Einzelbild herunterladen
 

hanaue

General-Anzeiger

201. Jahrgang.

für Sie Streife Stanau StaM und Land.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertag«. / Fernsprech-Sammelnummer 3966.

x,,«g»pr»t»: Für bett halb«, Monat L Strichrmark, für den ganze« Monat 2. Retchrmart ohn« Träger lohn- Stn-elrmmm« 10, Freitag 16, Samstag 12 Reichspfenntg. Anzeigenpreise: Für 1 mm Höhe im AnzeigenteU von 28 mm Brette 8 Reich-pfennig, im Reklametetl von 68 mm Breite K K«tch»pf«mtg, Offertengedühr: kB Reich-pfennig. GeschSstsstelle: Fammerstrahe S.

Erfüllung,ort imb Gerichtsstand für 6etbe Teile ist Hanau. Bei unverschuldetem Ausfall der Lieferung infolge höherer Gemalt, Streik usw. Hat der Bezieh« lebten Anspruch auf Btefereng od« Nachlieferung od« auf Rückzahlung bei Bezugspreise». Für Platzvorschrift und Erscheinnug-tage d« Anzeige wird keine Gewähr geleistet-

Ar. 65 Donnerstag den 18. März 1926

Das Massa von Genf.

Deutschlands Älufuahmesesuch veviast VW Geviembev. - Änevsennnns der Sattnns Deutschlands in schönen Steden. - Was nun?

Ute außerordentliche Tagung des Völker- tzndes hat gestern mit der denkbar schwersten Bestellung des Völkerbundes und mit einem MjpieHofen Fiasko für den Völkerbund ge- mbet. Kaleidoskopartig zogen während der egten zehn Tage die Bilder in Genf vor unse- tem geistigen Auge vorüber und jeher Tag, Beilen fast jede Stunde brachte eine neue erroschung. Daß diese Ueberraschung nicht toa erfreulicher Natur waren, ist eine Binsen- oahrheit, die sich heute mit grimmem Humor besonders die eigentlichen Macher in Genf, die taten Briand und Chamberlain, Benesch und ; vlrzynski, Franko und dis andern selbst vor- ' halten können. Einen solchen Abschluß und ein j solches Trümmerfeld hätte niemand erwartet, I als vor fast vierzehn Tagen unsere Delegation hie Fahrt nach Genf antrat.

; Die außerordentliche Völkerbundsversamm- lmg war einberufen worden, um Deutschland in den Bund aufzu- uhmen und gemeinsam mit dem Rat den s uns versprochenen Ratssitz zu schaffen. Es kam ! «der nur bis zu einem Vorentlcheid eines Ver- smmlungsausschusfes, der unsre Aufnahme in den Bund beantragte, es kam nicht einmal zu einer offiziellen Sitzung des Rats, die einen MWMWen die Schaffmlg des Mk< vßnymte. Es kam nicht zu einer Abstimmung ier Verfamlung über un.re Aufnahme weder in die Versammlung noch in den Rat. Nach > e r ersten Etappe der Behandlung im Ausschuß geriet alles ins Stocken, weil Iroti aller deutschen Nachgiebigkeit der von maßgebenden Mächten in die Aussprache ge- »arfene Plan der Erweiterung des Rats sieg­reich blieb, siegreich blieb insofern, als Brasi­lien, dem man Hoffnungen auf einen ständigen mtssitz gemacht hatte, sich den neuen Verein­barungen unter den andern Beteiligten nicht fügte und das Veto gegen unsern Eintritt in den Völkerbundrat einlegte. Dieses Veto brachte alles zum Stillstand. Die Aufnahme wurde unmöglich, und um wenigstens Lo- rarno zu retten, das entgegen allen War­nungen eng mit dem ^Problem des deutschen Antritts in den Völkerbund verbunden wor­den war, einigten sich die Mächte von Locarno R die Erklärung, die die Fortführung her von Locarno verheißt, die Aufnahme- »Wlègenheit bis September nur als vertagt 'wart, und man machte hiervon feierlich der Versammlung Mitteilung.

. In der Abschlußsitzung stimmten Chamber- MN und Briand ein wehleidiges Klagen an unter der Lage nach geradezu beleidigen- »en Lobeshymnen auf unser Deutschland. Diese phraseologischen Uebungen können uns nicht venebeln. Wir haben das unfaire Spiel jener Staatsmänner durchschaut und es gilt jetzt, Klarheit zu beweisen.

Die enlscheidende Sitzung.

