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irr. 293

Dienpkag den 15. Dezember

Seite 9

Die Türme -es Schweigens

Von George Popoff.

Bombay, im November.

Der Fordwagen, der mich zu denTürmen des Schweigens" bringt, hat 20 PS und kostet 1100 Rupieen. Der Parse, dem der Fordwagen gehört, ist ein bleicher Mann, hat einen golde­nen Zwicker auf der Nase, trägt einen engli­schen Sakkoanzug, plaudert aufgeregt über den Einfluß der indischen Literatur auf das deut­sche Geistesleben und ist im Alltag mit dem Be­ruf eines Rechtsanwalts belastet. Aber, trotz des goldnen Zwickers und des 20 ?8-Fordwa- gens, werden einst meinem Parsi-Rechtsanwalt die Geier holen. Bitte im buchstäblichen Sinne des Wortes: die Geier von'den Türmen des Schweigens werden ihn, gemäß der Be­stattungssitte der Parsen, zerfleischen, die Sonne Indiens wird seine armseligen Gebeine verbrennen und der So-Monsum wird seine letzten irdischen Ueberreste in alle Winde, dort­hin von wo nichts mehr wiederkehrt, verwehen. Nach diesem System bestatten die Parsen ihre Sieben bereits feit mehr als zwei Jahrtausende und selbst die Könige Darius und Kambyses sind einst von Geiern zerpflückt, von der Sonne verdörrt und vom Monsum ins letzte Land ver­weht worden.

Bombay ist stellenweise eine ganz europäische Stadt mit Straßenbahnen, Autos, Mietskaser­nen, einer lärmenden Tagespresse und sozialen Problemen. Aber, statt unserer europäischen Alltags-Krähen, gewahrt man in Bombay überall und zu jeder Tageszeit unzählige Geier hemmfliegen. Auch sitzen sie auf den Dächern des Bazars, auf den Zinnen der Tempel und auf den Fahnenstangen des Taj Mahal-Hotels und stoßen von Zeit zu Zeit einen merkwürdi-

Lockruf aus, der lieblich, unschuldsvoll und klingt, etwa wie der Schrei eines Pirols nach dem Regen, doch einen leisen Untertan der Falschheit und Habgier hat. Wenn sie über der Stadt kreisen, so zeigen sie der unten wan­delnden Menschheit ihre Verachtung auf die­selbe Weise, wie es jenes schwarze Federvieh tat, von dem Wilhelm Busch bemerkt:Der Rabe ist ganz unbefangen ..." Doch zuweilen lassen die Geier von Bombay auch etwas an­dere fallen und zwar ein Parsenohr oder einen Parsenfinger oder irgend einen anderen von ihnen noch nicht verspeisten Parsenkörper­teil. Dann erheben dieJungparsen" jedesmal ein großes Lärmen, protestieren gegendiese barbarische Bestattungsart" und wollen ein Krematorium, anstelle der Türme des Schwei­gens, errichtet sehen. Aber ihr Lamentieren hilft wenig, denn die Partei der Jungparsen zählt nur 50 Mitglieder, während die Anhänger der Aasgeier über 100 000 Mann aufstellen fbWén, d. h. das ganze Parsenvolk repräsen- tieren. So siegt dann hier, wie überall in der Wekt, stets die Meinung der Mehrheit und die Aasgeier haben ihren Triumph!

Die Parsen zeichnen sich dadurch aus, daß sie, unter allen Völkerschaften Indiens am leichtesten der Europäisierung zugänglich sind. Sie sind fast ausschließlich Kaufleute, kennen keine politisch-aufrührerischen Launen und sind der britischen Machtloyal" ergeben. Die Söhne der wohlhabenden Parsen studieren in Oxford, diehöheren Töchter" tanzen Sams­tags zum 5 Uhr-Tee im Taj Mahal-Hotel Fox­trott und die Papas und Mamas fahren in prachtvollen Rolls-Royce-Wagen durch das pöbelhafte Straßengewimmel von Bombay und benehmen sich ganz so ordinär, wie die Raffkes bei uns zu Lande. Aber ihre Toten lassen die Parsen von den Geiern zerfleischen! Das heutige Indien ist eben, gleich Sowjetrußland, ein Land der schreienden Kontraste. Monu­mente und Sitten jahrtausende alter Kulturen

