201. Jahrgang.
General-Anzeiger für die Streife Kanan Stadt und Land
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Kr. 299
Dienstag den 22. Dezember
1925
Das Neueste.
— Tschitscherin weilt gegenwärtig in Berlin MÄ führt Unterredung mit Regierungsmit- Fiedern.
— Die französische Kammer billigte die Syrienpolitik der Regierung und das englische Unterhaus die Haltung der Regierung in der Mossulfrage-
— Ueber ganz Frankreich wütet seit gestern ein heftiger Sturm, der bisher großen Schaden «gerichtet hat.
— Kuo Sung-lings Operationen gegen Pchang-Tso-lin nehmen in der Mandschurei einen günstigen Verlauf, während Tschang- Tsoès Truppen zurückgehen.
— Wie aus Kairo gemeldet wird, sind die Truppen Ibn Sauds kampflos in Dfchoddan eingezogen.
Tschirscherin in Berlin.
Der Besuch des russischen Außenkommissars Tschitscherin in Berlin ist fraglos in einem für uns Deutsche besonders günstigen Moment erfolgt, soweit es sich um die deutsch-russischen Beziehungen handelt. Denn die durch den Vertrag von Locarno veranlaßte russische Außenpolitik in der Richtung einer gewissen Annäherungen die Westmächte ist vorläufig noch recht erfolglos geblieben. Ganz besonders haben die Hoffnungen, die Moskau auf Tschitscherins persönliche Anwesenheit in Paris setzte, sehr ent- täuicht. Und dabei hatte Rußland doch so manches getan, um Frankreich enkgegenzâm- MN. Es hatte einen Tausch zwischen dem MF schaftèr in London, Raskowski, und dem Dot- Wfter in Paris, Krassin, vorgenommen, weil ersterer bereits früher in der französischen Hauptstadt geweilt hatte und dort bekannter »er. Der russische Finanzkommissar Sokolnikow hatte weiter erklärt, daß Rußland eine Rück- Hlung der zaristischen Schulden jetzt in Erwägung ziehen könne, da bei dem augenblicklichen Stande des Franken die Summe keine allzu erhebliche Belastung des russischen Staatssäckels mehr bilden würde. Im offiziellen Organ, in der „Isvesteija", ließ die Sowjetregie- rung Artikel erscheinen, die Frankreich Mut machen sollten, mit größerer Entschiedenheit den Weg der russischen Annäherung zu beschreiten. Kurz, was nur geschehen konnte, um Herrn Tschitscherin vorzu arbeiten, geschah.
Gewiß wird sich der russische Außenkom- ^issar auch nicht über französische Unfreundlichst zu beklagen haben, aber das eigentliche Ziel seiner Reise nach Paris hat er doch vorläufig nicht erreichen können. Es ist ihm nicht ge- wngen, die bestehenden Differenzen über die vchuldenfrage und die kommunistische Propaganda in Frankreich aus dem Wege zu räumen, geschweige denn, daß man in Paris Geneigtheit gezeigt hätte, Rußland eine Anleihe zu be- willigen. Frankreich will seins 20 Milliarden, es dem zaristischen Rußland bekanntlich gesorgt hat, nicht in entwerteten Papierfranken Mck haben, sondern in Goldwert, und T'chitscherins Erklärungen über ein loyales ^halten Rußlands in der Frage der kommu- nnnfchen Propaganda haben in Paris das be- isehende Mißtrauen nicht zu beseitigen ner=
Damit aber sind nun auch die Hoffnun- ^en Der, Sowjetregierung zunichte geworden. Frankreich von Englandabzuziehen, um so Locarnopakt den antibolschewistischen stachel zu nehmen," wie sich Raskowski ge- rgentlich ausdrückte. Nach den ablehnenden Zungen der englischen Presse gegen Mische Annäherungsversuche ist vielmehr an- toMr n' ^^ Chamberlain und Briand ent- Miohen sind, hier weiter eine gemeinsame eiont zu bilden, und zwar in der festen Ueber- ?Dung, daß die Zeit am besten für sie ar- ltet und Rußland infolge seines Kapital- . Mgelg doch einmal gezwungen sein wird, zu zu kriechen. Frankreich ist deshalb auch Ä G uobei, Rußlands Schwierigkeiten in Ost- M erhöhen. Die wüsten Gerüchte, die e fresse und seine Telegraphenagenturen B lr èpans Vorgehen in der Mandschurei onn lten' ^a^cn keinen anderen Zweck, als e? ?ouem einen Keil zwischen Japan und ^^krußland zu treiben. Nicht nur entspricht xsi notiertes Japan dem französischen Jnter- m °S..ern ebenso auch ein isoliertes Ruß- . Für die Pariser Diplomatie kann es da- hj? im gegenwärtigen Augenblick garnicht Iser passen, als daß die chinesischen Wirren sich
WM öder ROMs MeWlitil.
