Du tarn il)m gum ersten Wate die dumpfe Erkenntnis, daß sie die Wahrheit sage. Er sprach nicht mehr von dem, was ihn hierher geführt hatte. Bald schieden sie im besten Einvernehmen. Er kehrte mit dem Wunsche Heim, den Platz auszufüllen, aus den er gestellt war.
Abrechnung.
Skizze von Egon Jacobsohn-
die
Frau Siglinde legte ihm abermals Einladung zu dem Ball neben den Frühstücks- kakao, schmollte zwei Tage und zwei Nächte Zweigend, weil er die Aufforderung ohne Kommentar in den Papierkorb warf, überraschte ihn, in diesem Faschingsmonat nun schon zum sechsten Male, mit einer Eintrittskarte für ein anderes Tanzvergnügen, begann aber, als er wiederum mit der sattsam bekannten Geste des Hausdiktators den Wisch verschwinden ließ, aus ihrem empörten Herzen keine Mördergrube zu machen. Er schien mit vermehrtem Appetit seine Brötchen zu verzehren, sich nicht weiter um den Gram seiner besseren Ehehälfte zu bekümmern, außerdem jedoch auch fest entschlossen zu sein, alle künftigen Einladungen in gleicher Weise zu berücksichtigen.
i^..^™ Siglinde setzte ihren Eheputsch mit schärferen Waffen fort: sie beschloß, den hartnäckigen Feind an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen; er erhielt eine absichtl ch versalzene Mehlsuppe — oh, wie er sie haßte — vorgesetzt, mußte sich mit einem bös zähen Schnitzel begnügen und zum Schluß einen schrecklich schlecht schmeckenden Kaffee herunterschlürfen. Die erste Schlacht war gewonnen. Er sprach wenigstens mit ihr, versuchte ihr auseinander- Wsetzen, warum er als ernst zu nehmender Gelehrter aus keinen Fall beruflich die sinkende Moral der geistlosen Tänzer bekämpfen, aber außerdienstlich selbst sich den Genü sen eines Fox hingeben dürfe.
Frau Siglinde sah seinen Grund ein, er- laubte sich aber sachlich darauf zu erwidern, daß sie als junge Frau ein Recht aus Lebenslust besitze, und daß sie sich dieses Recht von niemandem, auch n cht von ihrem ernsten Gatten, rauben lassen würde. Der peinlich W'9 werdende Dialog endete mit dem plötz- lidjcn Abgang des Hausherrn, der nicht ahnen konnte, daß er, bereits völlig besiegt, dem Feinde die Mittel für einen neuen Vern ch- tungsangriff überlassen hatte. ‘
Frau Siglinde bereitete in aller Stille einen großen Tanzabend in ihrem Helm vor und stellte den Gatten vor de Tatsache- „Bitte ziehe deinen Smoking an, In einer Stunde kommen Gäste!"
Zehn Minuten später sah er im Auto, u Westend zu einem Studienfreund und blieb dort die Nacht.
Man sprach in seinen Kreisen sehr viel Wn dem lustigen Fest im Hause der schönen Frau Siglinde, von dem unsichtbaren Ge- lehrten, der den Tanz bekämpte, ihn aber in einem eigenen Helm in so vollendeter Aus- KB ÄS' ^^ s«*»
Man sprach sehr v el, viel zuviel, mehr als es der tanzlustigen Frau Siglinde im In- treffe ihrer Ehe, ihres Rufes und des Ansehens ihres Mannes lieb sein durfte.