, Eenf, 17. März. Die entscheidende Vollver- Mmlung des Völkerbundes begann gegen Uhr. Nach Eröffnung der Sitzung durch Costa bestieg Chamberlain die Red- trn r e "^ erklärte, bevor er seinen An- stellen könne, bitte er die Versammlung N Erlaubnis, daß der brasilianische tttreter eine Erklärung abgebe, von der sein Antrag abhängig sein werde

Botschafter Mello Franco

blaß und zitternd die Rednertribüne be- '-. "erlaß mit angestrengter Stimme aber » übersteigertem Pathos, das Manuskript in "A Erregung zitternden Hand, eine längere > & «$' aus der hervorging, daß der Ent- â Brasiliens, sich der Gewährung eines .?^6en Ratsitzes an Deutschland zu wider- Nn, unerschütterlich sei. (Loucheur hörte an- Sai> ^u und nickte verschiedentlich zu den W°tt Nello Francos.) Im einzelnen erklärte J10 Franco, daß die zur Entscheidung >â""e Frage nicht durch Einzelabkommen »m orden könnte sondern nur durch gemein- Nni^^^^âge aller Staaten. Die brasilianische on habe mit Interesse die Arbeiten der uerenz von Locarno verfolgt, aber wie groß

auch der Wert dieser Abkommen sei, das Werk von Locarno müsse in den Rahmen des Völker­bundes eingefügt werden und nicht umgekehrt der Völkerbund in den Rahmen der Verträge von Locarno. Am Schluß betonte Mello Franco noch, das die amerikanischen Nationen im Rat eine zahlreichere und bedeutsamere Vertretung verlangen müßten als bisher. Mello Franco schloß:Die Mitglieder des Rates werden also unsere Loyalität nicht bestreiten können."

Darauf bestieg

Chamberlain

die Rednertrübine, um den Vertagungsantrag einzubringen und zu begründen. Seine Erklä­rung war von sichtbarer innerer Bewegung ge­tragen. Chamberlain stellte fest, daß der Auf­nahmeausschuß auf alle Fragen über den deutschen Aufnahmeantrag bejahende Antwor­ten abgegeben und die Annahme des deutschen Aufnahmeantrages einstimmig empfohlen hat. Deutschland habe von Anfang an eine natürliche und vernünftige Bedingung an seinen Eintritt geknüpft, die Erlangung eines ständigen Rats­sitzes, der ihm mit Rücksicht auf seine große Be­deutung in der Welt unbedingt zukomme. Es sei eine Pflicht der Loyalität gegenüber Deutsch- ...land, .e^lür.en, daß die, verskandnlsse und Schwierigkeiten, die sich bet den Verhandlungen in Genf auf beiden Seiten gezeigt hätten, durch das Zusammenwirken aller Beteiligten aus dem Wege geräumt wor­den seien. An dem Verhalten der deutschen De­legation könne nicht die leiseste Kritik geübt werden. Sie habe sich würdig, klug und ver- sönlich verhalten und war von dem gleichen Willen zur Einigung beseelt, wie alle anderen Mächte. Deshalb hoffe er von der Zukunft nicht widerlegt zu werden, wenn er feftftelle, daß man zwar hier in Genf eine begonnene Arbeit unterbrechen müsse, daß aber das ganze Werk der Friedenspolitik keinen Augenblick eine Un­terbrechung erfahre, sondern mit der gleichen Richtung, mit der gleichen Aufrichtigkeit das fortgeführt werde.

Es erhob sich lebhafter Beifall, der sich zu einem Sturm steigerte, als Chamberlain den Edelmut Schwedens und der Tschechoslowakei pries, die durch ihr Opfer die Beseitigung aller Schwierigkeiten ermöglicht hätten. Das Werk von Locarno sei dadurch gerettet und die Gefahr vermieden worden, daß Europa von neuem in zwei Lager gespalten wurde. Er sei bitter enttäuscht, daß trotz dieser erzielten Uebereinstimmung die Aufnahme Deutschlands nicht jetzt vollzogen werden könne. Er schoß mit dem Ausdruck der festen Ueberzeugung, daß die Vertagung zur Sicherstellung des deutschen Eintritts in den Völkerbund bei der nächsten Session dienen wird.

Die Erklärungen Chamberlains machten sichtlich tiefen Eindruck auf die Versammlung. Nach der Uebersetzung der Erklärungen Cham­berlains schloß sich

Briand

unter starkem Beifall der Versammlung Chamberlains Worten und dem Dank an Schweden und die Tschechoslowakei an.

