201. Iayrqang.
Hanauer W Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und uand.
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Nr. 289
Dvi nerstag den 3. November
1925
Das Neueste.
— Der Reichskanzler empfing gestern die Führer der Wirtschaftspartei, der Deutschnationalen, der Demokraten und der Sozialdemokraten.
— Die vereinigten vaterländischen Verbände haben gestern eine Entschließung angenommen, in der der Vertrag von Locarno als freiwillige Anerkennung des Diktats von Versailles abgelehnt wird.
— Die englische Regierung hat den neuen Herrscher von Persien, König Pehlewi, offiziell anerkannt.
— Die Lage in Syrien ist noch kritischer geworden, da sich alle Dörfer südlich von Damaskus den Aufständischen angeschlossen haben.
— Das bulgarische Kriegsministerium ist von der griechischen Regierung amtlich benachrichtigt worden, daß die während der Grenzkämpfe gefangengenommenen Bulgaren frei- gelassen worden sind.
DeuischkanSs Anspruch auf Kolonialbesitz.
. Es ist bekannt, daß der deutsche Außenminister in Locarno neben anderen Forderun- Sen auch den Anspruch Deutschlands auf die tückerstattung feines Kolonialbesitzes vertreten hat. Grundsätzlich hat man auch hier die deutsche Forderung anerkannt. Wenn durch den Abschluß des Sicherheitspaktes eine allgemeine politische Entspannung erzielt werden sollte, so wird man sich nicht länger auf den Standpunkt stellen können, daß Deutschland 6 vom Kolonialbesitz ausgeschlossen sein soll. D i e
Es? ‘ 'ung der deutschenKolonien am verschiedene Mandatsmächte wird dann revidier t we r d e n m ü ss e n. Und wir werden gut tun, über den Rückwirkungen, die wir im Rheinland und im Saargebiet verlangen, diesen wichtigen Punkt nicht aus dem Auge zu verlieren. Auch hier muß den in Locarno gegebenen Versprechen die Tat folgen, wenn das im Sicherheitspakt vorgesehene Vertragsverhältnis nicht lediglim auf dem Papier stehen soll.
Wir werden es bei der Durchsetzung unserer Kolonialforderung nicht nur mit den jetzigen Mandatsmächten zu tun haben, sondern auch mit der öffentlichen Meinung in Deutschland selbst. In dem kaiserlichen Deutschland war die koloniale Entwicklung ja bereits über die ursprünglich weit verbreitete Uebersee- Scheu hinweggegangen. Wir waren ein Volk geworden, das auch an seine koloniale Zukunft glaubte. Heute regt sich in der Oeffentlichkeit wieder die Abneigung gegen koloniale Betätigung, die wir vor dem Kriege bereits überwunden hatten. Aber wir sind überzeugt, daß sie sich nicht durchsetzen wird. Das deutsche Volk war doch schon zu sehr mit seinem Kolonialbesitz verwachsen, um nicht freudig die Verantwortung für seine koloniale Zukunft wieder auf sich zu nehmen. Es wird auch hier den Kampf um den Wiederaufbau unserer früheren Stellung nicht scheuen.
Wir werden uns klar darüber sein müssen, daß dieser Kampf nicht leicht ist. Der englischen Regierung war das Mandat über Deutsch-Ost- afrika sehr willkommen, um den eigenen ostafri- mnischen ^Kolonialbesitz damit abzurunden. England ist auch sicher noch weit davon entfernt, deutschen Wünschen hier entgegenzukommen. Es hat von deutscher Seite großer Anstrengungen bedurft, um es endlich dazu zu bewegen, das Siedlungsverbot für Deutsche in Ostafrika aufzuheben. Auch für den Rück- ermerb der zweiten großen deutschen Kolonie in Afrika sind die Aussichten keineswegs sehr günstig. Hier sitzt das südafrikaniiche Dominion im Mandatsbesitz und auch dieser Staat weiß den neuen Besitz sehr zu schätzen. In dem Verhältnis des südafrikanischen Staates zu Südwestafrika ist in der letzten Zeit eine Aenderung eingetreten, auf die wir unser ganzes Augenmerk richten sollten. Die südafrikanische Union bat der ehemaligen deutschen Kolonie eine Selbstverwaltung verliehen, die allerdings in wesentlichen Punkten eingeschränkt ist. Südwestafrika erbölt ein gesetzgebendes Parlament, oas aus 18 Mitgliedern besieht. Davon werden 12 gewählt und 6 von der südafrikanischen Regierung ernannt. Die Wahlberechtigung be- imrankt sich auf einen Geringen Teil der' Bevölkerung. Insgesamt schöbt man die Bevölkerung der ehemaligen deutschen Kolonie auf •28 000 Käufe. Davon sind rund 20 000 Euro- naer. Und da nur der erwachsene männliche Kummer das Wahlrecht bat, so sind nur rund 6500 Südwestafrikaner imstande, an der Wabl
Die FmMMWer leim ReiAlauzler.
