Ur. 26?
Freitag den 13. November
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Jahresfest öes Evangelischen Bundes für
Kurhessen u.
aldeck zu Corbach.
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rem Volke werden! Gut deutsch und gut evangelisch steht auf der Fahne des Evang. Bundes geschrieben. — Danach brachten die anwesenden Vertreter weltlicher und geistlicher Behörden ihre Festgrüße. Landesdirektor Schmieding grüßt namens der Waldecker Landesregierung. Oberkirchenrat Füldner grüßt namens des Landeskirchenrats und freut sich der Gaben, die der Evang. Bund mitbringt: Lutherglauben, Lutherdemut, Luthertrotz. Er fordert die Laien zur tätigen Mitarbeit auf. Für die Kirchenregierung von Hessen-Cassel grüßt Generalsuperintendent D. Fuchs. Bürgermeister Meinecke von Corbach ruft dem Bunde namens der Stadt ein herzliches Glückauf zu und legt ein freudiges evangelisches Bekenntnis ab: Mit Luther zu Christus, mit Christus zu Gott! Für die Corbacher Kirchengemeinde und den örtlichen Zweigverein des Evang. Bundes spricht Psarrer Gottheis. Der Vorsitzende Prof. Hof- mann dankt bewegt allen Rednern, die den Bund begrüßt haben. Er hebt hervor, daß der Waldecker Landeskirchenrat noch jüngst in dankenswerter Weise dem Evang. Bunde eine namhafte Geldspende zugeführt habe. Machtvoll klang der Gesang der vereinigten Männergesangvereine Corbachs (Concordia, Germania, Harmonie und Peters Gesangverein) unter der wuchtigen Leitung von Gymnasiallehrer Hopff empor: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre." Der geschäftsführende Vorsitzende des Evang. Bundes, Studiendirektor Fahrenhorst aus Berlin, spricht über: „Die Gegenwartsaufgaben des deutschen Protestantismus." Zunächst vom Protestantismus selbst, nämlich von einem Protestantismus, der sich lediglich der Gewissensfreiheit rühmt. Die zweite Gefahr für das Evangelium droht von der falsch verstandenen Lehre vom allgemeinen Priestertum. Eine solche Gefahr von außen droht auch von den Sekten. Statt der lebendigen Quelle werden hier vielfach löcherige Brunnen gezeigt. Die neueste Berliner Sekte der Weißenber- gianer mit ihren angeblichen Geisteroffenbarungen beweist dies erschreckend deutlich. Die dritte, die größte Gefahr, aber kommt von Rom. Noch heute gilt von den Bemühungen auf jener Seite: „Groß Macht und viel List." Darum Treue gegen die evangelische Kirche, dann aber auch Beitritt zum Evang. Bund! —
Als Höhepunkt des Abends ging Nithack- Stahns Reformationsspiel in einem Auszug: „Luther in Oppenheim" über die Bretter. Man merkte, daß hinter dem Spiel eine kundige Leitung gestanden hatte, vor allem, daß die große Sache es allen Mitwirkenden angetan hatte.
Den Abschluß des Jahresfestes bildete am Montag, 9. November, vorm. 9 Uhr, die Abgeordneten- und Mitgliederversammlung im . Kleinen .LerLALerlreM, ex-
schienen waren. Nach dem Eingangsgebet begrüßte der Vorsitzende, Prof. Hofmann, die Anwesenden, besonders die Vertreter des Kirchenregiments aus Kurhessen und Waldeck. Hierauf folgte der Jahresbericht. — Am Ende der Verhandlungen wurden folgende Entschließungen gefaßt:
1. „Angesichts des noch immer weit verbreiteten religiösen Individualismus, der zur Absonderung und zur Gleichgültigkeit gegen die Kirche führt, halten wir es für unsere Pflicht, auf die hohe Bedeutung der Kirche hinzuweisen und daran zu erinnern, daß lebendige Reli