Kunst uns Wikkenschasi.

o Skadttheaker. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Zum letzten Male wird heute abend 7)4 Uhr als 13. Vorstellung im Diens­tag-Abonnement die romantische OperDer Freischütz" von C. M. v. Weber wiederholt. Als arfte Kindervorstellung zu kleinen Preisen ge­langt morgen Mittwoch, nachmittags 3 Uhr, «Schneewittchen und die sieben Zwerge", ein âärchennspisl in 9 Bildern zur Aufführung, abends 8 Uhr gelangt der Pirandello-Abend »Die Wollust der Anständigkeit", Komödie in J Akten von Luidi Pirandello, vorher die »Florentinische Tragödie" von Oscar Wilde âur Wiederholung.

o Besuch der deutschen Aniversüäken. Die « deutschen Universitäten hatten im Sommer- Hulbjahr 1925 folgende Besuchszahlen aufzu­weisen: Berlin rund 10 000, München 7068, 4609, Leipzig 4400, Breslau 4288, Bonn ö209, Freiburg i. Br. 3020, Frankfurt a. M. ^35, Tübingen 2533, Münster 2531, Hèidel- °^g 2516, Göttingen 2393, Halle 2301, Mar- "Urg 2156, Würzburg 2124, Hamburg 2075, «ena 2015, Königsberg i. Pr. 1643, Kiel 1601, £Wn 1388, Erlangen 1272, Greifswald 947, 831 Gegenüber dem Vorjahr haben

och in der Spitzengruppe Berlin und München n erster und zweiter Stelle gehalten, während Leipzig die dritte Stelle an Köln hat abgeben duffen.

o Liebigfeier in Gießen. Im physikalisch- glemifchen Institut der Universität Gießen fand Weser Tage eine würdige Jahrhundertfeier der Professur Justus Liebigs statt. Nach Be- »rutzungsworten des Vorsitzenden derGesell- Ichaft Liebig-Museum", Prof. Dr. Sommer, Reit Sanitätsrat Dr. Kranz, Wiesbaden, die

und Unkulturen vermengen sich hier mit den Errungenschaften und Geschmackslosigkeiten unseres marktschreierischen Jahrhunderts. Und das ergibt ein Zerrbild, welches sich dasmo­derne Indien" nennt . . .

Die von Zoroaster gestiftete Religion der Parsen soll erhaben und schön sein und, wie Prof. Rich. Garbe in Tübingen bemerkt, gehört der viergeistige Gottesbegriff dieses Glaubens zu den Reinsten und Edelsten, was die reli­giöse Spekulation der Menschheit hervor­gebracht hat." Die Totenbestattung ist es sicher nicht sie ist widerwärtig und abstoßend, trotz des schönen Excus, welchen der Parsismus hier­für bereithält. Danach ist bekanntlichalles Tote unrein und darf deshalb weder mit dem Feuer, noch mit der Erde, die beide rein und heilig sind, in Berührung gebracht, d. h. weder verbrannt noch begraben werden." Reinheit vor allem und in allem! Die Parsen richten sich streng nach dieser Zoroasters erhabenster. Lehre bei der Bestattung ihrer Toten; weniger streng hingegen bei der Abwicklung ihrer finan­ziellen Angelegenheiten.

Eine schön angelegte, breite Terrasse aus weißem Stein führt zu den Türmen des Schweigens hinauf, die inmitten eines unüber­sichtlich weiten, auf einem Hügel ausgebreite­ten Märchengartens liegen. Alles was man von den hängenden Gärten der Semiramis und ähnlichen Wundern gelesen und gehört hat ersteht hier in der Erinnerung und verblaßt vor dieser sinubestrickenden bunten Wirklichkeit; die Kokospalme neigt ihren schlanken gebogenen Stamm und kost mit ihrer Schwester, der Talipotpeline, deren breite Blätterkrone, im Bunde mit dem unentwirrbaren Luftwurzelgewebe des Feigenbaumes und den violetten Blüten tragenden Ranken der Bon- bainvillia, einen in schillernder Buntheit, wilder Belebtheit und üppiger Fruchtbarkeit ersticken­den Hain bildet, aus dessen Schatten die Brot-, Mango- und Jack-Bäume ihre grünen, roten und violetten Früchte in brünstiger Freigebig­keit dem Begehrenden zum Greifen, Besitzen und Genießen hinhalten. Doch diese in ewig- vermehrenüem, ewig-überströmendem Leben sich verschwendende Vegetation dient hier nur als Hintergrund, als Kulisse zu jenen dem Tode und dem Schweigen geweihten Schreckens­türmen, deren fahles, gespensterhaftes Weiß hie und da unheimlich aus dem Gewimmel die­ses unerhört-bunten und verwirrenden Tropen­waldes hervorleuchtet.

