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Mittwoch den 17. März

Sette 3

Mtö.

I f)anau, 17. März.

»i-AeichsgesundheUswoche inKanau ! Stadl und Land.

Wie bekannt, gelangt Mitte April in ganz ! ^utschland eine Reichsgesundheitswoche zur ! ^rchführung mit dem Ziel, auf die Wichtig- i ifit her Gesundheitspflege hinzuweisen, chie ge- indheitliche Aufklärung auf wissenschaftlicher Grundlage zu vertiefen und das persönliche t Verantwortungsgefühl jedes einzelnen gegen­über einer gesundheitlichen Pflichten zu stär- ! f-n. Auch in H a n a u findet diese Gesundheits- ! Lk statt, und zwar, wie Herr Stadtarzt Dr. gü5c in einer gestern abgehaltenen Pressebe- | l.^chungg mitteilte, gemein sammitdem Landkreis Hanau in den Tagen vom 11. ! bis 18. April, also acht Tage vor der allge- aieinen Reichsgesundheitswoche. Die Vorarbei- i fen für die Durchführung dieser Woche werden mm Herrn Stadtarzt Dr. Lade geleitet, dem tin Ortsausschuß, zusammengesetzt aus dem Kreisarzt, Stadtschulrat, Vorsitzenden des ; Aerstlichen Vereins. Kreisjugendpfleger, Ver- neter der Krankenkassen, Vertreter des Artzeit- âwerbandes, Gewerberat und aus zwei : Mretern des Landkreises, zur Seite steht. Die Vorverlegung der Veranstaltung ist des­halb erfolgt, um leichter die Möglichkeit zu haben, Filme und Agitationsgegenstände zu entleihen, die während der zweiten Aprilhälfte in großen Städten gebraucht werden. Bei her Durchführung der Woche in Hanau soll i her Grundsatz maßgebend sein, möglichst allen Kreisen eine gesundheitliche Anregung zu geben, insbesondere aber der Jugend Ein- ; drücke zu vermitteln, die von bleibendem Werte seid und dazu beitragen, daß ein Geschlecht bermwächst, das gegen die gesundheitlichen Ge­fahren in anderer Weise geschützt ist und ihnen in höherem Maße entgegentreten kann, als das W der Fall ist. Den Mittelpunkt der Woche W

eine HyAeneaussiellung

h der Turnhalle der Mittelschule bilden, die durch geeignete Gegenstände und statistisches Merial dem Besucher das Verständnis für die Vorgänge im Körper, ihre Störungen und die Mittel, ihnen zu begegnen, näher bringen soll. Die Ausstellung wird drei Abschnitte umfassen, Md zwar 1. die gesundheitsschädigende Abtei- lMg (Darstellung von Alkoholschädigungen, luberkulose- und Geschlechtskrankheiten), 2. die gesundheitsfördernde Abteilung (Darstellung iller Gesundheitsfürsorgezweige, angefangen »n der Mütterfürsorgeberatung. Darüber hin- ms werden Bilder und statistisches Material iber vorbeugende Maßnahmen ausgestellt durch die Kreisjugendpfleger mit ihren Jugend- Biernereinen, durch die Leibesübungen Dreine, durch, die SaiutätL- und vereine unter Mitwirkung des Va- en Frauenvereins. Schließlich sollen noch die Vorzüge des Licht- und Luftbades dargestellt werden). Die dritte Abteilung beab­sichtigt man für die Gesundheitsindustrie zu reservieren. Darüber finden jedoch noch Ver­handlungen statt. Zur Ausgestaltung dieser Ausstellung sind Fachkreise berangezogen wor­den. Während der Gesundheitswoche werden «llabendlich um 6 Uhr Führungen durch hie- lige Aerzte stattfinden. Besonderer Wert wird tos die

Vorführung gesundheitlicher Filme gelegt werden. Im Schulkino werden täglich eme Reihe Filme laufen und zwar ein Zahn- Mgefilm, der erworben und auch später­

hin in Elternversammlungen usw. vorgeführt werden soll, ein hygienischer Aufklärungsfilm Wie erhalte ich mich gesund", ein Tuber­kulosesilmMolchen, die Unschuld vom Londe" und ein Licht- und Luftbadfilm. Diese Filme werden nachmittags für Schüler und Schüle­rinnen und abends für die Erwachsenen zur Vorführung gelangen.

