Nr. 60
Freitag ven 12. März
Der Cellospieler o©n Santa Cruz.
Novellette von Milhelm Georg, Bremerhaven.
Februarabend in Santa Cruz . . . Milde, reiche Luft trägt den Duft von tausend bunt- jVbigen Blüten aus dem Bergabhang des Pico de negro auf die Hotelterrasse des Hauses, an deren Balustrade ein blonder, schlanker Deutscher lehnt. Das Panorama da unten, diese weite, wie goldrot betupfte Wasserfläche, die schlanken Luxusdampfer, deren Kabinenfenster durch die Strahlen der untergehenden Sonne in zauberhaften Reflexen glitzerten und dann die Sehnsucht — weit, weit hinaus bis zum unendlichen Horizont des unendlichen Meeres — alles wühlte sein Inneres auf.
Halb acht Uhr schon! Noch eine Zigarette! Noch reicht die Zeit zu einem Glase goldgelben spanischen Landweins, der zwar ein wenig erdig schmeckt, der deutschen Zunge ungewohnt, aber immerhin, er peitscht die Nerven auf, ist billig! bayerisches Bier ist nur für Krösusse. Um acht'Uhr beginnt das große Souper im Hotel, das dem Hausball, zu dem die Crème der Gesellschaft des Städtchens geladen ist, varausgeht. Es war diesmal etwas eng im Speisesaal; denn auch die heute mit dem Dampfer- aus Deutschland gekommenen Touristen, die meist' in diesem ehemaligen Maurenschloß wohnen, haben sich angesagt. So wird denn das Podium für die Musik in dem Vestibül stark verkleinert werden müssen und die armen Musiker höchstwahrscheinlich wieder, wie neulich, im Hintergründe eingekeilt sein. Schade! Man bekam dann vom Podium aus so wenig zu sehen. Und er schaute so gern von oben in diese bunte, frohgesinnte Menge, sah so gern diese schönen Frauengestalten in ihren farbigen Toiletten und duftigen Schals; er sehnte sich nach dem Lachen der Frauen auf diesem Eiland, das ein Dichter einst „La isla fortunada" genannt hatte. Diese Abende, wo er im Souperkonzert hier Cello spielen durfte, waren seine Erholung, weil sie ihm Ablenkung boten. Hier begann das dritte Kapitel eines Romans. Das erste erreichte sein Ende, als , er daheim 1914 als junger Kavallerieoffizier ; ins Feld zog; die rote Rose im obersten Knopfloch seiner feldgrauen Attila, die ihm die Toch- ; ter des Majors am Bahnhof noch aufs Pferd gereicht hatte, barg er zum Andenken in der Brusttasche, zusammen mit ihrem Bilde. Das ; .zweite Kapitel endete mit dem Rückmarsch;
als letzter ritt er tränenden Auges über die Rheinbrücke bei Coblenz, wo ihn zum ersten Male nach langen Wochen wieder Poft erreichte. Darunter ein Brief. Man sah's, er war mit bebender Hand geschrieben, der'ihm mitteilte, was er längst ahnte. Sie wollten sich nicht Wiedersehen; der Vater gefallen, die Mutter karge Pension, in Aussicht genommenes Verlöbnis mit wohlhabendem Vetter... Die alte Geschichte! Er hätte sowieso entsagen müssen, denn in acht Tagen war er „a. D"; dieser Dank des Vaterlandes, für das er vier Jahre draußen lag, war ihm gewiß. Was ihm einst Erfrischung nach dem Kasernendienst war, wenn er die bequeme Hausjacke anzog, das Cellosp,el, war jetzt sein Broterwerb! Zu Hause, nein, da hätte er's nicht fertig gebracht, im Cafè vor lärmenden Menschen „Schlager" zu spielen; aber hier draußen auf den Kanarischen Inseln, was kümmerte es ihn . . . Hier konnte er sparen, nebenbei noch Studien treiben, um später einmal das zu werden, was ihm schon im Kasernendienst als das Höchste erschien — Künstler!
Pünktlich fuhren die kleinen Autos vor. Die spanischen Chauffeure rasten den Berg hinauf, wo das Hotel lag, als ob die wilde Jagd heute abend eine Benefizvorstellung geben wollte. Aus der malerischen Stadt, weit unten, tönten Hupensignale herauf, vielstimmig, lärmend. Wie zu Hause in dem märkischen Städtchen, wenn Jahrmarkt war.
„Nun wirds Zeit," murmelte Fritz von Janzen, ehemaliger Husarenleutnant,' jetzt Cellist des Salonorchesters des Hotels „Em- preß of India", warf die Zigarette weg, zupfte sich Frack und weiße Krawatte vor dem Spiegel zurecht, und eilte hurtig und gewandt durch die Menge plaudernder Ballgäste, über den Mar- morboben des Vestebuls. Unter der großen Palme, die den Hoteltreppenaufgang schmückte,
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stand eine Gruppe eifrig debattierender spanischer Offiziere der Garnison Santa Cruz, die meisten mit Ordensspangen. Man sprach über Marokko, wohin das Artillerie-Regiment in den nächsten Tagen cingeschifft werden sollte. Einer der älteren Offiziere musterte ihn scharf, als er mit einer Verbeugung vorüberging. Donnerwetter, der kennt dich, fühlte Janzen. „Verdammt, nicht einmal auf Teneriffa ist man sicher", fluchte er. Richtig; es dauerte keine drei Sekunden, da war der spanische Hauptmann an seiner Seite. — „Kamerad... Fritz... sind Sie's wirklich? Ja, sie sind's!" Zwei Hände griffen nach den seinen, drückten sie fest und herzlich, griffen nach seinen Schultern und schüttelten den Freund und Kamerad, dem er ein Jahr hindurch während seiner Ausbildungszeit in der deutschen Garnison zu- geteilt war. „Auch heute mit dem deutschen Vergnügungsdampfer gekommen, Fritz?" fragte der Hauptmann. „Trifft sich ja großartig. Mittwoch gehts nach Ceuta . . . Tanz mit den Riffkabylen, heute abend üben wir's auf dem Parkett!" Janzen schüttelte den Kopf. „Ich — ich gehöre zur Hauskapelle," antwortete Sangen verlegen. — „Na ja", meinte der alte Kamerad erst verblüfft, dann gutmütig, „ein Künstler warst Du ja immer, hast uns im Kasino so manches Nocturno vorgespielt; aber daß Du ausgerechnet hier bei der Hauskapelle das Cello streichen sollst, will mir nicht in den Kopf. Jedenfalls spielst Du heute nicht mit, ich besorge Dir Vertretung. Du bist unser Gast, Kamerad, Gast des 11. Artillerieregiments!" — Janzen blieb keine Zeit zum Antworten. Schon hatte ihn Hauptmann Maldonado in den Kreis der Offiziere geschoben und ihn bekannt gemacht. Mit jener gewinnenden Liebenswürdigkeit, die die spanischen Offiziere auszeichnet, hieß man den deutschen Kameraden willkommen und noch ehe
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der Ball begann, schon während des Soupers, wurde manches Glas Sekt auf Alemania, auf seine Offiziere und auf Janzen getrunken.-» Deutschland durch den Saal. Dieser Abend war entscheidend für die Gestaltung des dritten Romankapitels. Sein Entschluß, in die spanische Legion einzutreten, stand fest Am nächsten Tage erfolgte seine offizielle Meldung; als Offizier ging er nach Marokko.--
--Nach fünf Monaten schritt der Honig von Spanien durch den hohen Lazaceirsaal eines ehemaligen Klosters bei Madrid. Es lagen dort ihrer viele bei den Kämpfen in Marokko verwundete Deutsche, die in der spanischen Legion dienten. Der König unterhielt sich fast mit jedem in deutscher Sprache und sprach wiederholt von der bewundernswerten tapferen Haltung dieser Männer. Bei Janzen stand der Monarch länger als sonst, länger als in dem Progra mm vorgesehen war. Auf der Bettdecke des Kranken lag das geöffnete Etuis mit dem goldfunkelnden spanischen Militärkreuz, einem der höchsten Kriegsorden — der Lohn für Janzen tapferes Vorgehen bei einem entscheidenden Sturmangriff. Ein glückliches Lächeln lag auf dem Antlitz des verwundeten Offiziers, denn die Nonne hatte ihm eben einen Brief aus der Heimat vorgelesen, in dem es hieß:
„Aus der Verlobung mit Vetter Franz ist nichts geworden; er gab mich frei, als er wußte, wie es in meinem Inneren aussah. Ich bin von Onkel adoptiert worden, der feinen sehnlicheren Wunsch hat, als Dich auf seinem Gute zu sehen. Das weitere, so meinte Onkel, wird sich finden! Im übrigen freut er sich, als Enkel eines ehemaligen spanischen Maiors, einen so ausgezeichneten Offizier der spanischen Legion, wie Du es wärst, recht bald als Rekonvaleszenten in seinem Tannenpark spazieren fahren zu sehen. Deine glückliche Beate."
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