c *mm5r . leidenschaftlicher werdende Sehnsucht nach einer lustigen Ballnacht drohte
ionst so beneidenswert glückliche Ehe nicht nur zu stören, sondern auch zu zerstören. Je energischer der Wiederstand des Gelehrten gegen ihren Wunsch, auf einen öffentlichen au gehen, wurde, desto stärker wurde ihr Verlangen. An iedem Morgen telephonierte sie mit all ihren Freundinnen. von
denen sie wußte, baß sie die Nacht auf einem Ball verbracht hatten. Jede noch so unwichtige Kleinigkeit ließ sie sich haarklein berichten, litt wahre Höllenqualen, wenn sie immer und immer wieder vernehmen mußte, was für ein erschreckend trübseliges Dasein sie an der Seite ihres Antitanzgatten verbrachte. Die Ballberichte in den Zeitungen lernte Frau Siglinde auswendig, so daß sie trotz ihres so zurückgezogenen Lebens über alles so genau unterrichtet war, im Kreise ihrer Freundinnen Urteile abgoben und für alle künftigen Tanzveranstaltungen wertvolle Tips in bezug auf Kostümierung erteilen konnte. Wachte sie nachts nach einem aufgeregten Traum, der sich selbstverständlich hauptsächlich in irgendeinem phantastisch- romantischen Ballsaal abspielte, auf, so malte sie sich nach einem Blick auf die Uhr aus, wie es jetzt auf dem Alt-Berliner Maskenball im Zoo in der Roten Veranda aussehen würde.
Es gibt Menschen, die an Größenwahn, an Verfolgungswahn, an Schwindsucht leiden, Frau Siglinde litt an Ballsucht.
Als er sich nun auch trotz all ihres Flehens nicht entschließen konnte, auf das sehr angesehene Fest der Bildhauer und Maler zu gehen, auf dem sogar die Spitzen der Stadt ihre sonst so berechtigte Zurückhaltung gegenüber derartigen Veranstaltungen aufgaben, erklärte sie empört, daß sie nach Aufhebung der Leibeigenschaft als freier Mensch nicht mehr gewillt sei, seinen Schrullen zu gehorchen. Frau Siglinde ließ sich das Kostüm der Mona Lisa schneidern, verbrachte mehrere Tage und halbe Nächte vor dem Bilde jener Dame, bestellte den besten Theaterfriseur, sah in der Tat mit Hilse von Perücken, Puder, Lippenstift und Schminke sehr schnell aus wie ihr großes Vorbild, verabschiedete sich kühl von dem Gatten, fuhr Im Wagen bis dicht vor das Ballhaus, setzte die zierliche Seidenlarve vor, erschien, lebhaft bestaunt, überglücklich, sich nun endlich doch zu dem ersehnten und erträumten Ziel durchgekämpst zu haben, im Saal, wurde im gleichen Augenblick von vier Herren im Frack umringt, von dem ausgelassenen Quartett im Jubel in eine Nische gelockt und zum Sekt eingeladen.
Frau Siglinde schwelgte in Seligkeit. So, gerade so hatte sie sich stets das Leben auf einem Maskenball vorgestellt. Oh, was für einen Riesenbombenerfolg hatte sie erlangt: kaum aus dem Ball — und schon von einer Schar eleganter und großzügiger Verehrer umringt! Ihr Mann wußte schon, warum er ein so grimmiger Feind des Tanzes war! Er wünschte nicht, daß sie an dem Beifall, den sie überall sofort errang, merken sollte, wie entzückend sie trotz der sechsjährigen Ehe noch immer war! Wenn nur er oder wenigstens ihre Freundinnen sie hier beobachten würden, wie groß das Opfer war, das sie durch ihre Folgsamkeit und Tanzenthaltsamkeit ihrem unleidlichen Gatten gebracht hatte!
Ihr Kavalierquartett war vorbildlich aufmerksam, ritterlich, tanzfreudig, kargte nicht mit dem Sekt und den Lobpreisungen ihres Aussehens, las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab, trug sie, ach, warum konnte er das nicht einmal persönlich sehen, sozusagen aus den Händen.
Als Frau Siglinde nach Mitternacht, vom ungewohnten Tanz und Wein ermüdet, den Wunsch äußerte, nach Hause gebracht zu werden, rief sofort der erste Verehrer den Ober zur Bezahlung der Zeche, schleppte der zweite Ritter ihren Pelz herbei, besorgte der dritte Kavalier die schönste Autodroschke, geleiteten sie alle vier bis vor ihre Haustür, küßten ihr devot das Händchen, schlossen ihr die Tür auf, wünschten ihr herzlichst eine angenehme Nacht und fuhren mit dem Maaen davon.
