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Selle 8

Samstag den 10. April

ren Gründen eine Neigung zum Lockerwerden der Zähne besteht, so ergibt sich ohne weiteres, daß man es als den wünschenswerten Ideal- zustand ansehen muß, daß die Zahnreihe mög­lichst geschlossen erhalten wird, bamit ßhr Charakter als einheitliches Organ gewährt bleiben kann.

Die Forderung, die Zähne gesund und intakt Fu halten, besteht wohl bei allen Menschen; leider aber hat die Natur der Erfüllung dieses Wunsches gewisse Schwierigkeiten entgegen, gesetzt. Bei sehr vielen Menschen werden mit der Zeit die Zähne kariös, d. h. mit anderen Worten, ihre äußere sehr harte Umhüllung, die im wesentlichen aus anorganischen Bestand­teilen zusammengesetzt ist, wird durch chemische und bakterielle Einflüße erweicht, und dadurch werden die darunterliegenden, hauptsäcbli aus organischen Teilen bestehenden Schichten angegriffen und zersetzt. Dadurch wird es den in großer Anzahl im Munde befindlichen Bak­terien möglich, sich in diesen erweichten und tranken Teilen des Mundes anzustedeln- Dort vermehren sie sich rasch und bringen in den Teil des Zahnes ein, der im allgemeinen als Nerv" bezeichnet wird. Dieses weiche Organ sesitzt zwar auch Nervenfasern, besteht in seiner Hauptmasse jedoch aus Bindegewebe und Blut­gefäßen. ÄlePulpa", wie die richtige Bezeich- nung für diesen Teil des Zahnes lautet, steht m direktem Zusammenhang mit dem übrigen Körper, da sie durch den Wurzelkanal hindurch mit den Blutgefäßen und Nerven des Kiefers verbunden ist.

Ist ein Zahn kariös geworden, so haben die Bakterien Gelegenheit, in die Pulpa einzu­dringen, dort Entzündungen hervorzurufen und im weiteren Verlaufe sie zu zersetzen. Die Pulpa zerfallt, und an ihrer Stelle befindet ßch eine jauchige, Delriechende Masse, von der aus eine schwere Infetttonsgefahr fSr den gan- MN Organismus droht. In der Regel bilden fâh nach solchen Entzündüngsvorgängen inner­halb der Pulpa sekundäre Eiterungen an der Wurzelspitze, die sich entweder geschlossen als Absceß dort ausbreiten, ober aber auch durch einen Fistelgang einen Ausgang nach dem Munde suchen. Häufig aber gehen von dort ^were infektiöse Prozesse des Kiefers aus, die dnstande sind, die Gesundheit, ja sogar das Le­hen des^davon Betroffenen zu gefährden. In einem Teile der Fälle wird der Mensch, in besten Zähne sich diese Vorgänge abspielen, durch SWnerzen darauf aufmerksam gemacht; häufig spielt sich jedoch dieser Vorgang auch ohne jeden Schmerzanfall ab.

Man ist sich heute völlig darüber klar, daß eine ganze Anzahl schwerer, allgemeiner Er­krankungen von solchen verborgenen Eiter­herden im Kiefer ihren Ausgang nehmen können, und dies ist ohne weiteres einleuchtend, wenn man bedenkt, daß die im Kiefer auf diese Weise aufgestapelten Bakteriennester durch das Blut in alle Teile des Törpers überführt wer­den können. I

Wie kann biefer (Béfdhr

Die Gefahr entsteht dadurch, daß die völlig neschlostene äußere Schutzdecks des Körpers durchbrochen wird, da in den Zähnen Defekte entstehen, die bei ihrer Vergrößerung ein Ein- faflstor für die im Munde befindlichen Bakte­rien bilden.

Es muß also versucht werden zu verhin­dern, daß diese Einfallstore entstehen können, d. h. mit anderen Worten eine sorgsame Zahn- Md Mundpflege, die in frühester Kindheit einsetzen muß, soll verhindern, daß die den Zichn- schmelz bedrohenden Schädlichkeiten sich im Munde anfammeln. Häufiger Gebrauch der Zahnbürste, täglich dreimalige gründliche Durchspülung des Mundes nach den Mahlzeiten mrd insbesondere eine gründliche Reinigung des Mundes und der Zähne mit der Zahnbürste vor dem Zubettegehen werden dazu beitragen, die Vorbedingungen für die Entwicklung schlech­ter Zähne zu verhindern.

