8.
Mauer Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kana« Sladl und Land.
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Nr. 237
Freilag den 9. Oktober
1923
Der Höhepunkt des Kampfes in Locarno.
Der Kamps um den Völkerbund. — Persönliche Besprechung Slresemann—Chamberlain.
Das Neueste.
— Die Konferenz von Locarno hat sich auf Samstag vertagt. Für heute find nur juristische Besprechungen und voraussichtlich auch eine Fortsetzung der persönlichen Fühlungnahme vorgesehen.
— Stresemann hatte gestern eine Besprechung mit Chamberlain.
— Die französische Presse ist voller Optimismus und spricht von einer Entspannung her Lage.
— Nach Mitteilungen maßgebender Persönlichkeiten will Amerika für die zerstörte „Shenandoah" einen neuen, größeren Luftkreuzer erbauen.
Der Artikel 16
Der vierte Tag.
Locarno, 8. Okt. Ueber die heutige vierte Sitzung der Konferenz, die um 2.30 Uhr nachmittags begann und bis 5.35 Uhr dauerte, wurde folgendes, zwischen den Delegationen vereinbartes Kommunique ausgegeben:
Die vierte Sitzung der Konferenz war der Erörterung derjenigen Fragen gewidmet, die sich aus der Betei-
ligun
g der eventuellen Signa- des Sicherheitspaktes am x b u n b c r ü c b L n. £kuJ
Angefichts der hervorragenden Bedeutung, die der Artikel 16 der Völkerbundsatzung (die den ersten Teil des Versailler Vertrages bildet) für die Verhandlungen über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und damit auch für das Zustandekommen des Sicherheitspaktes hat, fei der Wortlaut in Erinnerung gerufen:
„Schreitet ein Bundesmitglied entgegen den in den Artikeln 12, 13 und 15 übernommenen Verpflichtungen zum K r i e g e, so wird es ohne wsiteres so angesehen, als hätte es eine Kriegshandlung gegen alle anderen Bundesmitglieder begangen. Diese verpflichten sich, unverzüglich alle Handels- und Finanzbeziehungen zu ihm abzubrechen, ihren Staatsangehörigen jeden Verkehr mit den Staatsangehörigen des Vertragsbrüchigen Staates zu untersagen und alle finanziellen und persönlichen Verbindungen zwischen den Staatsangehörigen dieses Staates und jedes anderen Staates, gleichviel ob Bundesmitglied oder nicht, abzuschneiden.
In diesem Falle ist der Rat verpflichtet, den verschiedenen beteiligten Regierungen vor- zuschlagen.^mit welchen L a n b - u n d See -
glied für sein Teil zu der bewaffneten Macht beizutragen hat, die den Bundesverpflichtungen Achtung zu verschaffen bestimmt ist.
Die Bundesmitglieder sagen sich außerdem w e ch s e l s e i t i g e U n t e r st ü tz u n g bei Ausführung der auf Grund dieses Artikels zu ergreifenden wirtschaftlichen und finanziellen Maßnahmen zu, um die damit verbundenen Verluste und Nachteile auf das Mindestmaß herabzusetzen. Sie unterstützen sich gleichfalls wechselseitig in dem Widerstand gegen jede Sondermaßnahme, die der Vertragsbrüchige Staat gegen einen von ihnen richtet. Sie veranlassen alles Erforderliche, um den Streit- kräften eines jeden Bundesmitglied e s, das an einem gemeinsamen Vorgehen zur Wahrung der Bundesverpflichtungen teilnimmt, denDurchzug durch ihr Gebiet zu ermöglichen.
Jedes Mitglied, das sich der Verletzung einer aus der Satzung entspringenden Verpflichtung schuldig mach ausgeschlossen werden. Die Ausschließung wird durch Abstimmung aller anderen im Rate ver-
it, kaun aus dem Bunde
nicht von der Konferenz abgeändert werden könnte, werde vorgeichlagen, daß eine Auslegung gefunden wird, die für Deutschland annehmbar sein würde. Danach würde Deutschland nach seinem Eintritt in den Völkerbund beantragen, den Artikel 16 neu auszulegen und die anderen in Locarno versammelten Mächte würden es übernehmen, diese abgeänderte Auslegung zu unterstützen, die dahingehen würde, daß Artikel 16 sich nicht auf Deus chland b e - ziehe, solange dieses entwaffnet und die anderen Mächte an seinen Grenzen bewaffnet seien.