An sonstigen Veranstaltungen

sind bis jetzt geplant: ein Filmvortrag des Naturheilvereins im Schulkino, der sich speziell mit dem Licht- und Lustbad beschäftigen wird, ein Vortrag des hiesigen Vereins der Boden­reformen, eine Vorführung der Jugendpflege­vereine und ein Lichtbildervortrag über Ge­schlechtskrankheiten durch den Arbeitersama­riterbund. Am 18. 4. wird die Woche ihren Ab­schluß finden mit einer großen sportlichen Ver­anstaltung. Diese Veranstaltung, wie auch die während der ganzen Woche stattfindenden üb­lichen Turn- und Spielabende der hiesigen Vereine, deren Besuch für jedermann frei ist, sollen zeigen, wie die Jugend sich stählen kann im Kampf gegen Krankheit und Siechtum. Für die sportliche Veranstaltung sind geplant der StaffellaufRund um Hanau", der auf dem Sportplatz der Turngemeinde beginnen und enden soll, ferner ein Geschicklichkeitsfahren durch Motorradfahrer auf dem gleichen Platz. Für den Nachmittag ist eine Auffahrt der bei­den Rudervereine und des Kanuvereins vor­gesehen.

Als Propagandamittel

ist ein Plakat gedacht, das an Anschlagsäu­len, Straßenbahnen, Schaufenstern usw. an­gebracht werden soll. Hierzu hat die hiesige Zeichenakademie unter ihren Schülern eine Ausschreibung erlassen.

All diesen Veranstaltungen während der Reichsgesundheitswoche in Hanau schließt sich der Landkreis an. Darüber hinaus werden in einzelnen Orten des Kreises noch ärztliche Vor­träge mit Lichtbildern stattfinden.

Aus den Ausführungen des Herrn Stadt­arzt Dr. Lade war zu entnehmen, daß die Vor­bereitungen zur Reichsgesundheitswoche in Hanau-Stadt und Land in gutem Gange sind und es steht zu erwarten, daß auch hier die geplanten Veranstaltungen das Interesse für gesundheitliche Fragen wecken werden.

Unsere Pflicht weiter nichts".

Als kürzlich die wackereWestphalias- Mannschaft in Hamburg festlich begrüßt wurde, die 27 Menschen aus schwerster Seenot gerettet hat, da äußerte ihr wackerer Führer: Unsere Pflicht haben wir getan, weiter nichts!" Wahrlich, eine gute, kerndeutsche Auffassung

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ist's, und man sieht, es gibt doch auch einmal wirkliche Lichtblicke in dem schweren Dunkel unserer Tage. Pflicht! Bei diesem Worte konnte sogar der alte nüchterne Immanuel Kant einen gehobenen und fast poetischen Ton änschlagen. Dieser kategorische Pflichtimperativ liegt uns Deutschen gewissermaßen im Blute. Viele haben das belächelt und als unmodern bezeichnet, aber ein Mensch, der seine Pslicbt gröblich oder gedankenlos mit Füßen tritt, ist und bleibt uns doch ein minderwertiger Mensch. Erfüllte Pflichten sind gegebenenfalls noch ein größeres Glück als erfüllte Wünsche. Und wenn diese Erkenntnis heute praktisches Allgemeingut wäre, dann stünde es trotz aller Not viel besser um Deutschland.

Wir dürfen nicht müde werden, bereits der frühen Jugend den hohen Pflichtgedanken ein­zuschärfen und vorzuleben. Das gute prak­tische Beispiel zieht mehr als die schönste Mahn­rede. Neben den ganz persönlichen Pflichten oder mitten unter ihnen steht die staatsbürger­liche Pflicht. Sie weiß, daß über jeder Staats­form der Staat als solcher das Entscheidende ist. Ein irgendwie dienendes Glied in diesem Ganzen zu sein, das ist des Schweißes der Edlen wert, und darauf kommt es an, heute mehr denn je. Die gelegentlichen begeisterten Kundgebungen schaffen es noch nicht. Schlichte treue Alltagsarbeit im Dienste für Volk und Vaterland, das ist die eigentliche Hauptsache. Das Gebot der Stunde verlangt da einen ruhi­gen Wirklichkeitssinn. Keine glitzernden Illusio­nen! Aber im Rahmen des Möglichen auch alles treulich tun, was getan werden kann, auf daß unsere deutsche Lage besser und besser werde! Wir wollen dabei mit vor allem der sozialethi­schen Pflichten gedenken. Wer sie wirklich ernst nimmt, der tut mehr fürs Vaterland als irgendein rabiater Parteimensch, der über dem Räsonnieren die positive Mitarbeit vergißt. Unsere Pflicht weiter nichts! Jawohl, das ist eine zeitgemäße Losung. Wo sie befolgt wird, da ist, wie auch das äußere Ergebnis zunächst sein mag, ein gutes Recht zu einem Freude­gefühl und zu einem neuen Hoffen . .

