201. Jahrgang.
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Nr. 54
Freilag den S. März
1926
Dev Stanzlev über die deutsche Oolilit-
Berlin. 4. März. In der Wandelhalle des Preußischen Landtages veranstalteten heute abend die im Berliner Verband der auswär-
tigen Presse zusammengeschlossenen Leitungen im Reich einen Empfangsabend, der außerordentlich stark besucht war. Das Reichskabinett war unter Führung des Rèichskanzlers Dr. Luther fast vollzählig erschienen. Ebenso waren fast alle preußischen Minister, die Gesandten der Länder, die Präsidenten des Reichstages und des Landtages mit vielen Abgeordneten aller Parteien anwesend. Außerdem sah man Vertreter der hohen Beamtenschaft, der Großbanken, von Handel und Industrie, der Wissenschost, der Kunst und der Berliner Presse. Im Namen der Zeitungen, von denen viele Verleger und Chefredakteure eigens nach Berlin Mkommen waren, begrüßte zunächst Dr. Frankfurter, der Vorsitzende des Verbandes, die Gäste mit einer kurzen Ansprache, in der er die kulturelle und politische Bedeutung der Presse tm Reich unterstrich. Darauf hielt Reichskanzler Dr. Luther eine große Rede in der er u. a. ausführte: Längere Zeit habe ich nicht die Ehre gehabt, vor der deutschen Presse zu sprechen. Um so mehr begrüße ich gerade heute die Gelegenheit. Gemeinschaftlich mit dem Resi _ ifter des Auswärtigen werde ich nunmehr na ifen Zu der
^Wölkerbündstagung, der das Äufnahmeqesuch
.....die Einzelheiten
tung der Presse in hielt Reichskanzler Rede in der er u.
Mes politischen Tatbestandes, vor dem wir uns Gesinden, habe ich mich vorgestern in Hamburg Musführlich ausgesprochen. Der Eintritt Deutzchlands in den Völkerbund, den ich demnach auf das dringlichste erhoffe, ist der Schlußstein eines bedeutungsvollen Abschnittes der bisherigen Politik und soll gleichzeitig der "Grundstein sein für die Fortsetzung der deutschen Wrederaufbaupolitik mit den Mitteln der inter- nationalen Verständigung. In dieser Lage will ich vor Ihnen, meine Herren, als den Vertretern der gesamten deutschen Presse durch einen
8 Rückblick auf die deutsche Politik der letzten Jahre «
I ^tche praktischen Aufgaben für das : politische Handeln der Gegenwart bestehen. ^Dls Hauptleitschnur meiner Darlegungen will "W aus dem Entwicklungsgang der öffentlichen G Finanzen entnehmen. Dabei werde ich aber I daß eine gerade und klare
Aaußenpolitische Cinto durch die Ereignisse der I letzten Jahre hindurchführt. Neben der über- K ragenden Bedeutung der Außenpolitik haben M n^dflo^rstandl ch auch die allgemeinen grund- 8 -änlichen innenpolitischen Fragen fortgesetzt, ImniP^ Gegenwart, in der Entwicklung b ^Eres Volkes einen großen Raum bean- I S^ aenne hier nur als Beispiel der
Stunde die Verbesserung der Wahlgesetz- I ®eb V 8' die in der Regierungserklärung I N^. Januar Sugesagt worden ist und für I n^kRi^de die gesetzgeberische Vorlage den = SääSL®*’ K°rp-rsch-ft-, mnr^nn ^ gleichwohl in meinem heutigen to^^Ä^ N
öas neue große Finanzprogramm der Regierung
[ und die gerade in den letztenTagen im Anschluß : daran erfolgten Auseinandersetzungen. Ueber^- dses gibt es kein politisches Geschehen das
I ^Kj E den Flnanzuständen entscheidend mfc I bestimmend wäre mitsamt den Währungs- und s Kreditverhältnissen, für die heue ja in der I ^^plsache die Reichsbank zuständig ist. Bei 5 w ll-^^ ^^ung mögen wir sogar eine ge- wisse Genugtuung empfinden, weil gerade die Rettung aus tiefster Finanznot eine Eigenart SW^to^ s8 war, ohne jede Hilfe von außen ?er Weg der. Relchsfinonzen spiegelt sich am ^We»m dem Bogens bonbi? U ni satz. schrieben hât. “* " ^steigendem Ast be-
Kiwn^i.?""^^ bezeichnete das Bild dieser t \ k ausführlichen Darstellung des bi Serini Außenpolitik um Sta- ^vT^ 063 Fnedenszustandes seit dem ÄÄSttaj °°ân ,md
Dieser ganze außenpolitische Entwicklungsgang wird nun aber nur verständlich, wenn man seinen tragenden Pfeiler erkennt: Das ist die finanzieLc SeSbffreffung des deutschen
Volkes.
