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201. Jahrgang

Hanauer W Anzeiger

General-Anzeiger für Oie Streife âanau Stadt und Land.

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Nr. 282 Mittwoch den 2. Dezember

1925

Der feierliche UnlerzeichnungsaKl in London

London, 1. Dez. Die Formalität der Unter- Mnung der Verträge von Locarno begann pünktlich 12 Uhr. Der Empfangsraum des Auswärtigen Amtes bot einen imposanten Anblick. Die Sekretäre und die übrigen Mit­glieder der verschiedenen Delegationen sahen an Tischen hinter den Hauptdelegierten. Für die Gesandten der an der Unterzeichnung be­teiligten Mächte waren besondere Sitze vor­gesehen, ebenso für den englischen Botschafter in Paris Lord Crewe und den englischen Bot­schafter in Berlin d'Abernon, die sich beide in den Vorverhandlungen für Locarno und um das Gelingen des Paktes große Verdienste er­worben haben.

Als alle Delegationen ihre Plätze eingenom­men hatten, erhob sich Chamberlain und verlas in französischer Sprache eine

königliche Botschaft.

In der Botschaft spricht der König feine tiefe Genugtuung über den Erfolg der Kon­ferenz von Locarno aus. Er bedauert, daß der Tod der Königin-Mutter ihn daran hindere, das Ereignis so zu feiern, wie er es gewünscht hätte. Die Botschaft schließt mit dem aus tief­stem Herzen kommenden Wunsch, daß das grosse Werk der Befriedung und der Versöh­nung die Grundlage einer aufrichtigen Freund- zwischen "den verschiedenen Nationen ^und den Völkern die Sicherheit des

An

Der Dotscyaft rniLpste

Chamberlain

Killkommensworte in französischer Sprache.

Er bedauerte unendlich, daß Herr Mussolini nicht in der Lage sei, zur Unterzeichnung des Vertrages. den er in Locarno mit paraphiert habe, nach London zu kommen. Die englische Regierung indentifiziere sich voll und ganz mit dm Worten des Königs. Die Konferenz von Locarno habe die Grundlage für die Versöh­nung mit Deutschland abgegeben, eine Versöh­nung, von der er überzeugt sei, daß sie Eng­land in Zukunft einen weiteren Freund sichern werde. Chamberlain schloß mit den Worten: »Meine Herren! Wir sind uns ohne weiteres bewußt, daß uns noch viel zu tun übrig bleibt, um diese Hoffnungen in die Wirklichkeit umzu- setzen. Wir alle werden noch zahlreiche Schwie­rigkeiten auf unserem Wege finden und jo manches Mißtrauen, das überwunden werden muß. Wir sind unerschütterlich entschlossen, das begonnene Friedenswerk in demselben Geiste fortzusetzen wie er unsere Unterhandlungen in Locarno beseelte. Die englische Regierung wird alles tun, um unsere Bemühungen um einen endlichen Erfolg zu sichern, den Haß und das Mißtrauen der Vergangenheit zu begraben und die kommenden Generationen vor einer Wiederholung des Unheils zu bewahren, das die Welt von heute als Zeuge und als Opfer miterlebt hat."

London, 1. Dez. Der heutige feierliche Akt der Unterzeichnung der Locarnoverträge ver­lief trotz seiner wenig formellen Art sehr ein­drucksvoll. Außer den Mitgliedern der offi­ziellen Delegationen wohnten der Unterzeich­nung die Mitglieder des britischen Kabinetts, die diplomatischen Vertreter der Signatar­mächte in London, die britischen Botschafter in Berlin, Paris und Brüssel, die Kommissare der Dominions und Indiens sowie die Unterstaats- jekretäre des Foreign Office bei. Unter den anwesenden Damen befanden sich die Gattin des britischen Premierministers und bie Gattin Chamberlains. Der Tisch, an dem die Doku­mente unterzeichnet wurden, war in der Mitte der Empfangshalle aufgestellt. Den Mitteltisch Mit seinen 32 Sitzen für die Delegierten um­gaben die kleineren Tische der Sekretäre. Ein Drittel des Raumes wurde durch eine Estrade und erhöhte Sitze eingenommen, von wo aus über 200 Pressevertreter aller Länder der Feierlichkeit beiwohnten. Hinter ihnen hatten sich die Filmoperateure aufgestellt. Von diesen hatten einige auch sogar in den Dachfenstern des HausesStellung bezogen. Als die Delegier- ien den Saal betraten, erhoben sich sämtliche Anwesenden von den Plätzen. Kurz nach den Delegierten traten die Mitglieder des britischen Kabinetts geschlossen in den Saal. Chamber­lain nahm an der Spike des Tisches unter dem Bildnis des Königs Platz. Zu seiner Rechten laß Baldwin, Hierauf folgten Scialoza. Pilotti.