* Ernannt. Der Hegemeister Spohr zu Wirtheim, Kreis Gelnhausen, ist zum Revier­förster unter Uebertragung der Revier-Förster­stelle Naumburg, Oberförsterei Hanau, er­nannt worden.

* 80 089 Rundfunkteilnehmer am Frank­furter Sender. Die Zahl der Rundfunkteil­nehmer betrug am 1. März 1926 im Sende­bereich Frankfurt a. M. 80 089 Teilnehmer.

* Festgenommen wurde gestern ein Aus­länder wegen Paßvergehens und eine Person, die von der hiesigen Staatsanwaltschaft zwecks Strafverbüßung gesucht wurde.

Die Kanauer Industrcu auf der Frankfurter Messe.

Die Lebenskraft eines ziemlich fest un» rissenen Produktionsgebietes offenbart sich am stärksten durch den Willen zur Entfaltung. Während viele Zweige industrieller Erzeu­gung die Depression durch allzu scharfe Herab­drückung jegl:cb°n Kostenaufwandes auszu­gleichen suchen, zeigt die Hanauer Industrie den weitaus gesündesten und einheitlichen Wil­len, gerade in einer Zeit der wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch kräftiges Hervortreiei werbend am Markle zu erscheinen. Anläßlich der Frankfurter Frühjahrsmesse vom 11. bis 14. April werden etwa dreißig bedeutend« Hanauer Firmen der Edelmetallbranche ihr« Erzeugnisse im Hause Werkbund zeigen. Nach den für diese Messebeschickung zusammenge- stellten Kollektionen zu urteilen, wird die Pro­duktion der Hanauer Industrie das ganz« Gebiet der Luxus- und Gebrauchssilberware« und Juwelen in vorbildlicher Weise umfassen

* Das Müllabfuhrwesen in Hanau, bas wegen seiner Unhygiene schon mehrfach ange­griffen wurde, soll umgestellt werden. Es wird beabsichtigt, einenAutomobil-Müllabfuhrwagev anzuschaffen, nach dem Frankfurter Muster, wo z. Zt. in der Innenstadt 6 moderne Krupp­sche Müllabfuhrwagen nebst den erforderliche» Abfuhrtonnen in Tätigkeit find, die sich gut bewähren. Die übrigen Stadtteile in Frankfurt sollen bald folgen, wozu weitere 16 Wagen er­forderlich find. Eine Kommission der Hanauer Stadtverordneten wird heute die neuen Wagen in Frankfurt besichtigen.

* Für das Volksbegehren zur Enteignung der Fürsten trugen sich am gestrigen Tage in Hanau 481 Personen ein, so daß die Gesamt­zahl der Eintragungen nunmehr 10179 be­trägt.

Badeanstalt Reue Anlage 28. Die Ver­waltung der städt. Badeanstalten weist erneut darauf hin, daß seit dem 15. d- Mts. die Bade­anstalt am Steinheimer Tor einschl. der Dampf- und Heilbäder bereits am Montag jeder Woche nachmittags um 2 Uhr in Betrieb ge­nommen wird, und daß vom gleichen Zeitpunkt ab das Dampf- und Heilbad am Dienstag nachmittag und Donnerstag vor» und nachmittag jeder Woche den Frauen, zu allen übrigen Zeiten den Männern zur Ver­fügung steht.

* Zum Schneegipfel Afrikas. Ein Kultur­film der Ufa wurde gestern abend in der Centralhalle aufgeführt. Unter der Regie von C. H. Boese ist hier ein Werk entstanden, das über den wissenschaftlichen Lehrfilm hinaus wächst, zu einem groß angelegten Jagd- und Kolonialfilm. Mit einer deutschen Expedition von nur drei Teilnehmern bringen wir in das Innere des schwarzen Erdteils ein. Deutsches Land war es, Deutsch-Ost-Afrika was uns gezeigt wurde und wenn es uns auch vor- läufig genommen, so steht man auch heute noch überall deutsche Kultur, deutsche Arbeit, deutschen Fleiß. Aber der Film gilt nicht den Kolonien, sondern der Besteigung des Kili­mandscharo. Ungeheuer sind die Anstrengun­gen und Mühen, die sich entgegenstellen, aber auch dieser 6100 Meter hohe Riefe wird von der wagemutigen Expedition bezwungen. Alle Abenteuer auf der Jagd, mit Eingeborenen und den Raubtieren des Landes können nur angedeutet werden. Sie geben dem Beschauer ein treffliches Bild von der Beschaffenheit des Landes. Der Film ist ausgezeichnet und es wäre zu wünschen, daß vor allem die Jugend mit ihm bekannt gemacht würde, damit der ko­loniale Gedanke in allen Zeiten wachgehalten bleibt.