Aber diese vorbeugenden Maßregeln allein werden nicht imstande sein, eine Karies mit Sicherheit von den Zähnen fernzuhalten. Deshalb muß eine regelmäßige gründliche und sorgfältige Untersuchung der Zähne Gewähr dafür leisten, daß jeder Defekt an den Zähnen sofort bei seinem Entstehen behandell wird. Die Behandlung besteht darin, daß die erweich­ten Teile des Zahnes gründlich entfernt wer­den, und daß der entstandene Hohlraum durch eine geeignete Millung zuverlässig und dicht «bgeichlosien wird. Je kleiner der Defekt ist, vm so rascher vollzieht sich die Behandlung, um so geringer sind die Unannehmlichkeiten für oen Patienten und umso größer ist der Schutz für den Zahn und bamit für den ganzen Or- Uanismus.

Es darf nicht abgewartet werden, bis durch Empfindlichkeit des Zahnes oder gar durch Schmerzen der Körper selbst daran mahnt, daß etwas nicht in Ordnung ist, sondern alle Viertel- ^rhre sollten von frühester Kindheit ab regel« wßige Untersuchungen Schutz davor gewähren, sich größere Defekte an den Zähnen bilden men.

Vielen Schmerzen wird auf diese Weise vor« gebeugt, viele Ausgaben werden gespart und manche schwere Erkrankung wird ferngehalten, die bei schlechtgepflegten und unbehandelten Zähnen bis zur Bedrohung des Lebens sich entwickeln kann.

Es ist eine wichtige Aufgabe unserer Gene­ration, dafür zu sorgen, daß der Jugend diese vorbeugende Behandlung der Zähne zuteil werden kann, damit sie vor den Schäden be- nahrt bleibt, denen die jetzt lebenden Menschen ausgesetzt waren.

Was sich einstellt, wenn die Zahnpflege nicht frühester Jugend einsetzt, ist sehr vielen Men­schen durch eigene trübe Erfahrung bekannt. SMs wri^chreitender Zerfall der kariösen Dayne macht langwierige Behandlung not» Wendig. Srfolat diele Debandluna nickt, io

sammt es zu völligem Zusammenbruch des Ge­bisses. Faulende Wurzeln stehen im Kiefer und bilden einen Herd für chemische Zersetzungs­prozesse, durch die wiederum die Entwicklung schäolici)er und gefährlicher Bakterienstämme begünstigt wird. Bilden schon diese örtlichen Vorgänge eine Gefahr für den Körper, so wird diese, wie oben ausgeführt, noch dadurch er­höht, daß von hier aus Krankheitskeime in lebenswichtige Organe verschleppt werden können.

Es kommt hinzu, daß die Kautätigkeit be­einträchtigt wird, und so wird Magen und Darm allmählich überlastet, und es kommt zu Störungen dieser Organe. Eine besonders häufig auftretend« Erkrankung des Gebisses ist das Lockerwerden der Zähne, das durch Bil­dung von Zahnstein stark begünstigt wird und zum völligen Verlust der Zähne führt, wenn nicht rechtzeitige Behandlung dem Uebel ent­gegentritt.

Aus alledem ergibt fid) die Forderung, daß es nicht genügt, die Zähne dann einmal in Ord­nung bringen zu lassen, wenn durch Empfind­lichkeit oder Schmerzen subjektive Beschwerden eintreten, sondern es ist notwendig, daß die Zähne regelmäßig behandelt werden. Alle kariösen Stellen müssen gefüllt werden; ist die Pulpa erkrankt, so muß sie sachgemäß behan­delt werden, um weiterem Fortschreiten der Erkrankung vorzubeugen. Befinden sich kranke Wurzeln im Munde so müssen dieselben ent­fernt werden.

Fehlende Zähne sollten durch Brücken- oder Plattenprothesen ersetzt werden. Zahnstein, der sich am Zahnfleischrand oder Unter dem Zahn­fleisch bildet, muß regelmäßig sachgemäß ent­fernt werden und Entzündungserscheinungen am Zahnfleisch müssen beim ersten Auftreten behandelt werden.

Eine richtig und regelmäßig durchgeführte Zahnpflege, wird dazu beitragen, das körper­liche Wohlbefinden zu steigern und gewährt Schutz gegen Erkrankungen, die von einem un­gepflegten Munde aus den Körper bedrohen können.