Medici, Luther, Stresemann, Schubert, Kemp- ner, Rolin, Vandervelde, Przezdziccky, Skrzyn- skl, Benesch, Berchelot, Briand, Lampson (For­eign Office) und Sir Cecil Hurst (Rechtsberater im Foreign Office), der zur Linken Chamber­lains saß.

Punkt 11 klatschte ein Beamter des Hauses in die Hände, das Licht wurde eingeschaltet und die Filmoperateure begannen ihre arbeit.

Die Sitzung begann mit der Verlesung der bereits gemeldeten Botschaft des Königs durch Chamberlain in französischer Sprache. Daran schloß sich Chamberlains, ebenfalls in franzö­sischer Sprache gehaltene Rede. Nach Chamber­lain sprach Dr. Luther in deutscher Sprache mit lauter deutlicher Stimme. Auf ihn folgten Briand, Scialoja, Vandervelde, Benesch und Skrzynski, die alle französisch sprachen.

Hierauf ergriff Chamberlain erneut das Wort, um den eigentlichen Akt der Unterzeich­nung der Locarnoverträge einzuleiten. Er er­suchte Hurst, über die Prüfung der Vollmachten der Delegierten Bericht zu erstatten- Nachdem Hurst eine kurze Erklärung abgegeben hatte, erfolgte unter größter Spannung aller An­wesenden die Unterzeichnung. Als erste unter­zeichneten Dr. Luther und Dr. Stresemann, hierauf Vandervelde, Briand, Baldwin, Cham­berlain (der mit der goldenen ihm in Locarno verehrten Feder unterzeichnete), Scialoja, nung der verschiedenen Dokumente beendet war, überreichte Chamberlain Dr. Luther die in Locarno entworfene, gewisse Erklärungen bezüolich des Art. 16 der Völkerbundssatzung enthaltene Kollektivnote. Hierauf hielt Briand, hauptsächlich der deutschen Delegation zuge­wandt, sichtlich bewegt, eine längere Rede. Nach ihm ergriff Dr. Stresemann das Wort zu einer ebenfalls mit großer Bewegung vorge­tragenen Rede, die ebenso wie die Worte Briands einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer machte. Nach dem deutschen Außenminister sprachen erneut Scialoja, Bandervelde, Benesch und Skrzynski- Zum Schluß hielt Baldwin eine kurze Rede in englischer Sprache, die Lampson ins Französische übersetzte. Auf Vorschlag Chamberlains wurde aus Anlaß der Unter­zeichnung des Locarnopaktes ein Danktels- gramm an die Schweiz abgesandt. Hierauf er­klärte Chamberlain die Sitzung für beendet-

Die Rede des Reichskanzlers.

Die Rede des Reichskanzlers bei der Unter­zeichnung des Locarnopaktes lautet: Im Namen meiner Regierung gebe ich dem Gefühl meines tiefempfundenen Dankes Ausdruck für die Botschaft, die S. M. der britische König den hier versammelten Delegierten der Nationen übermittelt hat, die sich in Locarno vereinigt haben, um das Werk vorzubereiten, das in der Hauptstadt Großbritanniens feinen Abschluß finden soll. Ich weiß, daß ich in Uebereinstim­mung mit allen hier vertreenen Nationen preche, wenn ich dem Gedanken des Mitge­fühls Ausdruck gebe, der uns beseelt angesichts des schweren Verlustes, den mit der königlichen Familie das Britische Reich durch den Tod der Königin-Mutter erlitten hat. Von ganzem Herzen begrüße ich die Feststellung S- M-, daß Locarno ein

Werk der Befriedung und Versöhnung sein soll, als Grundlage für eine aufrichtige Freundschaft zwischen den hier vertretenen Nationen und daß es den Frieden sichern soll, den alle Völker so dringend brauchen als Grundlage ihres Wiederaufstieges- Auch hoffen wir ernsthaft, daß die Wünsche sich verwirk­lichen mögen, die der Herr königl. großbritan­nische Außenminister zum Ausdruck gebracht hat, insbesondere auch für das Verhältnis der hier vertretenen Nationen zu meinem Vater­lands. Mr- Chamberlain hat mit Recht hervor­gehoben, daß auf dem Wege zu dieser Versöh­nung, aus der Freundschaften hervorgehen sollen, Hindernisse zu überwinden sind- Wir sprechen von Vorurteilen, die wir besiegen müssen, von einem Mißtrauen, das überwun­den werden muß. Alle Völker müssen sich ver­einigen, um diese Vorurteile und dieses Miß­trauen in die Vergangenheit zu verweisen, um den Weg frei zu machen für eine Zukunftsent­wicklung, an der wir alle mitarbeiten müssen. Dazu wird es notwendia fein, dab auch alles

verschwindet, was seine Ursachen hat in den nicht mehr berechtigten Nachwirkungen einer vergangenen Kriegszeit.

