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Im übrigen gibt es in China eine Neujahrssitte, die allgemeine Nachahmung verdient: Zu Neujahr muß jeder seine Schulden bezahlt haben.
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Stunde noch und er war im Besitz eines Vermögens, mit dem er in den letzten Jahren schon fast verwachsen war. Zwar lag es im sicheren Depot einer holländischen Dank/ aber Robert hatte sich doch in den letzten Jahren schon fast daran gewöhnt, sich als den reichen Erben zu betrachten. Wenn ihm das Erbe durch die Finger ging — was dann? Sein Einkommen war an sich genügend, aber er hatte darüber hinaus gelebt und wenn jetzt in der letzten kostbaren halben Stunde . . .
Robert sah sich zum ersten Male in dem Saal um und wenn ihn einer dabei beobachtet hätte, so wäre ihm sicher der Gedanke gekommen: Dieser Mann hat ein schlechtes Gewissen. Dann goß Robert sich ein Glas ein, trank es in Hast und schüttelte die dummen Gedanken ab^, Jetzt waren es nur noch 15 Minuten. Was konnte in dieser kurzen Spanne passieren?
Die Stimmung im Saale wuchs mächtig an. Hier und da wurden schon heitere Toaste ausgebracht Keiner achtete des einsamen Gastes. Da fühlte Robert, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er sprang auf und sah sich um. Da stand Herr Bergfeld und streckte ihm lachend die Hand entgegen.
„Aber, mein lieber Freund, was treiben Sie hier allein? Wir haben heute vergeblich nach Ihnen gesucht, denn sie sollten Silvester mit uns feiern. Nun hat meine Tochter mit scharfem Blick — er lachte mit heiterer Anzüglichkeit — Sie zufällig gesehen und aus all den hundert Menschen herausgefunden. Jetzt kommen Sie aber rasch mit an unseren Tisch, damit wir zusammen „Profit Neujahr" rufen können. Robert ging willig mit Er hatte die letzten Stunden im Jahre mit seinen Er-
innerungen und Hoffnungen allein sein wollen. Aber jetzt mußte die Uhr ja bald zum Glockenschlage aus« holen und dann formte er einen Strich unter die Vergangenheit ziehen. Von ferne sah er Mutter und Tochter schon winken. Er pflegte mit der Familie gesellschaftlichen Verkehr und seine Beziehungen zu der jugendlichen Tochter waren in der letzten Zeit nicht mehr, ganz so indifferent geblieben, wie es die des Fa- , milienonkels zu sein pflegen.
Als die Beiden an den Tisch traten, brach gerade der Sturm los. Mitternacht war da und zehn Minuten lang kam man vor dem Glückwunschjubel nicht zur Besinnung. Dann rückte man sich wieder gemütlich zurecht. „Warum haben Sie sich gerade ausgerechnet am Silvester in einen stillen Winkel zurückgezogen?" fragte die junge Tochter mit einem etwas vorwurfsvollen Blick.
„Ick habe ein paar Stunden der Erinnerung gefeiert, Der Erinnerung an meinen alten Freund Normann."
Mutter und Tochter konnten ein plötzliches Erstaunen nicht unterdrücken. „Normann?" fragten sie zurück. „Ja", war die Antwort, „finden Sie den Namen auffallend?"
„So hieß mein Vater," sagte das junge Mädchen und verscheuchte einen leichten Anflug von Trauer rasch wieder durch Aufheiterung ihrer lieblichen Züge.
„Normann, nicht Bergfeld?" fragte Robert.
Und nun erhielt er auf seine Frage eine Antwort, die ihm als die seltsamste Schicksalsfügung seines Lebens erschien. Das junge Mädchen, das er lieb ge-
wonnen hatte, war in der Tat die Tochter seines alten Freundes. Normann hatte drüben in Amerika sofort nachgeholt, was er in der Heimat versäumt hatte. Er hatte seinen Hausstand gegründet, aber noch vor der Geburt seiner Tochter war er plötzlich aus seinem ruhe- und rastlosen Dasein abberufen worden. Seine Frau ahnte nichts von dem, was er in Deutschland zurückgelassen hatte. Erst Jahre später kam sie durch die Beziehungen ihrer deutsch-amerikanischen Familienbekanntschaft nach dem Heimatland ihres Mannes, wo sie mit Herrn Bergfeld eine zweite Ehe einging.
Robert war von der unvermuteten Aufklärung doch etwas überwältigt und blieb eine Weile stumm. War ein alter Freund, wenn auch in der verjüngten Ge- talt seiner Tochter, nun nicht doch noch an diesem chicksalsreichen Silvester vor ihn hingetreten? Oder ollte er etwa zur Kanaille werden?
