201. Jahrgang.
SanauerN Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land.
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Nr. 300
Mittwoch den 23. Dezember
1923
Das Neueste.
— Im Bothmerprozeß wurde gestern das Urteil gefällt. Die Gräfin wurde zu einer Ge- lcmtftrafe von 4 Monaten Gefängnis ver- urteilt.
— Tschitscherin hat gestern, nachdem er noch einige optimistische Erklärungen über die Zukunft der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen abgegeben, seine Rückreise nach Moskau angetreten.
— Die englische Regierung, die nach deutschem Beispiel gleichfalls eine Veröffentlichung nur ihren Vorkriegsarchiven zur Geschichte des Weltkrieges beschlossen hat, will die ersten Bände noch vor Jahresschluß erfche nen lassen. Diese Veröffentlichung wird nur die Tage vom 28. Juli bis zum 4. August, also nur die letzten Tage vor der englischen Kriegserklärung, um- sassen.
— Der amerikanische Verleger und Journalist Frank A. Munsey, Eigentümer einer Reihe bedeutender Zeitungs- und Zeitschriftenunternehmungen, ist gestern im Alter von 71 Jahren gestorben.
Die Befreiung der deutschen Susikchiffahr!.
lört
Zu den Fragen, die mir ungelöst mithin das neue Jahr hinübernehmcn, gehö.....
mg der deutschen Luftschiffahrt aus
reizen
gegenwärtigen Fesseln. Die Konferenz, die zu diesem Zwecke unter Beteiligung gleichberechtigter deutscher Delegierter in Paris abgehalten worden ist, hat vor dem Weihnachtsfeste nicht mehr zu einem Abschluß geführt. Sie wird in neuen Jahre ihre, Arbeit wieder aufnshmeu und alsdann hoffentlich unseren Forderungen im vollen Umfange Rechnung trägen.
Die deutsche Luftschiffahrt — Flugzeuge ebenso wie Luftschiffe — ist von der Botschaf- Krkonferenz den schwersten Beschränkungen in Bezug auf d-e Größe, Geschwindigkeit und Neigfähigkeit der Maslbinen, nicht minder in Bezug auf die Stärke der Motoren unterworfen worden. Die angeblichen militärischen Gründe, die dabei ins Feld geführt worden sind, dienen lediglich als Vorwände.
Große Luftschiffe sind nach dem Urteil Sachverständiger und nach den Erfahrungen des Weltkrieges als Kampfinstrument überhaupt nicht zu verwenden. Und die Ausrüstung des Heeres mit Kriegsflugzeugen setzt nicht nur besondere Konstruktionen voraus, die uns unmöglich gemacht worden sind, sondern auch die langjährige Ausbildung von Fliegerpersonal, die uns nicht minder versagt ist. Hinter den Borwänden steckt nichts weiter als Konkurrenz- ^rcht. Man will den friedlichen Wettbewerb Deutschlands ausschalten, weil man der deutschen Technik und dem deutschen Unternehmungsgeist ihren Anteil an der Eroberung in der Luft mißgönnt.
Dieser kleinliche Geist aber rächt sich. Wenn man das Flugzeug als internationales Verkehrsmittel wirklich zur Geltung bringen will, I» muß man einheitliche europäische Linien emr'chten, genau so wie man es im Zugverkehr angst getan hat Wie die Dinge heute stehen, M man mit Deutschland gewissenmaßen das Herz, des gesamten europäischen Flugverkehrs broch. Denn es ist klar, daß Deutschland das Verfliegen seines Gebietes verbietet, solange seine Luftschiffahrt als Par-a behandelt, die unwürdige Behandlung Deutschlands in Bezug auf den Bau von großen Luft- gWen, bedeutet das Hot der Flug eines äeppelinluftschiffes nach Amerika am besten vèwiefen. Auch der verbohrteste Feind Deutschlands muß heute erkannt haben, daß er dem Fortschritt der ganzen Welt im Wege steht, usonn man Deutschlands Kräfte auf dem Ge- lete der Luftschiffahrt lahm legt. Ganz da- vn abgesehen aber gibt es im Rahmen des ertrages von Locarno überhaupt keinen ^"nd mehr, Deutschland die volle Freiheit in er Vuff vorzuenthalten. Das neue Jahr wird PefOtilb die Erfüllung unserer Forderungen müssen, wenn n'cht an dem Wairdel 5./ Gesinnung auf der Gegenseite die aller« ersten Zweifel entstehen sollen.
