soi. Jahrgang.
ganauerN Anzeiger
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Nr. 242
Donnerstag Sen 15. Oktober
1925
Noch keine Einigung in den politischen Fragen
Kempners Mission. — Chamberlains und Danbervelbes Optimismus. — Freitag Schlich -er Konferenz?
Das Neueste.
— Staatssekretär Dr. Kempner ist gestern abend nach Locarno zurückgereist.
— Mussolini ist gestern nach Locarno ab« gereift.
— Der deutsch-amerikanische Handelsvertrag ist gestern in Kraft getreten.
— Die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen werden nicht heute, wie vorgesehen war, sondern erst am 20. Oktober wieder ausgenommen.
— Am 1. November sollen abermals 2000 deutsche Optanten aus Polen ausgewiesen werden.
—In den höher gelegenen Gegenden Deutsch-
lands sind starke Schneefälle niedergegangen.
— Da infolge Lohnstreitigkeiten in der chemischen Industrie Bayerns in einer Anzahl Betriebe die Arbeit niedergelegt wurde, haben die Arbeitgeberverbände die Ausl---------- c"~
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die gesamte chemische Industrie Bayerns für den 21. Oktober beschlossen.
— Der Zwischenfall im österreichischen Nationalrat gilt als beigelegt.
Kempners Rückkehr nach Locarno.
Berlin, 14. Okt. Staatssekretär Dr. Kemp- • -rer hat heute abend 9 Uhr
Locarno angetreten. Heute mittag ha Reichskanzlei im Anschluß an die gestrige Sitzung eine erneute Ministerbesprechung unter I Vorsitz des Reichswehrministers Dr. Geßler I stattgefunden, in der Staatssekretär Dr. Kemp- I ner seine Berichterstattung über den bisherigen
der Gelegenheit ist dann auch eine ausführliche mündliche Information über den bisherigen Gang der Verhandlung erfolgt, und Staatssekretär Kempner hat in der anschließenden Aussprache sich über die Auffassung des Rumpfkabinetts zu diesen Dingen unterrichten können. Er wird bereits morgen in Locarno Reichskanzler und Außenminister über seine Eindrücke in Berlin unterrichten. Es bestätigt sich übrigens, daß auch der Spezialist für Völkerbundsfragen im Auswärtigen Amt Geheimrat von Bülow nach Locarno abgereist ist. Der Zeitpunkt dieser Abreise steht, wie man an zuständiger Stelle versichert, nicht im Zusammenhang mit der Berichterstattung des Staatssekretärs Kempner.
*
Zu der Reife des Staatssekretärs Dr. Kempner betont der Berl. Lokalanz. nochmals, daß es sich lediglich um eine Berichterstattung gehandelt habe. Dementsprechend sei in der gestrigen Sitzung des Reichskabinetts im Anschluß an den Vortrag Dr. Kempners irgendein formeller Beschluß nicht gefaßt worden. Die Zustimmung der in Berlin weilenden Kabinettsmitglieder zu den Darlegungen des Staatssekretärs habe sich nur aus dem Verlauf der Diskussion und ferner daraus ergeben, daß keiner der Minister Einspruch erhoben habe. Dasselbe gelte, wie das Blatt schreibt, von der
Ostschiedsverträgen die juristischen Berater Englands und vielleicht auch Frankreichs mitwirken werden. Dabei ist festzustellen, daß die Frage der Garantie mit den an sich glatt ver- laufenen Arbeiten an den Schiedsverkrägen, die die Juristen vollbringen, als einer politischen nichts zu tun hat. Die Lösung dieser Frage ist, wie die der anderen politischen Fragen, wie z. B. der mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zusammenhängenden, noch nicht endgültig ge- funden.
Vanderoelde über die Konferenz.