Die „Westminster Gazette" führt in einem Leitartikel aus, es scheine zum ersten Male möglich, zu sagen, daß Frankreich wirklich Entschlossenheit zeige zu einer Vereinbarung zu gelangen. Wenn man an die Reden Painleves und Chamberlains in den letzten Tagen denke, so könne man großes Vertrauen in das Ergebnis der Konferenz fetzen. Die letzten Schwierigkeiten beständen noch, aber es fei wertvoll eine klare unb freimütige Darlegung der deutschen Einwendungen gegen einige in dem Pakt eingefügten Bestimmungen zu besitzen. Das Vertrauen, das jetzt zwischen den Delegationen herrsche, dürste viel dam beitragen, um die letzten Hindernisse müen, . ■
statt, in welcher die Vertreter Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Großbritanniens und Italiens nacheinander die Auffassungen ihrer Regierungen darlegten. — DieKonferenz wurde aufSamstagden 10. Oktober vertagt, und zwar werden an diesem Tage zwei Sitzungen stattfinden, um 10.30 Uhr vormittags und um 2.30 Uhr nachmittags.
Hierzu meldet der Sonderberichterstatter Des W. T. B.:
Bei der heutigen Zusammenkunft der Regierungsvertreter wurden zum zweiten Male . wirklich schwere politische Probleme angeschnit- 1 ten, deren Umfang und Bedeutung in dem gemeinsam ausgegebenen Kommunique angedeutet sind. Eine große Rolle spielte Artikel 16 des Völkerbundpaktes. Die Aussprache ließ auf allen Seiten den besten Willen erkennen, doch
ist bei der außerordentlichen Schwierigkeit der angeschnittenen Fragen noch keine für alle annehmbare Lösung g esunden, vielmehr bestehen noch große unaus
eglichene Gegen-
Gutem Vernehmen nach kam bei den heutigen -Beratungen die Frage der Garantie der Ost- Ichledsverträgs nicht zur Sprache. Auch ist die Aussprache nicht soweit fortgeschritten, daß etwa den juristischen Sachverständigen bereits neue Aufgaben zugewiesen werden konnten. Es T ledoch nicht ausgeschlossen, daß die juristischen ^chverständigen, die übrigens ihre gutachtlichen Beratungen über die ihnen gestern zu- gewiesenen Fragen noch nicht abgeschlossen yaben, sich später mit den heute zur Diskussion ireyenden Problemen besassen müssen, obwohl Entscheidung fast ausschließlich von poli- "schen Gesichtspunkten aus und daher von den ^«en. persönlich getroffen werden muß. ist mit dem heutigen Tag in eine iqlchur ende Diskussion großer miteinander Probleme eingetreten worden und heute noch nicht sagen, daß die von toorbenfe^ erstrebte Lösung gefunden
Höhepunkt des Kampfes.
earn o, 8. Off. Die Verhandlungen Mi in das Thema Hiningekommen, das 1.2 "âer mehr zum Kernproblem entwickelt
Der Eintritt Deutschlands in jnjJLrOj.letbuftb und feine Stellung als -nÄ^'rd dieser Organisation. Maren schon die z„^""0iungen über das Garankieproblem Dorrst schwierig, so stehen sie doch in keinem hnnsf.'^ 3U den heutigen Nachmittagsver- D-s>„»«"ilen., Schon die dreistündige Dauer der Ern» x a^n spricht für den außerordentlichen bai ua öonferenzstadiums. Das Hauptduell 'lch erneut zwischen dem Reichsaußenmini-
ster Dr. S l r e s e m a n n und Herrn Briand entwickelt. