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201. Jahrgang.

SauauerS Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Land.

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Nr. 248

Donnerstag den 22. Oktober

1925

Die Berliner Verhandlungen über Locarno.

Die Miniskerpräsidenlen der Länder in Berlin. Verschärfung der innerpolilifchen Lage.

Das Neueste.

Die verschiedenen Berliner Besprechun­gen und auch die Sitzung der Reichstagsfraktion der Deutschnationalen haben bisher noch zu keiner Klärung über das Vertragswert von Locarno geführt.

Die Ministerpräsidenten der Länder er­klärten gestern, erst endgültig zu dem Vertrag von Locarno Stellung nehmen zu können, wenn sie die erhofften Rückwirkungen vor allem auf das besetzte Gebiet sehen.

Die gestern mittag in Berlin im Ar­beitsministerium begonnene Verhandlung über die Gültigkeitserklärung des Reichsmantel­tarifs der Straßenbahner wurde in den späten Abendstunden abgebrochen und auf heute vor­mittag vertagt. Die Streiklage in Frankfurt am Main selbst ist unverändert.

Frankreich lehnt eine provisorische Rege­lung seiner Schulden an Amerika ab. Caillaux arbeitet deshalb ein neues Programm aus.

In dem bulgarisch-griechischen Grenz­konflikt hat Griechenland an Bulgarien ein Mündiges Ultimatum gerichtet.

präfi-snten

Berlin, 21. Okk. Die heutige Konferenz der Ministerpräsidenten dauerte über 2% Stun­den. Am Schluß der eingehenden Aussprache wurde folgende Mitteilung ausgegeben:

Heute vormittag traten die Staats- und Ministerpräsidenten der Länder mit den Mit­gliedern der Reichsregierung unter Vorsitz des Reichskanzlers zu einer Aussprache über das Ergebnis der Ministerzufammenkunft von Lo­carno in der Reichskanzlei zusammen. Rach der Berichterstattung durch den Reichskanzler und den Reichsminister des Aeußern fand ein ein­gehender Gedankenaustausch über die mit dem Werk von Locarno zusammenhängenden Fra­gen statt. Insbesondere wurde die für die be­setz k e n G e b i e t e zu erwartende Rück­wirkung ausführlich erörtert. Die Erschiene­nen sprachen den deutschen Delegierten für die 'w Interesse der Sicherheit des Weltfriedens und der Verständigung der Völker in Locarno getätigten Arbeiten ihren Dank aus, gaben

dabei übereinstimmend der Ueberzeugung Ausdruck, daß das Vertragswerk erst dann alsendgülkigabgeschlossenange- leyenwerdenkönne,wenn,insbe- "verein denbesetzkenGebieten, Watznahmen erfolgten, die dem "^^kündeken Geist des Friedens entsprächen und den berechtigten Erwartungen des deutschenVol- resRechnungkrügen.

In obigen Voraussetzungen wird erneut das ""geschlagen, das nach der Beendigung er Konferenz in einer Reihe von Kunügebun- "urchgeklungen ist, das auch weiterhin nfer Leitmotiv bleiben wird, bis sich wirklich Hennen läßt, daß die deutschen Wünsche ihre

s gefunden haben. Die Annehmbar- Vertrages von Locarno hängt für uns

DDr davon ab, ob man ihm durch die Erfüllung der bekannten deutschen Forderun­gen zugleich die Krönung und die feste Unter­lage gibt.

$m übrigen ist seit gestern inderinner- politischen Lage eine Verschär- tu.ng eingetreten, insbesondere sind starke ^verstände der Deutschnationalen Volkspartei M H^Zeichnen. Einmal hat die Haltung der ler Presse, die wie über einen Sieg jubelt f Jr "" den für uns so bedeutungsvollen Ver- ^.Afngen Briands mit teilweise geradezu n ®e^e vorbeigeht, ganz allgemein und ^"levschied der Partei äußerst verstim- nr+;v gewirkt. Dazu kommt, daß man in den Mr611 Erklärungen des britischen Außen- nnn 5- Versuch eines Zurückweichens hm« m Locarno übernommenen Verpflich- ür.®e erblicken zu müssen glaubt. Ferner sind an^7 französisch-polnisch-tschechischen Zusatz- llufn°?^ ^^ 00 n uns geteilte Befürchtungen taudit. Kurz: es bat sich weiter Kreise das

beunruhigende Gefühl bemächtigt, als ob der Geist von Locarno sich bereits zu verflüchtigen b e g ä n :. An amt­licher Stelle freilich scheint man derlei Befürch­tungen nicht zu teilen.

