Einzelbild herunterladen
 

201. Iayrqang

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. / Fernsprech-Anschluß Nr 1237 und 1238

Bezugsprel»: Für den halben Monal L— Reichsmark, für den ganzen Monal L— Reichsmark ohne Trägerloha. Einzelnummer 10, Freitag 15, Samstag 12 Rsichspfennig. — Anzeigenpreise: Für 1 mm Höhe im Anzeigenteil von 28 mm Breite 8 Reichspfennig, im Reklameteil von 68 mm Breite LS ReichspfenniK — O ff er i eng ebühr: SO Reichspfennig. — Geschäftsstelle: Hammerstrabe 9.

Erfüllungsort und Gerichlsstand für b e i d « T e i le ist Hanau. — Bet unverschuldetem Ausfall der Lieferung infolge höherer Gewalt, Streit usw. hat der Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung oder Nachlieferung oder auf Rückzahlung des Bezugspreise». — Für Platzvorschrift und Er s ch ein u n^ s l a ge der Anzeige wird keine Gewähr geleistet-

SS

Nr. 301 Donnerstag den 24. Dezemver 1925

Deutschland und die Anderen.

Von Dr. Gustav Stresemann, Reichsminister des Auswärtigen.

leuchtete Insel, zu der wir sehnsuchtsvoll hin­überschauen aus dem stürmisch brausenden Meer der Zeit. Mir ist der Gedanke immer ein lieber und wundersamer, daß sich vieltausenüe aufmachen, den Frieden dieser Insel dankbar über ihre Seele gehen zu lassen. Wie sollte ich nicht einem Geschlecht, das körperlich und felisch so zermürbt ist wie das unsere, das so viel offe­nes und so viel geheimes Leid tragen muß, von Herzen wünschen, daß einmal der Körper und iW W Men HWeiyMem

kommenden Tage der Unrast, die nach kürzer Frist mit neuer Kraft gegen sie anstürmen.

Aber Ruhe allein ist nicht der Sinn der Weihnacht, der ist reicher und tiefer. Weihnacht hebt erst da an, wo die müden verwirrten Menschenseelen die Augen aufschlagen für die lichte Welt, die mit der Geburt des Erlösers zu erstehen begann, die, ob auch die irdischen Augen sie nicht sehen, doch unendliche Wirklich­keit ist. Diese Welt umfängt uns leise schon da, wo die alten schönen Weihnachtslieder er­klingen, wo über Kinderlippen die Geschichte der Krippe zu Bethlehem kommt, wo all der Zauber, der darin geborgen ist, liebenswürdig über die Seelen spielt. Diese Welt offenbart aber ihre ganze Schönheit erst da, wo sie emp­funden wird als der scharfe Gegensatz gegen die Well der kleinen Tage und der kleinen Menschen, in der Liebe zum Diesseits, Liebe zur Erde mit all ihrem armseligen Tausenderlei der einzige Inhalt des Lebens ist. Der einst Weihnachten kam, hat doch — wir vergessens nur immer wieder — der Welt den Fehde­handschuh hingeworfen, in der nicht Gott alles in allem war, in der nicht glühende Seelen nach Kraft aus der Höhe dursteten, in der nicht Lauterkeit und Liebe jeden Herzschlag bestimm­ten. Sein Kampf hat kein Ende — immer wieder, wenn der Christ kommt, müssen die Menschen wach werden zu hellem, frohem Wissen von der Welt des Lichts, das alles Un­lautere verzehren, das mit seiner heiligen Flamme den Erdentag läutern will- Solch Wissen macht reich — denn nun ist die große Umschichtung der Gedanken vollzogen: Was aus der Erdentiefe kommt, versinkt in Nichts, all die Sorge und Sünde, all das Hasten und Jagen, Neiden und Hassen, alle Kränze des Ruhms und der Eitelkeit- Wertvoll ist nur noch, was von droben stammt: Liebe und Friede, Selbstlosigkeit und Treue, all die Gü­ter der Innerlichkeit, die im Erdenstaub nich verwehen. Stolz und stark reckt sich die Seele empor, ihrer unvergänglichen Herrlichekeit sich bewußt. Daß wir in der Stille der Weihnacht

Zwei internationale Konferenzen haben der europäischen Politik der vergangenen Jahre ihr Gepräge gegeben. Im August 1924 wurde in ß o h b o n die Lösung der Reparationsfrage versucht. Im Herbst dieses Jahres versuchte man, in Locarno zu einer Lösung der euro­päischen politischen Fragen zu gelangen. Drei i Raupen zeichnen Ich., seitdem Deutschland tzen Weltkrieg verloren hat, formal von einander ab. In Bersailles sah die deutsche Dele­gation hinter Stacheldraht und wurde zur Ent­gegennahme des Friedensdiktates von Ver­sailles vorgeladen, um als Angeklagter das ein­seitige Urteil derjenigen anzuhören, die An- lläger und Richter auch in moralischer Bezieh- ung zu sein sich onmaßten. Bei den ersten Kon­serenzen in Spaa und London war die Art der Zulassung Deutschlands die eines Ver­hörs. Genua schlug eine andere Note an, blieb aber ohne Ergebnis. InLondon bestand die formale Gleichberechtigung ohne den Gedanken persönlicher engerer Fühlungnahme. Lo­carno schuf beides, obwohl von den verhan­delnden Delegationen nur die deutsche personell noch einen gleichen Charakter trug wie London, während das Kabinett der Labour Party durch das konservative Kabinett Baldwin, das Kabi­nett Herriot durch das Kabinett Briand abge­löst worden war.