Briand erklärte, die Mißverständnisse zwi­schen den Vertretern Deutschlands, Frankreichs und der anderen Ratsmächte schienen durch eine vollständige gemeinsame Ver - ständigung beseitigt, die durch die Vollver­sammlung und den Rat die Weihe hätte emp­fangen zollen. Er sei tief von der Empfindung durchdrungen, daß man aus der heiklen Situa­tion herauskommen werde, und daß dabei weder das Ansehen irgend eines Landes, noch insbesondere das des Völkerbundes auch nur im geringsten leiden werde. Briand warnte vor einer öffentlichen Herabminderung des An­sehens des Völkerbundes als Folge dieser schmerzlichen Ereignisse. Es handle sich um eine Entwicklungskrankheit. Er höre schon die Ra­ben über das Schicksal des Völkerbundes kräch­zen, er höre schon die Stimmen, die von Kata­strophen und Zusammenbruch reden. Man werfe ihm ja immer leichtsinnigen Optimismus vor. Er sei weder leichtsinnig noch optimistisch,

Zeitung" erwiderte der Kanzler auf die Fragst über die Ansichten des Reichskanzlers in Bezug auf die durch die Nichtaufnahme Deutschlands in den Völkerbund geschaffene Lage:

Ich bedauere auf das tiefste, daß diese Entwicklung eingetreten bst Vor den Augen der ganzen Welt ist der Arbeit der leitenden Staatsmänner der abschließende Erfolg versagt geblieben und zwar in einer Weise die ich spreche es offen aus sowokst für den Völkerbund, wie für alle Beteiligten im einzelnen etwas recht Unerfreuliches an sich hat. Ich kann nur mit Befriedigung darauf hinweisen, daß diedeutscheRegierung wegen dieses negativen Verlaufes nicht ein­mal der leiseste Vorwurf treffen kann. In den Kundgebungen des gestrigen und heutigen Tages ist das von der Gesamtheit der Welt, soweit sie in Genf vertreten ist, auch anerkannt worden. Von der großen Mehrheit der Vertreter neutraler Mächte in der Bundes­versammlung ist gerade diejenige These unter­strichen worden, die Deutschland in den diplo­matischen Verhandlungen und im Kampfe der öffentlichen Meinung immer wieder vertreten hat, daß nämlich die Entscheidung über bis Ausgestaltung der Völkerbundsorgane zu dessen eigener Zugeständigkeit gehört und niHi Macht? sein köUNte ^ma*unäen seiner

Auf die Frage,

weshalb sich die deutsche Delegation über­haupt an diesen Locarnobesprechungen

beteiligt Hal,

erklärte der Reichskanzler: Ihc war dadurch eine Zwangslage entstanden, daß die gorrze Stellungnahme der deutschen Parlamente sich nur auf die Möglichkeit eines Eintritts Deutschlands in den Rat, ohne vorherige Er­weiterung oder grundsätzliche Veränderung aufgebaut hatte. Hieraus ergab sich mit logi­scher Notwendigkeit die Beteiligung Deuffch- lands an den Besprechungen der Rheinlands­paktmächte über die Ratsfrage. Selbstverständ­lich haben wir aber in diesen Besprechungen immer wieder betont, daß wir eine Bindung Deutschlands feiner künftigen Dölkerbunds- politik vor feinem Eintritt in den Bund aus allgemein politischen Gründen, sowohl aus unserer grundsätzlichen Auffassung vom Völ­kerbünde ablehnen müßten. Ich glaube auch, daß es uns trotz vieler Anfeindungen gelungen ist, unseren Standpunkt zurückzuhalten. Der Vorwurf, Deutschland habe bereits vor seinem Eintritt dem Völkerbundsrat seinen Willen aufzunötigen versucht, ist, wie meiner Meinung nach die Entwickelung gezeigt hat, vollkommen unberechtigt. Deutschland hat vielmehr durch die Ablehnung der ihm angesonnenen Bin­dungen eine Zurückhaltung geübt, die ihm heute im Urteil der Welt gugute kommt.

Auf die Frage,

welche Gründe dafür maßgebend waren, daß die deulsthe Delegakion dem letzten Lompromißvorschlag zugestimmt habe,

erwiderte der Kanzler:

Ich möchte das Wort Kompromiß hier un­bedingt vermieden sehen. Vergegenwärtigen sie sich die Entwicklung der Dinge: Deutschland lehnte die ihm zugemuteten Bindungen einer gewissen Aenderung des Rates ab. Dann machte eine uns befreundete Macht einen ganz neuen Vorschlag, und Schweden erklärte sich zur Rettung des Völkerbundes und in letzter Konsequenz seines grundsätzlichen Standpunk­tes dazu bereit, das Opfer des eigenen Sitzes zu bringen. Selbstverständlich konnte ein Er­satz Schwedens durch Polen nicht in Frage kommen. Auch diejenigen, die auf Polens Ein­tritt in den Rat drängten, hakte« eine solche Lösung wohl nie annehmen können. Als dann jedoch ein Mitglied einer Polen nahestehenden Mächtegruppe seinen freiwilligen Rücktritt an­bot ohne Mitwirkung Deuffchlands und ohne daß wir diesem Schritt mit irgend wel­chen Mitteln verhindern können stand eine Regelung in dem Sinne in Aussicht, daß für Schweden eine neutrale Macht derselben Gruppe voraeiebeu war. während ein eoenfL

er miffe, daß der Völkerbund, der der Mensch­heit schon so große Dienste geleistet hat, wei­terleben werde und er wisse, daß der Tag kommen werde, an dem Deutschland hier im Völkerbund und im Rate mit den anderen zusammenarbeiten wird.

Ein ungeheurer Beifallssturm folgte diesen Worten. Mit großer Bewegung erklärte der französische Premierminister weiter:

Ich empfinde es im höchsten Maße als eine Grausamkeit des Schicksals, daß die Zusammen­arbeit mit Deutschland mir heute noch nicht ver­gönnt ist, aber wir sind alle, und zwar auf ZnikiativederdeulschenDelegier- ten (starker Beifall) dahin übereingekommen, daß der ehrliche und aufrichtige Friedenspakt, den wir in Locarno geschloßen haben, da­runter nicht leiden darf.

Briand forderte zur Reformierung und Veränderung des Völkerbundes auf und pries unter stürmischem Beifall den Herzens- adel der deutschen Delegierten, der dazu geführt habe, daß das Werk von Lo­carno in dieser Krise intakt und unantastbar bleibe. Weiter erklärte Briand:Wir haben hier eine große moralische Pflicht gegen Deutschland zu erfüllen. Man

in.DâikhlaLd hören .bekommen, ungehelf é f tst, daß

Deutschlands hier noch nicht begrüßt werden können." Eine donnernde Beifallssalve, die nicht enden will, folgt diesen Worten. Briand fordert sodann als unerläßliche Handlung des Völkerbundes gegenüber Deutschland eine Art moralischervorausgreifenderAufnahme Deutsch­lands in das Werk des Völkerbunds durch Annahme folgender Erklärung:

Die Versammlung bedauert, daß die zu­letzt aufgetauchken Schwierigkeiten es nicht er­möglichten, das Ziel zu erreichen, für welches Deutschland nach Genf eingeladen worden war. Die Versammlung drückt den Wunsch aus, daß diese Schwierigkeiten bis zur ordentlichen Sep- kembersession zur Völkerbundsversammlung überwunden sei werden, damit dann zu diesem Zeitpunkt die Aufahme Deutschlands in den Völkerbund vollzogen werden kann."

Nach einer Diskussion, an der sich Jsyn- Iapan, Unden-Schweden, Caballero-Para- guay, Motto-Schweiz, Loudon-Holland Nan­sen-Norwegen und Tschao-Ym-Tschu-China beteiligten, wurde in die

Abstimmung des Verkagungsankrages eingetreten. Die Vertagung der Aufnahme Deutschlands, sowie der Entschließungsentwurf Briands wurde angenommen.

Nachdem noch einige Haushaltfragen schnell erledigt wurden, schloß um 1H Uhr da Costa die außerordentliche Tagung der Völkerbund­versammlung mit einer längeren Ansprache, in der er sich bemühte, trotz die tiefen Krise, die der Völkerbund soeben erlebt hatte, mit den üblichen optimistischen Wendungen bas Ver­trauen in hie Wirksamkeit des Völkerbun­des wiederherzu st eilen. Er wies auf die großen Aufgaben hin, die der Völkerbund in nächster Zeit zu erledigen habe, wie die Abrüstungsfrage und die Weltwirt­schaftskonferenz, und schloß mit fol­genden Worten:

Indem ich den Geist der Mitarbeit begrüße, der sich trotz allem während dieser Schwierig, keiten äußerte, möchte ich nicht nur den hier ver­tretenen Abordnungen meine Huldigung dar- bringen, sondern auch der großen Ration, die unmittelbar an den Arbeiten dieser Versamm­lung interessiert ist, ohne sogleich an ihr teil­genommen zu haben, und die bald unter uns Ken Platz finden wird, den wir für sie offen halten und der ihr gebührt.

Damit ist die Tragikomödie der Geschichte des deutschen Beitritts in den Völkerbund vor­läufig abgeschlossen.

Der Reichskanzler über die Lage.

Genf, 17. März. In einer Unterredung des Reichskanzlers Dr. Luther mit dem Chefredakteur derDeutschen Allgemeinen