Die Tatsache, daß Gebiete meines Vater­landes unter den Auswirkungen des Krie­ges noch zu leiden haben, muß in abseh­barer Zeit ebenso der Vergangenheit an- gehören wie der Gedanke des Mißtrauens

dem wir gemeinschaftlich entsagen wollen. Der Pflug^an den wir Hand anlegen wollen, soll "en, soll einem Steinboden die

neue Werte schaff: . , Möglichkeit der Ernte geben, deren unsere Völ­ker bedürfen, nachdem sie so viel gelitten haben

durch die Heimsuchungen der Vergangenheit. An diesem großen Werke mitzuarbeiten ist unsere Aufgabe Doch höher als der Inhalt des Vertrages muß die

Einheit des Willens zu gemeinsamer fried­licher Arbeit

sein, die ihren Ausdruck im Werk von Locarno findet, zu dem sich Deutschland im Einklang mit seiner bisherigen Stellungnahme von den eigenen deutschen Anregungen auch heute gern bekennt- Möge aus dieser Willenseinheit das Zusammenwirken aller der Völker erwachsen, die hier versammelt sind.

Die Aufbewahrung der Vertragsurkuude-

London, 1. Dez. Die Originalurkunde des I Vertrages von Locarno oder wie seine offizielle Bezeichnung lautet:Vertrag der gegenseitigen Garantien" wird nach der Unterzeichnung durch König Georg beim Sekretariat des Völ­kerbundes niedergelegt werden.

Dis Rede Briands.

Briand erklärte nach der Unterzeichnung, daß die Abmachungen von Locarno nach ihrer Unterzeichnung das Gefühl des Vertrauens hervorrufen würden. Das eigenartige Bild der Abmachungen bestehe darin, daß sie den Geist der Solidarität wachrufen und Maßnahmen des Mißtrauens überflüssig machen- Wir alle sind, so fuhr Briand fort, von demselben Wunsch beseelt, daß der Vertrag von Locarno zum Besten des europäischen Friedens bei­tragen möge.

Unsere Unterschrift bekundet den Wunsch nach Frieden.

Wenn Lorarno nicht Friede bedeuten würde, dann würde es überhaupt nichts bedeuten. Locarno hat nur dann Geltung, wenn der Wunsch, den Krieg abzuschaffen, bei allen Na­tionen tatsächlich vorhanden ist. Ich lege Wert darauf, festzustellen, daß ich tief davon über­zeugt bin, die Gefühle der überwiegenden Mehrheit des französischen Volkes zum Aus­druck zu bringen, wenn ich erkläre, daß Frank­reich kraft des Locarnovertrages alles tun wird um den Krieg zu vermeiden und den Frieden zu befestigen- Die Dokumente, die wir soeben unterzeichnet haben, müssen Europa erneuern.

Stresemanns Bekenntnis.

Die Rede, die Dr. Stresemann . nach der Unterzeichnung der Locarnoverträge hielt, lautet: . _

In dem Augenblick, in dem das in Locarno begonnene Werk durch unsere Unterschrift in London vollendet worden ist, möchte ich vor allem Ihnen, Sir Austen Chamberlain, den Dank aussprechen für das, was wir Ihnen schulden in Anerkennung der Führerschaft bei dem heute vollendeten Werk. Wir haben tn Locarno, wie Sie wissen, keinen Vorsitzenden gehabt und haben ohne Vorsitz verhandelt- Das aber ist das Große in der wunderbaren Tradi­tion Ihres Landes, das auf eine mehrhundert­jährige politische Erfahrung zurückblicken kann, daß ungeschriebene Gesetze weit besser wirken, als die Form, in der man glaubt, die Dinge meistern zu müssen. So hat die Konferenz von Locarno, die so informal war, zu einem Erfolge geführt. Sie konnte dazu führen, weil sie Ihnen Sir Austen einen Führer hatte, der durch sei­nen Takt und seine Freundlichkeit, unterstützt von seiner liebenswürdigen Gemahlin, zunächst einmal jenes Band des persönlichen Vertrauens um uns wob, das wohl als Bestandteil dessen anzusehen ist, was als der Geist von Locarno bezeichnet wurde. Aber es war etwas anderes, das wichtiger war als dieses persönliche Näher­kommen, das war der Wille, der in Ihnen und uns lebendig war, diele» Werk aum Abschluß

zu bringen. Daher die Freude, die sie empfan­den, wie wir alle, als wir es in Locarno zur Paraphierung bringen konnten, daher unser aufrichtiger Dank an Sie am heutigen Tage. Lasten Sie mich von diesen Gedanken über Form und Wille auch ausgehen, wenn ich jetzt von dem Werk von Locarno selbst spreche.