. In dem Formalbild dieser Verhandlungen spiegelt sich ein Teil der europäischen Entwick- Mg mit ab. Der Weg, der nach Locarno sährte, war ein dornenvoller. Aus Nichtachtung und Mißachtung zur Gleichberechtigung sich durchzukämpfen, war die Aufgabe der ersten dahre. Ob aus Gleichberechtigung Verständi­gung und Zusammenarbeit erwachsen kann, küßte die nächste Zeit lehren.

Politische Verständigung und wirtschaft­liches Zusammenwirken sind die Grundlage iiner Mündung der europäischen Verhältnisse. •Bereinigte Staâten von Europa ist ein Schlag­en, das falsche Vorstellungen erweckt; euro­päisches Zusammenwirken ist ein Begriff, der narbe und Wirklichkeit in sich schließt- Versail­les war das System der europäischen Ausein- anderreißung. Es sollte nach dem Willen seiner Urheber Niedergang oder Untergang der Ve- >lcgten, Emporentwicklung und Glück der Sie­per bedeuten. Es gibt heute keine glücklichen ^'eger in Europa. Zusammenbruch der Finan­zen und Wirtschaft waren die Begleiterschei- aungen dieses Friedensdiktats. Spät erst er- wnnte man, daß in Zeiten weltwirtschaftlicher ^rflochtenheit die Zerstörung der Kaufkraft °s.r Nationen nicht Basis für die Emporent- lluung der Sieger sein konnte. Politisch Achtlos, selten zu national einheitlichem Jm- fähig, blieb uns nur die wirtschaftliche Machtstellung als großes Konsumentenland Je I uns ermöglichte, als aktiver Faktor in >e ßolltik der Großmächte wieder einzutreten inte ^ war London im Anoukt 1924 der Auf- ...” Zu Locarno. Der wirtschaftliche und poli Ichs Schienenstrang laufen nebeneinander. Ln E Londoner Konferenz führte zu dem „Tonnten Dawesabkommen. Viel umstritten bekämpft hat es jedenfalls bis zur Gegen art uns vor den wirtschaftlichen Erschütte äugen bewahrt, die uns sonst befchieben cm eien wären. Die Gestellung der Pfänder für

deutsche Leistungen ist demütigend und ein Eingriff in unsere Souveränitätsrechte, aber politisch nicht so verhängnisvoll, wie es die Ab­schnürung des Ruhrgebiets und die dauernde

Dann wären wir gestählt zum Kamps gegen die seelenlose Welt, in der Banausentum und Unkultur Triumphe feiern, in der eine Mode­torheit die andere ablöst, in der die Gier nach dem Irdischen alle umtreibt. Wo im Glanz der Weihnacht das Besinnen anhebt und mit ihm das Rückwandern der Seele zu sich selbst, da> haben die Dinge der Erde keine Macht mehr, da umgaukeln sie uns wohl hin und her wie lodernde Flammen, aber sie weichen immer

WWeü Was könnte uns Lieberes geschehen im deutschen Land; denn das ist ja unsere größte Not, daß die Seelenlosigkeit ins Unend­liche wuchs, daß der Schlamm der Oberfläch­lichkeit und Gemeinheit alles überflutet. Wie wäre Weihnachten schön, wenn in unserem Volke die seelische Energie wieder erftänbe, wenn die Ketten, in die uns der Materialismus schlug, eigener und fremder, zerbrochen würden durch die Seelenkraft eines Volkes, das sich selbst wiedergefunden hat.