Das Sla-Igefun-Heitsamk.

Schäden rechtzeitig abzuwenden, statt sie nach ihrem Eintritt zu heilen, ist eine alte ärzt­liche Forderung, die der früheren Einrichtung des Hausarztes in der Familie ihren Sinn gab. Der Arzt, der auch in gesunden Zeiten bei der Familie aus- und einging, kannte die Wider­standsfähigkeit des Einzelnen genau, kannte das Erziehungssystem der Eltern, sah den Le­bensstil, erfuhr von den Sorgen und vermochte rechtzeitig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die heutigen Verhältnisse haben mit dieser Ein­richtung aufgeräumt; das Wirtschaftsleben hat das Wohl und Wehe des Einzelnen in engsten Zusammenhang mit der Allgemeinheit gebracht, und diese nimmt umgekehrt lebhaften, wirt­schaftlich begründeten Anteil an der Gesund­heit und Arbeitsfähigkeit des Einzelnen. Damit fallen der Allgemeinheit neue Aufgaben Ws auch u. a. die Bereitstellung der erwähnten hausärztlichen Fürsorge im Großen. Diese Ar­beit wird von den Gesundheitsämtern der Städte geleistet.

In mannigfaltigster Weise gliedert sich die Arbeit in unserem Stadtgesundheitsamt. Unter Leitung des Stadtarztes und Mitarbeit der Fa- milienfürforgerinnen steht im Mittelpunkt die Sorge um werdende Mütter und Säuglinge. In den allwöchentlichen Beratungsstunden er­halten die Mütter Rat über zweckmäßigste Pflege ihrer Kinder und verfolgen am Gewicht anschaulich deren Entwicklung. Stillscheine nach StiÜprvbe führen zur Milchgewährung, zur Unterstützung des so wichtigen Stillgeschästes. Bei unehelichen Kindern, taucht die Frage der richtigen Unterbringung auf. Unter Umständen Unterbringung des Kirches in der Kinderkrippe zur Entlastung der wieder arbeitenden Mutter, oder im Säuglingsheim St. Elisabethenhaus bei ungünstigen häuslichen Verhältnissen. Von besonderer Wichtigkeit ist die frühzeitige Fest­stellung der stark verbreiteten Englischen Krank­heit. Mit Lebertran, Salzbädern, und vor allem künstlicher Höhensonne kann den Unbemittelten geholfen werden. Manches Krüppeltum wird so vermieden.

Die 16jährigen Kinder werden in der Kleinkinderberatung untersucht. Hier handelt es sich hauptsächlich darum, die Kinder bis zum Eintritt der Schulpflicht auch schulfähig zu machen. Auch in diesen Jahren verlangen Rachitis und Scrophulose besondere Beachtung.

Die Schulfürsorge spielt sich vornehmlich in der Schule ab. In jeher Woche hält der Stadt­arzt in jeder Schule Sprechstunden ab, um im Verein mit Lehrern und Eltern in Gesund- Heits- und Erziehungsfragen beratend zur Ver­fügung zu stehen. Die Einrichtung der Schul­speisung erlaubt es, den Bedürftigsten etwas zu helfen. Die gesundheitlich Schwächsten werden ausgesucht für Orb, andere kommen auf das Land in die Rhön. Den neuesten Zweig unserer Schulfürsorge bildet die Zahnpflege, die erst­malig im letzten Jahr an den Schulneulingen mit sehr gutem Erfolg ausgeübt wurde. Reihen­untersuchungen der Schulneulinge, Ueber« wachung gesundheitlich gefährdeter Schüler, Ueberprüfung häuslicher Verhältnisse, Nnge- ziefervertilgung, Berufsberatung wechseln in bunter Reihe. Zusymmenfassend handelt es sich hierbei um Erzielung von Berufsfähigkeit des Schulkindes nach seiner Entlassung.

Weitere Aufgaben des Gesundheitsamtes bilden die Krüppelsürjorge und Lungenbera­tung. Heilverfahren und Kuren werden hier ver­mittelt neben Anträgen auf Nahrungsmittel zulagen. Das Augenmerk richtet sich weiter auf die häuslichen Verhältnisse Lungenkranker, hie Uebertragungsgefayr auf Angehörige und Wohnungshygienc. Leider gibt hierbei die Wohnungsnot die schwersten Probleme zu lösen.

