201. Jahrgang.
Hanauer W Anzeiger
General-Anzeiger für die Streife Kanan Stadt und Land.
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Nr. 270
Dienstag den 17. November
1925
Die Aniworlnoten der Bolschasterkonferenz.
Die Nole der Dolschaflerkonserenz.
Paris, 14. Nov. Die Note der Botschafter- konferenz über die Aenderungen des Be- satzungsregimes im Rheinland hat folgenden Wortlaut:
Herr Botschafter! Der Abschluß der Abkommen von Locarno hat den Wunsch der daran beteiligten, in gleicher Weise von friedlichen Absichten geleiteten Regierungen bewiesen, ihre Beziehungen mit dem Geiste guten Willens und gegenseitigen Vertrauens zu erfüllen. Die Botschafterkonferenz ist sicher, daß die deutsche Regierung zu ihrem Teile diese Aussassung bei den Verhandlungen bestätigen wird, zu denen die verschiedenen Fragen Anlaß geben können, die zwischen Den in ihr vertretenen Regierungen und Deuischland schweben.
In dem gleichen Geiste des Vertrauens, gurten Glaubens und guten Willens haben sich die an der Besetzung der Rheinlands beteiligten alliierten Regierungen entschlossen, hinfichtUck dieser Besetzung alle mit dem Vertrage von Versailles zu vereinbarenden Erleichterungen eintreten zu lassen. Sie haben sich beeilt, ihre Zustimmung zur Bestellung eines neuen Reichskommissars zu geben. Auch haben sie die deutsche Regierung wissen lassen, daß die Rheinlandkommission bereit ist, weitgehende Amnestiemaßnahmen zu treffen, in der Unnahme, daß auch das Reich ausreichende
,Mt den stehenden Personen geoen wiro. Auyeroem tp die Rheinlandkommission mit der Ausarbeitung eines sehr ausgedehnten Reformplanes beschäftigt.
Die Maßnahmen, welche die in der Rheinlandkommission vertretenen Regierungen ins Auge gefaßt haben, und die teils unmittelbar, teils durch Vermittlung der Rheinlandkommis- Sn zur Ausführung kommen werden, ver- gen ein doppeltes Ziel: Einmal soll die Stärke der Besatzungstruppen erheblich herabgesetzt werden. und ferner sollen im Rahmen des Rheinlandabkommens alle Maßnahmen ergriffen werden, um d e r deutschen Verwaltung Die freie Betätigung im besetzten Gebiet zu erleichtern.
Die Verwirklichung dieser Reformen wird für die deutsche Bevölkerung sehr wertvolle Vorteile mit sich bringen und einen günstigen Einfluß auf die Beziehungen zwischen ihr und den Besatzungstruppen ausüben. So wird die Verminderung der Besatzungstruppen, die annähernd auf. die normale Stärke herabgesetzt werden, zur Folge haben, daß ein Teil der öffentlichen Gebäude, Wohnungen und Grundstücke, die bisher für die Besatzungstruppen und Behörden verwendet werden mußten, den Behörden und der Bevölkerung zurückgegeben werden kann. Die Abänderung des bisherigen Verwaltungsregimes wird andererseits zur Beseitigung des Systems der Delegierten führen, denen bisher die Verbindung zwischen den Besatzungstruppen und den deutschen Behörden oblag.
Es werden Anordnungen getroffen werden, um auf die deutsche Gerichtsbarkeit eine bestimmte Gruppe von Fällen zu übertragen, die gegenwärtig zur Zuständigkeit der Militärgerichtsbarkeit gehören.
, Endlich werden die geltenden Ordonnanzen rm gleichen Geiste des Vertrauens und der Ent- ipaiinung einer Revision unterzogen werden.