Rückreise der beuWen Delegation.
Paris, 22. Dez. Die Delegierten der Reichs- .A^rung, die am 7. d. Mts. nach Paris ge= Birnen sind, um mit der Botschafterkonserenz ."Er die deuffche Zivilluftfahrt zu verhandeln, loven in wiederholten Besprechungen die in Mage kommenden Probleme erörtert und in« jorueit geklärt, daß die beteiligten Regierungs-
Tschitscherin über Sie Seutsch-russischen Wirlschastsbeziehungen.
Berlin, 22. Dez. Der russische Volkskommissar Tschitscherin äußerte sich gegenüber einem Mikarbe ter der „Industrie- und Handelszeitung" über die Gestaltung der dsutsch-rufsischen Wirtschaftsbeziehungen wie folgt:
Nachdem der Handelsvertrag mit Deutschland endgültig rechtskräftig geworden ist, wer
Der russische Dolkskcnnniissar des Meuteren
den wir ihn in lebende W müssen. Die Perspektiven, die sich dabei vor unseren Augen öffnen, find außerordentlich verheißungsvoll. Die Per'ode, in der wir inmitten der durch die Intervention verursachten Ruinen mit den größten Anstrengungen die allerersten Elemente des Wiederaufbaus zusammengebracht haben, ist vorbei. Schnoll blühen unsere Lebenskräfte wieder auf. Das in der Natur der Dinge siegende Verhältnis zwischen Deutschland und der Sowjetunion, die wirtschaft- lich aufeinander angewiesen find, muß jetzt mit voller Wacht zutage kommen. Der gesamte wirtschaftliche Organismus der Sowjetunion strebt unaufhaltsam zum technischen Fork- schritt. Tsch kscherin glaubt, daß durch Schaffung einer eigenen, russischen Industrie der deutschen Maschinenindustrie keineGefahr drohe, denn jedes Dorf, auch das entlegenste, suche sich die aiierneueften technischen Mittel auzueignen. Der Ab-
Vertreter in der Lage sind, ihren Regierungen Bericht zu erstatten. Die deutsche Delegation hat gestern ihre Rückreise nach Berlin angetreten. Die Verhandlungen werden Anfang Januar fortgesetzt.
Anerkennung deulkcher Arbeil.
„Bewunderungswürdige Leistungen in Chile."
Das Konsulat der Republik Chile in Bad Harzburg stellt uns folgenden erfreulichen Bericht aus Santiago zur Verfügung:
Der Einheitskandidat aller politischen Parteien Chiles, Emil'ano Figueroa Larrain, hat einen Vertreter der „Deutschen Zeitung für Chile" empfangen und über seine Stellung zu dem deutschstämmigen Element im Lande erklärt:
„Es ist geradezu unglaublich, was die Deutschen aus dem Nichts im Süden geschaffen haben. Ja, fast möchte man sagen, aus weniger als aus nichts; denn es war nicht nur nichts vorhanden, sondern es standen den ersten Ansiedlern geradezu unüberwindlich erscheinende Hindernisse gegenüber. Sie wußten sie zu überwinden, mit einer Ausdauer und mit einem beispiellosen Mut, die
der uneiugeschränktesken Bewunderung würdig find.
Wer heute nach Valdivia kommt, der kommt aus dem Staunen über die Riesenarbeit, die dort geleistet worden, gar nicht wieder heraus. Es ist ganz selbstverständlich, daß die Regierung Chiles es als ihre vornehmste Pflicht ansehen muß, diese gewaltigen Kraftaufwendungen zu kompensieren, indem sie durch eifrigste Förderung dieser Kulturarbeit ihr bett Dank des gesamten Landes abträgt.
sahmarkt, der sich für Deutschland in der Sorv- jetunVn immer mehr öffnen wird und die Beschäfiigungsmöglichkelteo für deutsches technisches Wissen und Können und für deutsches Unternehmertum, die sich bei uns mit jedem Tage mehr entwickeln werden, find grenzenlos. Ls ist töricht, zu glauben, daß e'ne Verwandlung der Sowjetunion in e nen Industriestaat die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland vermindern wird. Unser n ist so groß und d'e dort verborge- schätze so unzählbar, daß die Lul-
Territorium
neu Katurft, „ __________
Wicklung der Industrieproduktion in der Sowjetunion immer neue Beschäftigungsmöglich, keitea für die deutsche Produktion eröffnen wird. Nach Tschiksr^rins Meinung kann ein 100-MMonen-Krsdik wegen feiner Kurzfristigkeit n'chk ausgenutzt werden. Auf der anderen Seite bedeute für Rußland Kredit alles. Als eine der wichtigsten Aufgaben er-
scheine ihm die F r a g e der O r g a u i f a k i o n des Kreditwesens. Er hege die beste Hoffnung, daß sie glücklich gelöst werde.
Tschitscherin -rege« den Völkerbund.
In einer Erklärung Tschitscherins für die Rote Fahne kurz vor seiner Abreise von Berlin betont er nochmals, daß die Sowjetunion nach wie vor fest sulschloffen sei, keinesfalls dem Völkerbund beizutreten. Die Ablehnung des
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der Völker, der Gleichheit der Nat onen, der Schwächeren, erwachenden Völker Asiens und der Feind einer echten Friedenspolitik sei.
Tfchüscherins Abschiedsbesuch béi Stresemann.
Berlin, 22. Dez. Tschitscherin machte heute bei Dr. Stresemann einen Abschiedsbesuch. Wie wir erfahren, war dieser Besuch weder lang noch politisch wichtig. Auch haben dritte Personen, wie etwa der Staatssekretär v. Schubert, an dem Besuch nicht teilgenommen.
Berlin, 22. Dez Der russische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin ist heute abend mit dem fahrplanmäßigen D-Zug Berlin—Königsberg nach Moskau abgereist. Auf dem Schlesischen Bahnhof hatten sich u. a. der russische Botschafter mit zahlreichen Herren der Botschaft, ein Vertreter des Auswärtigen Amtes und sämtliche kommunistischen Abgeordneten eingefunden.
Dabei wird dieser Dank immer nur geringfügig sein gegenüber dem, was die deutsche Kolonisation für Chile getan hat.
Und ebenso muß auch alles, was die Regierung zur Förderung dieses fortschrittlichen Elements und seiner Unternehmungen tun kann, nur verschwindend gering fein, im Vergleich zu den bewunderungswürdigen Leistungen, auf die das deutsche Element Chiles mit Recht stolz sein darf."
Im weiteren Verlauf des Gespräches kam Herr Figueroa dann auch auf seine Stellungnahme zu der deutschen Einwanderung zu sprechen, indem er meinte: „Nach dem, was ich von deutscher Arbeit im Süden gesehen und über sie sooeHen geäußert habe, ist es natürlich selbstverständlich, daß ich auch der deutschen Einwanderung die denkbar größten Sympathien entgegenbringen und sie entsprechend fördern werde. Handelt es sich doch nicht um ein Experiment, das mit irgendwelchem Risiko verknüpft ist, sondern um
eine in Iahrzehnten im besten Sinne des
Wortes durchaus erprobte Einwanderung,
so daß ich nicht Anstand nehme, zu erklären: die deutsche Einwanderung hat sich als das beste für unser Land erwiesen."
Der Präsidentschaftskandidat schloß seine freimütigen und von Herzen kommenden Darlegungen mit den Worten: „Für die gewaltige Produktionskraft des deutschstämmigen Elements im Süden Chiles gibt es nur eine Grenze: den Konsum. Diese Grenze so weit wie möglich zu stecken, dafür zu sorgen, daß der Erzeuger landwirtschaftlicher und sonstiger Werte im Süden diese leicht und ungehindert nach den Konsmnmärkten im Norden abtransvortie»
ren kann, wodurch gleichzeitig zur Serbtütgung der Lebenshaltug dort wesentlich beigetragen würde, das muß und soll eine der vornehmst, Aufgaben der künftigen Regierung sein."
Der deutsche Auhenhandel im Noobr.