In Ergänzung der Berichtsausführungen Nr 265 unseres Blattes vom 11. November wird uns von dem Vertreter des Zweigvereins Lianau auf dem Jahresfest noch folgendes geschrieben: Anschließend an den schon geschilderten erhebenden Festgottesdienst fand unter Führung des Stadtbaumeisters eine Besichtigung der Corbacher althistorischen Sehenswürdigkeiten statt. Auf 3% Uhr nachmittags war eine evangelische Volksversammlung in St. Ni- kolay festgesetzt. Es war eine Festversamm- lung, wie sie Corbach noch nicht gesehen und erlebt hat. Aus der ganzen Umgebung Cor- bachs und aus Corbach selbst waren die Festteilnehmer Herbeigeströmt. Kopf an Kopf sitzt die Menge und erfüllt den weiten Kirchenraum. Hunderte und aber Hunderte finden keinen Platz mehr. Für sie wird eine Parallelversammlung in St. Kilian eingerichtet. Auch in dieser weiten Kirche ist jeder Sitzplatz bald besetzt. Während dort die Menge zufammen- kommt, lauschen in St. Nikolai bereits die zahlreichen Zuhöher dem Vortrage des General- superintendenten der Rheinlands, D. Klingemann aus Coblenz: „Der Protestantismus in den Rheinlanden; sein Werdegang und seine gegenwärtige Lage." Der Mann, der am 25. August in Stockholm auf der Weltkonferenz aller evangelischen Kirchen und der Kirche des Orients in einer ernsten Ansprache, die überall in der Welt Aufsehen erregte, den Beschwerden des besetzten GsbietesAusdruck verlieh, v. Klingmann gibt zunächst einen Ueberblick über die ®é= schichte des rheinisch. Protestantismus. Schlimm waren die Ausweisungen, die gerade die Besten trafen, die vielleicht ein unbedachtes Wort geäußert hatten. Pfarrer, Beamte, selbst Schwestern wurden davon betroffen. Besonders hart wirkte die Ausweisung ganzer Familien mit kurzer Frist. Die schlimmste Zeit aber war die Zeit der Separatistenbewegung, die von den Franzosen begünstigt wurde, obwohl die Führer der Separatisten häufig Menschen von unglaublicher Vergangenheit und Landfremde, etwa arbeitslose Polen, waren. Den tiefen Eindruck, den die Worte des Vortragenden machten, ließ die mächtige Versammlung in das Lutherlied ausklingen: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort!" Dann stimmte der Wil- dunger Kirchenchor, von Lehrer Schreff sicher geleitet, den kraftvollen Chor an: „Landsknecht Gottes, tritt auf den Plan!" Und dann folgte der Vortrag des Superintendenten Weinrich aus Schmalkalden über „Luther und das deutsche Familienleben." Er schilderte das schlichte, einträchtige, evangelisch-fromme Ehe- und Familienleben im Hause Luthers und stellte dann die Gswissensfrage: „Was hat unser Faimlienleben von Luther übernom- Fâb.end gestaltete sich au einer * gewaltigen Kundgebung des EvanMBundes.. Der große, eben erweiterte, noch kaum vollendete Saal des Blaukreuzhauses erwies sich als I viel zu klein. Viele, viele mußten leider wieder ! umkehren. Die Menge aber, die im Saale i Kopf an Kopf saß und stand, wurde äußerlich : und innerlich erwärmt. Der Vorsitzende des Hauptvereins, Prof. Hofmann, führte in einer kernigen Ansprache nach warmen Worten des Dankes an die gastfreundlichen Corbacher und Waldecker, besonders auch die Corbacher Frauen, etwa folgendes aus: Aucki unsere evangelische Kirche muß wieder eine Macht in unse
giosität sich nur in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten entfalten kann. Auch sprechen wir es erneut wieder aus, daß die Kirche die vornehmste Hüterin und Pflegerin der Religion ist und daß der sicherste Rückhalt des sittlich-religiösen Lebens für ein Volk in seiner volkstümlichen Kirche beruht. Darum rufen wir unseren evangelischen Glaubensgenossen in Stadt und Land zu: Mehr Pflicht- und Verantwortungsgefühl der Kirche gegenüber! und mahnen zu regster Teilnahme und Betätigung am kirchlichen Leben. Die Ueberwindung der weitverbreiteten kirchlichen Gleichgültigkeit ist eine Lebensfrage für die evangelische Kirche und den deutschen Protestantismus."
2. „Der Hauptverein des Evang. Bundes für Kurhessen und Waldeck begrüßt mit Genugtuung die diesjährige Feier des Reformationsfestes durch die Teilnahme von Schulen an Festgottesdiensten am 31. Oktober. Zugleich spricht er die Hoffnung und die bestimmte Erwartung aus, daß das erwachende evangelische Bewußtsein sich in der Feier dieses Tages weiter auswirken und auch die Anerkennung des 31. Oktober als eines öffentlichen Feiertages fordern wird. An die Landeskirchentage richtet die Hauptversammlung die dringende Bitte, ihren Einfluß in dem Sinne mit allem Nachdruck geltend machen zu wollen."