Mit dem Tage der Ausgabe der Renten- mark. dem 15. November 1923, wurde dem Grauen der Ueberinflation ein Ende gemacht. Die Rentenmark allein konnte aber die Rettung nicht bringen. Vielmehr mußten zur Erhaltung ihrer Wertbeständigkeit neben mancherlei Ein- zelmaßnahmen zwei hauptsächliche Voraussetzungen erfüllt werden und bleiben. Die erste Voraussetzung war die sofortige Herstellung des Gleichgewichts zwischen Einnahmen und Ausgaben im Reichshaushall. Die zweite lag in der Begrenzung und Festhaltung des Zahlungsmittelumlaufs im ganzen.
Die gewaltige finanzpolitische und wäh- rungstechnische Leistung, die mit der Lösung dieser Probleme verbunden und ihre Grund-
Beweis die ungeheure Krise, die unsere Wirtschaft zurzest durchläuft.
Es ist dabei in keiner Weise entscheidend, ob man d esen Zustand Deflationskrise oder Gesundungskrise oder wie sonst immer nennt. Ich muß sogar ausdrücklich betonen, daß die Krise zum Teil nicht Ausdruck eines Gesundungsoorganges ist, sondern auf ausländischen Vorgängen beruht, wie besonders auf der künstlichen Kohlenverbilligung und der 3nfla= tionsverhältnisse im Ausland. Gleichwohl ist sicher, daß die jetzige Krise einen großen Teil der innerlich nicht gesunden wirtschaftlichen Unternehmungen hinweggeräumt hat, wobei zweifellos in zahlreichen Einzelfällen auch gesunde Teile mitangeschnitten sind. Wir befinden uns überdies tm vollen Einklang mit den Ge-
läge war, schilderte der Kanzler in einer eingehenden Darstellung der ineinander Lbergrei- senden und sich ergänzenden inner- und außenpolitischen Maßnahmen der Regierung. Dawes-Gutachten und Ruhrräumung — Kre- diteinschränkungsbeschluß und Steuernotver- ordnung — Aufwertung und Zolltarif — Han- deksvertragsverhandlungen, Sicherheitspakt I und Völkerbund waren in der groß und breit
punkte, um die
jung Dr, Luthers Stütz-!
. .... Kanzler ein außerordentlich
interessantes Bild der Entwicklungsgeschichte Deutschlands seit 1923 erstehen ließ. Von diesem Test feiner Rede wird noch in den nächsten Tagen zu sprechen sein.
Dr. Luther behandelte nach dem Abschluß feines Rückblicks
die Gegenwarksaufgaberr wie folgt:
Innenpolitisch muß der dritte Abschnitt, an dessen Anfang wir jetzt stehen, völlig beherrscht werden von dem Entschluß, zielbewußte Wirtschaftspol:tik zu treiben. Auf dem Boden der drei großen Gesthgebungswerke des vorigen Sommers baute sich zunächst das Vorgehen der Reichsregierung in der
Preissenkung
auf. Dieses Vorgehen war, wie die Zahlen, die ich erst kürzlich im Hauptausschuß des Reichstages gegeben habe, beweisen, schon bisher in keiner Weise erfolglos. Auch die Preispsychoje, die sich aus dem bevorstehenden Inkrafttreten des deutschen Zolltarifs entwickelte, ist auf diesem Wege überwunden worden. Selbstverständlich bleibt noch viel zu tun übrig. Besonders ist die Entfaltung unseres Wirtschaftslebens immer noch beeinträchtigt durch eine vèelkach vorhandene Ueberpreisspanne zwischen dem was der Erzeuger bekommt und dem, was der letzte Verbraucher bezahlt. Kalkulatorische Hemmungen können seit der Regelung der Aufrvertungsfrage und seit der Schaffung einer festen Steuergesetzgebung nicht mehr bestehen, wohl aber ist die Uebersetzung de^ deutschen Wirtschaftslebens mit für den wirtschaftlichen Ablauf nicht notwendigen Zwischenstellen eine wesentliche Ursache jener Preisspanne. In gle cher Richtung wirken wohl auch heute noch falsche » Preismkdungsvorstellungen, deren Wurzel in der Inflationszeit liegt. Die Erreichung des endgültigen Zieles einer Wiederherstellung normaler Preisbildung ist keine Angelegenheit von heute auf morgen. Die Reichsregierung wird aber rastlos weiterarbeiten, selbstverständlich in dem durch die Belange der gesamten deutschen Volkswirt- schäft, gezogenen Rahmen.
Eine wichtige, noch -zu erfüllende Voraussetzung ist
deren
dis Beseitigung der Gefchästsaufficht.
bic die volle privatwirtschaftliche Eigenverantwortung vielfach beeinträchtigt. Die Reichs- regicrung kann und will sich aber durchaus nicht darauf beschränken, Hindernisse für die Gesundung in der Volkswirtschaft wegzuraumen. Wir stehen jetzt vielmehr an jener Wegwende, wo alles und schlechterdings alles daran gesetzt werden muß, um die Wirtsck>aft mit wirksamen Maßnahmen unmittelbar zur Neubelebung zu verhelfen. Daß diese Auffassung nicht nur theoretisch ist, sondern dem wirklichen Zustand der Dinge gerecht wird, dafür ist ein schmerzlicher, aber überxeuaenber
dankengängen der von uns angenommenen Dawesgesetze, wenn wir jetzt alle Kraft auf die bewußte Wirtschaftsförderung verwenden, denn die Uebergangsjahrs des Dawes-Planes sind ja gerade für diesen Z - -
Zweck bestimmt. Halt
man sich diesen gesamten Tatbestand klar vor Augen, so erscheinen zunächst
weitere Steuersenkungen als unerläßlich.
So notwendig es einstmals war, zur Rettung der Währung schwerste Steuern auf die Wirtschaft zu legen, so notwendig ist es heute, die Wirtschaft steuerlich so weit zu entlasten, als es mit der Aufrechterhaltung des Gleichge- M chts in den öffentlichen Haushalten Nur
freilich nicht allein von den Steuern. Namentlich ist das Zinsgewicht, das die Wirtschaft heute mitzuschleppen hat, noch außerordentlich hoch; diese ZinsverhSltnisse sind Gegenstand ununterbrochener Sorge der Reichsregierung. Auf d e kürzlich erfolgte Senkung der Passivzinsen der Banken und Herabsetzung des Lombardzinssatzes der Reichsbank darf ich Hinweisen. Was
die soziale« Laste«
betrifft, so ist sicherlich eine wirkliche Sozialpolitik nur möglich, wenn die Wirtschaft, die sie tragen soll, gesund ist Wir müssen auch unablässig bemüht bleiben, die sozialen Lasten nach wirtschaftlich vernünftigen Grundsätzen in einer für die einzelnen Teile der Wirtschaft tragbaren Weise zu verteilen. Auf der anderen Seite dürfen wir keineswegs verge fen, daß ein unter so schwerem Druck liegendes Volk wie das deutsche, ohne durchgebildete Sozialpolitik weder in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit noch in politischer Ruhe zu erhalten ist. Wir halten auch gerade in der Sozialpolitik ein größtes Stück deutscher politischer Ueberlieferung aufrecht, das eine natürliche, ethische Folgerung aus dem Zusammenleben unter den jetzigen Wirtschaftsverhältnissen ist Umsomehr will die Regierung alles tun, was in ihrer Kraft steht, um die Steuern zu senken. Der Erfolg dieser Maßnahme soll nicht nur der unmittelbare sein, daß die Lasten der Wirtschaft vermindert merben.
Vielmehr ist es ebenso wichtig, das Trugbild einer immer wieder zu neuen Ausgaben anreizenden angebliche« Leistungsfähigkeil der öffentlichen Verbände zu beseitigen, das Heuke Verantwortliche unb
Unverantwortliche irreführt.
Freilich wäre es im höchste« Grade erwünscht, wenn der Abbau der Steuern so vorgenommen werden könnte, daß mit Vorzug diejenigen Lasten beseitigt werden, die die Wirtschaft am meisten wunddrücken. Ich habe keinen Zweifel, daß das die R e a l st e u e r n der Länder und Gemeinden sind. Der gesamte Aufbau unseres Reiches läßt aber leider ein schnelles und ohne Umweg voranschreitendes Handeln in dieser Richtung nicht zu. Das Reich kann erhebliche und durchgreifende Steuersenkungen nur in den von ihm selbst erhobenen Steuern
rung unserer Wirtschaft. Wir müssen dieses' Wagnis laufen. Es nützt uns garnichts, zunächst noch gut gefüllte öffentliche Kassen zu haben, wenn dabei die Wirtschaft immer weiter zurückgeht.
Richt der Staat trägt die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft den Staat.
Ich bin mir wohl bewußt, daß das Wagnis besonders auch deshalb groß ist, well wir trotz Besserungsansatzen auf diesem Gebiet noch immer unter einer völlig unmöglicher Handelsbilanz leiden, die auch durch keine Zahlungsbilanzverhältnisse, die man als dauernd ansehen konnte, ausgeglichen werden. Weiter erhöhen sich unsere Schwierigkeiten dadurch, daß wir mit den Handelsvertragsverhandlungen durchaus noch nicht soweit voran» gekommen sind, wie dies für die Erhöhung der deutschen Wirtschaft notwendig ist. Die ung^ meine Ausdehnung der Erwerbslosen f ü r f o r g e einschließlich der zeitweilig nicht vermeidbaren Kurzarbeiterfürsorge ist ferner, so notwendig aus sozialen Gründen sie ist, auf dem Wege der baldigen Wirtschaftserholung weit eher ein Hemmnis als eine Stütze.