Wir alle haben in unseren Parlamenten Debatten zu bestehen gehabt über dieses Werk. Man hat es nach allen Richtungen hin durch­leuchtet- Man hat versucht, festzustellen, ob irgendwelche Widersprüche bestünden in der Anschauung über diese und jene Paragraphen. Darf ich demgegenüber das eine aussprechen:

Ich sehe in Locarno nicht eine juristische Konstruktion politischer Gedanken, sondern ich sehe in dem Werk von Locarno die Ba­sis einer großen Iukunftsentwicklung.

Die Staatsmänner und Völker bekennen sich' darin zu dem Willen, dem Menschheitssehnen nach Frieden und Verständigung den Weg zu bereiten. Wäre der Pakt nichts als ein Bündel von Paragraphen, so würde er nicht halten. Die Formen, die er zu finden sucht für das Zu­sammenleben der Völker werden nur Wirklich­keit werden können, wenn hinter ihnen der Wille steht,

neue Verhältnisse in Europa zu schaffen.

ein Wille, von dem auch die Ausführungen getragen waren, die Briand joebengemacht hat.

Ich möchte Ihnen, Herr Briand, aufrichtig für das danken, was Sie über die Notwen­digkeit des Zusammenwirkens aller Völker und besonders derjenigen Völker, die in der Vergangenheit so viel erduldet haben, gesagt haben.

Sie gehen von der Idee aus, daß jeder von uns zuerst seinem Daterlande angehören, ein guter Franzose, ein guter Engländer, ein guter Deutscher als ein Teil seines Volkes fein soll, jeder aber auch ein Angehöriger Europas, ver­bunden mit der großen kulturellen Idee, die sich in dem Begriffe unseres Erdteils auswirkt. Wir haben ein Recht, von einer europäischen Idee zu sprechen, hat doch dieses Europa im Weltkring die größten Opfer gebracht. Steht es doch jetzt vor der Gefahr, durch die Auswir­kungen des Weltkrieges die Stellung zu ver­lieren, auf die es noch feiner Tradition und Entwicklung Anspruch hat. Was dieser Erdteil Weltkrieg die größten Opfer gebracht. Steht es an den Verlusten materieller Art und an ben Verwüstungen gemessen, die dem Kriege folg­ten. Den größten Verlust tragen wir dadurch, daß eine Generation dahingesunken ist, von der wir nicht wissen, wie viel unentwickelte Kräfte und Möglichkeiten, wie viel Geist, Genie, Tat und Willenskraft in ihr zur Entfaltung ge­kommen wäre, wenn sie ihr Leben hätten aus­schöpfen können-

Zusammen mit den Erschütterungen des Weltkrieges ergibt sich daraus die eine Tatsache, daß uns eine Schicksalsgemein­schaft aneinanderkettet.

Wenn wir untergehen, gehen wir gemeinschaft­lich unter. Wenn wir in die Höhe kommen wollen, können wir es nicht im Kampfe gegen­einander, sondern nur im Zusammenwirken miteinander. Deshalb dürfen wir, wenn wir überhaupt an die Zukunft unserer Völker glau­ben, nicht in Zwist und Feindschaft mitein­ander leben, sondern müssen uns die Hände, reichen zu gemeinschaftlichem Zusammenwir­ken. Nur dann wird es möglich sein die Grurch» läge für eine Zukunft zu legen, von der Sie, Herr Briand, in Worten, denen ich mich nur anschließen kann, sagten, daß sie getragen sein soll von dem Wetteifer der kulturellen Entwlck- lungsmöglichkeit- In diesem Zusammenwirken muß die Basis für die Zukunft gesucht werden.

Für diesen Frieden tritt die große Mehr­heit des deutschen Volkes ein.

Gestützt auf diesen Friedenswillen setzten wir unsere Unterschrift unter diesen Vertrag. Er soll die neue Aera des Zusammenwirkens der Nationen einleiten. Er soll an die sieben Jahre der Nachkriegszeit eine Zeit des wirklichen Frie­dens anschlietzen, der von dem Willen verant­wortungsbewußter Persönlichkeiten getragen wird, die den Weg zu dieser Entwicklung wie- en und der von den Völkern unterstützt werden oll, die wissen, daß nur auf diese Weste die Wohlfahrt aedeibsn kann. Möaen ivatere Ge-