Robert zögerte keinen Augenblick. „Ich habe Ihnen viel von ihrem Vater zu erzählen", unterbrach er das Schweigen. „Aber vorher will ich Ihnen jein Vermächtnis aushändigen." Und er zog abermals die Papiere aus seiner Tasche und erzählte, was es damit für ein Bewenden hatte. Er blickte auf die Uhr. „Eine Stunde," so fuhr er fort, „war ich der Besitzer dieses fürstlichen Vermögens, jetzt gehört es Ihnen, der Tochter meines alten Freundes." „Oder," fügte er mit einem herzlichen Unterton in seiner feierlichen Stimme hinzu, als er ihre Bestürzung sah — „oder sollen wir es fürs Leben miteinander teilen?"
Es war gerade sehr laut und turbulent an den Nebentischen. So sah man nicht, wie an diesem Tisch ein glückliches Brautpaar sich den Verlobungskuh gab.
Wenn ein altes Jahr versinkt und ein neues empor« steigt, so steht der Mensch mit gemischten Gefühlen auf der Schwelle, die von einem zum andern führt. Lebensfreude und Lebenskraft regen sich und heißen das neue Jahr zu neuer Tätigkeit, und, will's Gott, zu neuem Glück willkommen. Daneben aber regt sich doch auch das bange Herz und stellt die Frage,'was wird die dunkle Zukunft bringen? Das sind die Grundmotive, die sich durch alle Neujahrsbräuche hindurchziehen, die sich in manchem zusammenfinden.
Das Neujahrsorakel ist ein beliebtes Silvesterspiel. Der moderne Mensch kauft sich Bleifiguren, schmilzt sie und sucht aus der Gestalt, die sie annehmen, die Zu- funft zu deuten. Das ist meist sehr kurzweilig, aber im allgemeinen wenig aufschlußreich.
Aber wer zählt die Volksbräuche, die als Neu- jahrsorakel dienen und die meistens feit Jahrhunderten überliefert find? In der brandenburgischen Mark ist es auf dem Lande noch häufig Brauch, daß man am Silvesterabend daxG'esangbach' unter das Küpfkisien legt, ..... „ , .
, ehe man sich zur Ruhe begibt. Am Neujahrsmorgen Wir haben uns daran gewohnt, den Bekannten und , , , .
»1 s läßt man dann das Buch sich selbst öffnen oder man Verwandten schrkMÄe Glückwünsche ins Haus zu Trompetensignat arwezelgt. Dann zog ein Bläserchor schlägt es mit geschlossenen Äugen auf. Man braucht schicken. In früheren Zeiten war man auch auf diesem durch die festlichen Räume und die ganze Maskerade
Gebiet ursprünglicher. Im Mittelalter war es Sitte, dahinterher.
Brauch, der in der Lausitzer Gegend noch heute vielfach im Schwünge ist. Dort stellen sich die jungen Mädchen abwechselnd am Neujahrsmorgen vor die Tür der Dorfkirche und essen von einer Brotrinde. Der erste Mann, der vorüber geht, deutet dem Mädchen den Beruf an, den sein zukünftiger haben wird. In kleinen Orten gibt das immer schon einen gewissen Fingerzeig.
Auch Nahrungssorgen spielen bei den Neryahrs- gebräuchen eine gewisse Rolle. So ist es in vielen Gegenden Sitte, daß man von dem Silvesteressen etwas für den Neujahrstag aufhebt. Tut man es, so braucht man im neuen Jahr keinen Hunger zu leiden. Ein ähnlicher Aberglaube verleitet auf dem Lande noch vielfach die Pferdeknechte dazu, in der Silvesternacht Grünkohl vom Felde zu stehlen und damit die Tiere zu füttern. Tut man das, so ist nach dem Aberglauben im neuen Jahr stets genügend Futter im Stalle vor-
Bis eine Laus wiegt hundert Pfund, Bis ein Mühlstein in den Lüften fleucht Und ein Floh einen Fuder Wein zeugt/
Oder man sang am Niederrhein:
„Jh^sollt fröhlich und gesund sein,
Bis ein Mühlstein schwimmt über den Rhein,
Ihr sollt selig sein und gesund,
Bis eine Feder wiegt ein Pfund."
Ein ähnliches Sprüchlein pfälziger Mundart macht es kürzer:
„Viel Glück zum neuen Jahr
Und ein Lebkuchen wie ein Scheunentor."
