SekkeS
Donnerstag den 18. März
Nr. 65
Ferdinand FveMsvatb.
Zur 50. Wiederkehr seines Todestages am 18. März. Von Dr. Christ. Rodegg.
Das Schicksal des politischen Dichters, von Ser Parteien Gunst vergöttert und von der Parteien Haß gelästert zu werden, ist Freiligrath am allerwenigsten erspart geblieben. Die Verehrer seiner Gedichte aus seiner ersten Zeit, der Periode des „Löwenritts , konnten es dem Dichter nicht verzeihen, daß er plötzlich feiner ersten romantischen Liebe untreu geworden war, daß sich der spielerische Virtuose der exotischen Genrebilder sozusagen über Nacht zum leidenschaftlichen Pathos der Revoluttonsdich- tung bekehrt und der buntschillernden Reimerei phantastischer Traumbilder entsagt hatte, um Vb in der Strudel der Zeit zu stürzen. „Ein ♦arftig Lied, pfui, ein politisch Lied!" Das Wort hat Freiligrath freilich oft zu hören be- kommen. Ja, man verstieg sich sogar zu der Anschuldigung, daß nur die Eifersucht auf die Erfolge Herweghs den Sänger des Orients, der Wüstè und der Meere in die Stellung des Parteidichters und von der Romantik zur tagespoefie geführt habe. Man braucht heute den einflußreichsten und urwüchsigsten unter den Dichtern des freiheitlichen Gedan- lens, der in seinem steifnackigen Bekennermut immer vergaß, daß es ein Publikum gibt, gegen diese sinnlose Anschuldigung blindwütiger Parteigegner wahrlich nicht mehr zu verteidigen. Wir, die wir zum Gesamtwert des Dichters genügend Abstand gewonnen haben, wissen heute, daß gerade die politischen und tzzialen Dichtungen aus der zweiten Periode Freiligraths das Kernstück seiner ganzen Lyrik bildem Hier erst klingt die persönliche Note seiner poetischen Berufung voll und rein an, hier steht er, der bisher fremden Einflüssen nur zu willig nachgegeben hatte, wieder auf dem Boden seiner deutschen Heimat, und hier hat schließlich auch die Sprache, die in seinen exotischen Genrebildern unter dem überladenen Flitterputz französischen Ursprungs die feinen Mitteltöne eingebüßt hatte, Kraft und Natürlichkeit wiedergewonnen, ohne an bildhafter Wirkung zu verlieren. Diese äußere Erscheinungsform war ja nur der zwangsläufige Ausdruck einer durch die natürliche Anlage bedingten inneren Entwicklung. Das bezeugt der Dichter selbst mit den Worten: „Meine erste Phase, die Wüsten- und Löwenpoesie, war im Grunde auch revolutionär, es war die oller- entschiedenste Opposition gegen die zahme Dich- ^ing wie gegen die zahme Sozietät." Die Sehnsucht nach Poesie, die die Gedichte dieser ersten Phase kennzeichnet, drängte unwiderstehlich nach Erfüllung, und dieser Drang zur poetischen Selbständigkeit führte den von tiefstem Heimatgefühl beseelten Freiligrath unter dem Druck der Zeitforderungen zur politischen
Dichtung, die Charakter und
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von der abstrakten Dichtung, die Hebbel zu der Frage veranlaßte: „Kann denn der Dichter die Harfe rühren, wenn er airbetend vor ihr auf den Knien liegt?", zur Tagespoefie. Der zum Ernst des Lebens gereifte Poet hatte damit den Weg zum Herzen feines Volkes y« funden. „Ans Herz der Heimat wirft sich vor Poet, ein anderer und doch derselbe."
Ferdinand Freiligrath hat fast sein ganzes Leben lang ununterbrochen in der „Galeerentretmühle"' des kaufmännischen Büros arbeiten müssen, um sich und die Seinen zu ernähren, ein Frondienst, der den Dichter zur Rolle des „verzauberten Prinzen beim Erbsenlesen" verurteilte. Am 17. Juni 1810 in Detmold geboren, mußte er, durch die Verhältnisse ge
Unser Bild zeigt das Geburtshaus Ferdinand Freiligraths in Detmold und sein Porträt.
zwungen, das Gymnasium verlassen und gegen seine Neigung in einem Geschäft zu Soest die Handlung erlernen. Nach vollendeter Lehrzeit trat er in ein Wechselgeschäft zu Amsterdam als Kommis ein, wo seine dichterische Einbildungskraft durch die mannigfachen Anregungen des überseeischen Verkehrs reiche Nahrung erhielt. Vor allem wurde das Meer dem jungen schwärmenden Poeten der Inbegriff alles Großen, Geheimnisvollen, Welt und Völker Bindenden in der Natur. Und über das Meer schweifte dann sein Blick hinüber zum Orient, zum sonnendurchglühten Afrika, mit seinen Wüsten und Palmen, seinen Schecks und Negern, seinen Löwen und Panthern. Der „Mohrenfürst", „Löwenritt", „Amphitrite", „Die Auswanderer", „Das Gesicht des Reisenden" sind die Etappen dieser exotischen Exkursionen des in der glühenden Farbenpracht malerischer Romantik schwelgenden Dichters. Di« 1838 erschienenen „Gedichte", die aus Emp-
Freiligrath folgte hier dem Weg, den Vietor Hugo in seinen „Orientales" gewiesen hatte, und führte auch den Alexandriner in die Jambendichtung wieder ein. Die glückliche Nachahmung der Dichtung des Franzosen, die dem Zeitgeschmack so geschickt Rechnung trug, und die insbesondere dem kosmopolitischen Zug d'er Deutschen entgegenkam, machte Freiligraths Namen über Nacht berühmt und bewirkte, daß König Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker auf dem Thron, dem Romantiker der deutschen Dichtung ein Jahresgehalt aussetzte, das Freiligrath gestattete, die kaufmännische Tätigkeit aufzugeben und sich der freien Schriftstellerei zu widmen. In Darmstadt schloß er den Ehebund mit Ida Melos, die im Goethischen Kreis
groß geworden und eine Spielgefährtin von Goethes Enkelin gewesen war. Das Jahr 1844 bezeichnet den Wendepunkt im Dichterleben Freiligrachs. Immer häufiger war in den früheren Gedichten schon die Mahnung laut geworden, über Wüste und Ozean nicht die Heimat zu vergessen. Es bedurfte nur eines Anstoßes, um den „ausgewanderten Poeten" zur RülNehr ins Vaterland zu bestimmen. Diesen Anstoß gab eine literarische Fehde, in die sich Freiligrath mit Herwegh verwickelt sah. Dieser hatte auf eine Gedicht Freiligraths, das in den oft zitierten Satz ausklang: „Der Dichter steht auf einer höheren Warte, als auf den Zinnen der Partei", mit einer feurigen Apotheose der „Partei" geantwortet. Herweghs witzige, auf Geibel und Freiligrath gemünzte Parodie „Duett der Pensionierten", in der er den Streit fortsetzte, hatte zunächst den Erfolg, daß Freiligrach auf das königliche Jahresgehalt verzichtete. Die nächste Folge dieses politischen und. ästhetischen Geplänkels war
den er in seinem poetischen, im Jahre 1844^ schienenen „Glaubensbekenntnis" vollzog, sein Eintritt in die Kampffront der Revi, lutionsdichter. Damit beginnt für ihn die neu« Periode, die alle Instinkte des Heldentums L Leidenschaftlichkeit und Kraft feiner Poëj^ natur erweckte. Um sich und den Seinen bk Existenzmittel zu schaffen, war er aufs neu, gezwungen, in der Schweiz und in Londo, als „Tagelöhner und Poet" die kaufmännisch Tätigkeit wieder aufzunehmen. Die Mäâ. wegung des Jahres 1848 führte ihn voriZ^ gehend nach Köln, wo er mit Karl Marx „Neue Rheinische Zeitung" redigierte.
gegen ihn wegen des Gedichts „Die Toten», die Lebenden erhobene Anklage führte yo« zur Freisprechung des Dichters, gleichwohl u er sich nach dem Sieg der Reaktion in feinet persönlichen Sicherheit bedroht und sieben deshalb, von Steckbriefen verfolgt, wieder ach London über, wo er die Leitung der englisch, Niederlassung eines Schweizer Bankhaus« übernahm. Die im Jahre 1867 erfolgte Zahlungseinstellung der Schweizer Bankfirma m. raubte ihn seiner Stellung und Freiligrath sah sich wieder dem Nichts gegenüber. I« kW bitteren Not erließ Emil Rittershaus einet Aufruf zur Begründung eines Nationaldach für den mittellosen Dichter. Don allen Seife flossen die Gaben so reichlich, daß FveiliWh 60 000 Taler übergeben werden konnten, bk ihm einen sorgenfreien Lebensabend sicher Nach Deutschland zurückgekchrt, ließ er sich erst in Stuttgart und später in Cannstatt * her. In dieser letzten Zeit hat sich der Dicht« in der Hauptsache nur noch als Uebersetzer betätigt, als ein Uebersetzer freilich, der name* lich in der Verdeutschung von Burns, Lang. fellow und Scott eine kongeniale kunstdichte- rische Einfühlung zeigt, die unübertroffen «d kaum wieder erreicht worden ist. Freudig »t helltönend stimmte auch Freiligrach 1870 di den Jubel des deutschen Volkes ein, und ft» dig begrüßte die Nation sein „Hurra, ©et- mania und „Die Trompete von Gravelotte' Er hatte das heißerfehnte Ziel erreicht, gelich zu sein von seinem Volke, als er am 18. MH 1876 die Augen schloß. Unter den Klänga' seines „O, lieb, so lang du lieben kannst' wurde die sterbliche Hülle des Dichters auf bei Höhe des Uff-Friedhofes in Cannstatt zur einigen Ruhe gebettet.
Eine Ehrung Ferdinand Freiligrachs durch die Reichsregierung.
Berlin, 17. März. Die Reichsreaierung W am 18. März, dem 50. Todestage des Dichte« Ferdinand Freiligrath, an seinem Grabe h Canstatt einen Kranz mit Schleifen in bei Reichsfarben niederlegen.
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Am 20. März, nachmittag» 2V. Uhr, findet in der Wirtschaft „zum goldenen Löwen- Vorstadt 1 in Hanau, eine 2322b gemeinsame Sitzung des landw. Kreisverein» und des Kreis- bauernvereins statt.
Tagesordnung:
1. Geschäftliche Mitteilungen _ _ .
2. Vortrag des Herrn Dr. Hestling über die Lage der Landwirtschaft
3. Auszeichnung langjähriger Hausan gestellter auf Baiersröderhof
4. Sonstiges ___________________ Die Vorstände^
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