Die Rheinlandkommission hat den Auftrag ^halten, die Absichten der beteiligten Regierungen in dieser Hinsicht im einzelnen festzulegen uno alle Maßnahmen für die Inkraftsetzung aes neuen Regimes zu treffen, bei deren Durchführung ihr die wirksamste Mitarbeit des ^eichskommisfars sicher nicht fehlen wird. Die ." “er Besatzung beteiligten Regierungen be« Wen auf diese Weise ihren Wunsch, im _ i-miand eine sehr liberale Politik zur An- enoung zu bringen. Sie haben zu dem guten ^tUen fotuie zu der Mitarbeit der deuts' en i Kirben und der deutschen Bevölkerung das u trauen, daß sie die Aufgaben der Be- ^tzungsbehörde hinsichtlich der öffentlichen Ord- mmg. der Sicherheit und der Bedürfnisse der Truppen erleichtern werden. Sie hoffen zuver
sichtlich, daß ihnen die deutsche Unterstützung, auf die sie rechnen, nicht fehlen wird. Die belgische, britische, französische, italienische und japanische Regierung bezweifeln nicht, daß die Weisung, die die deutsche Regierung ihren Vertretern erteilen wird, ebenso wie die ihnen bereits gegebenen Weisungen, ganz ihren Bestrebungen entsprechen, das im gemeinsamen Interesse liegende Friedenswerk auf das Wirksamste zu fördern.
Genehmigen Sie usw. (gez.) Briand-
Amtlicher Kommentar zur Nole der Botfchaslerkvnferenz.
Berlin. 16. Nov. Auf Grund der mit den Besatzungsmächten geführten Verhandlungen ist zur Erläuterung der Note der Botschafter- konferenz zu bemerken, daß die Besatzungsmächte im einzelnen folgende Maßnahmen treffen werden:
1. Die Stärke der Besatzungstruppen in der zweiten und dritten Zone soll auf ein Maß herabgesetzt werden, daß sie künftig ungefähr dem normalen Stande, d. h. ungefähr der
zone, der sogenannten Kölner Zone, zu schreiten. Die zur Räumung erforderlichen Maßnahmen werden mit möglichster Schnelligkeit durchgeführt werden, um die Räumung im Laufe des Monats Januar beenden zu können.
Sollte infolge zu ernster technischer Schwierigkeiten die Räumung trotzdem nicht bis zum 31. Januar vollständig durchgeführt werden können, so werden alle Maßnahmen getroffen werden, damit zu diesem Zeitpunkt der größte Teil der Truppen und die Dienststellen die Kölner Zone verlassen haben und die Zahl der dann noch zurückzuziehenüen Einheiten so beschränkt wie möglich wird. Für diesen Fall ist der 20. Februar als der Zeitpunkt vorgesehen, in dem die Räumung beendet sein wird. Indem sie so den Beginn der Räumung mit der Unterzeichnung der Verträge von Loarno zusammenfallen läßt, bekundet die Botschafterkonferenz das Vertrauen der in ihr vertretenen Regierungen, daß diese Unterzeichnung eine neue
Periode in ihren Beziehungen Deutschland einleiten wird. Si
die seste Hoffnung, daß die deutsche Regierung ihr möglichstes zur Verwirklichung des jetzt vereinbarten Programms tun wird. In dieser Beziehung wird die deutsche Regierung
'ste Unterstützung der Kontrolle
s s i o n finden, der es obliegt, die Durch-
DOllj mis
die o m •
sührung des jetzt vereinbarten Programmes, wie auch die Regelung derjenigen in den Liften 1—3 aufgezählten Fragen, zu deren Nachprüfung sie noch nicht in der Lage war, zu verfolgen und zu verstärken.
Die Kommission, deren Stärke schon jetzt erheblich vermindert werden kann, wird v o l l- ständig zurückgezogen werden, fobato sie die von ihr noch zu erfüllenden Aufgaben hat in die Wege leiten können.
Genehmigen Sie, Herr Botschafter, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung (gez.) Briand.
Stärke der Deus dort im Jahre 1!
Ischen Truppen entspricht, die .914 vor Ausbruch des Krieges
in Garnison standen.
2. Die Quartierlasten der Bevölkerung sollen dadurch vermindert werden, daß die zur Zeit beschlagnahmten Schulen und Sportplätze und ebenso auch alle diejenigen Privatwohnun-
3. Das System der Delegierten wird rest-
los beseitigt.
4 Das gesamte Ordonnanzsystem wird einer radikalen Revision unterzogen. Die Ordonnan-
zen werden größtenteils aufgehoben oder gemildert. Von den bisher erlassenen 307 Ordon-
nanzen wird künftig nur ein geringer Bruchteil übrig bleiben. Jede Einmischung in die deutsche Verwaltung wird fortfallen.