Erschien es ihr nur io, oder täuschte sie sich nicht: der Gemahl war am nächsten Morgen von einer noch nie beobachteten Höflichkeit. Er fragte artig, ob sie sich auch gut amüsiert habe.
„Es war wundervoll, wundervoll! Ich möchte den gestrigen Abend nie missen!"
„Cs hat ja schließlich auch genug gekostet."
Frau Siglinde blickte empört auf: „Wirfst du mir vielleicht die Karte für zehn Mark oder den Friseur für zwanzig Mark oder die Droschke für drei Mark vor!?"
„Nein, mein Liebling, aber die vier Kavaliere, die dich am Balleingang abfingen und gegen Honorar den Abend über zu unterhalten, zu beschützen und zu beaufsichtigen hatten, diese Strolche haben mir eben auf ihre gestrige Rechnung neben den mit mir vereinbarten Spesen noch 423 Mark für Sekt aufaeschrieben! Du hättest doch wirklich auch zwischendurch mal einen billigen Rheinwein trinken können.
Aussprache.
Skizze von J. Bragi.
Margarete weinte. Sie hatte schon viel heimliche Tränen vergossen, erst wild und leidenschaftlich, dann immer hoffnungsloser. Sechs Jahre war sie verheiratet und hatte so sicher an den Fortbestand ihres Glückes geglaubt, daß die Enttäuschung sie doppelt schwer traf.
War es wirklich Wahrheit? Die Briefe mit weiblicher Handschrift, die gekommen und die Wolfram schnell und verlegen an sich genommen, sein bedrücktes Wesen, seine ausweichenden Antworten auf ihr besorgtes Fragen, endlich das Bild, das sie in seiner Brieftasche entdeckt —. Sie schämte sich ehrlich, daß sie heimlich in der Nacht seine Taschen durchsucht hatte, ganz gewiß, sie schämte sich, aber dennoch — wenigstens hatte sie jetzt Klarheit.
Es war kein Zweifel, Wolfram liebte eine andere. Sie sah und fühlte, daß er litt. Anfänglich hatte sie sich selbst täuschen wollen mit dem Gedanken, daß er so tief um seinen Vater trauerte. Doch hatte der Mond seit dessen Heimgang schon mehrere Male gewechselt und Wolframs Seele flüchtete mehr und mehr vor seines Weibes bittenden Augen und fragendem Herzen.
Und dann rang sie sich nach langem Weinen zu dem großen Entschlusse durch. Ganz ruhig wurde sie, wie starke Seelen, die ihr eigenes Wollen Niederkämpfen können. Feierlicher Ernst lag in ihren verhärmten Zügen, als sie leise in ihres Mannes Zimmer trat.
„Du versteckst etwas, Wolfram?"
„Verzeih — ich — eine wichtige Arbeit."
Schwer ließ sie sich in den Sessel neben seinem Schreibtisch fallen. „Warum betrügst Du mich, Wolfram?^ Nun war es heraus.
„Ich — Dich betrügen? Du irrst, Margarete." Starr richtete er sich in seinem Schreibstuhl auf.
„Nein, Wolfram, ich irre nicht. Zu deutlich fühle ich, daß sich Deine Gedanken mit einer anderen Frau beschäftigen. Du wirst verlegen?" Ihre Stimme wurde leiser. „Wolfram, ich komme zu Dir als Kamerad", Tränen verschleierten den Klang ihrer Worte, „ich will Dir helfen zu überwinden, und", sie atmete schwer, „und — wenn es stärker ist als Du und ich — dann — will ich Dich frei« geben. Lieber zwei Glückliche als drei Unglückliche."
Er sah sie an, als habe er den Sinn ihrer, Worte nicht ersaßt.
„Ich habe ihr Bild bet Dir gesehen — " sie konnte nicht weitersprechen.
