201. Jahrgang.
Sanauer 8 Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land.
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Ar. 27 Dienstag den 2. Februar 1926
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DaS Äeuefts.
— Im preußischen Landtag fand gestern eine Rheinlandkundgebung statt.
— Die Liberale Vereinigung in Berlin veranstaltete gestern abend eine bedeutungsvolle Kundgebung für den liberalen Gedanken.
— Der Kommunallandtag für den Regierungsbezirk Cassel ist heute mit einer Ansprache des Oberpräsidenten eröffnet worden Zum Präsidenten wurde Landrat a. D. Keudell- Eschwege gewählt.
— Die geplante Abrüstungskonferenz hat eine Verschiebung erfahren.
- Der kürzlich gemeldete russisch-deutsche Zwischenfall hat seine Regelung gefunden.
Mr de« Werralen Gedanken
Berlin, 1 Febr. Die Liberale Vereinigung veranstaltete heute abend einen Festabend. Unter den etwa 500 Anwesenden bemerkte man Reichskanzler Dr. Luther, die Sieichsminister Dr. Stresemann, Dr- Geßler, Dr. Kilp, Dr. Reinhold, Dr. Curtius, Dr. Krohne, die preußischen Minister Dr. Höpker- Aschoff, Dr. Becker und Dr- Schreiber, ferner waren erschienen der frühere badische Staatspräsident Prof Dr. Hellpach, der österreichische Gesandte Dr. Frank, der Oberbürgermeister von Berlin, Dr. Böß, der Vizepolizeipräsident Dr. Friedensburg, Bürgermeister Dr. Petersen- Hmnburg, Staatssekretär Dr. Meißner, Ober- präsident Dr. Maier, die Professoren Hans Del- irück und Meinecke und zahlreiche Vertreter Er Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel. Von den Reichstags- und Landtags- frattionen der Deutschen Volkspartei, der putschen Demokratischen Partei und der Virischaitlichen Vereinigung waren die
Der Ehrenvorsitzende der Liberalen reiht« sing, Geheimrat Prof. Dr. K a h l, begrüßte ae Gäste in einer längeren Rede, in der er auf iè hohen Traditionen des Liberalismus hin- vies und betonte, daß der Liberalismus kei- leswegs eine neue Gründung sei, sondern viel« »ehr schon zur Zeit des großen Stein die Mische Ideenwelt beherrschte. Als der Redner hervorhob daß die Stunde, die die Gäste der Liberalen Vereinigung zu einer Feier zusam- meilführte, nicht weit getrennt sei von der -tunde der Befreiung deutschen Gebietes von Er fremden Besatzung, und als er daran für >as Rheinland herzliche Wünsche anknüpfte, pendele die Versammlung spontanen Beifall.
AheitUaudAmvsebtms im Landtag.
Berlin, 1. Febr. Zu Beginn der heutigen Sitzung des Preußischen Landtages, in der das gesamte preußische Kabinett mit Ausnahme des verhinderten Ministerpräsidenten Braun er« zf Landtagspräsident Bar -
ienen war, ergri els aus Anlaß
Rheinlandzone zu folge, das Wort:
der ersten msführungen
„Gestern ist die erste besetzte Rheinlandzone endgültig geräumt worden. Damit ist ein Fünftel des besetzten Gebietes von der fremden militärischen Besatzung befreit. Mehr als ein Jahr haben unsere Brüder und Schwestern in diesem Gebiete länger auf die Stunde warten müssen, wie es vertragsmäßig hätte sein sollen. Mit unserem Herzen waren wir bei ihnen, als sie in der vergangenen Nacht in einer würdigen Feier vor dem Kölner Dombau die endgültige Befreiung begrüßen konnten. Dieses Ereignis gibt auch dem preußischen Landtag lebhaften Anlaß, seiner besonderen Freude über das endlich Erreichte einmütig Ausdruck zu geben. Er entbietet der Bevölkerung des jetzt befreiten Gebietes seine herzlichsten Glückwünsche und dankt ihr zugleich für ihr Treugelöbnis zu Preußen und Deutschland, in dem sie auch in den schwersten Zeiten nicht wankend geworden ist. Der Landtag spricht dabei zugleich die Hoffnung aus, daß auch die Räumung der beiden weiteren Zonen in absehbarer Zeit, jedenfalls aber vor dem Ablauf der vertraglich bedungenen Fristen, erfolgen möge. Denn stets wird die Besatzung,
beseitigen und ungehindert am Wiederaufbau des Vaterlandes milzuarbeiten. Insbesondere gilt es, die schwere Wirtschaftskrise, unter der unser Land und besonders auch das niederrheinische Gebiet so schwer leidet, zu beseitigen oder doch zunächst zu mildern. Daß dazu alles Mögliche getan wird, darin ist sich der preußische Landtag einig, und nicht weniger hoffen wir in dieser Stunde, daß neuen der Befreiung vom fremden Druck unser Volk, insbesondere auch seine arbeitenden Schichten, von dem Druck der wirtschaftlichen Notlage recht bald befreit werden möge."