Während ich mit'meinem bezwickerten Par­sen die breite Terrasse hinaufschreite und das Zauberreich dieses Märchenhaines betrete vernehme ich über mir ein gräßliches Krächzen: ein alter, federloser, Abscheu erregender Geier, fast von der Größe eines erwachsenen Menschen, ein gieriger Unrast durch den blauen

, er dieses lieblichsten aller Friedhöfe und hält ein im Fluge flatterndes Tuch in seinen Krallen den Fetzen eines Leichentuches, die Trophäe seines Sieges. Ein leises Grauen er­faßt mich, während mein Führer, dem Fluge des Geiers folgend, mich zu den Türmen des

Schweigens geleitet, die wir runde, riesige, von Palmen umgebene Benzintanks äusseren. Auf ihren Zinnen sitzt die Geierschar, der Fütterung harrend! Der Türme sind fünf im Grün des Gartens verborgen. Drei Türme werden ab­wechselnd zur Bestattung der gewöhnlichen Parsen verwandt. Im vierten werden Ver­brecher (unter denen die Wucherer nicht rangie­ren), Selbstmörder, Prostituierte und ähnliches Gesinde! den Geiern ausgesetzt. Nur der fünfte , Turm ist ausschließlich einer Parsen-Familie, Körper ihrer Kinder her und zerhackt und zer- der Familie Modi reserviert, die als erste Par- sticht und zerfleischt und zerreißt und verschlingt

Festrede überIustus v. Liebig, der Forscher ünd Mensch", die sich zu einer eindrucksvollen Apotheose des genialen Forschers und großen Menschen erhob. Der Redner schilderte die unsterblichen Verdienste dieses großen Refor­mators auf dem Gebiete der Chemie, Agri­kultur und Medizin für die Menschheit. Gießen ist durch Liebig die Goburtsstätte der deutschen Chemie geworden und die Halde droben auf der Liebighöhe die Wiege der modernen Land­wirtschaft in der ganzen. Well. Schon allein durch die Entdeckung des Chloroforms fei Lie­big einer der größten Wohltäter der Mensch­heit gewesen. Dr. Kranz-Buch zeichnete dann ein scharf umrisfenes Bild der geistigen Per­sönlichkeit Liebigs und wies darauf hin, welch hoher Wert ein solch leuchtendes Vorbild echt deutscher Charakterstärke, Tatkraft und Idealis­mus für unser Volk und für unsere Zeit sei. Liebig, einer der größten und edelsten Männer unserer Nation, fei mit Recht ein Wegweiser und Führer zur Höhe edelsten Menschentums. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aus­genommen. Geheimrat Sommer wies dann nachdrücklich auf die Notwendigkeit der Erhal­tung des Liebig-Museums hin als eines Nationalheiligtums der deutschen Wissenschaft und Kultur und bat, auch fernerhin die idealen Zwecke derGesellschaft Liebig-Museum" zu unterstützen und dafür zu werben.

o Akademische Auszeichnung. Gießen, 12. Dez. Der General a. D. und frühere Kom­mandeur des Infanterieregiments Nr. 115 in Gießen, Ernst Bethcke, promovierte vor der philosophischen Fakultät der hiesigen Landes­universität auf Grund seiner SchriftDie Gaudi-Handschriften für die Jahre 1758 und 1759" zum Doktor der Philosophie.

o Die Geschmacklosigkeit der altägyptischen Kunst. Maurice Maeterlinck hat kürzlich eine

senfamilie nach Bombay kam und den ersten Turm erbauen ließ.

Bor Zoroaster und dem heiligen Licht sind alle Parsen gleich. Nur die Familie Modi nicht. Nur die Familie Modi muß ihren eigenen Turm des Schweigens, ihr privatesGeier- Erbbegräbnis" haben. Die Modis scheinen in Bombay überhaupt etwas besonderes zu fein So hat ein Mr Modi, Professor der Universität zu Bombay, sogar Sowjetrußland besucht und, begeistert heimgekehrt, seinen Landsleuten die bolschewistischen Methoden zu eifriger Nach­ahmung empfohlen. Sicher werden die guten Bolschewiki" ihn denlieben Gast aus dem fernen Indien" bereitwilligst über alles auf­geklärt haben. Kaum aber wird Mr. Modi Ein­blick in dieVestattungsmethoden" der Tscheka gewonnen haben, denn trotz seiner Sowjetbsgei- sterung, hält er auch weiter an der Parsi- Methode fest, die seiner Ansicht nach unbedingt die bessere ist. Da ist sein Landsmann Mr. Sakatvala (einziger Kommunist im britischen Parlament und auch ein Parse) schon konse­quenter und ehrlicher: er begeistert sich für Le­nin, den Bolschewismus und die Weltrevolution und pfeift auf Zoroaster und seine heimatlichen Aasgeier!

Mein Parse mit dem goldenen Zwicker er­zählt in gleichmäßig-nüchternem Tonfälle, als spräche er von seinen alltäglichen Geldwechsel- geschäften oder von seiner Studienzeit in Ox­ford, über die Bestattungsprozedur in den Türmen des Schweigen. Die Bestattungen fin­den täglich nach 9 Uhr morgens statt. Durch­schnittlich werden täglich vier Leichen ausgesetzt. (Sie sind sozusagen das tägliche Morgenfrüh- stück der Geier, die infolgedessen von derKirch­hofadministration" überhaupt keine andere Nahrung mehr erhalten.) Die Leichen werden in feierlichem Zuge alle Leidtragenden sind in Weiß gekleidet bis zu einem der Türme gebracht, wo sie von zwei besonderen Priestern in Empfang genommen werden. Nur diese zwei Priester dürfen das Innere der Türme betre­ten- Die Leidtragenden begeben sich dann zu einem im Park gelegenen Tempel, wo ein mit wohlriechendem Sandelholz unterhaltenes ewiges Feuer" brennt und beten lange wort­los und andächtig. Währenddessen tragen die beiden Priester den Toten in einen der Türme. Und noch während sie die Bahre in Händen halten stürzen sich die Geier auf den wehr­losen Leichnam und hacken auf ihn ein- Die Prozedur der Vernichtung dauert kaum zehn Minuten und alsbald liegt, anstelle eines menschlichen Körpers, nur noch ein unordent­licher Haufen durcheinandergeworfsner Kno­chen, die dann in eine in der Mitte des Turmes befindliche Mulde gespült werden, wo sie unter dem Einfluß der Sonne und der Witte­rung innerhalb eines Jahres zu nichts zer­fallen . . .

Diese letzten Wortezu nichts zerfallen" spricht mein Parse, so will es mir scheinen, etwas nachdenklicher aus.Zu nichts zerfallens In dieser Pointierung der Vergänglichkeit aller Dinge scheint wohl die eigentliche Rechtferti­gung zu liegen, welche die Religion der Parsen hierbei im Sinne gehabt hat. Dennoch fällt es dem Vorstellungsvermögen des Westlers schwer die grauenvolle Kontrastierung dieses Kults zu verstehen: während hier in diesem friedlichen Tempel die in feierliches Weiß gekleideten Mütter der Parsen sich ein über das andere Mal vor der Heiligkeit des ewigen Feuers, des ewigen Lichtes in tiefen Verbeugungen nieder­legen und in erhebender Inbrunst diesem von einem greisen Priester schweigend zelebrierten Gottesdienst beiwohnen, der an Frieden, Lieb­lichkeit und innerer Vertiefung kaum seines­gleichen kennt stürzt dort, in jenen Türmen des Grausens, eine Schar wilder, gieriger, blut­dürstiger Aasgeier über die unschuldsvollen