Die Geschlechtskrankenfürforge will Kranke über die Ansteckungsgefahr austlären und möa-

lichst schnell zur Behandlung führen; bei Un­bemittelten tritt die Geschäftsstelle für öffent­liche Gesundheitspflege ein.

In der Gefährdetenfürsorge wird in enger Verbindung mit privaten Fürsorgevereinen stille Arbeit geleistet, um unglücklichen Men­schenkindern Rat und Hilfe zur Rückkehr zur geordneten Lebensführung zu leihen.

Neben diesen beratenden Aufgaben gegen­über Hilfesuchenden läuft die beratende Arbeit für andere Abteilungen der Stadtverwaltung auf allen hygienischen Gebieten und die ver­trauensärztliche Tätigkeit für Wohlfahrtsamt, Kriegsfürsorge, Jugendamt und Arbeitsamt.

Daß außerdem hier in Hanau noch die armenärztliche Tätigkeit mit der allgemein stadtärztlichen verbunden ist, soll nur noch kurz erwähnt werden.

Wie die Aufzählung der vorstehenden Ge­biete zeigt, ist die Möglichkeit zu helfen über­aus groß, aber leider nicht immer durchführ, bar. Auch über dem Stadtgesundheitsamt liegen die harten, unzersprengbaren Fesseln eines Etats. Mit wenigem möglichst viel zu helfen und das am richtigen Ort, ist die oft recht schwer zu lösende Aufgabe. Die lebendige Mitarbeit aber im Rahmen einer Verwaltung, das stän­dige Miterleben der Sorgen der Hilfsbedürfti­gen, der Einblick in die Größe der Not sind das wertvollste Rüstzeug des Hausarztes der Stadt.

Dr. Fritz Lade, Stqdtarzt.

Heimstätte Heilstätte«

Der zweite Hof ist drückend schmal Müllkästen, Scherben, Wäscheleinen. Zum Hohne liegt ein Sonnenstrahl Hell auf den glitschig-grauen Steinen. Ein Kind schreit: Mutter, die Sonne scheint! Mein armes Volk! Kast hätt' ich geweint.

(Diete.)

Die Reichserziehungswoche soll das deutsche Volk auf Schäden am deutschen Volkskörper aufmerksam machen, aus die der Einzelne, besonders in unserer schnell- und leichtlebigen Zeit so wenig achtet. Die Tatsache, daß im Reich eine derartige Aufklärungswoche statt­findet, beweist, daß die perantwortlichen Stellen diese Schäden erkannt haben und bei dem Kampfe gegen sie Verständnis hierfür und Unterstützung von allen Kreisen erwarten.

Eine derartige Aufklärung wäre unvoll­ständig, wenn nur die Krankhests - Erschei­nungen an unserem Volkskörper, nicht aber die Krankheits -Erreger gezeigt würden- Diejenigen, die für ein soziales Boden-, Wohn- und Steuerrecht kämpfen, behaupten, daß viele unserer Volksschäden auf die deutsche Mafsenmietkasernen-Wohnung und diese auf falsches Bodenrecht zurückzuführen seien. Um auch hier über diese Fragen Aufklärung zu ver­breiten, läßt die hiesige Arbeitsgemeinschaft für ein soziales Boden-, Wohn- und Steuerrecht durch einen Fachmann, den Frankfurter Stadt­baurat M a y, einen belehrenden Vortrag über dieses Problem halten und weist durch eine be- wähl von Darstellungen 'in der Ausstellung auf dieses Gebiet hin.

Statistische Angaben in der Ausstellung zeigen uns, wie sehr Alkoholismus, Tuberku­lose, Kindersterblichkeit usw. am deutschen Volks körper zehren. Weshalb traten bereits vor dem Kriege viele dieser Volkskrankheiten in Deutschland stärke? auf als in andern Ländern, z. B. Belgien, Frankreich, England? Ist das deutsche Volk etwa minderwertiger als all diese Völker? Forschen wir weiter, so müssen wir eins feststellen: Die Masse des deutschen Volkes vegetiert in Massenmiethäusern und wir er- ahren an unserem Volke, wie wahr es ist, was man in einer altgriechischen Sage vom Riesen Antäus erzählte. Nur durch Berühren mit der Mutter Erde behielt er seine Kraft. Und wie

wenige Deutsche haben noch Berührung der Mutter Erde, mit dem Boden des $i

mit ater-

landes, der mit dem Blute von Millionen Deut­scher belastet ist! Im Jahre 1800 hatten wir 60 Prozent Hausbesitzer, 30 Prozent Mieter und 10 Prozent Freiwohnungen. Im Jahre 1910 war das Bild: 9 Prozent Hausbesitzer, 88 Prozent Mieter und 3 Prozent Freiwoh­nungen.