Das Haus hörte die Ansprache stehend an und begleitete sie mit lebhaften Beifallskundgebungen.
Glückwunsch des Reichskanzlers.
Berlin, 1. Febr. Reichskanzler Dr. Luther sandte an den Oberpräsidenten Fuchs folgendes Telegramm:
„Heute, wo es endlich gelungen ist, die Bestimmungen des Vertrages von Versailles über oie Räumung der ersten Rheinlandzone zu verwirklichen, richten sich die Gedanken der Reichsregierung vor allem auf die noch andauernde Not der zweiten und dritten Zone. Ich weiß mich in meinem Empfinden eins mit den Bewohnern der befreiten ersten Zone, wenn ich gerade in dieser Stunde bestätige, daß die Reichsregierung weiterhin ihre ganze Kraft daransitzen wird, für die Reichsleile, die noch unter fremder Besatzung leiden, die Last
der Besetzun
ganzen Reform naturgemäß unverändert aufrecht erhalten werden, denn praktisch wäre eine solche Verfassungsänderung im Reichstag gar nicht durchzusetzen. Außerdem aber sollen durch die Beibehaltung der Parteilisten auch die kleineren PGM ' - — - • ■
. arteien berücksichtigt werden. Die Bedeutung der Parteilisten wird allerdings sehr wesentlich herabgesetzt werden- Auf den künftigen Wahlkreis mit 200 000 Wahlberechtigten würden, wenn auf 70 000 Stimmen ein Mandat entfällt, höchstens drei Abgeordnete kommen, bei normaler Wahlbeteiligung wahrscheinlich zwei. Damit wäre der allergrößte Teil der 390 Mandate, die normaler Weise zu vergeben sind, schon in den Einzelwahlen
durch Persönlichkeiten
besetzt, die in den Wahlkreisen selbst aufgestellt werden. Die Reststimmen würden zunächst auf Verbandslisten verrechnet werden. Wenn z. B. Baden künftig sieben Wahlkreise hat, so würden diese sich zu einem Wahlkreisverband zusammenschließen und eine gemeinsame Liste aufstellen, auf die die Reststimmen verrechnet würden, die in jedem einzelnen der sieben Wahlkreise übrig bleiben. Da trotzdem noch Reststimmen vorhanden sein würden, soll das System einer Reichsliste jeder einzelnen Partei beibehalten werden, vor allem um den Parteien die Möglichkeit zu geben, die Wahl ihrer führenden Persönlichkeiten in den Reichstag unbedingt sicherzustellen. Aber große praktische Bedeutung hätte eine solche Reichsliste natürlich nicht mehr, nachdem durch die Einzelwahlen und die Verbandsliste fast alle Mandate aufgeteilt sind. Außerdem würde man die Bedeutung der Reichsliste noch weiter dadurch einschränken können, daß
den Parteien auf der Reichsliste nur ein bestimmter Prozentsatz der Mandatszahl zugebilligk würde, die sie in den einzelnen
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und solange sie rd nur geeignet aber, die nun am Ende des Li
sein, die so notwendige friedliche Annäherung stehen, den sie aufrechten Hauptes der Völker zu erschweren. Das jetzt befreite Ge- Deutschland willen gegangen sind, biet aber wird nun in der Lage sein, mit uns "
gemeinsam die Schäden der Besetzungszeit zu
, um ganz gegangen sind, dankt die Reichsregierung von ganzem Herzen für ihre vaterländische Treue."
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Hen fassen die Politik immer so auf, als wenn legen jemanden Politik getrieben wer- >en müsse, und vergessen, daß wir Politik f ü r ne Gesamtheit des Volkes machen »Men. (Lebhafte Zustimmung.) Ich bekenne "ich dazu, daß die Unterschiede innerhalb des Liberalismus keine Unterschiede der Weltanschauung sind sondern solche, die Hervor- le^n aus den verschiedenartigen Einstellungen !N den Ereignissen der letzten Tage und zu >en Parteien. Man könnte und sollte sich heute >nden in der Ueberzeugung, daß weder im Mn noch im neuen Staate alles gut, noch alles Mcht war und ist, und daß nur auf dem °°^en eines liberalen neuen Maates der Wiederaufbau Deutsch- »»ds geschehen kann. Es gilt heute, a5 deutsche Volk mit Staatsgeist und es gilt >en deutschen Staat mit Volksgeist zu erfüllen!