Berlin, 21. Dez. Der russische Volkskommissar des Auswärtigen, Tschitscherin, hat auf der Rückreise nach Moskau in .^Berlin einige Tage Station gemacht. Er war am Samstag Gast beim Chef der Heeresleitung General v. S e e ck t und heute mittag gab ihm der Außenminister Dr. Stresemann ein Frühstück, an dem u. a. der preußische Ministerpräsident Braun, der Reichswehrminister Dr. Geßler, der Reichsverkehrsminister Dr. Krohne, die Staatssekretäre v. Schubert, Kempner, Meitzner, Weismann, der deutsche Botschafter in Moskau, Graf Brockdorff-Rantzau und Ministeriâl- direktor W a l l r o t h teilnahmen. Tschitscherin hatte außerdem eine Unterredung mit dem Außenminister. Bei dieser Unterredung wurden natürlich die politischen Probleme erörtert. Es dürften aber handelspolitische Fragen im Vordergrunds gestanden haben, jedoch ist hierbei an irgendwelche Abmachungen nicht zu denken. Man hat sich ebenso ausgesprochen über den russischenHandels- vertrag und dis praktischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
Der russische Volkskommissar benutzte seine hiesige Anwesenheit wiederum, um in der Berliner Presse seine politischen Ansichten kundzu- geben.
Er führte u. a. aus: Im möchte mein Befremden ausfprechen über die in verschiedenen Presseorganen immer wieder auftauchenden Meldungen, die Regierung der Sowjetunion habe ihre Haftung
in der Völkerbundsfrage geändert. Diese Behauptung enthält auch nicht ein Körnchen Wahrheit. Unsere Haltung dem Völkerbund gegenüber ist heute ebenso ablehnend wie früher. Ueber die Locarnoverträge möchte ich bemerken, daß sich unsere Befürchtungen nicht auf die Absichten der deutschen Regierung, sondern auf die objektiven Verhältnisse beziehen, die für Deutschland durch die Abkommen von Locarno geschaffen worden sind. Alle diese Erwägungen hindern uns aber nicht, daß wir nach wie vor in vollem Maße für die Entwaffnung oder die
Rüsiungseinschränkung der Völker eintreten. Ich blicke mit großer Besorgnis auf die möglichen Folgen der Entscheidung über die Mossulfrage. Wenn kriegerische Entwicklungen daraus entstehen, so wäre das ein großes Unglück für die gesamte politische Lage. Meine Pariser Eindrücke sind h Lch st befriedigend- Die Atmosphäre, die ich dort fand, hat meine Erwartungen übertroffen und ist viel günstiger als früher. Die Verhand
in der Mandschurei mehr und mehr auszutoben beginnen, weil gerade hier die alten Gegensätze zwischen Rußland und Japan liegen. Daß Frankreich mit dieser Verhetzung bereits einen gewissen Erfolg erzielt hat, läßt die Protestnote der Moskauer Regierung erkennen, die sie in Tokio gegen das japanische Vorgehen hat überreichen lassen, obwohl das Mikadoreich bisher kaum mehr getan hat, als zum Schutz seiner wirklichen Interessen dort nötig ist Es ist zwar anzunehmen, daß man sich in Tokio wie in Moskau trotz aller französischen Verhetzung nicht aus der seit dem Januar d. Js. einge= schlagenen Bahn wird heraustreiben lassen, doch hofft jedenfalls Paris auch hier auf Möglichkeiten für sich, die Rußland gefügiger machen werden.
In diesem Moment der außenpolitischen Situation Rußlands also, der Moskau trotz aller großen Worte und eines von Raskowski und Tschitscherin in Paris offen zur Schau getragenen Optimismus reichlich in eine Defensive gedrängt erscheinen läßt, ist der Berliner Besuch des russischen Außen-kommissars gefallen, der besonderen Besprechungen mit unserem Außenminister gegolten hat. Es ist ein Moment, der Herrn Tschitscherin die Bedeutung Deutschlands für Rußland wieder ganz besonders zum Bewußtsein hat bringen müssen, und der wie keiner dazu angetan ist, die russischen Verstimmungen und Befürchtungen über unser Verhalten zu Rußland seit Locarno aus dem Wege zu räumen. Wir zweifeln nicht, daß in ben Unterredungen, die Stresemann mit dem russischen Volkskommissar gehabt hat, die von der deutschen Reichsregierung so und so oft bereits zum Ausdruck gebrachte Ueberzeugung von neuem betont worden ist, wie wenig uns
lungen, die wir im Januar mit Frankreich beginnen, werden gewiß sehr großen Schwierigkeiten begegnen. Der gute Wille ist aber auf beiden Seiten vorhanden.