Die Unterrichtung der zuständigen politi­schen Faktoren über die Vereinbarung von Lo­carno ist inzwischen programmäßig fortgesetzt worden. Die Beratung der deutschnationalen Fraktion, die gestern vormittag im Reichstag ausgenommen wurde, mußte um die Mittags­stunde abgebrochen werden, da sich die Notwen­digkeit einer Reihe von Rückfragen ergab. Der Reichskanzler ist durch den Parteiführer, Graf Westarp, iirzwischen über das Ergebnis der Sitzung des Parteivorstandes unterrichtet wor­den. Es wurde Luther mitgeteilt, daß die ern­sten Bedenken, die vor allem auf dem rechten Flügel der Deutschnationalen gegenüber dem Vertrag von Locarno bestehen, noch nicht über­wunden sind. Vor allem sehe man in den französisch-tschechischen und den französisch- polnischen Sonderverträgen eine gewisse Be­lastung. Dr. Luther wurde, wie verlautet, auch darüber verständigt, daß von einigen Herren der Deutschnationalen die Forderung nach Zu­rückziehung ihrer Minister aus dem Kabinett

Billigung 'des Paktes müßte dle'GrfMüng"der in Locarno gegebenen Zusicherungen sein. Der Reichskanzler wies darauf hin, daß er mit sei­ner Person für die Durchführung dieser Rück­wirkungen einstehen und alle Mittel erschöpfen werde, um zu einem befriedigenden Ziel zu ge­langen.

Beschluß der Deulschnalionalen.

Berlin, 21. Okt. Die Sitzung der Reichstags­fraktion der Deutschnationalen Volkspartei, die gegen 7 Uhr begonnen hatte, war gegen %12 Uhr zu Ende. Wie wir bereits mitteilten, ist in dieser Sitzung noch kein Beschluß gefaßt wor­den. Die Reichstagsfraktion will, wie wir von unterrichteter Seite erfahren, nicht von dem Gesichtspunkt einer innerpolitischen Konsequenz eine Entscheidung über Annahme oder Ableh­nung des Paktes fällen. Sie ist bemüht, Punkt für Punkt alle Fragen des Paktes durchzu­gehen, um rein fachlich die Möglichkeit einer Annahme oder Ablehnung zu prüfen. Hierbei ist es selbstverständlich notwendig, noch eine weitere Fühlungnahme mit der Reichsregierung aufzunehmen, wie sie bereits am heutigen und gestrigen Tage stattgefunden hat. Außerdem glauben wir darüber unterrichtet zu fein, daß die Stellungnahme der Deutschnationalen auch noch Rückfragen a_u f diplomatischem Wege nötig macht. So ist auch für die näch­sten Tage noch nicht mit unbedingten Entschei­dungen der Deutschnationalen Volkspartei zu rechnen, weil sie im Paktentwurf noch so viele Unklarheiten sieht, die verschiedene Deutungs- Möglichkeiten zulassen, so daß in diesen Punk­ten erst Klarheit geschaffen werden muß. Die Vorsitzenden der deutschnationalen Landes­verbände werden in den nächsten Tagen in Berlin zur Beratung zusammentreten.

Die RsichsiaasfraktivN der Deutschen Vvlksparlei.

ist auf Dienstag, 27. Oktober zur Beratung des Vertrags von Locarno einberufen worden.

Das Zentrum.

Karlsruhe, 22. Okt. In einer von der Zen­trumspartei einberufenen Versammlung sprach der frühere Reichskanzler Dr. Marx über Locarno und die innerpolitische Lage. Er führte u. a. aus, in Locarno sei ein Beschluß von einer Tragweite gefaßt worden, die noch nicht über­sehen werden könnte. Ueberschwängkiche Freude an das Ergebnis von Locarno zu knüpfen, sei verfrüht. Bei Annahme des Westpaktes, der den Krieg ausschließe, sei mit der Räumung der besetzten Zone zu rechnen. Es sei höchste Zeit, daß Deutschland dem Völkerbund beitrete, wenn er auch noch sehr verbesserungsbedürftig sei. Der Völkerbundsgedanke sei ein echt christlicher, der dem Frieden der Völker dienen wolle. Daß die Idee der Schiedsgerichtsbarkeit in den Ver­trag von Locarno bineinoearbeitet wurde.