sind die Aufgaben, an denen wir arbeiten °°llen. (Stürmischer Beifall-)
Reichskanzler Dr. Luther schilderte zu- lQtw in launiger Weise seine Beziehungen zu EN drei liberalen Parteien' im
können. Gegenüber dem politischen Wesen der Gegenwart, das ja sehr stark in den technischen Betrieben unseres Wahlverfahrens und Parlamentarismus wurzelt, können wir höhere Werte auf jeden Fall erreichen, wenn wir anstelle dieser mehr technischen Einstellung die großen Weltanschauungsfragen gelten lassen. Jeder muß den Geist, unter dem der heutige Zusammenschluß erfolgt, begrüßen, weil es sich hier darum handelt, große allgemeine Menschheitsgedanken wirksam zu machen zum Nutzen unseres lieben Vaterlandes. (Stürmischer Beifall).
Reichsminister Dr. Stresemann führte alsdann aus: Bismarck wäre es 1871 unmög-
lich gewesen, das deutsche Reich zu gründen, wenn nicht die liberalen deutschen Kreise so gute Vorarbeit geleistet hätten. Diese Idee der Einigung des Deutschen Reiches wäre nicht zu verwirklichen gewesen, wenn nicht im Parla- 'urt die starke liberale Tendenz Bürgertums vorbereitend tätig
ment in
des deutschen Bi..„____
gewesen wäre. Jeder würde dankbar seich wenn aus den Parlamenten der Interessentenvereinigung sich noch einmal ein deutsches Reichsparlament herausbilden könnte, das soviel an Vaterlandsliebe und Kulturgemein-
^'chstage und wies daraufhin, daß es ihm »M nicht ganz leicht werde, in diesem Kreise »eden. Er sprach dann von den drei großen Lasten, Liberalismus, Soziali s- 1 u s und Konservatismus, die zum euen Staat geführt haben und wohl auch noch » einer weiteren Zukunft den Staat beherr- Den werden. Dann erwähnte der Reichskanz- ’O wie die Parteien der Mitte in vaterlän- Wr Pflichterfüllung die Regierung über- »Mmen hätten und sagte dann: „Und dennoch '»iß auch ich ganz genau, daß das deutsche nicht so geleitet werden kann, QB es auf ein konservativ-liberal-so- Mtisches Gemisch eingestellt - sondern daß es darauf ankommt, im Ein- "nen e ne bestimmte Grundauffassung, einen Walen seelischen Standort zu entwickeln Ich laube, daß der Liberalismus in sich selbst die ^genschaften enthält, andere verstehen zu
sprach dann von den drei großen : b e r a l i s m u s, Sozialis-
schaft in sich trägt, wie das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. (Stürmischer Beifall.) Der Außenminister stimmte dem Abg. Koch darin bei, daß, wenn es Parteien gibt, die Grenzen gegeneinander ziehen, doch immer bedacht werden müsse, daß das Einende im deutschen Volke nicht durch tiefe Gräben getrennt sein muß. Scheidungen in nationale und nichtnationale Deutsche gibt cs Nicht, sondern das Rationale ist das Selbstverständliche. Unter den Gesichtspunkten wollen wir zusammenwirken' für Vaterland und Freiheit
Der Führer der W rtschaftspartei, Reichstagsabgeordneter Drewitz, erklärte, daß feine Partei keinesfalls die Rückkehr zum alten Feudalstaat wünsche, sondern sich für den Volksstaat einsetze.
In seinem Schlußwort dankte Minister a. D. Fischbeck kurz den Rednern des Abends.
Dr. Luthers Wahlreform.
390 statt 493 Abgeordnete. — Persönlichkeiten statt Listen.
Der Entwurf eines neuen Wahlgesetzes, der zurzeit mit Beschleunigung im Reichsministerium des Innern ausgearbeitet wird,
schlägt, wir wir erfahren, die Einteilung des Reiches in
156 Wahlkreise
vor. Diese Zahl entsteht dadurch, daß je zwei der früheren, vor der Revolution bestehenden Wahlkreise zu einem zusammengelegt werden. Die Zahl der Wahlberechtigten in jedem der neuen Wahlkreise würde etwa 200 000 betragen. Selbstverständlich soll bei dem neuen Wahlgesetz auch dem Bestreben Rechnung getragen werden, die Zahl der Abgeordneten zu beschränken. Man will aber nicht durch die Aufstellung fester Maximal- oder Minimalziffern starre Grenzen schaffen, sondern nach wie vor oll die Zahl der Abgeordneten in Zusammenhang stehen mit dem Interesse, das von der Bevölkerung der Wahl beigemessen wird. Die notwendige Einschränkung der Abgeordneten- zisfer wird deshalb erreicht werden durch die
Heraufsetzung der Skimmenzahl die auf ein Mandal entfällt.