Den Mummenschanz kennt man in den angelsächsischen Ländern noch heute als Neujahrsbrauch. Als die Amerikaner nach Koblenz kamen, waren die Bewohner dieser Stadt unfreiwillige Zeugen der
Handen.
Vom Prophezeien zum Wünschen ist nur ein Schritt.
amerikanischen Neujahrsfeier. General Allan, der amerikanische Oberbefehlshaber, berichtet darüber wiederholt in seinen Memoiren. Zu Silvester gab es Maskenbälle, die von hunderten von Personen besucht waren. Der Anbruch des neuen Jahres wurde durch ein
dann nur einen Blick in das geöffnete Buch zu werfen, um das Neujahrsorakel abzulesen. Trifft man auf ein Kindtaufslied, so gibt es in dem Jahr Familienzuwachs. Ein Hochzeitslied verkündet, daß in dem neuen Jahr eine Ehe geschloffen und ein Sterbelied, das der Tod Einkehr halten wird. In anderen Gegenden ist es Brauch, dem Neujahrsorakel noch genauer auf den Zahn zu fühlen. Man schreibt am Silvesterabend auf einen Holzteller die Namen der Familienmitglieder und deckt jeden Namen mit einem Sandhäufchen zu. Sind die Häufchen am Neujahrsmorgen noch in Ordnung, so bleibt die Familie im neuen Jahre von dem Tod verschont. Ist aber eins der Häufchen zusammengefallen, so bedeutet das für das betreffende Familienmitglied eine düstere Propheze ung.
Von besonderer Bedeutung ist natürlich das Hochzeitsorakel. Auch hier gibt es eine Unmenge verschiedener Bräuche. Wenig bekannt ist vielleicht ein
gelassenem Mummenschanz auf den Straßen umhertrieb, um bei Anbruch des neuen Jahres ihre Glückwünsche anzubringen, wobei selbstverständlich stets mit Gegenleistung in barer Münze oder in Speise und Trank gerechnet wurde. Dabei entstanden bestimmte Glückwunschverse. Einer der. üblichsten war der folgende:
„Wir klopfen an, wir klopfen an, Ein fröhlich Neujahr tritt heran. Alles was dein Herz begehrt, Sei dir in diesem Jahr beschert." Mit der Zeit bildeten sich aber auch humoristische Variationen, die man dem einen oder auch andern Bewohner des Ortes als Silvesterständchen brachte. So z. B.:
„Wir wünschen dich fröhlich und gesund
Am ausgiebigsten wird Neujahr vielleicht in China gefeiert. Es ist das Fest, das jeder begeht und an dem, wie Dr. Pfeifer in „Der Welt des Ostens" schreibt, wirklich alle Arbeit ruht. Einen ganzen Monat lang spricht der Beamte nicht Recht, das Amtssiegel ist verschlossen, die Geschäfte sind mindestens mehrere Tage, oft eine Woche lang geschlossen, alle Straßen sind am Neujahrstage fast leer, denn man feiert und opfert im Hause. Am zweiten Tage werden Glückwunschbesuche abgestattet. In der Neujahrsnacht hallt Stadt und Land von den abgebrannten Feuerwerkskörpern wider, die ganze Nacht böllern die Schüsse, um die bösen Geister zu vertreiben. Auch am Tage knattern überall die Pulverfrösche.
Die Wohnung des gütergesegneten aber nur den eignen Leibesfrsuden huldigenden Diftrikts-Schorn- steinfegermeisters Anselmus Bleidiesel und seiner kinderlosen Ehegemahlin Elvira aus dem Hauss Knie- keben enthüll! einen unentdeckten Schatz.
Das Bild der heiligen Familie, anders konnte man die Komposition nicht deuten, schien offenbar aus Un- entdecktheit förmlich in die Augen der Besucher zu springen; Bleidiesel wurde in seiner Ruhe sichtlich ge« stört, weil die Bewerbungen um die Arbeit an« schwollen. Es lauffeuerte um sein Haus in immer engeren Kreisen. Beinahe wurden die zünftigen Gelehrten mobil.
Bleidiesel hatte es jedoch leicht, seinem Bedürfnis nach Unveränderlichkeit zu fröhnen, denn zu feinem . Distrikt gehörten bei allem Reichtum mehrere Schlosser und ein paar Ministerien der schönen Kaijerstadt Wien, er brauchte fein Geld. „Ich gebe das Geld nicht weg , nur aus Unfreundlichkeit sagte er es, denn er hatte trotz seiner 55 Jahremoch nie gewissenhaft daraus ge« schaut. Das Bild und Uns Gestalten waren für ihn tot und stumm. Quälte ihn wirklich einmal jemand, es sich zu betrachten, grunzte er aus seinem verfetteten Halse: „Nun ja doch, die heilige Familie!" .
