Mittwoch den 16. Dezember
Nr. 294
Selke IP
Die letzten Lage Kaiser Frieörichs
Das Geschlecht derer von Bergmann, bäuerlichen Ursprungs und 1787 geadelt, stellte seit Jahrhunderten Generationen Aerzte und Pastoren von Ostpreußen bis Livland. Durchaus Männer von ausgesprochener Persönlichkeit, daß man sie mit Recht das geistige und geist- üche Rückrat preußisch-hohenzollerscher Geschichte in den östlichen Marken nennen darf. Der bedeutendste Sohn jener schließlich auch in Rußland und Schweden weitverzweigten Familie ist der 1836 in der alten Hansastadt Riga geborene Ernst von Bergmann. Kein würdigeres Denkmal konnte diesem großen Meister der Chirurgie und prachtvollen Menschen gesetzt werden, als die schöne biographische Neuaus- oabe, die Arend Buchholtz soeben als stattlichen Band im Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig erscheinen läßt. Es ist ein Lebensbild einer in ihrem ganzen Erdenwallen sympathischen Kraftnatur und bietet eine Fülle menschlich und geschichtlich interessanten Stoffes. So sind schon Bergmanns Wiener Jugendbriefe von bestrickender Anmut, und vollends sind es in des reifen Mannes Reisebriefe aus russischen, spanischen und orientalischen Städten wie die Kriegstagebücher des Feldchirurgeu von 1866, 1870/71 und 1877. Den erschütterndsten Einblick aber gewichrt uns das Buch mit den im Original wiedergegebenen Aufzeichnungen Bergmanns in der Krankheit Kaiser Friedrichs, den tragischen Ausgang jenes Kaisertums von hundert Tagen.
Seit Januar 1887 litt der Sohn des neunzigjährigen ersten deutschen Kaisers an ständiger Heiserkeit. Auf Verlangen der Leibärzte untersuchte Professor Bergmann am 16. Mai den Kronprinzen. Er sprach sofort den begründeten Verdacht einer bösartigen Neubildung und die Unerlätzlichkeit einer Operation aus. Die Kronprinzessin Friedrich gab, voll Vertrauens in den berühmten Chirurgen, sogleich ihre Zustimmung. Nur wurde noch die Beiziehung des bekannten Londoner Laringologen Morell Mackenzie vereinbart. Auf ein Telegramm der Kronprinzessin an die Königin Viktoria von England antwortete diese: „Wozu Mackenzie? Ihr habt doch genug Aerzte." Erst auf ein zweites Telegramm ließ sie Mackenzie benachrichtigen, er traf am 20 Mai in Berlin ein. Es ist ja genug bekannt, daß sein Einspruch die Operation vereitelte und nun die unheilvolle Wendung in der Behandlung des Leidens begann. Mackenzie erklärte nach der Untersuchung das Neugebilde als gutartig. Seine bestimmte Zusage, die Krankheit auch ohne ope- ^^-ativen Eingriff heilen zu können, gewann ihm bab^utrauen des Patienten und seiner Gemah- Bn. Di< Einwendungen Bergmanns wie der Professoreik-Wegner und Gerhardt fanden keine
Beachtung mehr, ihre warnende Stimme, die Behandlung des Kronprinzen nicht Mackenzie allein anzuoertrauen, verhallte.
Der Kronprinz begab sich zur Kur nach San Remo. Dort stellte ein Aerztekonsilium, dem nun auch Mackenzie nicht mehr widersprechen konnte, Kehlkopfkrebs fest Das dauernde Anwachsen der Ee chwulst machte am 9. Februar 1888 einen Luströhrenschnitt notwendig, den Dr Bramann, erster Assistent der Klinik Bergmann, mit Erfolg ausführte. Auch trotz der gelungenen Operation wünschten der Kronprinz und die Kronprinzessin Bergmanns Reise nach San Remo. Der nun einundneunzigjährige Kaiser Wilhelm empfing den berühmten Chirurgen vor seiner Fahrt ans Krankenlager. Man hatte den greisen Monarchen in den letzten Wochen oft allein und in Tränen gefunden. Bergmann aber traf ihn gefaßt, wenn auch in tiefer Bewegung. Er sprach völlig klar über den Zustand seines einzigen Sohnes, beklagte daß man ihm, dem Kaiser, keine zuverlässigen Nachrichten schicke, und verpflichtete Bergmann, nach Kräften für die Uebersiedlung des Kranken nach Berlin zu sorgen.