Besprechung Ser FraKtionsvorsitzenden der Wirlschaftspariei, der Demokraten^ Ser Deuychnattonaten unS Ser SoziatSemokraten mit Dr. Luther.
Berlin, 4. Nov. Der heutige Tag war ausgefüllt von den Besprechungen des Kanzlers mit den Führern der Parteien, die im Reichskabinett nicht vertreten sind. Dabei hat Dr. Lucher den Erfolg verzeichnen können, daß die Vertreter der Wirtschaftlichen Bereinigung sich dem Standpunkt der — sagen wir einmal — Regierungsparteien angeschlossen haben. Man muß sich dabei gewärtig halten, daß die Wirtschaftspakte: sehr viele liberale und auch früher demokratische Elemente zusammenschließt. Alles in allem wird nunmehr wohl damit zu rechnen sein, daß die Dinge bis zum Zusammentritt des Reichstags bleiben, wie sie sind, das heißt, daß man alle innenpolitischen Entscheidungen, darunter natürlich auch eine Umbildung des Kabinetts, vertagen wird, bis sich das Ausmaß des in Locarno wirklich Erreichten übersehen läßt.
Im Anschluß an den Empfang der Führer der Wirtschaftlichen Vereinigung durch den Reichskanzler fanden am heutigen Nachmittag Besprechungen Dr. Luthers mit den Vertretern der übrigen Parteien statt, die der jetzigen Regierungskoalition nicht angehören. Zunächst wurde der Abgeordnete Koch als Vertreter der deutschdemokratischen Fraktion empfangen. Er teilte dem Kanzler mit, daß die deutschdemotratische Reichstagsfrak- tion ihre Zustimmung zu den Verträgen von Locarno von einer befriedigenden Lösung der èhäw^rtzâeu anhängig mau-c. ^e werbe sich für eine ehrliche Durchführung der Politik von Locarno und eine Annäherung der europäischen Staaten einsetzen. Sie fordere eine Innenpolitik, die der Festigung der Republik diene und ein Reichskabinett, das sich auf die Parteien stütze, die diese Außen- und Innenpolitik entschlossen mitmachen.
Für die deutsch nationale Reichstag sfr aktivn war der Fraktionsvorsitzende Westarp erschienen. Auch ihm berichtete der Kanzler über die gestrige Besprechung mit den Führern der Regierungsparteien und über den gegenwärtigen Stand der politischen Lage. Die Rücksprache hatte nur informatorischen Charakter.
Den gleichen Verlauf nahm die Unterhaltung des Reichskanzlers mit den Führern der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion Müller-Franken, Breitscheid, und Hilferding. Auch diesen Herren gab der Reichskanzler Informationen über die augenblickliche Lage, die noch ergänzt wurden durch Ausführungen Dr. Stresemanns, der über den guten Fortgang der Verhandlungen mit den anderen Vertragsmächten berichtete. Die sozialdemokratischen Führer nahmen die Erklärungen entgegen, ohne dazu im Augenblick Stellung zu nehmen. Die sozialdemokratische Entscheidung soll erst am Freitag auf der Sitzung der Reichstagsfraktion erfolgen.
Ein Empfang der Führer der Völkischen und der Kommunisten war, wie wir weirer aus parlamentarischen Kreisen hören, nies# vorgesehen.
Zu der gestrigen Besprechung Dr. Luthers mit den Parteiführern weiß der „Berliner Lokalanzeiger" noch mitzuteilen, daß die Haltung der deutschnationalen Voltspartei unverändert sei. Gegenüber den Bemühungen, die in Locarno zugesagten Rückwirkungen auf die besetzten Gebiete zu erhalten, würden sich die Deutschnationalen abwartend verhaften. — Zu dem von den Reichstagsabgeordneten vorgetragenen Forderungen bemerkt die „Tägliche Rundschau", daß eine sofortige Regierungsumbildung nicht verlangt worden sei, denn welche Parteien die Durchführung der Politik von Locarno mitmachen, werde sich erst aus der Abstimmung im Reichstag ergeben.
Die Stellungnahme der Zenlrums- frahtion.