Paris, 14. Okt. Der belgische Außenminister Vandervelde hat in Locarno Pressevertretern eine Uebersicht über die Lage gegeben, die nach dem Korrespondenten des „Temps" folgenden Wortlaut hat:
Wenn nicht ein neues Ereignis, das man nicht voraussehen kann, einkrikt, ist Grund oor- handen, jetzt zu erklären, daß die Konferenz von Locarnosich ihrem Ende nähert. Bezüglich des gegenseitigen rheinischen Sicherheitspaktes ist eine vollständige Verständigung sogar bezüglich der Texte erzielt worden. Zwei große Schwierigkeiten müssen jetzt noch aus dem Wege geräumt werden. Sie beziehen sich auf den E i n- tritt Deutschlands in den Völker- und und auf oiefranzäsischeGaran-
sprechen, wenn auch die endgültige Lösung aller Fragen, die in Locarno zur Diskussion stünden, noch nicht erzielt sei. Es sei bereits ein solches Maß gemeinsamer Vereinbarungen erreicht worden, daß heute keine Regierung mehr die Verantwortung dafür übernehmen könne, die Konferenzarbeiten zum Scheitern zu bringen. Die Arbeit der Juristen habe nicht zum Ziele die Aufstellung von Kompromißformeln zum Ausgleich der verschiedenen Meinungen, sondern die Festlegung von Fassungen, in denen die bisherigen Vereinbarungen klar und ohne Jnterpretationsmög- lichkeiten niedergelegt werden. Das erfreulichste an den reichen Ergebnissen werde sein, daß sie nicht den Triumph einer bestimmten Kategorie von Ansichten über die Niederlage einer der beiden Seiten bedeuten würden, sondern natürlich erwachsen seien aus gemeinsamen Interessen und gegenseitigem gutem Willen. Chamberlain schloß mit den Worten: „Ich hoffe, daß Locarno Europa einen dauernden Frieden bringen wird."
In einer anschließenden Aussprache ergab ich der Eindruck, daß nach englischer Auf- assung auch ein gewisser Optimismus n Bezug auf die Frage der östlichen Schiedsverträge vorherrsche, für die Chamberlain seine und Cecil Hursts gute Dienste als Vermittler beider Seiten zur Verfügung gestellt habe. Als voraussichtlichen Endtermin der Konferenz bezeichn iberlai« die Zeit zwischen Sams-
Verlauf der Konferenz von Locarno zu Ende hie an die
führte. Die unzähligen Kommentare, d
Mission Dr. Kemvners geknüpft werden, sind mit großer Vorsicht aufzunehmen. Es handelt sich vielfach um Kombinationen und Vermutun-
gen, da wirklich Positives über die im Anschluß an den Bericht Kempners in der Reichskanzlei gepflogenen Beratungen schlechterdings nicht zu erfahren ist. Die deutschen Delegierten haben sich in Locarno dafür verbürgt, daß in Berlin strengste Diskretion gewahrt werden soll, und die hiesigen offiziellen Stellen haben sich an diese Verabredung mit einer Strenge gehalten, die der Gegenseite zum Vorbild dienen könnte. Unter solchen Umständen ist es natürlich schwer, ein zuverlässiges Bild von dem augenblicklichen Stand der Dinge zu gewinnen. Immerhin scheint so viel festzustehen, daß nach den Er- öffnungen, die Dr. Kempner in Berlin gemacht hat, in Locarno für die Haupt st reitfragen wenig stens in großen Z ü -
Sen Formeln gefunden sind, die -lussicht auf Verständigung bieten. Dagegen hat sich über die politischen Rückwirkungen, die sich nach deutscher Rusfassung aus dem Pakt ergeben können, eine scharfe Auseinandersetzung entsponnen. Von dem Wunschzettel der deutschen Delegation werden immer nur einige Punkte, wie die Räu- !™n9 Kölns, dis Verkürzung der Besatzungs- risten, die Herabsetzung der Zahlung der Be- 9rMrn95armee lmd die Vorausdatierung der ^.vitimmungsfrist für das Saargebiet genannt. Damit ist aber die Liste der deutschen Forde- f?"llen nicht erschöpft. Wan verlangt auf beut- . unter anderem auch gewisse Zuge- mndnksse in der Danziger Frage und die Sin- jteuung der Tätigkeit der Kontrollkommission.
^uigen dieser Punkte hat die Gegenseite n o cy g e g e b e n. In anderen verharrt sie auf Mrer schroff ablebnenden a 11 u n a.