Den Abschluß der Verhandlungen bildete ein kurzes, aber anregendes Referat des Geheimrats Hüpeden über das bäuerische Konkordat. Nach Schluß der Verhandlungen fand ein gemeinsames einfaches Mittagsmahl statt, bei dem der Vorsitzende, Prof. Hofmann, in einer Ansprache des Vaterlandes gedachte. Möge die ganze Corbacher Tagung in ihren Auswirkungen unserem Vaterlands, der evangelischen Kirche, schließlich dem echten christlichen Gedanken überhaupt dienen.
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(Unter Verantwortung des Einsenders.)
Ein gefährlicher Zerstörer
fremden Eigentums ist seit einer Reihe von Wochen am Werk. Die Erkerscheiben der Geschäfte werden mit einem Brillant oder Glasschneider heimgesucht. Vermutlich ist der Täter ein kleiner Prahlhans, der die Brauchbarkeit seines Glasschneiders an den Erkern probiert, denn drei und mehr Linien sind auf manchen Scheiben gezogen, selbst Ziffern sind eingeschnitten. Es wäre sehr gut, wenn der Uebeltäter recht bald entdeckt und ihm das Handwerk gelegt würde.
Ein neuer Beruf.
Die Kleingärten haben sich beträchtlich vermehrt. Von der Mainseite abgesehen ist Hanau von einem Gartenkranze umgeben, sodaß die Gartenbesitzer wohl nach Hunderten zählen. Die meisten pflegen auch den Obstbau, der aber in den letzten Jahren außerordentlich unter den tierischen Schädlingen leidet. Von vielen Bäu- ^rmK,mit reichem Fruchtb^hmrg war in diesem Jahre auch nicht ein einziges gesundes Stück zu ernten und durch Schütteln mancher Bäume konnte man einen wahren Raupenregen erzeugen. Auch die Beerensträucher hatten zu leiden. Die Biologische Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin-Dahlem hat Flugblätter herausgegeben. Allein man ist nach ihrem Studium so klug wie zuvor. Eine geradezu verwirrende Menge von Schädlingen und Mittel zu ihrer Bekämpfung werden genannt. Das Gebiet stellt eine Wissenschaft dar, die ein besonderes Studium erfordert. Die Flugblätter sind gut, im Grunde aber doch nur
Theorie, mit der der Laienpraktiker wenig an» angen kann. Die Vorbedingungen für ein mir!» dmes Vorgehen sind genaue Kenntnis des Schädlings, Besitz des richtigen Mittels und der erforderlichen Apparate, sowie die rechtzeitige und sachgemäße Anwendung. Das Vorgchen ist also schwierig, kostspielig und z. B. bei Verwendung arsenhaltiger Mittel auch gefährlich; es ist schließlich auch umsonst, wenn der Nachbar nichts tut.
Hier fehlt etwas. Hier fehlt ein Mann, ein Geschäft, die dies Gebiet kennen und sachgemäß gubearbeiten vermögen. Gleichwie Kammerjäger und Desinfektor müßte hier ein Gewerbetreibender am Orte fein, den der Gartenbesitzer um Hilfe angehen könnte. Er würde auf Anruf erscheinen, die Klagen anhören, den Baumbestand besichtigen, dem Geschädigten sagen, was getan werden muß, oder gegebenenfalls selbst mit seinem Personal und seinen Mitteln sachgemäß eingreifen. Der Gartenbesitzer würde auf diese Weise rascher und billiger zum Ziele kommen, als wenn er allein umherexperimentiert. Auch die Behörden sollten sich für die Gewinnung dieses Verufsträgers interessieren, denn die Beseitigung der Schädlingsmassen behufs Steigerung der Erträge liegt auch im öffentlichen Interesse. L,
Rundfunk-Programme.
Hranksun a ZIL (470 Mtr.) und Lasset (288 Mtr.).
Freilag den 18. November: 1.10: Uebertragung der Empfangsfeierlichkeiten anläßlich des Besuches des Reichspräsidenten im Kaisersaal des Römers. 3 30—4: Die Smnde der Jugend 4.30—6: Haus. frauen-Nachmittag. 6—6.30: Die Lesestunde (Brief, literatur): Aus dem Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter — Sprecher: O. W. Studtmann. 6.30 bis 6.45: Die Bücherstunde. 7.30—8: Die Bücher- stunde II. 8—8.30: Italienischer Sprachunterricht. 8.30—9.30: Tanzmusik der Tanzkapelle Steinmetz. 10—11: Kabarettabend.
Stuttgart (443 Mtr.). 4.30—6: Konzert. 7—7.30: Morsekursus. 7.30—8: Dr. M. Heidler: Hypnose und Suggestion". 8—9.30: Moderne Schlager. 9.30 bis 11: vymphoniekonzert.