W» M Kâyö. Roman von Ernst Edler von der Planitz.

(Nachdruck uerboten.) 1. Kapitel.

Haul Karr trat ans Fenster und starrte Hin- ,. auf ben Blücherplatz. Wie oft in den Jahren

Ringens hatte er hier gestanden, wie oft ihn die prickelnde Sorge vom Schreibtisch "Mepestscht und an dieses Fenster getrieben, ba^ er sich dessen bewußt wurde! Einzig ?" dem Instinkt geleitet, irgend eine Ab- ng zu erhaschen, einen neuen Eindruck, W anderen Gedanken als diese ewige V'Enmarter, diese endlose Qual um mein

<n' dieses Schleichen und Kriechen noch i . ^d Gewinn. In den ersten Jahren mner Verheiratung mit Jenny, feiner

Jenny, da war es eine Lust gewesen, zu " und zu schaffen. Wie ein Schwimmer « sich froh unb frisch jeden Morgen in e Strom der Geschäfte gestürzt und Ute auf Beute daraus hervorgeholt. EH' er waren Stunden verstrichen, und ®e am Junge war er um die Mittags- C m die Droschke,seine" Droschke ge- p Men und noch dem Westen hinausgejagt. le» Hause! Zu Jenny!" Welch ein Zauber }" diesem Gedanken! Jetzt war die längst abbestellt, und nicht besser und vornehmer wie sein Bürofräulein und Irjt/'^iger Packer fuhr Karr mit der Elek- » nach Hause zum kärglichen Mittags- stim ' . Don beiden Gatten meistens ver- eingenommen wurde. Ja, sogar die bm J$e batte er in der letzten Zeit nur noch do», ' toenn ihn schlechtes Wetter ober Eile J} Swangen. Was waren das jetzt für Fahr- (mZ..ptbem dieser wahnsinnige Friede alles bah 'en drohte und Arbeiter und Straßen- sür Augenblicke streikten! Was war es k z?a schreckliche Zeit gegen einst, da Jenny iv-r 'W.uoch der Inbegriff des Daseins ge- und jetzt? 1

Das große Ziel ihrer einst so freudig be­gonnenen Gemeinsamkeit, der Erfolg, war aus­geblieben. Jin Anfang, solange Jennys Mitgift dem Streben einen gewissen Rückhalt gab, schien cs für den Uneingeweihten, als ob die Karrs Glück hätten und alles gedeihe. Das Büro war gut besetzt. Ein Buchhalter, mehrere junge Leirte gingen geschäftig aus und ein. Es war, wie der Berliner sagt,Leben in der Bude". Aber schon nach den ersten Jahres­abschlüssen entdeckte der junge Chef, daß er im Grunde für ein Nichts sich abmühe. Er mußte froh sein, wenn alle Konten glatt zum Abschluß kainen, ohne Ueberschuß, ohne Defizit.

Und baun kam der Krieg, stellte alles auf den Kopf, was feftgemauert schien für die Ewigkeit, zerstreut * d-e Verbindungen, ver­jagte die Kundschaft. Er aber inußte schon im ersten Monat noch einmal des Königs Rock on- ziehen, in den Sattel steigen und die Land­straßen von halb Europa abreiten. Das Schick­sal war ihm g t gcEmt gewesen bei diesem Reiten. Zwei S r- ifsch, dreimal Lazarett so war er durch das entsetzliche Völkermorden gekommen.

In Berlin hatte, während draußen die Kanonen donnerten, ein stiller Geist das Ge­schäft zusammengehalten, wenn auch nur so weit, daß die Firma wenigstens dem 'Jlamcn nach weiterbestehen konnte. Woher hätte tnan in den Wirnissen des Krieges auch reguläre Ware nehmen sollen, da die Behörden überall im Lande Barrieren errichteten und rings um das Reich die Grenzen gesperrt wo reu? Und jetzt, nach Friedensschluß, da sie sich langsam wieder öffneten, machte das Valuta-Elend jeden Importeur zuin Bettler.

Und das nennt der Mensch nun leben!" murmelte .Karr und betrachtete mit starrem Blick einen Schlitzmann, der da unten mitten auf dem Platze in ärgstem Wagengedrünge stand und jetzt eben mit einem kleinen Buch in der Hand einem Dienstmächen irgend etwas zu erklären schien. Wenigstens streckte er wiederholt die Hand nach der Belle-Alliance-

Straße aus, zeichnete allerhand Striche und Ecken in die Luft, bis sich das Mädchen lächelnd entfernte.