Die fortgesetzt
feindselige Haltung Englands
uns gegenüber ist gegenwärtig das größte Hindernis für eine Regelung der allgemeinen Verhältnisse. Wir haben wiederholt offiziell erklärt, daß wir jederzeit bereit wären, mit England über die uns trennenden strittigen Fragen zu verhandeln. Es ist aber nicht das mindeste Anzeichen vorhanden, daß die englische Regierung auch ihrerseits diesen Wunsch hat. Die Anschuldigungen in der englischen Presse auf unsere Haltung in der chinesischen Frage entsprechen nicht der Wahrheit. Ich kann ausdrücklich verneinen, daß unsere Regierung und ihre Vertreter China gegen Fremde überhaupt und gegen England insbesondere aufhetzen. Wir machen aber kein Hehl daraus, daß unsere Sympathien auf Seite der Kuo-Min-Tang stehen-
Der Entwicklung unserer wirtschaftlichen Beziehungen zu Amerika
legen wir größte Bedeutung bei. Wenn amerikanische Zeitungen mir den Ausspruch zuschreiben, wir würden unter keinen Umständen die Regelung der Schuldenfrage zulassen, so haben sie etwas Falsches berichtet. Wir haben im Gegenteil den Vorschlag gemacht, alle strittigen Fragen — einschließlich der Kerenski-Anleihe .—uyiJfhpn uns und der amerikanischen Regie- ziellen Krisis in der Sowjetunion ist absolut falsch. Es find Schwierigkeiten im Getreideexport entstanden, die darauf zurückgehen, daß die Bauern, in größerem Maße als man erwartete, das Getreide bis zum Frühjahr zurückhalten, um höhere Preise zu erreichen. Die Schwierigkeiten, die sich dem raschen Export des Getreides in den Weg stellen, ändern aber nichts an der Tatsache, daß sich unsere Wirtschaftslage immer mehr befestigt und daß die Sowjetunion immer mehr zu einem maßgebenden Absatzgebiet für die übrigen industriellen Länder wird-
Der Handel mit der Räteunion
ist eine höchst wichtige allgemeine internationale Aufgabe. Unumgängliche Vorbedingung für die Entwicklung des Handels der Sowjetunion ist das Erlangen von Krediten zur Durchführung der Handelsoperationen. Ob und unter welchen Bedingungen die Sowjetunion Kredite erlangt, ist ausschlaggebend für die Stellung der Sowjetunion als Käufer auf dem Weltmarkt.
Locarno hindern soll, die Fäden nach Moskau weiter zu spinnen. Der im Reichstag erst kürzlich genehmigte deutsch-russische Handelsvertrag und der an Rußland bewilligte 100 Millionenkredit werden darum hoffentlich gerade in diesem Augenblick eine besondere Wirkung nicht verfehlen. Rußland kann nicht verlangen, daß wir Deutsche eine Politik betreiben, die sich nach russischen Wünschen richtet. Für Deutschland kommen nur deutsche Interessen in Frage. Gerade das sollte Rußland aber auch ein Beweis sein, daß wir weiterhin tun werden, was unserem Wohle entspricht, und gerade darin sollte für Rußland eine Gewißheit liegen für unser Bestreben, mit dem gewaltigen östlichen Nachbar gute Freundschaft zu halten. Hoffen wir, daß Herr Tschitscherin diesen Eindruck mit aus Berlin fortnimmt.
Das Weitze Kaus und die Abrüsiungs- frage.
Washington, 21. Dez. Wie Associated Preß meldet, ist man hier in amtlichen Kreisen dafür, entweder einen offiziellen amerikanischen Vertreter zu den Verhandlungen zur Vorbereitung der Abrüstungskonferenz zu entsenden, oder überhaupt den Vorbesprechungen fernzubleiben. Auf keinen Fall wird man, dies wurde amtlich mitgeteilt, die Lösung in der Entsendung eines unoffiziellen Beobachters suchen. Wenn zu den Vorbesprechungen ein amerikanischer Bevollmächtigter entsandt wird, so wird man wahrscheinlich nicht erst die formelle Billigung des Kongresses einholen. Dagegen würde die Regierung eine solche Autorisation beim Kongreß nachholen, wenn sie sich zur Teilnahme an der eigentlichen Konferenz entschließe.
SertrauensDotum für Baldwin.