Münster (410 Mtr ), Dortmund (288 Mtr.), Elberseld (259 Mtr.). 1.15—1.45 Münster: Englisch. 1.50: Uhland-Balladen. 4.30—6 Dortmund: Konzert. 5—6.30 Elberfeld: Konzt. 6.40 Münster: E. Rüben- struck: „Die Bedeutung der Geflügelzucht für unsere Volkswirtschaft". 7—8: F. Ludwig: „Die geschichtliche Entwicklung der Klaviersonate". 8—8.45: Dr. Heinermann: „Englische Sprache und Kultur". 8.45: Beethovenquartettl 9.45: Joh. Strauß. 8.45 Elberfeld: Leharklänge. 9.30: „Zum Einsiedler" (E. Jacobsen). 8.50 Dortmund: Trio-Abend. 10.20: Heitere Lieder.
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Kunst und Wissenschaft.
Joh. Anselm von Feuerbach.
Zum 150. Geburtstag des großen Strafrechtstheoretikers am 14. November.
Von Dr. Heinrich Taschner.
Der berühmte Kriminalist, Joh. Anselm von Feuerbach, der Senator der Familie Feuerbach, die in der deutschen Wissenschaft und Kunst durch eine überreiche Zahl genialer Mitglieder vertreten ist, hat als Begründer der neueren deutschen Strafrechtswissenschaft auf die Entwicklung der Theorie und Praxis der Rechtspflege bahnbrechenden Einfluß ausgeübt. Er ist der Schöpfer der Abschreckungstheorie oder der Theorie des psychischen Zwanges, die durch die Androhung der Strafe den sinnlichen Trieb zum Verbrechen ausschalten will und gleichzeitig die Wirksamkeit der Drohung durch den Strafvollzug zu sichern trachtet.
Am 14. November 1775 zu Hainichen bei Jena geboren, hatte sich Feuerbach, der später geadelt wurde, als Professor der Philosophie m Jena und Kiel bereits einen Namen ge= ^pdlt ehe er sich als Jurist in bayerischen Diensten der Reform des Strafrechts zuwandte, dw ihn in der Geschichte der Kriminalwissen- berühmt gemacht hat. Schon als geheimer Referendar im Justiz- und Polizeiamt Mün- chen, von wo er zunächst nach Bamberg und später als erster Präsident des Appellationsgerichts in Ansbach kam, hatte der mit der Ausarbeitung des Entwurfs zu einem baye- nichen Kriminalgesetzbuch beauftragte Feuer- .durch die Beseitigung der Folter im ge- iWiidjen Untersucbungsverfahren den ersten Mritt auf dem Wege zur Beseitigung der A.itzbrauche in der bayerischen Kriminal- luftiz getan. Von ^808 an veriolot er zielbewußt und systematisch diesen Weg weiter, urunbiegenbe Bedeutung für die Umgestaltung der deutschen Rechtspflege im Sinne der Hu- wanität erhielt insbesondere fein berühmtes
„Lehrbuch des gemeinen in Deutschland geltenden peinlichen Rechts" und sein „Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern", das 1813 in Bayern zur Einführung gelangte, darüber hinaus aber auch in den verschiedenen anderen deutschen Staaten der Bearbeitung neuer Landesgesetzbücher zugrunde gelegt worden war. Hand in Hand mit dieser theoretischen Reformarbeit gmg Feuerbachs Streben, in der Praxis des Prozeßverfahrens dem Grundsatz der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit in der Verhandlung allgemeine Geltung zu verschaffen. In der seiner Zeit weit vorauseilenden Schrift „Betrachtung über Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichtspflege, über die Gerichtsverfassung und das gerickstliche Verfahren Frankreichs" erklärte Feuerbach die beiden Grundprinzipien der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit der Verhandlung als unerläßliche Vorbedingung einer gefunden Rschts- pslege. Die Erfüllung der Forderungen, die sich hieraus ergaben, blieb freilich erst einer späteren Zeit überlassen. Ebenso spricht aus den Sammlungen „Merkwürdige Kriminalrechtsfälle" und „Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen" der geniale Wegbereiter des modernen Strafrechts, der sich hier als überragender Praktiker bewährt, indem er — zum ersten Male in der Literatur — die Anregung zu einer tieferen psychologischen Behandlung der Kriminalität gibt. In seinen Mußestunden beschäftigte sich der Kriminalist am liebsten mit poetischen Versuchen. So entstand unter anderem eine metrische Ueber- setzunq des indischen Gedichts „Gita Dovinda" nebst einem Kommentar dazu, beides Arbeiten, die Vielseitigkeit und Fensinnigkeit des Gelehrten überzeugend dartaten.