Berlin, 4. Nov. Das Ergebnis der heutigen Beratung der Zentrumsfraktion wurde offiziell in folgenden Sätzen zusammengefaßt:
teilzunehmen. Es kommt hinzu, daß die südafrikanische Union sich wesentliche Souoerüni- tätsrechte vorbehalten hat, die dem Mitbestimmungsrecht Süwestafrikas entzogen bleiben. Hierher gehören vor allen Dinaen die Ange
„In chrer sachlichen Stellung zu dem Vertragswert von Locarno wartet die Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstags das Ergebnis der auf die Rückwirkungen bezüglichen Verhandlungen ab. Sie sieht in den in Locarno getroffenen oder in Aussicht gestellten Abmachungen einen Fortschritt in der Richtung der europäischen Befriedung; sie erachtet jedoch die vorgesehene Regelung nur als eine befriedigende Lösung, wenn die insbesondere für die besetzten Gebiete Nötigen Auswirkungen gesichert sind.
Die Zentrumsfraktion ist der Auffassung, daß das Verhalten der Deutschnation a- l e n V o l k s p a r t e i gegenüber dem Vertragsentwurf von Locarno ein weiteres Zusammenarbeiten mit ihr in einer Regierung ausschließt."
Eine Erklärung des Reichsministers a. D. Schiele.
tim Auftrage des Reichsministers a. D. Schiele wird der „Telegraphen-Union" folgendes mitgeteilt:
„Das „Berliner Tageblatt" versucht trotz der Zurückweisung, die seine Mitteilungen über Schieles Ja von amtlicher Seite erfahren haben, diese unter Berufung auf „beste Quellen" aufrechtzuerhalten und bringt heute eine neue „E n t h ült u u g" überMenen. die sich bei der Verabschiedung des Herrn Reichsministers n. D. Schiele im Reichskabinett abgespielt haben sollen. Diesmal führt es als Quelle den volksparteilichen „Hamburger Korrespondenten" an, der sich für seine Nachricht auf „eigene Informationen" beruft. Es ist festzu- stellen, daß beide Vorgänge sich in Kabinettssitzungen abgespielt haben sollen, zu denen nur ein ganz beschränkter feststehender Personenkreis Zutritt hatte. Diese Mitteilungen können nur auf schwere, noch dazu fälschende Indiskretionen eines der Teilnehmer an diesen Sitzungen zurückzuführen sein, die sich angesichts der in der Geschäftsordnung des Reichs- mmifteriums fsstgelegten Schweigepflicht als unerhörte Amts- und Pflichtverletzungen darstellen müssen. Es muß dem Herrn Reichskanzler überlasten bleiben, welche Schritte er unternehmen will, um die in Betracht kommenden leitenden Reichsbeamten von diesem schweren Verdacht zu reinigen und sich gegen die Wiederholung solcher Vorkommnisse zu schützen. — Nach den Herrn Reichsminister a. D. Schiele gewordenen Mitteilungen kann damit gerechnet werden, daß von amtlicher Seite alsbald alle im Rahmen der gebotenen Wahrung der Vertraulichkeit möglichen Aufklärungen gegeben werden. Bis dahin glaubt Herr Reichsminister a. D. Schiele trotz aller Verdächtigungen, seinerseits die ihm als früheres Mitglied des Reichskabinetts obliegenden Pflichten nicht verletzen zu dürfen. Er ist gewiß, daß diese Haltung die Zustimmung aller anständig Denkenden finden wird."
Die vaterländischen Verbände gegen den Locarno-Vertrag.
Die vereinigten vaterländischen Verbände hielten in Berlin eine aus dem ganzen Reiche beschickte Versammlung ab, zu der außer den Mitgliedern der parlamentarischen Vertretung der Völkischen und der Deutschnationalen auch Prinz Oskar von Preußen erschienen war. Die Deutsche Volkspartei, die gleichfalls eingeladen war, hatte keine Vertreter entsandt. Nach Ausführungen des Grafen Reventlow von der Völkischen Freiheitspartei und des Geheimrats Dr. Quaatz von der Deutschnationalen Volkspartei wurde eine Entschließung angeommen, in der der Vertrag von Locarno als freiwillige Anerkennung des Diktats von Versailles a b g e l e h n t wird. Wie weiter mitgeteilt wurde, haben sich die vereinigten vaterländischen Verbände mit dem Tannenbergbunde, Stahlhelm und Wehrwolf zu einer vaterländisch-völkischen Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.
legenheiten der Eingeborenen, die Bergwertsgerechtigkeit, das Hafen- und Eisenbahnwesen, Post und Telegraphie, die Landesverteidigung usw. Trotzdem hat man die Verleihung der beschränkten Selbstverwaltung in Südwest
afrika als einen Fortschritt willkommen geheißen. Diese Verleihung war zweifellos ein kluger Akt der südafrikanischen Union. Man rühmt sich, die deutschen Ansiedler in Südwestafrika innerlich für die Union gewonnen zu haben und man weist darauf hin, daß nur 262 dieser Ansiedler deutsch geblieben sind und von der Möglichkeit, die englische Nationalität zu erwerben, keinen Gebrauch gemacht haben. Sicher ist, daß in Südwestafrika ein etwa- deutschfreundlicher Wind weht und daß man der deutschen Sprache im behördlichen Verkehr und in der Rechtspflege wieder alle Rechte zugestanden hat.
Das Bestreben der südafrikanischen Union scheint aber doch zu sein, die ehemalige deutsche Kolonie in ihren dauernden Besitz überzuführen. Hätte nicht der General Hertzog als Ministerpräsident Widerstand geleistet, so hätte man wahrscheinlich statt der Verleihung einer beschränkten Selbstverwaltung Südwestafrika das Recht gegeben, Abgeordnete in das südafrikanische Parlament zu wählen, d. h. man hätte die ehemals deutsche Kolonie einverleibt. Diese Einverleibungsgefahr bleibt bestehen, da man in Südafrika den außerordentlich großen Wert der ehemaligen deutschen Kolonie erkannt hat. Man weiß jetzt aus eigener Erfahrung, daß dort ein großer Reichtum an Farmland vorhanden ist, auf dem die Viehzucht besten Ertrag verspricht. In der Walfischbay sind auch schon von mehreren Gesellschaften große Kühlhäuser angelegt worden, ein Beweis dafür, daß man auf dem Boden von Südwestafrika Viehzucht im Großen betreiben will. Die Ausbeute an Diamanten ist nach wie vor vielversprechend und der Boden ist zweifellos auch reich an anderen Mineralfchätzen. Der Prozeß, durch den man Südwestafrika mit der Union zu verschmelzen Hojjt, ist zweifellos im Gange. Wir werden ihm, sobald wir unsere Ansprüche anmelden können, nicht tatenlos zuschauen dürfen. Denn wenn wir unsere Wiedereinsetzung in unsere Kolonialrechte verlangen, so werden wir uns nicht mit diesem oder jenem Brocken abspeisen lassen dürfen. Wir wollen nicht, daß andere auf die Dauer Nutznießer der erfolgreichen Arbeit sind, die wir im Osten und im Südwesten Afrikas geleistet haben.
Sven Keddin gegen Sie Kriegsschuld- lüge und Versailler Vertrag.
In Dessau hielt am Sonntag abend in dem überfüllten Saale des Kristallpalastes in einer Veranstaltung der dortigen Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslands Dr. Sven Hedin, der bekannte Tibetforscher und Deutschenfreund, lebhaft begrüßt, eine Rede, in der er folgendes ausführte:
Die Deutschen im Auslande kämpfen in mehreren Ländern gegen Not und Unterdrückung und gegen die Anmaßungen ihrer Beherrscher. Für mich ist es eine Freude, Gelegenheit zu haben, in sehr bescheidenem Maßstabe dazu beigetragen zu haben, den Deutschen außerhalb der Grenzen ihres Landes etwas zu helfen. Das Stigma der Kriegsschuld erinnert an den verruchtesten Tag der neueren Geschichte. Und dieses Stigma wird nicht lange bestehen.
Diese Erpressung des Schuldbekenntnisses vom deutschen Volke wird korrigiert werden.
Einen Umschwung und die Reaktion bemerken wir schon jetzt überall in der Well. Das deutsche Volk hat keine Niederlage erlitten. Denn es ist überhaupt keine Niederlage, wenn ein Volk über vier Jahre gegen die ganze Welt mit beispielloser Tapferkeit gekämpft hat wie das deutsche. (Stürmischer Beifall.) Es standen nur 125 Millionen Deutsche und deren Verbündete gegen 1500 Millionen Feinde! In diesem Kriege hat Deutschland an allen Fronten glänzende Beweise von Tapferkeit und Heroismus gegeben. Dann haben wir die Verkrüppelung des deutschen Volkes und Deutschen Reiches.
Diese Grenzführung von Europa wich nicht bestehen bleiben.
Sie ist unnatürlich und gegen den Willen bei ganzen deutschen Volkes erzwungen worden. Und auch in dieser Beziehung werden wir große Korrekturen in nächster Zukunft erleben.
Der berühmte Forscher führte dann seine ihm aufmerksam folgenden Zuhörer an der Hand der Karte, die er der Welt zum großen Teile selbst geschaffen hat, hinein in das Gebiet Zentralasiens und schilderte mit fdjli^ten Worten seine Entdeckungsreisen aus den Jahren 1895 und 1896 in den Riesensandwusten des unerforschten Gebietes. Zum Schluß sprach