201. Jahrgang.
Hanauer S Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kanarr Stadl und Land.
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Nr. 259
MMwoch den 4. November
1925
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Das Neueste.
— Die gestrige Besprechung der Parteiführer beim Reichskanzler ergab vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Regierungsparteien.
— Reichsaußenminister Dr. Stresemann Ö gestern abend im Rundfunk über die ndlungen von Locarno.
— Die englische Rheinarmee wird nach der Räumung Kölns den Mainzer Brückenkopf rechts des Rheins mit Wiesbaden als Hauptquartier beziehen.
— In der französischen Kammer gab gestern das neue Kabinett Painlevè seine Regierungserklärung ab.
— Nach einer Meldung aus Peking haben die Mächte die chinesische Forderung nach Zollautonomie grundsätzlich anerkannt.
— Die ungarische Nationalversammlung verabschiedete sämtliche Bestimmungen der Währungsvorlage und entschied endgültig, daß ein Pengo gleich 12 500 Kronen sei.
Die Parleiführerbesprechung beim Kanzler.
Berlin, 3. Nov. Ueber die heutige Parteiführerbesprechung beim Reichskanzler wird folgender Bericht ausgegeben:
„freute fand unser Vorsitz des Reichskanzlers, sowie unter Teilnahme der ReschsminMer Dr. Brauns, Stingl und Dr. Stresemann eine Aussprache mit den Vertretern der in der Regierung durch Vertrauensmänner vertretenen Parteien statt. An der Aussprache nahmen teil: Von der Zentrumspartei die Abgeordneten Fehrenbach, Marx und Stegerwald. Von der Deutschen Volks- partei: die Abgeordneten Dr. Scholz, Dr. Curtius und Kempkes. Von der Bayerischen Volkspariei: der Abgeordnete Leicht.
Die eingehende Erörterung ergab eine allgemeine Uebereinstimmung in der Beurteilung der politischen Lage. Die Vertreter der Parteien waren mit der Reichsregierung darüber einig, daß die Schaffung der Grundlagen für die endgültige Entscheidung über das Werk von Locarno dis beherrschende Frage der Gesamk- politik ist, hinter dec alle anderen Fragen jetzt zurückzutreten haben.
Die Vertreter der Parteien billigten die infolge des Austritts der deukschnalionalen Minister getroffenen Maßnahmen zur Weiter- führuug der Regierung. Es herrsche allgemeine Uebereinstimmung darüber, daß die Deutsch- nationale Partei, deren voreiliges Verhalten um des deutschen Volkes Gesamtschickfal willen nachdrücklichst mißbilligt wurde, sich von der weiteren Teilnahme an der Regierung dadurch selbst ausgeschlossen hat. Die Vertreter der Parteien gaben ferner der Auffassung Ausdruck, daß eine Einberufung des Reichs- tags im Laufe des Monats November erst möglich ist, wenn ein erschöpfender Tatbestand in bezug auf das Werk von Locarno und seine Rückwirkungen den gesetzgebenden Körperschaften unterbreitet werden sann.“
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Die gestrigen Besprechungen der Reichsregierung mit den Führern der übrig gebliebenen Mehrheitsparteien konnten unter Umständen für die innerpolitische Entwicklung sehr große Bedeutung haben. Das Reichskabinett stand auf dem begreiflichen Standpunkt, daß es Absplitterungen weiterer Parteien nicht mehr vertragen könne, daß deshalb, wenn sich eine starke Diskrepanz unter den Ansichten herausstellen sollte, die Regierung sich gezwungen sehen würde, sofort die Konsequenzey zu ziehen und zurückzutreten. Die Gefahr eines solchen Auseinandergehens der Auffassungen war sehr groß, doch sie ist vorläufig gebannt. Aus der obigen Mitteilung, die die Parteiführer selbst über ihre Besprechung mit der Regierung vereinbart und veröffentlicht haben, geht hervor, daß die Parteiführer mit dem Weiterbestand des Kabinetts Dr. Luther einverstanden sind, und der von dem Kabinett über den Regierungskurs abgegebenen Erklärung zustimmen. Ganz deutlich spiegelt sich der Kurs in der Mitteilung wieder. Eine Reichstagssitzung soll erst dann in Frage kommen, wenn der Abschluß der Verhandlungen
so weit gediehen ist, daß die Regierung die Verantwortung für die Unterzeichnung des Vertrages übernehmen kann. Das ist eine Absage an all die Versuche, schon jetzt den Reichstag in Bewegung zu setzen und damit eine tiefgehende Regierungskrisis heraufzubeschwören. Es ist eine ganz eindeutige Unterstreichung der Regierungsabsicht, ungestört und ungehemmt durch Parteistreitigkeiten die Verhandlungen mit der Gegenseite bis zur Erzielung sicherer Ergebnisse weiter zu führen, um dann von dem Parlament angesichts geklärter und sicherer Verhältnisse eine Entscheidung zu fordern. Ueber die grundsätzliche Seite der Frage, wie über das taktische Vorgehen herrscht also zwischen dem Kabinett und den Führern der Regierungsparteien volle Uebereinstimmung. So eng die Regierungsgrundlage nach dem Ausscheiden der Deutschnationalen auch geworden sein mag — sie ist jedenfalls fest und sicher.