Dies gilt umsomehr, als in äußerst bedenklicherweise eine innere Umstellung an recht vielen Stellen dahin zu wirken scheint, daß sorgfältig überlegt und abgewogen wird, wie man unser Benutzung der Vorschriften und Lücken der Erwerbslosengeseh-- aebuna einen Teil bet Arbeiterschaft praktisch aus öffentlichen Mitteln bezahlen läßt
: Ich fürchte, daß dieser Umstand, dessen Fest" ' stellung nicht jedem lieblich in die Ohren klingen mag, der Reichsregierung und den Länderregierungen noch mehr ernste Sorgen bereiten wird. Wer wie dem auch sei. In den Grenzen, die mit einer sachlichen Betrachtung der Besserungsmöglichkeit nur irgend vereinbar sind, muß jetzt die Steuersenkung gewahrt werden, damit das Eigenleben der Wirtschaft in neuen Schwung kommt.
Die Reichsregierung begnügt sich nun aber nicht mit Steuersenkungsmahnahmen, sondern hat sich auch zu
Schritten positiver Wirkschaftsforderung entschlossen. Dabei muß selbstverständlich jebef künstliche Antreiben der Wirtschaft vermiede« werden, das eine erneute Verschleppung der Krise bedeuten würde, auf der anderen Seite haben wir es bei dem jetzigen Zustand der Dinge auch mit einer psychischen Hemmung zu tun, die man allgemein mit dem Wort Vertrauenskrise bezeichnet und die durch ein positives Handeln der Regierung sicher gemil« bert werden kann. Nun sind einige Gebiete vorhanden, auf denen man helfen kann, ohne in künstliche Maßnahmen zu verfallen. Im Vordergrund steht hier alles, was zur Belebung der'Ausfuhr dient, solange wir die ordnungsmäßige Grundlage von Handelsverträgen noch nicht auf der ganzen Linie erreicht haben, und solange weltpolitische Tatsachen die freie Entfaltung des Warenaustausches noch behindern. Zu den Maßnahmen dieser Art gehören z. B. die der Oeffentlichkeit bekannten Verhandlungen über den sogenannten Russenkredit, sowie die Bestrebungen zur Wiedergewinnung unseres natürlichen Kohlenobsatz- g e b i e t e s. Ein anderer Gesichtspunkt, der eine Hilfe der Reichsregierung erfordert, ergibt ich daraus, daß der Geldmangel der Eisen- >ahn, der zur Zurückhaltung von Bestellungen aeführi hat, nicht allein auf wirtschaftliche« Gründen beruht, sondern auf der politische« Belastung durch das Dawes-Abkommen. Auch hier hilft die Regierung durch Kreditgewährung Unter dem Gesichtspunkt der produktiven Er» werbslofenfürforge, die freilich bei gröber« Ausdehnung nicht unerhebliche Volkswirtschaft, liche Gefahren in sich schließt, sollen auch weiterhin einige Sondergcbietc bevorzugt be handelt werden, die für das politische Gesamb leben Deutschlands besonders wesentlich sind. Dazu gehören die H a n d e l s s ch i f f a h ri und Werste«, zu deren Förderung die no4 vorhandenen Mittel aus dem Redereidarleh« für Neubauten auf den deutschen Werften nod
vornehmen. So kommt von selbst die Umsatzteuer wieder in den Vordergrund. Auch eine Reihe anderer Steuern werden, wie ich als bekannt voraussetzen darf, gesenkt. Besonders st die Reichsregierung jetzt auch damit einver- tanden, daß die sogenannte Luxus st euer 1 ö l l i g verschwindet. Schon tm Dezember vorigen Jahres ist eine Heraufsetzung des lohnsteuerfreien Mindesteinkommens vorweg- genommen worden, wodurch den sozialen Er- orberniffen Rechnung getragen worden ist.___„_______„ „ . ..
Der ganze Steuersenkunasplnn der Regierung die volksarmen Teile des Ostens stärker betrie setzt mit Bewußtsein auf die Karte einer Beste- den werden. Aus sozialpolitischen Gründe»
im Frühjahr dieses Jahres Vorgegeben werde» fallen. Ferner soll die ländliche Sied- l u n g , und zwar gerade auch nach dem in bd Regierungserklärung angekündigten Plan für