müsse begrüßt werden. Durch den Eintritt in den Völkerbund bekommen wir die Möglichkeit, die Hemmnisse an der Ostgrenze zu beseitigen. Das Zentrum werde nicht dulden, daß sich die Rechtsparteien jetzt der Verantwortung ent­zögen, sondern werde darauf dringen, die Schritte zu tun, die im Interesse des deutschen Vaterlandes notwendig seien. Das Zentrum werde einem Kabinett Luther keinen Tag län­ger seine Unterstützung leihen, wenn es den Boden der Verständigung verlasse.

i Jarres über die Forderungen des Rheinlandes.

Berlin, 21. Okt. Die Diplomatisch-Poli­tische Korrespondenz veröffentlicht eine Unter­redung mit dem Duisburger Oberbürger­meister und frühern Reichsminister Dr. Jar­res über die Erwartungen des Rheinlands.

Im Rheinland", so führte Dr. Jarres aus, begrüßt man die Tatsache, daß bei den Verhandlungen in Locarno einneuer G e ist zum Ausdruck gekommen ist und betrachtet die dort getroffenen Abmachungen als einen glücklichen Ausgangspunkt für die Befriedung Europas. Es läßt sich jedoch nicht leugnen, daß in der Bevölkerung eine st a r k e E n t - t ä uschung darüber besteht, daß die Dele-

brieftes nicht mit nochHaufege - b r a ch t h a t."

Auf die Frage, welches nun im einzelnen die Erwartungen des Rheinlandes seien, er­widert Dr. Jarres:Ich hebe folgende Punkte, die jedoch keineswegs erschöpfend sind, hervor: 1. Alsbaldige Räumung der ersten, so­genannten Kölner Zone, 2. Aende­rung des S a a r r e g i m e s , in der Rich­tung, daß eine wirkliche Selbstverwal­tung durch die Bewohner des Saargebiets vor allem erreicht wird, 3. wejemucye weil- derung der Besatzungsstärken in den rheinischen Zonen 2 und 3 und Abkür­zung der Besetzungsfristen. Zur­zeit stehen im Rheinland 130 000 fremdlän­dische zum Teil farbige Truppen, davon in der Kölner Zone 40 000. Die deutsche Be­satzung im Frieden belief sich in Zone 2 und 3 auf höchstens 50 000 Mann, sodaß also auch nach Räumung der Kölner Zone und Ab­transport aller dort stehenden Truppen die Besetzungsarmee noch mindestens um 40 000 Mann stärker wäre als die früher dort garnisonierenden Truv n en in dem als militärisch verschrienen kaiserlichen Deutschland. 4. Grundsätzliche Aenderung des R H e i n l a n d r e g i m e s , insbesondere des Rheinlandabkommens, Beseitigung des unbeschränkten Ordonnanzenrechts der Rhein­landkommission, ebenso wie die Eingriffe in die deutsche Exekutive, wie sie vornehmlich durch das Stiftern der Delegierten und Unter­delegierten bisher hervorgerufen wurden; Wegfall der fremden Militärpolizei. 5. D i e französische Politik muß endgültiv und aufrichtig den politischen Kampf um das Rheinland e i n st e l l e n, ins­besondere von ihrer aussichtslosen Kultur- und politischen Provoaando. am* hwehB sogenanten Nachrichtenblätter, Abstand neh­men. 6. Die Rechtsverhältnisse auf dem Rhein- ffrom müssen endgültig geklärt und die Rhein­schiffahrt muß im Geiste der Rheinschiffahrts- akte wieder wirklich freigemacht werden. Das durch Zusatzvertrag zum Waffenstillstandsab­kommen vom französischen Militäroberkom­mando in Anspruch genommene Befehls- recht über den Rhein ström wider­spricht der internationalen Rheinschiffahrtsakte und ist nach Räumung der Zone 1 völlig unhaltbar. Auch ist auf alle Fälle klarzustellen, daß die Rhein­häfen keinesfalls unter die Kommandogewalt des Militär-Oberbefehlshabers fallen. 7. Zur­zeit sind noch 273 V e r u r t e i l t e in der Haft der Franzosen und Belgier, außerdem find sechs Ausgewiesene noch nicht wieder zugelassen. Diese Zwangsmaßnahmen wider­sprechen dem Geist und Sinn der A b k o m - men von London und G n r n o. Auch befinden sich noch immer einzelne Kriegs- aefanaene in der Gewalt der früheren Feinde.