In San Remo ist Mackenzie mit seiner ungenierten Art noch immer Alleinherrscher. Unter diesen Umständen konnte nicht ausbleiben, daß es zwischen den Aerzten zu heftigen Zusammenstößen kam. wobei Mackenzie sein Gleichgewicht sehr schnell, Bergmann aber nie auch nur einen Augenblick seine Ruhe verlor. Das Bewußtsein, daß die Zukunft ihn rechtfertigen werde, hielt ihn aufrecht. Die Hand gefesselt, die noch vor kurzem hätte Rettung bringen können, nun einflußloser Zuschauer gewissenlosen Treibens durchlebte Bergmann die qualvollste Zeit seines Lebens. Was er in San Remo empfand, hat er den täglichen Briefen an seine Frau anvertraut. Sie wirken schon in kurzem Auszug erschütternd:
12. Februar . . . Ich trat ins Krankenzimmer. Der Kronprinz ergriff meine beiden Hände, drückte sie tiefbewegt ans Herz und wies mit glänzenden Augen auf Dr. Bramann. Sprechen kann er ja nicht ■ . ■ Seit zehn Tagen hat, wie ich jetzt durch die Erbprinzessin und durch den hohen Patienten selbst weiß, die Atemnot täglich zugenommen. Der Hofmar- schall von Lynker, Major von Kessel sowie die Kinder haben dringend um meine Berufung gebeten. Alles vergeblich. Mackenzie hat gesagt, es sei noch Zeit.
13. Februar . . . Ich möchte Dir die Nacht am Krankenbett des hohen Patienten schildern, kann es aber nicht eher, als bis ich etwas über den Charakter der Kronprinzessin ausgesprochen habe. Sie ist eine leidenschaftlich liebende Frau von einem großartigen Subjektivismus. In der furchtbaren Tragödie der hiesigen Villa Zilio spielt sie eine Hauptrolle, die fesseln und interessieren muß, da sie sich aus rein mensch-
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lichen und nicht unedlen Motiven zugrunde richtet. Sie hat fix in ihr sitzende Ideen, an denen sie mit dem Glauben eines Apostels hängt: eine solche Idee ist die von der Unmöglichkeit des Krebses bei ihrem Manne- Ich hatte im vorigen Sommer einen Tag hindurch die Fürstin auf meiner Seite, weil sie damals schnell ihren Gemahl gesund haben wollte und mein Mittel ihr das rascheste schien; als Mackenzie dagegen sagte, von Gefahr sei nicht die Rede, mußte gegen mich notwendig eine Verstimmung aufkeimen, die noch heute vorhanden ist. Wenn ihr Blick an dem Kronprinzen hängt, und sie wendet ihn den ganzen Tag nicht von ihm, so wünscht sie, daß alle das fühlen und sehen, was sie sehen will, und sie will ihn sehen frisch, rosig, gesund: „Ich bitte Sie, sehen Sie seine Augen an — ist das der Blick eines unheilbar Kranken?"
Wie liebenswürdig anderseits die Natur des Kronprinzen ist! Als ich die Nachtwache antrat, schrieb er die Worte, die Du auf dem hier eingefchlossenen Zettel lesen kannst. („Das, Sie die Nacht für mich wachen, macht mich unglücklich") Ich sagte: „Gestatten Sie mir, glücklich zu sein durch das Wenige, was ich zur Erleichterung Ihres Leidens für Sie tun kann." Dann klopfte er mir auf die Schulter, behielt lange meins Hand in der {einigen und sah mich feuchten Auges unverwandt an, bis er die Lider über feine müden Augensterne sinken ließ . . .