„aHaraarete, versteh tä> Dich rechtV
Stumm nickte sie, als fürchtete sie, bei dem nächsten Wort ihre mühsam erkämpfte Selbstbeherrschung zu verlieren.
„Margarete! Du!" Er konnte es kaum Iassen. „Nie hätte ich geglaubt, daß eine Frau o — so — ja so groß fein kann. Und ich »achte klein von Dir — hielt Dich für — ver« zeihe__"
„Also liebst Du eine andere?"
„Lieben? Ich — eine andere? Margarete! Ach Du!" Wie sein Lachen ihre Seele von qualvoll drückender Last befreite!
„Ich sah doch ihr Bild, Wolfram!"
„Das Bild — ja, ja, ich verstehe — laß mich Dir alles berichten--das Bild stellt meine Halbschwester dar. Ich schämte mich vor Dir. Ach, ich litt grenzenlos unter der Tatsache, daß mein verehrter Vater ein Kind hatte, das nicht seinen Namen trug. Auf dem Sterbebette vertraute er mir sein Geheimnis an und empfahl seine Tächter meiner Obhut. Das arme, junge Mädchen hat seine Mutter längst verloren und seine Jugend in Kinderheimen und Erziehungsanstalten durchgemacht. Verstehst Du meine Sorge, meinen inneren Zwiespalt, Margarete? Ich wagte nicht, Dir etwas zu sagen. Frauen sind in solchen Dingen — verzeih--"
Da ergriff sie seine Hand und hielt sie fest, ganz fest. „Ich bin Dein Kamerad, Wolfram, das sagte ich vorhin und nehme es auch nicht zurück. Uns steht nicht zu über den Toten zu richten, unsere Pflicht ist zu helfen."
„Du wolltest----
„Der Verwaisten eine Heimat bieten, ihr Schwester sein."
„Ueberiege Dir das reiflich! Nachher ist es zu spät."
„Ich will mich nicht besser machen, als Ich bin, Wolfrain. Vor einem halben Jahre hätte ich vielleicht diesen Gedanken entrüstet von mir gewiesen. Jetzt aber —" Lächelnd beugte sie sich zu ihm hinüber. „Wollte ich Dir nicht viel mehr geben, weil ich Dich unglücklich wähnte?"
In stummem Dank zog er sie an seine Brust. Beider Seelen Sehnsucht floß ineinander und in ihren Herzen brannten Flammen der Seligkeit aus dem Opferfeuer selbstloser Liebe.
Der Vaaabund.
Skizze von Friedrich Rasche.
Nur für die Dauer e nes Augenblickes stand ein matter, gelbroter Glanz in der Luft. Wie eine schüchterne Liebkosung rührte er den Schnee an und erlosch.
Nun ist nichts mehr unter dem niedrigen Himmel als weiße Wüste. Der Schnee macht die Füße schwer. Wenn Du stehen bleibst, summt nur das Blut in Deinen Ohren. Die Stille tut keinen Ton hinzu. Die Stille ist tot.
Aber manchmal knarrt ein Krähenflug hart über den Weg. Und da und dort steht ein Wald, schwarz und schwer aufgemauert, von Schweigen bedrückt.
Der einzige Mensch in dieser weißen Cin- amfett ist der alte Vagabund. Vornüber- iebeugt, die graue Mütze vom Genick bis tief n die Stirn gezogen, sch ebt er sich vorwärts. Teufel auch! Wie bequem sich doch solche Straßen im Sommer wegtreten lassen. Aber er hat im Laufe der Jahre für den Winter eine besondere Gehmethode erfunden, rind so kommt er leidlich vom Fleck. Freilich — die Kälte schneidet ihm böse gegen die Rippen Denn das schadhafte Mäntelchen, das er trägt, ist nicht für Temperaturen unter Null berechnet. Welch ein Glück, daß feine Stiesel In Schuß sind! Diese Bombenstiefel sind ein
Schatz uns fein Trost. Er har ne tm Herbst' einem Bauern abgeluchst als Lohnzugabe für drei Wochen Kartofselhacken. Und der Dorfschuster hat ihm für zwei Tage Gartenarbeit ein Paar Staatssohlen darauf gehauen und mit Eisen benagelt, daß er diesen Stiefeln eine Wanderung um die Welt gumuten könnte. Aber so hoch will der Alte nicht mehr hinaus „Gott bewahre meine Zehen vor Frost", denkt er, Denn die Frostbeulen an den Fingern decken seinen Bedarf in dieser Hinsicht vollständig. Er schmunzelt vor sich hin, krümmt im Gehen ein wenig die Zehen und bemerkt mit innigem Wohlgefallen, wie weich der Fußlappen sich anschmiegt, und wie wohlig die kleine Stroheinlage wärmt.