London. 21. Dez. In Vertretung Mao» donalds, der heute nach Ceylon abgereist ist, erklärte Clynes im Unterhcmse. wenn die Re- gierung einen Antrag habe einbringen lassen, der ihre Haltung gegenüber der Entscheidung über Mossul billige, so müsse man darin eine unbillige Beschränkung der Rechte des Hauses erblicken. Er forderte die Mitglieder der Arbeit terpartei auf, gegen dieses Vorgehen zu protestieren, in dem sie das Haus verlassen und ant der Bros Debatte nicht teilnehmen. Clynes beklagte sich ferner, daß man der Opposition nicht Zeit gelassen habe, über diesen Antrag vor der Debatte zu beraten- Die Arbeiterpartei verließ dann geschloßen das Unterhaus.
Sodann brachte Baldwin die Regierung» resolution ein. Baldwin betonte, daß die Regierung die Politik der vorhergegangenen Kabinette und damit auch die der Arbeiterregie- rung fortsetze und sagte: Wir wünschen nichts so sehr, als daß das Jrakgebiet in gut nachbarlichen Beziehungen und freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der Türkei leben möchte. Der Außenminister hat bereits sich in Genf bereit erklärt, Mittel und Wege zu suchen, die sich mit unseren Verpflichtungen gegenüber dem Irak vertragen, um zu einem Abkommen zu gelangen. Ich lade den türkischen Botschafter ein* morgen mit mir zusammenzukommen, um diese Frage weiter zu besprechen. (Beifall). Wir, brauchen die Unterstützung eines geeinten Landes und ich möchte bitten zu erwägen, ob die Aussichten einer Regelung gebessert oder geschädigt werden und durch eine Agitation, di«! ständig die von uns befolgte Politik falsch darstellt, und die geeignet ist, außerhalb Englands Zweifel über unsere Entschlossenheit, unsere
regen-
London, 21. Dez. Das Unterhaus hat die von Baldwin eingebrachte Resolution, in der bie Politik der Regierung in der Irakfrage gebilligt wird, mit 239 gegen 4 Stimmen angenommen«
Vertrauensfrage für bie französische Regierung.
Paris, 21- Dez. Bei der Abstimmung über die Vertrauenstagesordnung über die französische Politik in Syrien, deren Debatte heute vormittag zu Ende ging, haben sich 261 Abgeordnete für den ersten Teil der Tagesordnung Cazals ausgesprochen, der der Regierung das Vertrauen aus fgrid)t. Nach Fraktionen verteilen sich diese Stimmen wig folgt: 126 Radikale, 1 Sozialist, 34 Sozialrepublikaner, 39 Mitglieder der radikalen Linken, 24 Linksrepublikaner, 16 Mitglieder der demokratisch-republikanischen Linken (Fraktion Ma- ginot), 1 Mitglied der republikanisch-demokratischen Vereinigung, 13 Demokraten (Elsässer) und 7 Abgeordnete, die keiner Partei angehören; 29 Abgeordnete stimmten dagegen^ nämlich 26 Kommunisten und 3 Abgeordnete, die keiner Partei angehören. Der Stimme haben sich 254 Abgeordnete enthalten, nämlich 5 Radikale, 26 Sozialisten, 4 Sozialrepublü-i kaner, 10 Linksrepublikaner, 20 Mitglieder den demokratisch-republikanischen Linken, 100 Mitglieder der demokratisch-republikanischen Vereinigung, 1 Demokrat und 18 Abgeordnete, die keiner Partei angehören. 20 Abgeordnete haben der Sitzung nicht beigewohnt.
Der Renten franken.
Paris, 21. Dez. Die sozialistische Kammer» fraktion hat in der Kammer eine Entschließung- vorgeschlagen und deren Durchberatung als dringlich gefordert, die zum Ziele hat, dre Regierung möge das Anerbieten der Industriellen des Norddepartements zur Stabilisierung der französischen Währung zu einer solida- rischen Aktion der ganzen Nation machen. Es wird auf die nach Bekanntgabe des Vorschlages der Industriellen erfolgte Erholung des Frankenkurses hingewiesen. Die Sozialistische Partei erklärt, sie stelle mit Freude fest, daß Produzenten, deren politische Ansichten weit von denen der Sozialisten entfernt seien, sich der sozialisftschen, Auffassung angeschlossen hat», ten. Die sozialistische Kammerfraktion schlägt dann, unter Berufung auf diesen Vorschlag der Industriellen, vor, die Kammer möge die Regierung auffordern, möglichst rasch und dankbar jedes derartige Anerbieten anzuneh-. men und sich im Interesse des öffentlichen Wohls von ihm beeinflussen lassen, indem sie, gesetzlich dieselbe Tat weitsichtiger Klugheit vonj den anderen vermögenden Kreisen verlangt' und zwar unter Kontrolle einer autonomem Amortisierungskasse, bei der, um jeden De»»'