- . A..v - - ff ablehnenden Haltung, dieser Fragenkomplex ist es ge- eien, der m dem ausführlichen Referat Dr. das mit einer Nachmittagssitzung h.„ ”°bmetts beendigt wurde, aufgerollt wor- Mr. Ein wesentliches Moment bildet dabei -^rung der Alliierten, etwaige. Zuge- l"e ■m vertragsrechtliche Formen zu "Ut anderen Worten: eine im Vertrag Bindung zu übernehmen. Eben in h ^"vation haben die deutschen Delegierten in begreifliche Bedürfnis gespürt, mit den Sinni ln verbleibenden Ministern und dem sich über die weiter zu ner« ' n^ Taktik ins Benehmen au setzen. Bei
hervorhebt, daß die deutsche Delegation in La carno auch weiterhin der Zustimmung der üb« rigen Kabinettsmitglieder sicher sei, glaubt über die heutige Ministerbesprechung mitteilen zu können, daß die Stimmung durchaus dafür gewesen sei, mit allem Nachdruckfürdie Durchsetzung der deutschen Forderungen in den sogenannten Neben- fragen einzutretn.
Die MMwochsitzung.
Locarno, 14. Okt. Der Sonderberichterstatter des W. T. B. meldet: Der Ausfall der heutigen Vollsitzung gab, wie vorauszusehen war, zu einer Reihe von Einzelberatungen Anlaß. So sahen im Laufe des heutigen Nachmittags der Reichskanzler und Außenminister Dr. Stresemann den tschechoslowakischen Außenminister Benesch bei sich. Weiter konferierte Staatssekretär v. Schubert mit dem der italienischen Delegation angehörenden italienischen Gesandten in Wien Bordonaro und der britische Außenminister Chamberlain mitScialoja. Bei diesen und allen anderen Besprechungen die laufend stattfinden, sind angesichts der Tatsache, daß keine Delegation hier ein einzelnes beschränktes Interesse verfolgt, naturgemäß zahlreiche laufende Fragen besprochen worden.
Die Besprechungen der Juristen galten der Entwerfung der Westschiedsverträge: in die Arbeit ber Ostschiedsverträge dürfte erst morgen eingetreten werden. Die morgige Vollsitzung, deren Zeitpunkt noch nicht festgesetzt ist, wird die Schiedsverträge mit Frankreich und Belgien zu behandeln haben.
Die Lösung der pvlttischen Fragen noch nicht gefunden.
Locarno, 14. Okt. Der Sonderberichterstatter des W. T. B. meldet:
Die juristischen Arbeiten an den verschiedenen Verträgen bedeuten im wesentlichen eine Fortführung der Arbeiten, die seinerzeit bei der Londoner Zusammenkunft der Juristen beraten worden sind. Es waren damals zwar die Oststaaten nicht vertreten, aber auch für die mit ihnen abzuschließenden Schiedsverträge gilt voraussichtlich wie für Schiedsverträge mit Frankreich und Belgien, daß die allgemeinen Grundzüge, die jetzt festgestellt worden sind, nicht mehr umstritten sind. Obwohl heute die Arbeiten der Juristen zunächst nur den West- schiedsverträgen galten, die morgen in der Vollsitzung behandelt werden sollen, ist dabei der juristische Vertreter der tschechoslowakischen Delegation zugezogen worden, um die abschließenden Arbeiten an den Ostschiedsverträgen zu erleichtern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch bei den morgen in Angriff zu nehmenden
-geh," bar die graften Hindernisse beseitigt nd. Deutschland wird mit denselben Rechten und mit denselben Pflichten wie die anderen Mitglieder des Völkerbundes in diesen Eintreten und die auf der Konferenz von Locarno vertretenen Länder werden ihrerseits in einer Kollekkionole die Erklärung abgeben, Art. 16 des Statuts unter Wiederaufnahme des Wortlautes des Genfer Protokolls zu interpretieren, d. h. in oem Sinne, daß alle Rationen sich im Falle eines Angriffs gegenseitige Unterstützung leihen müssen, aber daß man der gegenwärtigen militärischen und geographischen Lage eines jeden Landes Rechnung tragen muß. Was die französische Garantie zugunsten Polens anbetrifft, hak Frankreich keineswegs einwilligen können, daß der Abschluß des rheinischen Sicherheitspaktes feine Handlungsfreiheit in Osteuropa für den Fall, daß Polen einem Angriff zum Opfer fällt, beeinträchtigt. Aber Deutschland seinerseits hat wichtige Gründe dagegen geltend machen können, daß das mit einem der Parteien militärisch verbündete Frankreich die
Locarno und der Rhein.