Während bisher auf 60 000 Wähler ein Abgeordneter entfällt, sollen künftig 70 000 Stimmen notwendig sein, um ein Mandat zu erhalten. Es muß allerdings damit gerechnet werden, daß sich bei den Parteien Widerstand gegen diese Erhöhung der Zahl bemerkbar machen wird, so daß vielleicht auf der Basis von 65 000 Wählern für ein Mandat eine Verständigung gefunden werden wird. Das zweite Mittel zur Senkung der Abgeordnetenzahl soll die
Heraufsetzung des Wahlalkers von 20 auf 21 Jahre
fein, da man es für ganz unmöglich hält, daß im privaten Recht der einzelne Bürger erst mit 21 Jahren selbständig wird, dem Staat gegenüber aber schon mit 20 Jahren. Die Heraufsetzung des Alters auf 25 Jahre, die vielfach verlangt worden ist, wird in der neuen Vorlage nicht Dorgefchfagon werden, da eine solche starke Beschränkung des Wahlrechts sehr unpopulär sein würde. Immerhin wü -de die Heraufsetzung des 'öühlabers auf 21 Jahre bereits dm Frrt'all v n etwa 20 Mandaten zur Folge haben. Kommt die Erhöhung her Wählerzahl hinzu, so würde
künftig der Reichstag bei normaler Wahl- beteiligung aus 390 Abgeordneten bestehen, während im jetzigen Reichstag 493 Abgeordnete sind.
Der Grundsatz des Verhältniswahlgesetzes, der in der Versüssung festgelegt ist, soll bei der
schleunigung zunächst dem Reichsrat vorgelegt werden soll, ist noch nicht völlig fertiggestellt, und insbesondere die stark umstrittenen Probleme der Verbands- und Reichslisten sind noch nicht endgültig gelöst. Aber der neue Reichsinnnenminister hofft, daß die Erörterungen, die mit den Parteiführern darüber gepflogen werden sollen, zu einem schnellen Ergebnis führen werden.
Die Anklageschrift gegen die Frankenfölscher.
Budapest, 1. Febr. In der Begründung der Anklageschrift der Frankensäl- schungssache wird ausgeführt, Prinz Win- vis ch g r ä tz habe 1923 mit mehreren Freunden, deren Person er jedoch zu nennen nicht geneigt sei, beschlossen, das Papiergeld irgend eines ausländischen Staates und zwar nach längerer Beratung französische Franken in großen Mengen nachzuahmen und in den Verkehr zu bringen. Der in dieser Hinsicht völlig geständige Windischgrätz erklärt, er habe die Fälschung nicht im Interesse der eigenen oder der materiellen Verhältnisse eines anderen beschlossen, sondern, weil er den Erlös zu patriotischen Zwecken verwenden wollte. Weder diese Behauptung, noch das Gegenteil habe erwiesen merben können. Der Verdacht, daß er seine in den jüngsten Jahren drückend gewordene materielle Lage auf diesem Wege erleichtern wollte, könne durch keinerlei stichhaltige Beweise gestützt werden, denn Windischgrätz hâ annehmbar nachgewiesen, daß er von seinen etwa 20 Milliarden Kronen ausmachenden Schulden ungefähr die Hälfte für die Zwecke der Geldfälschung aufwendete. Im übrigen änderten diese seine Angaben nichts an der Quasi« izierung der Strafhandlung und könnten hächtens als mildernd bei der Demef-
ung
der
Strafe berücksichtigt werden.
Windischgrätz habe nach seinen eigenen Abgaben, nachdem er mit seinen unbekannten Freunden die Fälschung französischer Tausendfrank- noten beschlossen habe, in erster Reihe den Polizeichef Nadossy in feine Pläne eingeweiht, der nach den ersten Monaten der ganzen Aktion von allen wesentlichen Vorkommnissen Kenntnis erlangt und dazu seine Zustimmung gegeben habe. Nadossy behauptet, er habe an der Geldfälschung teilgenommen, weil er glaubte, dadurch den Interessen seines Vaterlandes zu dienen. Im Verlauf der Unter«, l^t der geringste Verdacht _ Nadossy in feinen Handlungen von egoistischen Absichten geleitet wor- dechwäre Es sei festgestellt, daß im Kartographischen Institut Anfang 1925 etwa 24—25000 Stück Falsifikate angefertigt wurden. Die Falsifikate seien in einer Kiste auf dem Auto he»
suchung sei auch ni aufgetâucht, als ob