5. Der Abbau der Ordonnanzen wird automatisch zu einer starken Einschränkung der Militärgerichtsbarkeit führey, da bte|e Die Zuständigkeit über alle Verstöße gegen die Ordonnanzen in Anspruch nahm. Darüber hinaus wird der Umfang der Militärgerichtsbarkeit noch dadurch vermindert, daß ganze Kategorien von Fällen auf die deutsche Gerichtsbarkeit übertragen werden.
6. Die Verhandlungen über Die beschleunigte Durchführung der Reform des Besatzungsrogi- mes werden von dem neu bestellten Reichskommissar für die besetzten Gebiete sofort mit der Rheinlandkommission ausgenommen werden.
Die Enlwaffnungsnole.
Berlin, 16. Nov. Nach Abschluß des heutigen Kabinettsrates ist die nachstehende Note ber Botschafterkonferenz über die Räumung der nördlichen Rheinlandzone und über die Entwaffnungsfrage eingetroffen. Sie hat folgenden Wortlaut:
Herr Botschafter!
Die Botschafterkonferenz hat von den letzten Vorschlägen Kenntnis genommen, welche Die deutsche Regierung ihr hinsichtlich der in Liste 4 der deutschen Note vom 23. v. Mts. aufge» zählten Fragen gemacht hat. Sie hat gleichfalls Kenntnis genommen von dem Ergebnis der
Besprechungen, die hierüber zwischen den alliierten Sachverständigen und den Vertretern i Regierung stattgefunden haben, mit Befriedigung feststellen können, daß diese Besprechungen es ermöglicht haben,
der deutschen Sie hat so mi
zu einer Vereinbarung über die noch offenen Punkte zu gelangen. Es bleibt lediglich übrig, die Durchführung der hinsichtlich der Lifte 1—3 der deutschen Note vom 23. vorigen Monats (unter Vorbehalt der Punkte 20 und 21 der Lifte 3) übernommenen Verpflichtungen sowie die Durchführung der Verpflichtungen aus der obengenannten Vereinbarung hinsichtlich der Liste 4 zu bestätigen. Unter diesen Umständen und ohne abzumarten, daß diese Durchführung ganz beendet ist, haben die in der Botschafterkonferenz vertretenen alliierten Regierungen in Anlehnung an Artikel 429 Ziffer 1 des Vertrages von Versailles beschlossen, entsprechend ihrer Note vom 4. Juni d. Js. zur Räumung der ersten rheinischen Belakunas-
Die Parleilage öer Deutschnalionalen und des Zentrums.
DeuischnaNonaler ParseUag
n dem mit schwarzweih-
16.
rufen wurden, haben wir unsere Stimme da« gegen abgegeben- Auch gegenüber dem Lon-
’ roten- _
; Kriegervereinshausës trat heute der deutsch- nationale Parteitag unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung zusammen. Der große Saal : war überfüllt. Mehr als zweitausend Teilnehmer wurden gezählt. Hinter dem Vorstandstisch erhob sich inmitten grünen Lorbeers eine Kolossalbüste Bismarcks. Die deutschnationalen Fraktionen des Reichstages und der verschie-
denen Landtage waren nahezu vollzählig anwesend. Auch die Reichsminister a. D. v. Schlieben und Neuhaus wohnten den Verhandlungen bei. Am Pressetisch bemerkte man auch zahlreiche Vertreter ausländischer Zeitungen, u. a. aus England, Holland, Italien, Schweden, Finnland und der Schweiz, Spanien und Amerika. Fanfarenklänge verkündeten den Beginn des Parteitages. Ein mittelalterliches Chor- stück, von einem Bläserchor oorgetragen, folgte. Hierauf nahm der Parteivorsitzende
Abg. Dr. Winckler,
das Wort zur Begrüßungsansprache. Sein erster Gruß galt dem Reichspräsidenten o. Hindenburg. Sodann begrüßte er den Vertreter der Grohdeutschen Volkspartei Oesterreichs, Dr. Kutawa. Der Redner hob hervor, daß über allen Parteifragen das Vaterland stehen müsse. Er gedachte dann mit ehrenden Worten des Ablebens von Dr. Helffrich, der gerade in dieser schweren Zeit vermißt werde.
