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201. Jahrgang.

Sanauer 8 Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Lano.

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Nr. 239

Montag den 12. Oktober

1925

Pakt-Politik im Motorboot.

Intensive Fortsetzung der persönlichen Fühlungnahme in Locarno. Italien beteiligt sich. Optimistische Auffassung der Lage in Lon-on «n- Paris.

Das Neueste.

Der gestrige Sonntag war in Locarno der Erholung gewidmet.

Die von der Preußischen Staatsbank gewährten Staatskredite in Höhe von 40 Mil­lionen sollen der Landwirtschaft mit Rücksicht auf ihre Lage so weit gestundet werden, daß sie in drei Raten: bis 16. November, 10. De­zember und 31. Dezember zurückzuzahlen sind.

Die Ratifikation des deutsch-amerikani­schen Handelsvertrages soll am 14. Oktober in Washington erfolgen.

Gestern sind die Führer der deutschen Handelsdelegation v. Körner und Schlesinger in Moskau eingetroffen. Sie wurden am Bahnhof von Vertretern der russischen Handels­delegation und des Außenkommissariats be­grüßt.

Nach Blättermeldungen aus Sofia ist auf den dortigen rumänischen Gesandten wäh­rend einer Autofahrt ein Anschlag verübt wor­den. Der Täter konnte entkommen. Es wurden Schüsse gewechselt, die aber niemand verletzten.

SluchZlalien Garant für den Weppakk

Locarno, 11. Okt. Die deutsche Delegation gibt in Vereinbarung mit den übrigen Dele­gationen über den Stand der Samstag-Bera­tungen folgendes Kommunique aus:

Es wurden heute vormittag auf Grund der von den Juristen ausgearbeiteten Abände­rungsvorschläge die Artikel des Paktentwurfes in zweiter Lesung durchberaten. In der Präambel wurde in die Reihe der vertrag­schließenden Staaten auch der Name Italiens hinzugefügt, was im Londoner Vertragsentwurf nicht enthalten ist. Diese Hin­zufügung bestätigt die Erklärung der ita­lienischen Delegation, daß sich auch Italien an dem Sicherheitspakt als Garant in gleicher Weise wie Großbritan­nien beteiligen will. Die Erörterung ergab die endgültige Formulierung der Mehrzahl der Artikel des Entwurfes. Die übrigen Artikel wurden einer späteren Be­ratung vorbehalten. Die nächste Zusammen­kunft der Vollkonferenz findet am Montag, 12. Oktober, 10.30 Uhr vormittags, statt."

Im übrigen wird halbamtlich bestätigt, daß die Entscheidung der Konferenz sich immer mehr um die beiden Fragen dreht: Aus­legung des Artikels 16 der Völker­bundssatzung und Garantierung der östlichen Verträge durch Frankreich. Der heutige Stand der Verhandlungen recht­fertigt die Annahme, daß die Entscheidung auch über diese Frage baldigst fallen wird. Ein Urteil, in welcher Richtung die Entscheidung ausfallen wird, ob positiv, ob negativ, ob also in deutschem Sinne günstig oder ungünstig, läßt sich im Augenblick schwer übersehen.

Sie Sitzung wurde kurz vor 12 Uhr beendet, vtresemann äußerte sich sehr befriedigt über den Verlauf der Verhandlungen.

Ministerfahrl auf dem Lago Maggiore.

Locarno, 10. Okt. Briand, Chamber­lain und seine Gattin, Reichskanzler Dr. L u - l h e r und Reichsaußenminister Dr. Strese­mann sind heute nach dem Mittagessen mit dem großen MotorbootFiori d'Ärancio" Orangenblüte") zu einem gemeinsamen Aus- stua auf den Lago Maggiore ausgefahren.. Auf diesem Schiffe, das eigens für diese Ausfahrt gemietet wurde, werden offenbar die Bespre­chungen dieser Ls auptdelegierten der Konferenz von Locarno über die wichtigsten Fragen zwanglos fortgesetzt.

Locarno, 10. Okt. Der Ausflug des Kanzlers mid des Reichsaußenministers mit den beiden Hauptdelegationsführern der Gegenseite und den juristischen Sachverständigen hat länger ge­dauert, als die Herren wohl selbst beabsichtigt hasten, nämlich von 2.30 Uhr bis 7.30 Uhr, ganze fünf Stunden. An der Fahrt hat auch der französische Delegierte Berthelot teil- yenommen. Im Anschluß daran fand übrigens innerhalb der deutschen Deleaation eine interne

Besprechung statt, bevor der Bierabend be­gann, den dèr Kanzler und der Außenminister den Journalisten gaben. Herr Chamberlain hatte zu der Fahrt auf dem Motorboot, das den schö­nen NamenFiori d'Arancio" (Orangenblüte) trug, auch seine Gattin mitgenommen, offen­bar, um dem Ausflug einen möglichst privaten Anstrich zu geben.