Berlin, 22. Dez. Nach der amtlichen Statistik weist die reine Wareneinfuhr im November gegenüber dem Vormonat eine erhebliche Abnahme, nämlich um 218 Millionen Reichsmark, auf. Darin sind Lebensmittel und Getränke mit 105 Millionen Reichsmark, die Rohstoffe und Halbfertigwaren mit 41 Millionen Reichsmark und die Fertigwaren mit 69 Millionen Reichsmark beteiligt. Die reine Warenausfuhr zeigt gegenüber dem Vormonat eine Abschwächung von 54 Millionen Reichsmark. Während die Ausfuhr von Fertigwaren: eine Abnahme von 74 Millionen Reichsmark aufweist, ist bei der Ausfuhr in Lebensmitteln und Getränken (um 7 Millionen) und Rohstoffen und Halbfertigwaren (um 12 Millionen Reichsmark) eine leichte Zunahme feftzuftellem
Die Notlage des Ruhrbergbaus.
Essen, 22. Dez. Heute fand eine Besprechung zwischen Vertretern der Geistlichkeit des Ruhrreviers, der christlichen Arbeiterbewegung, des christlichen Unternehmertums und einigen Zentrumsabgeordneten statt- Die Konferenz befaßte sich eingehend mit der gegenwärtigen großen Notlage des Ruhrbergbaus und ins« besondere der Arbeiterschaft. Von maßgeb Unternehmerseite wurde Bereitwilligkeit erklärt, in kürzester Frist eine Zusammenkunft der Bergarbeiterführer und der Dergbauvertreter herbeizuführen, um in vertrauensvoller!
Zender
Zusammenarbeit Mittel und Wege zur Wil-
deutsche Volk auch auf allen anderen Wirtschaftsgebieten Pflicht aller Beteiligten ist.
Eine Bolschafi des englischen Königs.
London, 22. Dez. In der königlichen Sot-j schaft, die bei der Vertagung in beiden! Häusern zur Verlesung kam, heiß: es u. a.:
Es war ein Anlaß zu großer Zufriedenheit! Sr mich, in London die Bevollmächtigten! euffchlands, Belgiens, Frankreichs, Italiens^ Polens und der Tschechoslowake:, die am 1J Dezember die in Locarno am 16. Oktobers paraphierten Verträge hier unterzeichnet?
haben, zu empfangen. Es ist mein Glaube unS meine Hoffnung, daß diese Urkunden, in deins sie den unmittelbar beteiligten Völkern Sicherheit geben, sich nicht nur als Grundlage eines wahren Friedens zwischen ihnen erweisen mer^ den, sondern auch als Anfang einer^ freundschaftlichen arbeit, dieder ganzen
a m m e n- kzugutä über den
kommen wird. Ich freue mich
Anteil, den meine Regierung bei den Verhandlungen, die zu diesem großen Ereignis führten, tsitzunehmen in der Lage war. — Die Botschaft erwähnt noch verschiedene Ereignisse und Probleme, die in der letzten Zeit eine Rolle gespielt haben, die den Abschluß des. irischen Grenzvertrages, die Schließung beri Ausstellung in Wembley, die Kohlenkrise, die Einführung der Witwen- und Waisenversiche- rung, die Beihilfe für die Zuckerindustrie usw., Sie schließt mit guten Wünschen für die Mit--! glichet des Parlaments. y
Der Tod Kitcheners.
Loudon, 22. Dez. Der erste Lord der Admr» rafität sagte in Erwiderung auf eine Anfrage im Unterhaus: „die Admiralität habe keinerlek Zweifel, daß der Kreuzer „Hampshire", be^ 1916 mit Lord Kitchener an Bord unterging»!
aus eine non dem oemtchen Minenleger-Unterseeboot „U 75" gelegte Miene gestoßen ist. Ncichs späteren Berichten von deutscher Seite sei dieses Boot nach den Orkney-Inseln gesandt worden, um in Vorbereitung des Auslaufens der deut^ scheu Hochseeflotte, oa Jütland führte, Miner
scheu Hochseeflotte, das dann zur Schlacht beE Jütland führte, Minen zu legen. Nach der Katastrophe seien in der dortigen Gegend 15? Minen, die offenbar von dem Unterseeboot ge» legt worden waren, feftyestellt worden.
Kurze Medungc«.
Nach einem Telegramm aus D s ch s d d a P hat der Wahabitenfuhrer Ibn Saud für Lich gesamte Bevölkerung des Hodschas eine Am«! nestie erlassen. /
Die japanische Regierung hat den: Beschluß gefaßt, eiligst von Port Arthur 20# Wann Verstärkung naL Tientsins