Es läßt sich noch nicht übersetzen, ob die Regierung nunmehr bis zu dem parlamentarischen Abschluß einen ganz sicheren Weg vor sich hat. Man kann nicht daran vorübergehen, daß die gegenwärtigen Regierungsparteien nicht die parlamentarische Mehrheit haben und daß die Parteien der Linken rührig sind und ihr Bestreben unverkennbar darauf richten, aus der gegenwärtigen Lage Kapital für ihre Zwecke zu schlagen. Es ist doch unbestreitbar, daß im Zentrum der linke Flügel wieder enge Fühlung mit der Linken sucht und daß dieser Flügel wieder neuen Aufschwung nimmt, obwohl seine Parole in der gestrigen Besprechung nicht das geringste Echo gefunden hat. Der Reichstagspräsident ist auf der Rückreise nach Deutschland. Er wird zu Beginn der kommenden Woche in Berlin zurück sein und wenn die Sozialdemokraten wollen, werden sie mit Hilfe der Kommunisten den Zusammentritt des
Stresemanns
Berlin, 3. Nov. Reichsaußenminister Dr. Stresemann sprach heute abend im Rundfunk über das Werk von Locarno und führte u. a. folgendes aus:
Vor einigen Tagen hat bei der Jahresfeier der deutschen Hochschule für Politik hier in Berlin Professor Oncken den Versailler Vertrag von 1919 als ein Dokument für das Bestreben gekennzeichnet, die Sicherheit Frankreichs bis in das Herz Deutschlands zu verlegen. In der Tat ist kein Zweifel darüber möglich, daß man vor und nach Versailles in Paris glaubte, daß das Problem der Sicherheit Frankreichs durch die Zerstückelung Deutschlands gelöst werden könnte. Diese Hoffnungen, die Poincarè und alle politischen Schüler Poincarës hegten, sind vereitelt worden. Aber für Frankreich blieb das Problem der Sicherheit. Es ist für uns Deutsche nicht leicht, das einzusehen und wir fragen, was ein militärisch so stark gerüstetes Frankreich von dem entwaffneten Deulschland befürchten kann. Aber die Tatsache dieser Sicherheitsbedürfnisses besteht und mit mej-r Tatsache muß jeder Politiker und müssen auch wir rechnen, Wir müssen das schon deshalb, weil andere Mächte wie namentlich England, das Sicherheitsbedürfnis Frankreichs anerkennen.
Bei einer Passivität der deutschen Politik wäre England letzten Endes wohl bereit gewesen, die Sicherheitsfrage gemeinsam mit Frankreich gegen Deutschland zu losen.
Darüber hinaus aber ist mit diesem Problem verbunden das große Problem der deutsch- französischen Auseinandersetzung überhaupt. Man beginnt überall in Europa einzusehen, daß man mit dem Krieg und mit der Fortsetzung der Versailler Methoden nicht weiter- kommen kann. Es ist nötig, daß andere Wege gegangen werden und die größte Bedeutung von Locarno liegt schließlich darin, daß man sich jetzt allseitig entschlossen hat, einen Kurs- und Richtungswechsel mit dem Ziel vorzunehmen, an die Stells der Methoden von Versailles eine Verständigung treten zu lassen. Die Verhandlungen, die wir in Locarno geführt haben, waren ein Beweis dafür, daß ein solcher Kurswechsel von den Alliierten beabsichtigt ist.
Reichstages erzwingen können. Die Möglichkeit ist also nicht ausgeschlossen, daß man den Versuch macht, das Kabinett Lutber von links her unter einen parlamentarischen Druck zu stellen.
Entschließung der Demokratischen Partei.
Berlin, 3. Nov. Der Hauptvorstand der Deutschen Demokratischen Partei trat heute nachmittag im Reichstag zu einer Sitzung zu- sammen, um sich mit der politischen Lage zu beschäftigen. Einstimmig wurde folgende Entschließung angenommen:
„Der Parteivorstand billigt die Haltung des Varkeivorsihenden zur innen- und außenpolitischen Entwicklung und erklärt sich nur mit einer Lösung der Krise durch eine Regierung einverstanden, die
1. Die Annahme des Vertrages von Lo- karno von einer befriebigenben Lösung der Rückwirkungen abhängig macht,
2. fsih für eine ehrliche Durchführung der Politik von Locarno und eine Einigung der europäischen Staaten einsehl,
3. eine innere Politik gewährleistet, die der Festigung der Republik dient,
4. sich auf die Parteien stützt, die diese innere und äußere Politik entschlossen mitmachen.
Schieles Stellungnahme zu Locarno.
Bertin, 2, Novbr. Wle em »trimer Blatt erfahren haben will, habe der deutschnationale Innenminister Schiele in der ent'cheidenden Kabinettrsitznna vom 22. Oktober, die unmittelbar vor dem Zusammentritt des Auswärtigen Ausschusses stattgefundcn hat, auf die Frage, ob er das Werk von Locarno billige, etwa mit folgenden Worten geantwortet: .Wenn rch gefragt werde, ob ich das Werk von Locaruo billige, so antworte ich mit einem lauten, freubiien Ja!"
Die Zeit der Diktaten und Ultimaten soll vorbei sein.
Wenn die Weltgeschichte überhaupt noch einen Sinn hat, dann müssen sich Lösungen finden lassen, durch die die Lebensnotwendigkeiten aller beteiligten Völker gewahrt und gesichert werden. Der Reichskanzler und ich sind der Ansicht, daß Locarno solche Lösungen möglich macht. Wir haben, als wir die gesamten Vortragsentwürfe in der Hand hielten und als uns die Außenminister von England, Frankreich und Belgien die Rückwirkung dieser Verträge auf die Verhältniß.' im besetzten Gebiet in sichere Aussicht gestellt haben, nicht gezögert, die Entwürfe in bet Weise zu paraphieren, daß sie in ihrem Wortlaut nicht mehr abgeändert, sondern nur angenommen oder abgelehnt werden können. Die Verhandlung über die Form dieser Verträge ist damit obge- Ichlossen. Uns bleibt aber die letzte Entscheidung über ihre Annahme oder Ablehnung offen.
Der Reichskanzler Dr. Luther und ich als Außenminister werden für die Annahme dieser Verträge einkreten, wenn sie den Weg eröffnen, der zur Wiedererstarkuag und Befreiung Deutschlands führt.
Laßen Sie mich Ihnen die Hauptgedanken des Werkes von Locarno kurz erläutern:
Der Westpakt enthält die Verpflichtung, die Westgrenzen weder durch einen Angriffskrieg noch durch eine Invasion zu verletzen. Diese Verpflichtung gilt selbstverständlich nicht einseitig für uns, sondern genau so für Frankreich und für Belgien. Ueber diese Verpflichtungen hinaus, nicht im Angriff zur Gewalt zu greifen, enthält aber der Vertrag — und das ist völlig eindeutig — keinerlei Bindungen für uns.