Chamberlain war der einzige, der, wie ein weiterer Bericht besagt, nach Beendigung der Bootsfahrt einige

MMMMMW

Der polnische Außenminister Skrzynski nimmt in den nächsten Tagen an den Konferenzen in Locarno teil.

fachliche Worte sprach. Sie lauten in deutscher Uebersetzung:

Das bemerkenswerteste Ergebnis in Bezug auf dieses Zusammentreffen ist, daß eg über- Haupt stattgesunden hat und daß die Beziehun­gen zwischen den Konferenzteilnehmern bis zu diesem Zeitpunkt einen solchen Charakter an- nehmen konnten, daß sie es gestatteten, eine derartige Gelegenheit zu Erörterungen zu wählen, von der Sie alle wissen, daß sie zwi­schen den einzelnen Mitgliedern abseits von den Plenarsitzungen der Konferenz im Gange sind. Ich bin recht befriedigt von dem Ergebnis der Unterhaltungen, die wir heute halten, und denke, daß sie uns weiter einer Verständigung entgegengeführt haben. Aber ein groß Teil bleibt noch zu un, bevor die Konferenz ihre Aufgabe beendet haben wird."

Von deutscher offiziöser Seite wird hierzu bemerkt:Diese Ausführungen des britischen Außenministers, die ohne jeden Pessimismus und in sachlicher Weise auf den Verlauf der heutigen bemerkenswerten Zusammenkunft der Hauptdelegierten eingehen, unterscheiden sich immerhin nicht unwesentlich von dem geschil­derten Optimismus französischer Stellen, und auch deutscherseits kann nicht deutlich genug betont werden, daß der in dem letzten Satz Chamberlains zum Ausdruck kommende Ge­danke, der das große verbleibende Gebietder weiterenArbeiten kenn­zeichnet. durchaus dem tatsächlichen Sachver­halt entspricht. Die erkannten Hauptschwierig­keiten sind bisher und werden weiter in jeder Sckmäßgen Form und bei jeder sich bieien-

Gelegenheit mit gutem Willen von allen Beteiligten erörtert, und es werden Mittel und Wege zu ihrer Lösung gesucht, aber sie sind auch heute noch nicht gefunden worden."

Sonnlagsruhe.

Locarno, 11. Okt. Vom Berichterstatter des W. T. B. Der heutige Sonntag war nach den anstrengenden Arbeiten der vergangenen Woche der Erholung gewidmet und zwar einer wirklichen Erholung, nicht etwa durch Spazier­fahrten verdeckten Geheimbesvcechung. Die

deutsche Delegation machte, nachdem sie am Vormittag eine interne Aussprache zur Vor­bereitung der morgigen Vollsitzung hatte, Auto­fahrten in die weitere Umgebung Locarnos. Das gleiche taten auch die Führer der fremden Delegationen. Die einzige Ausnahme von smer völligen Verhandlungsruhe bildete eine Be­sprechung zwischen dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann und dem tschecho-slowa- kischen Außenminister Benesch, die heute abend von 7 bis 8 Uhr im Hotel Esplanade stattfand. Für Montag ist außer der

um

Der tschechische Außenminister Dr. Benesch, der der deutschen Delegation in Locarno seinen Ent­wurf zum deutsch-tschechischen Schiedsvertrag zur Beratung vorlegen wird.

10.30 Uhr beginnenden Vollsitzung eine Zu­sammenkunft vorgesehen, bei der Briand den polnischen Außenminister Strczynski mit Dr. Stresemann bekannt machen wird. Auch die Journalisten aller Länder erfreuten sich der heutigen Arbeitsruhe, m dem sie auf Einladung der Stadt Locarno eine Dampferfahrt nach den Booromeischen Inseln unternahmen. Der Aus­flug verlief bei wunderbarem Wetter äußerst anregend und harmonisch.

Unverminderter Optimismus.

erden, kreich

London, 11. Okt. Italiens Bereitschaft, den Sicherheitspakt zu garantieren, wird von den Blättern als Beweis dafür begrüßt, daß Cham- oerlainsnüchterner Optimismus" berechtigt sei. Der Observer betont, das Problem der Konferenz von Locarno sei, den neuen Plan eines freiwilligen Friedens aus der Verstrick­ung der Pläne für einen Zwangsfrieden zu befreien. Die Regelung der Ostfragen könne bestenfalls als provisorisch bezeichnet werden. Eine Lösung des Problems, wie die Ostver­träge Fankreichs berücksichtigt werden können ohne die deutsche Sicherheit zu gefährden, könne nur gefunden werden, wenn Frankreich und Deutschland von dem wahren Wunsche nach Versöhnung erfüllt seien. Das Schicksal und die Grenzen der Völker Osteuropas seien Großbritannien nicht gleichgültig, die Haupt­sache aber sei die Beendigung des tausendjäh­rigen Konfliktes um das Rheinland.

London, 11. Okt. Der Vertreter des Observer in Locarno glaubt an die Möglichkeit, eine Formel zu finden, die die nationalen Kreise hinter Streseman befriedigen werde, ohne das Mißtrauen des Völkerbundes anläßlich der Einmischung in dis inneren Angelegenheiten zu erregen. Es bestehe beträchtliche Aussicht, daß der Pakt in der ersten Hälfte der neuen Woche fertig wird. Die Sunday Times bezeich- net den gestrigen Tag als einen Markstein in der Geschichte der Konferenz.

Paris, 11. Okt. Havas veröffentlicht folgende Mitteilung: Nach den neuesten in Pariser diplo­matischen Kreisen eingetroffenen Nachrichten werden die Verhandlungen über den Sicher­heitspakt in Locarno unter günstigen Beding­ungen fortaesekt. Man sehe dort weiter dem

Ausgang der Verhandlungen mit Optimismus entgegen.

Die Lage Delikat aber aussichtsreich.

London, 11. Dit. Der Sonderbericht Reuters aus Locarno betont, daß die Alliierten Deutsch» lands Schwierigkeiten wegen des Artikels 16 durchaus würdigten und mehr als bereit seien, ihnen auf halbem Wege entgegenzukommen. Gegenwärtig werde zweifellos mit äußerster Anspannung der Versuch gemacht, die Stand­punkte der Deutschen und der Alliierten zu ver­söhnen. Die Lage sei zwar delikat, aber im gan­zen aussichtsreich.

Paris, 12. Okt. Der Berichterstatter des Matin" will in der Lage sein, zu berichten, daß Mussolini schon am Mittwoch zur Unter­zeichnung des rheinischen Paktes nach Locarno kommen werde. Die italienische Delegation sei noch nicht berechtigt, diese Nachricht offiziell zu bestätigen, aber sie treffe doch schon Vorberei­tungen zum Empfang. Mussolini soll in der Nähe von Locarno bei einem Freunde abzu­steigen beabsichtigen. Er werde Freitag nach Rom zurückreisen.

I Monjeiiwnen*

Paris, 11. Okt. Der Temps gibt in seinem heutigen Leitartikel zu, daß man offenbar in Locarno in den ersten Tagen der beginnenden Woche sich einem der wichtigsten Ereignisse der Nachkriegszeit durch die Einigung über den Sicherheitspakt gegenüberstehn werde. Das Matt scheint zu befürchten, daß die Alliierten in ihren Konzessionen zu weit gehen. Wenn Deutschland in Genf endgültig zugelassen und es im Völker­bundsrat sitzen werde, dann werde es nur zu ehr geneigt sein, die Artikel des Völkerbunds- ftatuts anzurufen, die ihm den Vorwand lie­fern könnten, das wieder in Frage zu stellen, was durch die bestehenden Verträge geregelt ist. Es wäre ernst, wenn es sich alsdann auf das berufen könne, was im Verlaufe der Ver­handlungen von Locarno ihm zugestanden worden ist, um sich seinen internationalen Ver­pflichtungen zu entziehen.

Auch imJournaldesDebatswird vor zu großen Konzession n ge­warnt. Es scheine, daß unter dem milden und blauen Himmel von Locarno mehrere Gäste dieser Stadt sich von Luther und Strese­mann rühren ließen und zu einer Reihe von Konzessionen bereit seien. Man würde Unrecht tun, wenn man diesen Gefühlen nachgeben würde. Was immer auch die veutschen Na­tionalisten sagten, der Rheinlandpakt werde dem Deutschen Reich durch die Tatsache seines Abschlusses einen ungeheuren Vorteil bringen. Man solle sich also nicht zu Konzessionen rühren lassen, für die man keine Gegenleistungen er­halte. Stresemann und Lucher wüßten zu gut, was sie bei einem Bruch verlieren würden, um ihn geschehen zu lassen.

Loucheur über den wirtschaftlichen Kampf.

Paris, 11. Oktober. Loucheur hat heute in Merville aus Anlaß der Enthüllung eines Kriegerdenkmals eine Rede gehalten, in der er unter anderem sagte, nachdem er auf das Pro­tokoll von Genf hingewiâfen hatte: Unter den hauptsächlichsten Ursachen für die Strestigkeiten unter den Völkern sei der wirtschaftliche Kamps zu nennen, der um so schärfer sei, als die In­dustrie die ganze Welt überschwemmt habe. Dieser wirtschaftliche Kampf sei eine der wahren Ursachen des Krieges von 1914 gewesen. Man müsse alles tun, was im Bereiche der Möglich­keit liege, um diesen wirtschaftlichen Kamps auszuschalten.

Wäre es nicht angebracht zu diesem Zwecke zu versuchen, die Erzeugung und den Verbrauch in der Welt miteinander in Einklang zu brin­gen? Müssen wir nicht versuchen, die Ver­teilung der Rohstoffe und der für das Leben der Menschheit notwendigen Lebensmistel zu ordnen? Müssen wir nicht insbesondere ver-