Diese ungesunde Entwicklung hat unsere Industrie verursacht" Ein Blick auf das in­dustrielle Ausland zeigt uns, wie falsch eine derartige Antwort ist: In Amsterdam mit 550 000 Einwohnern wohnten vor dem Kriege im Durchschnitt in einem Hause 13,4 Personen, in Basel mit 132 000 Einwohnern 12,9, in Brüssel betrug die durchschnittliche Behausungs­ziffer 9, in Antwerpen 7, in Genf 5, in New- york (mit seinen Geschäftshaus- Wolken­kratzern, die man in Deutschland gern als Muster fürMammut - Mietkasernen ver­wenden würde) 20,2, in Baltimore 6, in Chi­cago 7, in Manchester 5, in Birmingham 4,8, in Leeds 4,4, in der größten Stadt der Welt, in (Klein)-London 7,9 (in Groß-London sogar nur 4,9). Dagegen in Breslau 52, in Charlotten­burg 60 und in unserer Reichshauptstadt mit soviel künstlichem Licht und Glanz wohnten im Durchschnitt 72 Menschen in einem Hause.

Nicht unsere Industrie ist die Ursache dieser Entwicklung zur Massen-Mietkaserne, sondern unser Boden-, Hypothekar- und Steuerrecht so­wie eine Bauordnung, die jeden Bodenbesitzer zur Spekulation verführen mußte. Wenn wir auch das Volk der Denker sind, so denken wir doch nicht darüber nach, wie unsinnig es ist daß wir einzelnen Personen die Grundrente' die die Allgemeinheit erzeugt, ohne Murren zukommen lassen. Wohl ist auch in England nicht die Allgemeinheit im Besitze der Grund­rente, denn der größte Teil des englischen Bo­den gehört den Lords, aber diese sind als An­gehörige desKrämervolkes" doch volkswirt- ichaftlich so gebildet und als nat onal gesinnte Engländer so vernünftig, daß sie die Grund­rente nicht bis ins Unendliche klettern lassen

Und wie waren nun in Deutschland vor dem Kriege diese Mietkasernenwohnungen belegt?

______________________ Ar. 83

Vor dem Kriege bezeichne^^^-^?-^ !: Jahrbuch der deutschen Städte" !

als übervölkert, die entweder kein * oder ein heizbares Rimmer hatten :

«n sechs und mehr Personen oder solche Wohnungen, die Amei'h^" Zimmer aufweisen und dauernd von 11^' mehr Menschen bewohnt waren. Leimi-, 3987, Königsberg 4630, Jamburg 56629^l,! lau 6876, Chemnitz 7457 und Berlin L derartige Wohnungen. Doch wer kannt/! i 1914 dieses Wohnungselend? c "°> i

Diejenigen, die davon wußten, und die u Zusammenhang zwischen Bolkskrankheit S Wohnungsnot feftftelltcn - und -n> i Wissenden gehörten viele unserer führS Aerzte, wiesen immer und immer diesedeutsche Krankheit" hin. So sprach2' fessor F. Siegert, der Direktor der jMil^' Kinderklinik in Köln, im Jahre 1911 auf Bundestage der Bodenreformer über lingsfürsorge und Wohnungsfrage" und b ' tonte, daß alle anderen Ursachen bezüglich d, Säuglingssterblichkeit gegenüber dem M nungselend zurücktreten.

Der Münchener Hygieniker Prof, von (8 ber zeigte in seinem VortrageTuberkM und Wohnung" auf dem Darmstädter Bundes­tage der Bodenreformer, wieviel unsere weise zur Verbreitung der Tuberkulose bei­trage. Er zeigt weiter, wie wenig Kranke in unseren Heilstädten geheilt werden ten und fordert deshalb gesunde Heimst - ten mit Garten als Vorbeugungsmitlü gegen Tuberkulose.