Es folgte dann die Begrüßungsansprache des Obmanns der Großdeutschen Volkspartei Oesterreichs, Dr. Kutawa, und des Vertreters der Berliner Organisation, Lawerrenz.
Mit lebhaftem Beifall begrüßt, nahm dann Reichstagsabgeordneter
Graf Westarp
das Wort zu dem Hauptvortrag über deutschnakionale Außenpolitik.
An die Spitze seiner Ausführungen stellte er die Sätze des Parteiprogramms vom Frühjahr 1920, wonach die Freiheit des deutschen Volkes von fremder Zwangsherrschaft die Voraussetzung der nationalen Wiedergeburt ist.
In entschlossener Opposition mußten wir bis zum Ende des vorigen Jahres diese Arbeit leisten. Fällt doch in diese Zeit eine Fülle der schmerzlichsten und schmachvollsten Ereignisse, bei denen die Sozialdemokraten als Mitglieder der Revolution und die Weimarer Koalition, die Geschicke des Landes in der Hand hatten.
Ein Kapitel der Schmach
bedeutet aber auch die Politik der Illusionen und Beschönigungen, der Unterwerfung und Erfüllung. (Zustimmung.) Wo wir von deutschen Angeboten und Unterwerfungswillen er- fuhren, haben wir gewarnt und gemahnt, wo wir zur Mitentscheidung über neue Diktate und neue Demütigungen und Unterwerfungen be-
a.
und Klarheit nicht verlassen. In endlosen ri« sen hatte sich herausgestellt, daß wohl ohne und gegen die Sozialdemokraten, aber nicht mehr ohne und gegen uns Deutschnationale regiert werden könnte. Das Kabinett Luther- Schiele hat ernste und erfolgreiche Arbeit geleistet. (Zustimmung.) Daß wir den Aufwertungsgläubigern und Beamten, der Wirtschaft und den Steuerschuldnern nicht die ganze Hilfe bringen konnten, hatte feine unabänderliche Ursache in der jahrelangen Mißwirtschaft und der unserem Vaterland aufgezwungenen Fremdherrschaft. Der von uns selbst geteilte Zweifel, ob wir es in dieser Regierungsgemeinschaft auch durchsetzen, das Kabinett und die anderen Regierungsparteien bis zu den letzten Entschlüssen dafür gewinnen zu können, hat sich als berechtigt erwiesen. Als das feststand, mußten wir aus dem Boote aussteigen, das von Locarno auf den Lago Maggiore hinabschaukelte. Graf Westarp besprach dann die
Gründe, aus denen das werk von Locarno unannehmbar
erscheint. Besonders betonte er, daß nur auf dem Boden voller Gleichberechtigung das Werk von Locarno für Deutschland möglich sei. Diese praktische. Gleichberechtigung fei Deutschland versagt, solange es einseitig dem Zwang zur Wehrlosigkeit unterworfen ist Die Beiträge von Locarno enthielten den Vorbehalt, daß sie erst in Kraft treten, wenn Deutschland nach der Ratifikation in den Völkerbund eingetreten ist. Materiell bedeutet das eine Festlegung bedenklicher Art, die die Deutschnalionalen nicht mitmachen können, bevor nicht die Bedingungen des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund
vollständig geklärt sind. Wenn der Gei st von Locarno den Frieden bringen sichern solle, sei die Besetzung damit unvereinbar. Am Schluß seiner Rede erklärte Gras Westarp, die Rückkehr zu der-Staatsform, die allein dem Bedürfnis und der Eigenart unseres Volkes entspricht, wird in Ursache und Wirku
und
unlöslich mit der Be-
freiung vom Joch der Fremdherrschaft zusam- menhängen. Darum dürften wir uns nicht hemmen lassen in dem Eintreten für Bismarck und der Hohenzollern Kaiser und Reich.
Drei Entschließungen.
Nach dem Referat des Fraklionsvorsitzender» Graf Westarp wurde eine Entschließung vor» geleat, in der es heißt:
In dem Vertragswert von Locarno find die deutschen Lebensinteressen nicht gewahrt und dch deutschen Richtlinien nicht erfüllt. Ein Verzicht auf deutsches Volk und Land ist weder durch einen eindeutigen Wortlaut noch durch ein praktisch wirksames Kündigungsrecht aus«