Wer so ohne Sorgen für sein gewisses Geld, ein Gehalt, arbeiten dürfte! ging es Karr durch den Kopf, während er den Schutzmaml noch immer betrachtete. Der Mann da unten weiß wenigstens, was ihm am Schluß der Monats verbleibt; der Kaufmann, der Geschäftsmann kommt nie aus dem Hazard'heraus.

Wieder suchteil seine Augen die Uniform des Mannes, der jetzt in einen Knäuel von Wagen Ordnung zu "bringen suchte. Drüben auf den Gleisen der Hochbahn donnerten die Züge. Die Omnibusse, Droschken und Auto­mobile schoben sich wie ein Getümmel kriechen­der und purzelnder Maikäfer darunter hinweg, bogen in Seitenstraßen ein, rollten über die Kanalbrücke, jagten die Ufer entlang, während drunten keuchend und qualmend ein Schlepp­dampfer hinter sich am Drahtseil eine Reihe leerer Steinkähne durch das schmutziggrüne Wasser zog. Am Brückengeländer lungerte allerlei müßiges Volk und gaffte hinab auf die Arbeit der Schiffer. An der Ecke, nahe dem hohen Kandlaber, standen Straßenhändler und boten mit heiserer Stimme ihre Zeitungen, Schuhsenkel, Schlüsselringe und Streichhölzer aus. Es war erstaunlich, mit welcher Ausdauer diese Leute auf den vorüberflutenden Menschenstrom ohne Pause einsprachen, in welchem nur selten einer auch nur den Kopf ihnen zuwandte. Vor dem großen Warenhaus an der Ecke der Belle-Alliance-Straße drängten und stießen sich die Menschen, befenö rs Weiber mit Marktkörben, junge Burschen, die sich hinter kichernden Fabrikarbeiterinnen her­trieben, Kindermädchen in Begleitung m-n feiernden Handwerkern. Längs des Kanals fütterten die Lohnkutscher ihre Pferde, drüben am Watterloo-Ufer schmierten die Fahrer der Auwbusse ihre rasselnden Benzimnotoren.

Seitwärts von diesem Getriebe der Haupt- adern der Riesenstadt in der stillen, mit Allee­bäumen besetzten Uferstraße, die sich längs des

Kanals hinzog, drehte unter einem der schatti­gen Bäume ein Kriegsinvalide unablässig eine Drehorgel:In der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn." Der Mann, der eine zerschlissene Uniform und eine verschätzte Militärinütze trug, blickte dabei stumpfsinnig vor sich hin; denn mir selten ging jemand das Ufer entlang, und noch seltener legte jemand einen Groschen auf seine Drehorgel. Nur einige Kinder spielten in seiner Nähe und tanzten zu den Tönen der Orgel, inbem sie sich an den Händen festhielten und den Singsang wieder­holten:In der Heiinat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn."

Karr konnte das Bild gerade noch sehen. Die senkrechte Linie des Eckhauses wirkte wie die Leiste eines Bildercahmens, welche das Weitere rücksichtslos abschnitt von dieser Idylle, die, nur wenige Schritte vom Großstadtverkehr entfernt, sich nicht um die Jagd nach Geld und Gut betümmerte und den Tag verträumte wie draußen im fernsten Dorf auf blumiger Wiese.

Wie oft im Laufe der Jahre hatte Karr das alles' gesehen und mit weit obschweifenden Ge­danken berrachtet! Sah er c überhaupt? Er­fasste er, was da unten vor > anen Augen sich abfpieltè? Blitzten nicht überall zwischen diesen sich drängenden und schiebenden Menschen- köpfen endlose Zahlenreihen, flatternde Bank- scheine, beschmierte Wechsel, zerknitterte Schecks, Startens von Mustern, Ballen und Kisten, endlose Stapel von Waren auf? Da unten fuhr eben ein Rollkutscher aus dem Tor­weg. Es warsein" Rollkutscher. Zum ersten­mal nahm er heute nicht wie sonst alle Tage eine Fracht von ihm mit zur Bahn. Dieser Hund von Wucherer hatte gestern nachmittag sein ganzes Warenlager versiegeln lassen.

Fertig! Aus! Schluß!" knirschte Karr und biß die Zähne zusammen. Heute schon wußte es die ganze Vranche, daß Paul Karr nichts mehr liefern konnte.Die Lumvcn werden meinen Konkurs beantragen. Masse fe gut wie nicht vorhanden. Keine 7 Prozent. Unb die spärlichen Kunden bröckeln ab, neue lasse»