Als er ein Wäldchen hinter sich hat und der Weg sich in eine Talsenke hinabbiegt, in der man ein Dorf liegen sieht, holt er einen anderen Kunden ein. Das ist ein schmächtiges, leidlich angezogenes Kerlchen. Aber diese zerknitterte Eleganz schützt noch weniger gegen Schnee und Frost. Der Alte merkt es gleich am Gange, daß der Kleine noch nicht o'el Landstraßen unter den Füßen gehabt hat. Ein Weilchen stapfen sie wortlos nebeneinander her, dann beginnt der Alte ein Gespräch.
„Na — auch ’n bißchen unterwegs?"
„Ja — ja", sagt der Kleine nur, und zeigt ein junges, von Hunger und Mattigkeit schlimm ausgehöhltes Gesicht.
„Bist wohl noch nicht lange so dabei — he?"
„Ach Gott" seufzt der Junge, es sind nun schon vier Monate/'
„Monate", knurrt der Alte und versucht, sich wichtig zu machen. „Als wenn das ein solides Maß für Landstraßen wäre! Machst ein recht »nückisches Gesicht, mein Junge. Haben sie Dir Irgendwas Ungrades in die Fleppe gesetzt — wie? Hast am Wege was weggefunden, und gleich haben sie Dirs angerochen?"
„Um Gotteswillen" protestiert der Kleine erschrocken, „ich habe sogar studiert. Aber — der Jammer mit dem Geld! Dann habe ich in einer Fabrik gearbeitet. Der Lohn langte gerade zuni Leben. Dann war plötzlich Schluß — entlassen."
„Na ja", sagte der Alte, „Handwerk hat nicht immer goldenen Boden. Ich habe es mehr mit dem Kupfer gehalten. Hunger also?" fragt er weiter. „Siehst aus, als wärst Du im Einholen noch 'n bißchen grün."
„Gott — man gewöhnt sich an das eine und an das andere. Nein — das ist es nicht, da ist was--" er fängt an zu drucksen und guckt vor sich hin in den Schnee.
„Na — red' man Deine Strippe herunter", ermuntert ihn der Alte.
„Ja also -7 da ist meine Mutter. Meine Mutter hat übermorgen Geburtstag. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, denn ich habe immer Briefzeug bei mir. Aber die Briefmarke fehlt.
„Mensch", sagte der Alte, „eine Mutter — eine richtige Mutter! Mensch, was bist Du gu beneiden. Hat sich selber und die Straße und dazu noch eine Mutter. Ich kann mich an nichts Derartiges erinnern. — Penunje?" setzt er inquisitorisch hinzu.
„Da hängt es ja eben — keinen Pfennig!" Der Junge ist ganz kleinlaut geworden.
„Ja, ja —" brummt der Alte, „so geht es eben zu."
Inzwischen sind sie in das Dorf gekommen. Hier ist die Straße ausgeschauselt Die Gehöfte liegen breit und schläfrig da in ihrer weißen Vermummung. Die Esse der Schmiede atmet in langen, gleichmäßigen Stößen schwarzen Qualm und rote Funken in bie glasklare Luft.