Bleidiesel hatte zwei Nichten. Die eine, Hedwig, war nach 1900 geboren, mußte sich Mühe geben, neben dem Film noch andere Kunstinstitute zu schätzen, und nannte sich Heddy. Sie durfte mit Onkel Bleidiesel die Weinstuben probierenderweise abklappern, und ihren Toilettenwünschen, Reiseplänen und sonstigen Aus- gabefreuden war sein Geldschrank nie verschlossen. Er
Von Fritz Wilhelm Schönfeld, war vernarrt in ihre Gewohnheiten. Ihre Base Eva hingegen hatte sich durch die Anmut ihres Namens verleiten lassen, sich in einen armen Poeten zu vergucken. Onkel Bleidiesel aber drohte mit Enterbung: Bleibe mir mit dem Lyrikus vom Halse. Man hat mit solchen Schwarmgeistern schon allerhand erlebt. Besonders wo er auf das Bildchen fahndet- Braucht er Geld oder Ehre?"
Eva nutzte die Anspielung schnell aus: „Onkelchen gib mir einen Hunderter für meine Armeleutekinder- stube. — „Nein" — „Nimm mich auch mal zu Lammla mit, zur Zigeunermusik beim Veltliner Wein", prüfte sie weiter. Onkelchen schmunzelte Heddy in Ringel - löckchen und Knierock an, antwortete aber Eva: „solange du deine blasse Studentenbluse und den Scheitel trägst, acht das nicht." — Da setzte sich auch Eva ostentativ vor das Heiligenbildchen, dachte an ihre Kleinkinder und lispelte: Wir werden ihm den Geist schon eintränksn! — Nicht anders, als daß wir zum Gekz und Trägheit auch noch die Habgier wecken. —
Zu Silvester wollte Blsidiesel nicht einsam sein. Elvira stand schon vor Ankunft der Gäste hinter dem Wall der Mohnpielen, Strietzel, Kaviarbrötchen und Lachssemmeln und übte Tricks zur Erweckung von Eß- lust. Bald ballerte eine Punschbowle glührot Hitze und Duft durch das mollig angeheiM Nußbaumsälchen, zu dem Bleidiesel drei seiner Wohnräume vereinigt hatte.
Zur Jahreswende wurde selbst Bleidicsel nachdenklich, was sich dadurch äußerte, daß er sich nicht um Heddy kümmerte: desto heftiger, vom Alkohol verwirrt, machte er Eva weinerlich den Hof. Er stampfte
mit dem Fuß: „Du kannst mir doch einmal ein harmloses Nitchenküßchen geben, ehe ich sterbe." Mangels Erfolg: „Du ist eine steife Pute!" Eva lächelte: „Warte nur ab," dabei dachte sie an ihren Poeten, den sie. nicht hatte mitbringen dürfen; und als sie kurz vor Zeigerwende spähend das Fenster öffnete, suchte Heddy Zusammenstoß mit ihr, denn sie war wütend, daß Eva ihr Onkelchen hatte ablaufen lassen. „Was gaffst du durchs Fenster?" — Eva bebte: „Ich gehe dem Glockenklang entgegen. Bald wird wieder der ganze Erdball tönen. Von Wien bis Batavia, vom Feuerlande bis nach Hammerfest. Die Erde ist verbunden in der heiligen Neujahrsnacht. Eine feierliche Gemeinschaft." — Heddy nahm ein Pralinee von dem Silberhochzeitsgeschenk der Schornsteinfeger-Geselleneinheit, legte sie auf den Tisch, klatschte mit der Hand darauf: „So denk ich mir die Erde. Klatsch, aus! Klingeln, nicht Läuten, ist die rechte Lebensauffassung."
Vor der Tür begann da der Gesang. Alles schaute hinaus. Es war eine armselige Schar bitterbös vom Leben Geschlagener, die ein warmes Abendsüppchen erbaten. Es sei so sehr fröhlich und hell hinter den Fenstern des Herrn . . .
Der angetrunkene Geizkragen spottete jedoch: „Hier soll zur Neujahrsstunde ein Breisüppchen vorrätig sein? Trollt euch nur! Punsch bekomint euch doch nicht auf den leeren Magen."
Da aber sprang in schnurrigen Bocksprüngen eine behaarte Faunsgestalt in den Vordergrund. Mit einem zappligen" Satze war sie im Raum. Der besäuselte Bleidiesel dachte an das Telephonzeichen.