komman­dieren und die anderen sich zu kuschen haben. In der gestrigen Morgenpresse kam vielfach die Auffassung zum Ausdruck, man müsse dieselben Männer von neuem mit ihren Ressorts be- stallen und es gelte eigentlich nur, dem Kabinett eine neue Spitze zu geben. Inzwischen wird auch halbamtlich gemeldet, daß der Reichs­präsident den Reicbswebrminister Dr. Geßler

mit der Neubildung der Regierung beauftragt hat. Ob Herr Geßler diese Bürde auf sich neh­men wird, ist noch unbestimmt. Eine Mehrheit im Reichstag würde ein Kabinett Geßler aller­dings nur mit Hilfe der Deutschnationalen fin­den, da die Sozialdemokraten, wie auch der Vorwärts" betont, nicht geneigt sind, einem Kabinett Geßler das Vertrauen zu bekunden. Zu bedenken ist weiter, daß die bisher in der Koalition vereinigten Parteien durch den Zu­stand dieser letzten Woche so auseinandergetrie­ben sind, daß es fraglich erscheint, ob der Riß Tb leicht wieder wird zu leimen sein. Kurz und gut: Wir fürchten, daß die Lösung der Krise sich nicht so glatt abwickeln wird, wie es zu wünschen wäre und wie man sich das, da man an den Sturz des Kabinetts Luther ging, vor­gestellt haben mag.

Gelegentlich begegnet man wohl auch der Auffassung, daß man zunächst einmal ver­suchen sollte, mit dem zurückgetretenen Stabs net als Geschäftsministerium zu regieren. Das scheint uns angesichts der harten Nüsse, die die Zukunft zu knacken gibt man braucht nur

an das Plebiszit über die Fürstenabfindung zu denken kaum ausführbar.

Kiudenburg beauftragt Geßler mit der Neubildung.

Berlin, 13. Mai. Reichspräsident v. Hinden­burg empfing heute vormittag den mit der Stellvertretung des Reichskanzlers im derzei­tigen geschäfksführenden Kabinett beauftragten Reichswehrminister Dr. Geßler und richtete an ihn die Frage, ob er auf der bisherigen Grund­lage der Koalition der Mitkelpar - keien die Reubildung der Regie­rung übernehmen wolle. Dr. Geßler hat sich feine Entscheidung bis nach Fühlungnahme mit den in Frage kommenden Parteien für morgen mittag vorbehalten.

Kiudenburg an Luther.

Berlin, 13. Mai. Reichspräsident v. Hin- d e n b u r g hat an den scheidenden Reichskanz­ler Dr. Luther folgendes Handschreiben ge­richtet:

Ihrem Antrag um Entbindung von dem Amt als Reichskanzler habe ich in Würdigung Ihrer Beweggründe mit der anliegenden Ent­lassungsurkunde entsprochen. Mit lebhaftem 2e. dauern lasse ich Sie aus Ihrem Kanzleramt«

Reichsregierung angehört, zunächst als Reichs­minister für Ernährung und Landwirtschaft, dann als Reichsminister der Finanzen und zu­letzt als Reichskanzler.

In diesen verantwortungsvollen Stellen haben Sie in unermüdlicher, pflichtgetreuester Arbeit, unterstützt durch Ihre vielseitigen Kenntnisse und Erfahrungen, dem Vaterlande wertvollste Dienste geleistet. Mit der Schaffung der neuen Währung, mit außen- und wirt­schaftspolitischen Maßnahmen der jüngsten Zeit, die Deutschland in der Welt wieder zur Gel­tung bringen sollen, ist Ihr Name eng ver- knüpft und ich bin überzeugt, daß die Geschichte dereinst unter den Männern, denen Deutsch­lands Wiederaufbau zu danken ist, Sie, Herr Reichskanzler, mit an erster Stelle nennen wird.

Es ist mein aufrichtiges Herzensbedürfnis, Ihnen namens des Reiches wie für meine eigene Person für alles, was Sie während Ihrer Amtszeit als Reichsminister und als Reichskanzler für unser Vaterland getan haben, tiefempfundenen Dank auszusprechen. Ich verbinde damit den Wunsch, daß auch künftig Ihr erfahrener Rat und Ihre bewährte Kraft dem deutschen Volke noch von Nutzen sein mögen.

Mit den besten Wünschen für Ihr bestes Wohlergehen und herzlichen Grüßen Ihr sehr ergebener o. Hindenburg.

Presfeskkmmeu zum Rücktritt der Regierung.

Berlin, 13. Mai. In ihren Kommentaren zmn Rücktritt der Regierung Luther heben fast alle Blätter die Verdienste des Reichskanzlers um die Stabilisierung unserer Währung und seine Ver­dienste als Reichsfinanzminister hervor.' Die Germania", die die Frage, was werden soll, gar nicht erörtert und sich nur mit der Person Luthers beschäftigt, schreibt: Der Stampf der letzten neun Tage mußte jeden Zuschauer in der Ueber­zeugung bestärken, daß Luther, mit soviel Gaben er ausgestattet sei, die Kunst der Politik nicht verstehe. Er habe in der Politik und Diplomatie versagt. Er werde in der deutschen Geschichte fortleben als Fach­mann und als Kanzler.

DieDeutsche Tageszeitung" und die K r e u z z e it u n g" halten die Bildung der großen Koalition oder die Bildung der Weimarer Koalition von Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten für unmöglich. Die Große Koalition würde an der Solf spartet scheitern. Die Weimarer Koalition würde keine genügende Mehrheit haben. Die Deutsche Tageszeitung" hält es für wahrscheinlich, daß zunächst der Versuch mit einem Minder Heitskabinett der bürgerlichen Mitte gemacht werde. Auch dieDeutsche Allge­mein« Z t g." hält hie Große Koalition für uner-