Wo die Welt des Lichts in ihrer hehren Schönheit die Seelen gefangen nimmt, da wird auch die Botschaft der Liebe, die von Bethlehem klingt, in die Tat umgesetzt. Denn wem alles die Seele ist, wem die Maßstäbe von innen her das Leben regeln, der erobert sich jene stete Güte, die der Meister besaß, jene Güte, die schlicht und mit Selbstverständlich­keit verstehen, helfen, retten will. Wer wagt zu sagen, daß diese Güte durch die deutschen Gassen wandelt? Wer erschrickt nicht vielmehr, wenn er überall Fremdheit, Kälte, Lieblosigkeit spürt, die höhere Schranken aufrichtet wie einst! Wem rinnt nicht tiefstes Menschenweh durch die Seele, wenn er die grenzenlose Ein­samkeit sieht, in die so viele sinken müssen! Mag das der blendende Schein, mit dem wir alles zu verdecken uns gewöhnt, zu sehen hindern, wer tiefer schaut, weil mit den Augen der Liebe, dem steht bisweilen das Herz still ob der inneren Verlassenheit, in der so viele wandern müssen durch schwere müde Tage. Wie wäre Weihnachten schön, wenn schlichtes Menschsein in suchender Güte als die große Weihnachis- funft wieder zur Geltung käme. Der in der Krippe zu Bethlehem lag, hat mit den Schlich- testen die Welt erobert — auch unsere Erlösung geschieht nur durch das Schlichteste, durch eine aus den Tiefen geborene Liebe, die aus geläu­terter Seele kommt. Wenn uns gerade an die­sem Weihnachtsfeste bange ist, wir wollen um so entschlossener uns auf den ewigen Grund stellen, auf dem allein ein lichtes Haus unserer Zukunft entstehen kann.

MmMM

Besetzung des Rheinlandes gewesen wäre. Die amerikanische Anleihe für Deutschland ist nicht Ausfluß internationaler Versklavung, sondern Einführung des größten Gläubigerstaates der

Welt in die deutsche Wirtschastssphäre. Mn mittelbares Moratorium wurde Deutschland wenigstens für eine kurze Spanne Zeit ge­währt, während früher niemand wußte, wie­viel Milliarden aus uns herausgepreßt wür­den. Die wirtschaftlche Räumung des Ruhr­gebietes, der die militärische folgte, gab uns die Herr chaft über unsere Wirtschaft wieder. Die Bela hing der okkupierenden Mächte mit den Besatzunaskosten verjagte die Freude am be­quemen Leben der Besatzung im deutschen Rbeinland.

--MGMMWMMM, Politik in der Gegenwart kann aber nichts ande­res fein, als fortgesetztes Ringen um fort­dauernde Erleichterungen. Der Gesichtskreis des deutschen Pfahlbürgers sieht nur das, was an schier Unerträglichem übrig bleibt, liebt aber nicht, auf die Strecke zu blicken, die zurückgelegt ist und Vergangenes mit Gegenwärtigem zu vergleichen, sonst wäre er schon zu einem ge­rechteren Urteil in Bezug auf London gekom­men, als es bis heutigen Tags geschehen ist. Es war vielleicht verwegen von den nach London einladenden Mächten, Deutschland zur „L ö - s u n g" der Reparationsfrage einzuladen. Alles was wir in diesen revolutionären Gegenwarts­zeiten tun können, ist der Versuch, für be­grenzte Zeit das jeweils vernünftigste zu tun. Ob deshalb das Dawesabkommen die endgül­tige Lösung sein wird, bleibt dahingestellt. Vielleicht wird eher von Mächten der frühere« Entente als von Deutschland der Wunsch aus­gesprochen werden, andere Lösungen zu finden- Gegenwärtig schützen die Transfer-Bestim­mungen biejes Abkommens unsere Währung und "Wirtschaft jedenfalls besser, als gegenüber der rücksichtslosen Hazardpolitik möglich ge­wesen wäre, die vordem getrieben wurde.

Diese Politik hat sich geändert, Locarno war psychologisch vielleicht noch interessanter als politisch zu werten. Der Deutsche hat oft kein Gefühl für die Geste. Er spottet gern über Szenen, wie sie sich in der Guldhall in London zwischen Chamberlain und Sthamer abgespielt haben. Er hat kaum den Worten viel Bedeu­tung beigelegt, die Lord d'Abernon bei der Ankunft der deutschen Delegation aus Locarno ausgesprochen hat, als er im Namen des eng­lischen Außenministers davon sprach, die Well werde nicht vergessen, daß die Initiative zu diesem großen Friedenswerk von Deutschland ausgegangen sei. Wenn man daran denkt, daß wir noch vor wenigen Jahren in der Welt die Ausgestoßenen waren und selbst davon spra­chen, daß wir wie Parias behandelt würden, dann soll man nicht vergessen, welchen Eindruck in der Welt draußen derartige Kundgebungen auslösen können. Das Auslandsdeutschtum wird die Wirkung solcher Kundgebungen sicher­lich anders einschätzen, als es vielleicht im In­land geschehen ist. Gegenüber der Kriegsschuld­lüge und ähnlichen Beschimpfungen Deutsch­lands sind diese Kundgebungen doch die Zu­rücknahme der gegen uns angewandten Me­thode, sind das Verlangen, der Welt und einer neuen Einstellung gegenüber Deutschland offen­sichtlich Kunde zu geben- Daß mir solchen Kund­gebungen mit Mißtrauen und Skepsis gegen­übertreten ist berechtigt nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Man soll aber nicht glauben, mit dem Mißtrauen allein politische Geschäfte machen zu können. Ohne ein Stück Vertrauen in die Vernunft der Menschen und Dinge müßte man überhaupt an der deutschen