Es ist eine Ehrensache für das deutsch« Volk, daß hier Wandel geschaffen wird.

Oberbürgermeister Dr. Jarres sprach zum Schluß die Hoffnung aus, daß sich die be­teiligten Mächte auf der Gegenseite über die elementare Bedeutung dieser Erwar­tungen der Rheinlandbevölkerung klar seien und durch rasche und handgreifliche Bestätigung des in Locarno kundgegebe­nen guten W i llens das Gefühl der Ent­täuschung beseitigen, das im Rheinland nach den schmerzlichen Erfahrungen der Vergangen- heit zunächst begreiflicherweise durch das Feh­len schriftlicher Verpflichtungen aufgekommen sei.

Der britische Innenminister über Locarno.

London, 22. Okt. Der Minister des Innern Johnson Hicks sagte gestern abend in einer Rede in Cheffield, de» -»ebe von Versailles sei tatsächlich ein den Besiegten oufgezwungener Friede gewesen, der Friede von Locarno sei ein Friede der Vereinbarung, der, wie die Regie­rung glaube, Europa von dem Gefühl der Sorge und der Angst befreien wird, die den Wiederaufbau des Welthandels verhinderten.

Verlin, 22. Okk. Die deutsche Regierung wird, wie derlag mitkeilk, in den nächsten Tagen in der Enkwaffnungssrage eine Rote an alle in der interalliierten Militärkommission vertretenen Mächte senden, in der das bisherige Ergebnis aller Verhandlungen zwischen der Kommission und den zuständigen deutschen Be­hörden feslgestellk und dargelegt wird, daß die deutsche Regierung den Forderungen der alli­ierten Mächte zu einem erheblichen Teil nachge­geben hat. In dieser Rote wird dann die Räu- mung der Kölner Zone auf Grund des Rechts­zustandes des Vertrags von Versailles gefordert werden.

Zur Frage Der Oplanren-Ausweifung aus Polen.

DasBerliner Tageblatt" will erfahren haben, daß Reichsautzenminister Dr. Strese­mann gestern eine längere Besprechung mit dem polnischen Gesandten in Berlin über die Frage der Opkantenausweisungen gehabt habe, in deren Verlaus Dr. Stresemann betont habe, daß Polen keinen stärkeren Beweis seines Frie­denswillens geben und nicht besser dem Geist von Locarno entsprechen könne, wenn es der juristisch vielleicht berechtigten, aber moralisch nicht zu rechtfertigenden Ausweisungspolitik ein Ende mache.

Dr. Schacht in Amerika.

Paris, 22. Okt. DerNewyork Herold" er­klärt, in der Lage zu fein, mitteilen zu können, daß die Reise des Reichsbank-Präsidenten Dr. Schacht nach den Vereinigten Staaten den Zweck habe, das Terrain wegen einer evtl. Revision desDawesplaneszuson- d i e r e n. Er wird die Aufmerksamkeit des General Dawes auf gewisse Schwierigkeiten hinlenken, die bei der Ausführung des Dawes- planes auftreten werden. Diese Schwierigkeiten betreffen hauptsächlich die Sachlrsfe- r u n g e n, denen die alliierten Industriell« immer mehr Widerstand entgegenbrächten und außerdem das Transverierungs- fn st e m, das in besonders starker Form im Ncvember kommenden Jahres aufgeworfen werde, gelegentlich der ersten bedeutenden Bar­zahlung an die alliierten Länder.

Dr. Schacht, so heißt es in einer Newporter Meldung desPetit Parisien", werde alsdann den Zusammentritt einer internationalen Finanzkommission vorschlagen, die eine Lösung finden soll, die den Klagen der alliierten In­dustriellen Genugtuung gäben und nicht die Stabilität der deutschen Währung gefährden. Man erwartet, daß der Generalagent für die Reparationszahlungen Gilbert, der im De­zember in Amerika erwartet werde, sich als­dann mit Dawes über die Anregungen des deutschen Reichsbankpräsidenten aussprechen werde.