14. Februar . . . Zum erstenmal eine sehr höfliche, aber scharf akzentuierte Auseinandersetzung mit Mackenzie- Es zeigt sich nämlich hin und wieder Blut im Auswurf; meiner bestimmten Ansicht nach läuft das aus dem durch und durch wunden Kehlkopfe hinab. Mackenzie, der mir beipflichten, ging nichtsdestoweniger zur Kronprinzessin und sagte ihr: „Die Kanüle, die Professor von Bergmann nach seiner Ankunft eingeführt, ist zu dick und schlecht gekrümmt, die reibt und macht so starke Friktionen, daß jetzt Blut herausrinnt. Ich habe eine ungleich bessere aus London mitgebracht." Kurz darauf sagte mir die hohe Frau: „Ihre Kanüle kratzt, deswegen gelangt Blut in den Auswurf." Jetzt kommt Mackenzie mit seiner Kanüle, einem
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höchst unpraktischen, vor 25 Jahren vonih^ konstruierten Instrument, das damals sch^ als es geboren wurde, veraltet war. Ich dankte höflich ... Als ich dann dem Kronprinz^ gegenübersaß und er mich wieder ansah seinen herrlichen Augen — ach! ein édjnten und Jammer für mich! Ich mußte alle Energie ausbieten, daß er mir nicht die Tränen ansah Bei der ersten Begegnung war es so dunkel' daß er nicht sehen konnte, wie sie mir die Wangen herabliefen . . .
18. Februar. - . Gestern abend hach Mackenzie zu mir geäußert, er müsse mich drin, gend bitten, mich um die Diagnose der Krankheit und die Behandlung des kranken Kehl, kopfes nicht zu kümmern: das sei ausschließlich seine Sache. Sehr ruhig setzte ich ihm meine Ansicht auseinander.
24. Februar . . . Heute trat Mackenzie aus mich zu mit den Worten: „Ich habe mich überzeugt, daß Ihre Kanüle besser ist als meine, und bitte Sie, die Ihrige wieder einzuführen." Er war dann Zeuge, wie nach dem Wechsel der Kanüle der Kronprinz aufschrieb: „Ihre Kanüle ist viel besser, entscheiden Sie, daß ich diese behalte . . ."
Montag am 27. Februar, sagte mir die Kronprinzessin: „Mackenzie hat mir versichert, daß solange Sie da sind, er nicht gut behandeln könne. Nehmen Sie mir doch nicht durch Ihr Bleiben die Hoffnung, daß Mackenzie doch noch meinen Mann kuriert." Ich antwortete: „3u Befehl, ich werde in Berlin um meine Abberufung bitten . . ."
Als Bergmann mit unvorhergesehener Verzögerung am Morgen des 9. März in Berlin eintraf, wehten ihm Trauerfahnen entgegen. Der greise Kaiser war gestorben.
Am 10. März trat der totkranke Kaiser Friedrich die Fahrt nach Berlin an — eine Tragik, der die Geschichte keine gleiche an die Seite stellen kann Am selben Vormittag hatte Bergmann die erste denkwürdige Unterredung mit Bismarck. Äuf des eisernen Kanzlers Frage, wie lange Kaiser Friedrich zu leben hätte, erwiderte der große Arzt: er würde den Sommer nicht überleben.
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Alzenau t. Ufr. den 4. Dezember 1925.
Marktgemeinderat:
1. Bürgermeister Antont.
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Norbert Kahlmeyer
OaraScsaigMrBg.
Für die außerordentlich zahlreichen Beweise herzlicher Teilnahme, sowie für die überaus reichen Blumen- und Kranzspenden, welche uns bei dem Heimgänge unseres lieben, unvergeßlichen
zuteil wurden sagen wir Allen auf diesem Wege unseren herzlichsten Dank. Ganz besonderen Dank den Schwestern vom Landkrankenhause, besonders der Schwester Johanna, die unseren Norbert mit wahrhaft mütterlicher Fürsorge bis zum lefeten Augenblick gepflegt hat. Ferner herzlichen Dank dem Motorsportclub für seine innige Teilnahme. 10735k
Familie Willy Kahlmeyer u. Angehörige Familie Karl Steßen u. Angehörige.
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Danksagung.
Für die außerordentlich zahlreichen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Heimgänge unseres lieben unvergeßlichen
Dagobert
danken wir nur aut diesem Wege.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
I. d. N.: Fritz Jäger u. Frau geb. Goll.
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