Und wie urteilt Professor Abderhalden, Halle, der sich als Schweizer während und nach dem Kriege um Unterbringung deutscher Kin­der in der Schweiz so große Verdienste ermi- ben hat. Er schreibt:Immer wieder W man in letzter Linie auf die Wohnungsfrage, Sie beherrscht das ganze Bild, Es gibt nichls Grausameres als die Verelendung des Wah- nungswefens- Die Schaffung der Mietkasernen, hervorgerufen durch die Bodenspekulation, Hai im Laufe der Jahre unendlich viele Opfer gt fordert. Wie gefährlich breitet sich die Tuber­kulose, diese Wohnungskrankheit aus! Es ist in Friedenszeiten so unendlich am -deutschen Mi gesündigt worden."

Eigentlich sollte es gar nicht nötig fein, der­artige Ausführungen namhafter Mediziner a». führen zu müssen, um eine Selbstverständlich­keit, nämlich die Schädlichkeit der Mielkafem und die Vorteile der Heimstätte zu beweisen, zumal ja Artikel 155 unserer Verfassung lagt: Die Verteilung und Nutzung des Boim wird von Staatswegen in einer We.se über­wacht, die Mißbrauch verhütet und Bent Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine ge« fünde Wohnung und allen beut- schenFamilien, besondersdenkin- derrei chen, eine ihren Bedürft Nissen entsprechende Wohn- eher Wir bs chaftsheimstätte zu sichern.

Doch nicht allein vom Standpunkt des Arz­tes wollen wir die Lösung der Wohnungsfrage betrachten. Denn es handelt sich nicht nur um die physische, sondern auch um die sittliche «e- sundung des deutschen Volkes. Bei nieten Straftaten, insbesondere von Jugendlichen, wird man immer als letzte Ursache die Enb artung auf schlechte Wohnverhältnisse zururl- führen können. Welche schwere Anklage gegen uns alle liegt allein in der Tatsache, daß » Preußen von 1901 bis 1911 71 548 Minder­jährige der Fürsorgeerziehung überwiesen wur­den und daß von den 9582 überwiesenen Ma­chen im Alter von 1418 Jharen bereits der Unzucht ergeben waren. . .

Und so sagte in richtiger .Erkenntnis Zusammenhanges zwischen Wohnung und zer­brechen der Strafrechtslehrer an der Berlm Universität, Prof, von Liszt, 1899 (!) in stiml Antrittsrede:Eine anständige Wdi' nungsreform ist wertvoller an ein Dutzend neuer Strafparagc° p h en." Und der Pädagoge Pros. Rein, Lem, erklärte in seinemGrundriß der Ethik : Wohnungsfrage ist im eminenten Smnè oj Wortes eine sittliche Frage; für die arbeiten" Schichten steht sie geradezu im Mittelpunkt ° Lebeneinteresses."

Aber auch in Regierungskreisen erkann : man den Zusamenhang zwischen Wohnung u : Volksgesundheit sowie Bolkskraft, denn ' mehr als 20 Jahren führte das Säcmrjche nisterium folgendes aus:In dem v Cie Wohnungsverhältnisse ungenügend I ' ' wird die allgemeine körperliche Leistungs : Widerstandsfähigkeit geschwächt, der Auso ober die Verbreitung gewisser schwerer Kr heiten gefördert, Sittlichkeit und ZufkledeM untergraben, die geistige AusbildungI L

- bunden, damit aber auch das unrtschal 1 Fortkommen des Einzelnen und die allgem ' Volkswohlfahrt gefährdet." , ndt

'Wir find zu arm, um derartig 9«^

Wohnungen errichten zu können . Solange - Volk Milliarden für Alkohol und sonst'S/.^,,- nußmittel ausgeben kann (deren Mastcnr ' fum uns derEntente" immer mehr >rw i pflichtig macht), solange dürsten wir auch ; zum Bauen gesunder Wohnungen haben- ö mal wir für den Wohnungsbau nubts

' tieren müssen, weil wir tu Deutschlano zum Bauen notwendigen Stoffe haben . s

, herstellen können. Aber auch für ein r , , Volk bedeutet es beste Anlage des Vo s i mögens, wenn es für gesunde Wohnung i Massen sorgt. Denn gerade ein armes % das wieder durch Arbeit emporfteigei a611 wird bald erkennen, daß zu einer E-

Produktion nur ein an Leib und See siindes Volk fähig ist. m

- Es ist Zeit, daß durch die Reichsgc! ^ Heitswocye das deutsche Volk wachgeru c' ^ . aufgerüttelt wird rind daß es erkennl, ^h- I Volksgesundheit mit der Boden- und ^ nunasfraae verbunden ist