Vom Standpunkt der Seelenanalyse aus der er im Kriminalrecht ein weit bemessenes Betätigungsfeld eingeräumt wissen wollte, hatte Feuerbach auch das Rätsel des Schick- 'als Kaspar Housers, des berühmten Findlings, dem bis in die neueste Zeit hinein das Interesse der Dichter zuaewandt blieb, zu deuten und
das Geheimnis des angeblich an ihm verübten Verbrechen zu ergründen versucht. Kaspar Hauser war seinerzeit von Nürnberg nach Ansbach zu feiner weiteren Ausbildung gebracht worden, wo er in dem Präsident des dortigen Appellationsgerichts einen warmherzigen Gönner gefunden hatte. Mit der ihm eigenen Begeisterungsfreude trat Feuerbach für den rätselhaften Findling ein, dem die „Herzensträgheit der Welt" so übel mitgespielt hatte. Feuerbach hatte diese Herzensträgheit zur Genüge an sich selbst erfahren. Er, der auch auf religiösen und krchlichem Gebiet stets kühn den Grundsatz der Freiheit und Gerechtigkeit verfochten hatte, befand sich infolge dessen in beständigem Kampf gegen die hierarchischen Tendenzen und den rückständigen Geist der Zeit und sah auch in Kaspar Hauser ein Opfer dieser Tendenz. Feuerbachs Aufsehen erregende Schrift „Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben", in der er sich zum Anwalt des von aller Welt verlassenen Findlings machte, bringt zwar eine geistvoll gestützte Hypothese, läßt im übrigen aber das Rätsel Kaspar Hauser ungelöst, das auch bis heutigentags noch keine einwandfreie Lösung gefunden hat. Immerhin hat das vielgelesene Buch Feuerbachs aber das Wichtigste dazu beigetragen, den Fall des Nürnberger Findlings zu einem europäischen zu machen, und ist der Ausgangspunkt einer ganzen Kaspar Hauser- Literatur geworden.
Joh. Anselm von Feuerbach starb als wirklicher Staatsrat am 29. Mai 1833 in Frankfurt a. M. Von seinen fünf Söhnen, die sich sämtlich durch rege schriftstellerische Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft hervorgetan haben, ist der berühmteste Träger des Namens der vierte, der Philosoph Ludwig Andreas Feuerbach.
o Schreckfarben. In einem biologischen Filme wurde kürzlich die Begegnung einer Ringelnatter mit einer Feuerkröte (Unke) vorgeführt. Die Kröte sah die Schlange auf sich
zu kommen, richtete sich krampfartig auf, sodaß sie fast zu dem Doppelten ihrer natürlichen Größe emporschnellte, warf sich dann auf den Rücken, zeigte ihren feuerroten Leib--und rührte kein Glied. Das Eigentümliche geschah: Die Schlange kroch davon, ohne Notiz von dem scheintoten Tiere zu nehmen. Diese seelischen Vorgänge sind noch nicht völlig erforscht; aber es wird angenommen, daß manche Tiere durch die Farbe ihres Körpers den Angreifer schrecken wollen. Die Fähigkeit augenblicklichen Farbenwechselns findet sich am häufigsten bei dem in Südspanien lebenden Chamäleon. Auch unser Feuersalamander verrät sich weithin durch sein schwarz und gelb geflecktes Kleid. Der träge Geselle könnte seinem Gegner niemals ent« sliehen. Seine Waffe ist ein übelriechender Saft, den er bei der Verfolgung ausschwitzt. Es ist merkwürdig, das bunte Kleid scheint wie bei Der Kröte ein Warnungsmittel zu sein: „Hütet Euch, ich bin ungenießbar!" — Jedenfalls hat der Feuersalamander unter der Tierwelt keine Feinde, und auch der Mensch vermeidet den stinkenden Burschen zu berühren. Daß auch der so schön mit Punkten gezeichnete rote Marienkäfer diese üble Eigenschaft an sich hat, ist ja ziemlich bekannt. — Die Natur ist erfinderisch. Ob Mimikry oder Schutzfarbe — immer entwickeln die Geschöpfe der Erde Eigenschaften, die zur Erhaltung der Arten notwendig sind.
Der graue Tag.
Ein Tag, in fahle Nebel eingesponnen, Durch die kein Lächeln brach, Ein grauer Tag, verdrossen und versonnen, Ein Tag, der nichts versprach, — Ein Tag, schon früh in Dämmerung verschwommen,
In kalte Nacht zurück,--:
An einem solchen Tage ift’s gekommen. Das unverhoffte Glück!
• Frida Schanz