„Du gehst mir doch 'n bißchen zu sachte", beginnt der Alte wieder. „Lange sonnen wir
mä)i beieinander bveibew ^ver ^eyv wvuiuu Dich erst da mang die Mauer, immer Ihrts halten, und an der Kirche wartest Du auf mich." Und er setzt schon mit seinen langen Beinen hinüber nach einem kleinen Laden.
Der Junge steht ein Weilchen verdutzt da und geht dann in der angegebenen Richtung weiter. Der Frost ist ihm längst ins Blut gestiegen, und der Hunger schüttelt ihn von innen heraus. Graue, häßliche Gedanken fallen ihm ans Herz wie ein Krähenvolk. Um sich ihrer zu erwehren, sucht er krainpfhaft nach einer freundlichen Erinnerung. Aber es will ihm nichts einfallen. An der Kirche verhält er den Schritt, wiewohl er lieber weiterginge, immer weiter, ohne anzuhalten, um endlich Irgendwo in den Schnee zu sinken und nicht wieder aufzustehen.
Da komint der Alte Hsrangestainpft, in den Winkeln seiner umrunzelten Augen sitzt ein listig blinzelndes Lächeln, und als er vor dem Jungen steht, lacht er gerade heraus, daß ihm der Atem weiß vom Munde fährt. Er nimmt beide Hände aus den Taschen und bringt heraus, was er zusammengefochteir hat.
„Da haft Du zunächst mal 'ne Groschen- marke, und hier einen Kanten Brot, und den Wurstzippel, der erst gar nicht mitkoinmen wollte, kannst Du ganz "haben, denn ich habe erst gestern was Aehnliches iveggespukt. lind hier sind drei Zigaretten, schlecht, ober sehr billig. Und wenn Du diese Nacht hier pennen willst, dann geh' man zu dem vorletzten Bauern rechts an der Strasse, sag' ihm einen schönen Gruß vorn alten Hahn, er hätte Dich ihm bestens empfohlen. So, min Junge, nu mach mal zu und tu nicht blöde, und grüß' Mutten» auch schön."
Der Kleine ist starr vor Staunen. Er kommt nicht einmal zuni Danksagen. Da hat er nun alles das in den Händen, wonach er verlangte, und er weiß vor Freude nicht wohin damit. Die Aussicht für die Nacht, eine Schütte Stroh im warmen Kuhstall, »nacht ihn wirbelig im Kovfe. Ja — nur ausruhen, benn seine Glieder sind, als wollten sie jeden Augenblick auseinanderbrechen.
Der Alte ist schon ein gutes Stück davon. Er kaut im Gehen ein Stück Brot und zieht dazwischen an der Zigarette, die ihm im Mundwinkel hängt. Donnerwetter ja, nun muß er sich gufammennehmen. Nachdem er dem Kerlchen seine sichere Schlafstelle abgetreten hat, heißt es bis zum übernächsten Dorf durchlaufen. Denn im nächsten Dorf hat er keine „Bekannten". Das sind also noch schöne vier Stunden. Er ist schon iviedcr auf freiem Feld. Der Schnee kluinpt sich an die Absätze. Und der Abend wächst bedrohlich schnell über bem Horizont herauf. Die Landschaft wird zusehends grau, und die Stille immer stiller.
Der Alte schmunzelt In sich hinein. Er freut sich nicht über das, was er eben getan. Das hat er beinahe vergessen. Er freut sich allein über feine Stiefel, er krümmt ab und zu die Zehen ein und horcht, ob er das Knistern des Strohes hören kann.
Das Original
Der berühmte Maler Adrian oan der Velde war nach Antwerpen getommen, um hier ein neues Gemälde in Angriff zu neh- men. In den Mußestunden durchstreifte er die Umgegend und entdeckte eines Tages ein entzückend gelegenes Landhaus, das vor feinen Maleraugèn Gnade fand. Er beschloß sofort, dieses Landhaus zu malen, und mietete sich in demselben Dorfe bei einfachen Leuten ein. $on diesen erfuhr er, daß das Landhaus dem englischen Lord (Harenbon gehöre. DH Fleiß und Eifer »nachte sich van ber Beta« »