kleine gelehrte Studie über das alte Aegypten veröffentlicht, in der er die Eindrücke wieder­gibt, die ihm eine Reife in Afrika übermittelte. Aegypten hat ihm, wie er bekennt, eine ärger­liche Enttäuschung bereitet. Ja, selbst in den vielgerühmten Schätzen aus dem Grab Tutanch-- amons, die jetzt im Museum zu Kairo der Besichtigung zugänglich gemacht sind, und deren Schönheit in der ganzen Welt gerühmt wird, vermag Maeterlinck nichts weiter zu sehen, als einen Haufen von Geschmacklosig­keiten, die sich hier in unziemlicher Weise breit­macht.Das ist also der Hausrat des armen Tutanchamon", schreibt der belgische Dichter, bei Licht besehen, ist es nichts weiter als eine ungewöhnliche Anhäufung jämmerlichen Ge­rümpels, das einem Auktionator im Traum Alpdrücken verursachen könnte. Goldüber­ladene Arbeiten mit Elfenbein- und Perl­mutter-Einlagen, mit denen Schakale oder Ochsen geschmückt sind, die wie Regenwürmer aussehen und auf spinnwebdünne, mißgestal­tete Knochen gestellt sind. Schädel, die wie Hutschachteln einer Putzmacherin aussehen, Kriegswagen, die kaum als wacklige Kinder­wagen Verwendung finden könnten, Thron- sessel, auf die sich kein Mensch setzen möchte, darüber und darunter Alabastervafen, die un­geheuerlich und lächerlich mit Ornamenten überladen sind und in ihrer Geschmacklosigkeit jeder Beschreibung spotten. Das ganze Ge­rümpel mit seinen lächerlichen Troddeln und Knopfverzierungen bietet eine Sammlung von blödsinnigen Emanationen eines verwahr­losten Geschmacks, eine Sammlung, neben der die Preise in der Schießbude eines Jahrmark­tes als Muster der Einfachheit und klassischen Schlichtheit erscheinen."

Für die Bewegung der Erde im Wellen­raum haben wir bekanntlich nur indirekte Be­

mit habsüchtigen, wütend-gekrümmten, eher­nen Schnäbeln und Krallen das, was sie, die Mütter, geboren, gehütet, erzogen, geliebt haben . . . Kalt, im Innersten unsäglich kalt, nüchtern und grausam muß ein Volk sein, das an einem derartigen Brauch seit Jahrtausen­den festhält und noch heute nicht von ihm lassen will...

Beim Verlassen dieses ungemütlichen Ortes stellt es sich heraus, daß auch die bürokrattsche Seite derTürme des Schweigens" nichts zu wünschen übrig läßt: es gibt hier einLeichen- Regiftrotions-Büro", das alle Leichen passieren müssen, bevor sie in den Türmen ausgesetzt werden, einwirtschaftliches Kontor", wo die Lieferanten des zur Erhaltung desewigen Feuers" nötigen Sandelholzes bezahlt werden, eine eigene Gärtnerei, welcher die Verschöne­rung des Parkes obliegt, eine Werkstatt, welche die Türme vor dem Verfall hütet und gar eine eigene chemische Anstalt, welche für Desinfek­tion der Türme und deren Umgebung, mit Hilfe

von Calcium Oxat, zu sorgen hat. So ist seit den Zeiten Toroasters das Volk dennoch ein Stück vorwärtsgeschritten. Die sterblichen Ueberreste der Könige Darius und Kambyses sind schwerlich mit Calcium Oxat desinfiziert worden. Jchbemerke das zu meinembezwicker- ter Parsen und er lächelt zufrieden, denn mög­licherweise hat er den Türmen des Schweigens das heilige Sandelholz und das Calcium Oxat frei Lager" geliefert und ein ganz gutes Ge­schäft dabei gemacht.