Dir haben keinerlei moralischen Verzicht irgendwelcher Art auf deutsche» Land und deutsches Volk ausgesprochen.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist in seiner friedlichen Auswirkung völlig unangetastet geblieben. Durch den Abschluß eines Sicherheitspaktes verzichtet Frankreich endgültig auf die Politik, den Rhein zur Westgrenze zu machen. Es erklärt, nie wieder Deutschland» Gebiet mit militärischer Gewalt
verletzen zu wollen und erklärt weiter, daß es damit einverstanden ist, daß England Deutschland als Garant zuhilfe kommen soll, wenn Frankreich sich nicht an die im Westvakt fest« men Bedingungen hält. Diese Sicherung
eutschen Westgrenzen darf nicht unter« schätzt werden. Im engen Zusammenhang mit dem Westpakt stehen dann
die Schiedsverträge, die wir mit Frankreich und Belgien abgeschlos- en haben. Die deutsche Regierung steht grund- ätzlich auf dem Boden der Schiedsgerichts- tarteit. Wer die Politik der letzten sechs Jahre verfolgt hat, der weiß, was eine solche Neuordnung bedeutet, die jeder einseitigen und willkürlichen Handhabung der Verträge von 1919 ein Ende macht. Zu dem Gesamtwert von Locarno gehören auch
die Schiedsverträge, die wir mit Polen und der Tschechoslowakei schließen wollen.
Diese Verträge mit den beiden Staaten geben uns die Möglichkeit zu einer gesicherten Grundlage für die Austragung rechtlicher Differenzen mit den beiden Ländern zu gelangen. Für politische Jnteresienkonflikte sehen auch diese Verträge nur ein Vergleichsverfahren ohne endgültige Bindung vor. Es sind also Schiedsverträge, die in ihrer Tragweite nicht über die Schiedsverträge hinausgehen, wie Deutschland sie zum Beispiel mit Schweden und Finnland abgeschlossen hat. Insbesondere ist in diesen Verträgen nichts enthalten, was irgendwie als eine Anerkennung der Ostgrenzen angesehen werden kann.
Wenn die deutsche Regierung sich dazu entschließen sollte, am 1. Dezember in London die in Locarno paraphierten Verträge endgültig zu unterzeichnen, so
werden wir auch bereit fein, in den Völkerbund einzukrelen.
Strittig blieb bis Locarno noch die Frage des Artikels 16 der Völkerbundssatzung. Aufgrund der Verhandlungen in Locarno ist uns nun eine Note der beteiligten Mächte zugesagt worden, in der über die Auslegung des Artikels 16 das ausgeführt wird, was unseren Lebensnotwendigkeiten ent« spricht. Kein Staat kann Deutschland gegen seine eigene Zustimmung zwingen, an einem Kriege zum Beispiel gegen Rußland teilzunehmen. Kein Staat kann das Recht in Anspruch nehmen, ohne die Genehmigung Deutschlands durch sein Gebiet durchzumarschieren.
Wenn ich so die Hauptlinien des Vertrages von Locarno dargelegt habe, so muß ich vor allem noch zu den
Rückwirkungen auf das befehle Gebiet sprechen. Die Delegierten Englands, Frankreichs und Belgiens haben sich geweigert, aus den Verträgen von Locarno etn Handelsgeschäft zu machen. Sie wollten sich für diesen Vertrag bestimmte Dinge als besondere Kon- Zessionen nicht abhandeln lassen. Sie haben aber erklärt, daß die Rückwirkungen, die wir erwarten, logische und darum selbstverständliche Folgerungen der Locarnoverträge sind. Die Verträge von Locarno und ihre Rückwirkungen sind für uns ein einheitliches und un« teilbares Ganzes. Sie gehören zusammen und die Delegierten der übrigen in Locarno vertretenen Mächte wißen das auch. Wir haben ihnen gesagt, daß wir ihren Erklärungen vertrauen und daß von der Art, wie sie unser Vertrauen rechtfertigen, die Entscheidung des deutschen Volkes und seiner Regierung über die Annahme oder Ablehnung der Locarnoverträge abhängig ist. Ich wiederhole auch hier: Die Räumung der Kölner Zone gehört nicht zu diesenRückwirkungen. Wir haben auf diese Räumung einen Rechtsanspruch, und ich hoffe, daß die nächste Zeit bereits Klar« heit über den Räumungstermin bringen wird. Wenn der Locarnogeist ein wirklicher Friedensgeist ist, dann muß sich dieser neue Geist aber ganz selbstverständlich im ganzen Rheinland auswirken, und über die Art dieser Auswirkungen ist auch den an der Besetzung beteiligten Mächten das Nötige mitgeterlt worden. Da tue übrigen Mächte selbst die Unterzeichnung am 1. Dezember gewünscht haben, so ist damit auch der Termin gegeben, an dem die besprochenen Rückwirkungen bem deutschen Volke und von