Köln, 14. Okt. Die „Kölnische Volkszeitung" wendet sich dagegen, die Räumung der Kölner Zone als vollwertige Gegenleistung für den Abschluß des Sicherheitspaktes anzusehen und schreibt darüber u. a.:
Selbstverständlich sehnen wir heiß den Tag herbei, wo Köln und das nördliche Rheinland frei wird, aber wir denken nicht daran, die Befreiung der engeren Heimat, die wir aufgrund des Rechtes, das uns die vollzogene Entwaffnung gibt, zu fordern haben, wie ein Geschenk der Großmut, das alles andere aufwiegen könnte, entgegenzunehmen und seinetwegen die gerechten Forderungen des übrigen Rheinlandes und Gesamtdeutschlands in Gefahr zu
einer
zarantierk, die es mit liessen will. Am zwi- munkten eine Verbin-
bung Herstellen zu können, hat man eine $ ot - m e l finden müssen, zu der man dank der Tatsache gekommen ist, daß die polnischen Staatsmänner begriffen haben, das Wesentliche ist nicht die Form, sondern die Substanz der Garantie. die Frankreich entschlossen ist, ihnen zu
gewähren.
Der tschechische Außenminister Benesch habe Vandervelde am Dienstag abend erklärt, daß die Dinge bezüglich des deukfch-polnischen und des deutsch-tschechischen Schiedsgerichksverkraqes auf sehr gutem Wege seien. Diese Verträge würden ohne Zweifel am Wonkag fertig sein. Es erschiSn Vandervelde wenig sicher, daß die Konferenz von Locarno am Freitag zu Ende gehen werde und, so habe Vanderveldc seine Aeußerungen geschlossen, „ich weiß zu sagen, daß alle die, die an ihren Arbeiten teilgenom-
daß alle die, die an ihren Arbeiten leilgenom- men haben, in ihre Länder mit dem Bewußtem zurückkehren werden, aneiuemgroßen "7 . . 7 7 " â herung und des Frie-
dens gearbeitet zu haben."
Werk der Ann
Die Auffassung Chamberlains.
Locarno, 14. Okt. Der Sonderberichterstatter des W. T. B. in Locarno meldet: Chamberlain empfing heute vormittag die englische Presse und schilderte zunächst den gegenwärtigen Stand der Konferenzarbeiten und seine Eindrücke in Bezug auf deren Verlauf. Er sei immer sehr bewußt zurückhaltend gewesen in der Form, in der er seine Hoffnungen auf den Erfolg der Konzerenz zum Ausdruck gebracht habe. Heute könne er zuversichtlicher
bringen. Nicht für die Räumung der Kölner Zone kann es eines Sicherheitspaktes bedürfen, auch nicht einmal neuer förmlicher Zusicherungen der Besatzungsmächte, nicht für die Kölner Zone — wiederholen wir — deren Befreiung ohnehin längst fällig ist, sondern ff alles rheinische Land, das ohne bindende Z: sicherungen der Westmüchte weiter einer harten und ungewissen Zukunft entgegensehen müßte, im schneidenden Gegensatze zu einer Politik friedlicher Eintracht freier gleichberechtigter Völker, die von Locarno ausgehen sollte! Wer chrlich will, muß dafür sorgen, -schlossen wird.
den Frieden el, daß der Riß geschlossen wird.
:ür
All
Ein „Kavas"-Demenli über die Räumung der Kölner Zone.
Paris, 15. Okt. Sin Havas-Tel^ramm aus Locarno dementiert die englische Blätter- Meldung, wonach Frankreich sich bereit erklärt hätte, zum Ausgleich der Anterzeichnung des Sicherheitspaktes mit Deutschland die Kölner Zone zu räumen oderauch sonst Erleichterungen des Vesahungsregimes auf dem linken Rhein ufer versprochen hätte.
Mussolini nach Locarno abgereist.
Rom, 14. Okt. Mussolini ist heute oben! nach Locarno abgereist.
Hierzu bemerkt das „Berl. Tagebl.": In allen römischen Meldungen war bisher betont worden, daß Mussolini sich erst dann nach Locarno begeben werde, wenn ihm ein positives Ergebnis der Konferenz nicht mehr zm' felhaft erscheine. Seine Abreise in diese
gebt.": In bisher be-
ei-
felhaft erscheine. Seine Abreise in diesem Augenblick ist daher als Symptom für die Beurteilung des nunmehr erreichten Standes, bet Dinge im Lager der Alliierten von Bedeutung. — Die „Voss. Ztg." äußert sich in ähnlichem Sinne. Das Blatt schreibt: Wenn jetzt Musso» lini erscheint, um der Rolle Italiens bei bei
Schaffung des großen eurovâischen Friedens