Wenn noch irgend etwas an unzerstörten Illusionen zum Zerstören übrig geblieben wäre so besorgten dieses zum Schluß die Parst- Geldwechsler im Hotel. Sie bieten willkommene Gelegenheit zur Abrundung des Bildes dieses einer an Gegensätzen reichen, merkwür­digen Religion huldigende Volk in seinem All­tagstrubel, d. h. bei seinem alltäglichen Be­trüger- und Wuchergeschäft zu beobachten. Es gibt keine ehrlichen Parsen. Außerdem haben sie, da sie alle der Ueberzeugung sind, daß die englische Währung noch immer das beste Gelö der Welt ist, eine, jegliche Hemmung überwin­dende Leidenschaft für diese dünnen weißen Pfundnoten und stürzen sich auf diese mit einer Habgier, welche die Gier der die Parsi-Leiber verschlingenden Geier bei weitem übertrifft. Ein alter Parse mit ehrwürdigem Philosophen- bart, Zoroaster selbst, nimmt sich meiner freundlich an.Ich gebe 13 Rupieen und 2 Annas für das Pfund amtlicher Tageskurs , sagt er mit überzeugungsvollem Baß. O, wie er lügt! Der tatsächliche Kurs ist 13 Rupieen und 8 Annas. (Selbst der englischen Macht gegen­über sind diese Wucherer nur solangeloyal" ergeben, als es ihnen gelingt gute Pfund gegen schlechte Rupieen vorteilhaft einzutauschen und den Pfundkurs zu drücken) Ich wechsele schließ­lich ein Pfund zu 13 Rupieen und 4 Annas, nur um gutmütig wie ich bin, dem bärtigen Zoroaster eine kleine Freude zu bereiten. Und tatsächlich. lächelt er im Fortgehen b«tüâMâ , befriedigt, kann es aber nicht unterlassen, sofort nach einem weiteren Opfer Ausschau zu halten. Du alter Schelm, die Geier werden es einst am dir tausendfach auswetzen, was du hier den

, wie er

armen Hotelgästen antust . .

Merkwürdiges Volk! Da huldigen sie einem Jahrtausende altem Kult, der, zur Versinnbild­lichung des Glaubens von der Wandelbarkeit alles Seins, selbst vor einer der abscheulichsten Bestattungsformen nicht zurückschreckt und hier klammern sie sich in niedrigster menschlicher Erbärmlichkeit an das irdischste der irdischen Dinge und glauben selsenfest an die Unvergäng­lichkeit -----der Bank von England, vor deren imaginären Allmacht sie sich tiefer beugen. als vor dem grauenvoll-beredten Ver­gänglichkeitssymbol ihrer geheiligten Begräb­nisstätten, der Türme des Schweigens . . .

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Beweise, der wichtigste ist der durch die so­genannte Aberration oder Abirrung des Lichtes die vor 200 Jahren, also 1725, von dem eng­lischen Astronomen Bradley festgestellt wurde. Diese Entdeckung war ein Triumph der Koper- nikanischen Lehre, und sie ist umso merk­würdiger, als uns dabei ferne Fixsterne den Beweis für die Bewegung unserer Erde liefer­ten. Suchen wir uns die Sache verständlich zu machen. Wenn der Regen senkrecht vom Himmel fällt und wir halten ein Rohr senkrecht, so werden die Regentropfen unbehindert durch das Rohr fallen, oben ein- und unten aus­treten. Wenn wir aber mit dem auch senkrecht gehaltenen Rohr vorwärtsgehen, so werden die Regentropfen auf die Wand treffen, denn in der Zeit, in der sie von der oberen bis zur unteren Oeffnung fallen, sind wir ja mit dem Rohr ein Stück weiter gegangen. Wollen wir, daß die Tropfen ungehindert durch das Rohr fallen, so müssen wir dieses beim Voran­schreiten entsprechend schräg halten. Nun machte Bradley bei dauernder Beobachtung der Fixsterne die Entdeckung, daß er das Fern­rohr nicht nach dem wahren Ort eines Fix­sternes am Himmel, sondern schräg zu dieser Richtung einstellen mußte, um ihn zu sehen. Do das Licht gradlinig seinen Weg geht, so müßtc es bei stillstehender Erde diese und das Fern rohr in der Richtung vom wahren Ort dec Sternes her treffen; da man nun aber bae Fernrohr schräg stellen muß, so ist dies nur zu verstehen, daß die Erde sich, während der Licht­strahl den Weg vom Stern zu ihr zunicklegte, weiter bewegt hat, und zwar in der durch die Schrägstellung des Fernrohrs bestimmten Richtung. So hat uns denn also der vom Fix­stern uns zugesandte Lichtstrahl über die Erd­bewegung belehrt, wieder e-n schönes Beispiel für die großen Zusammenhänge im Weltall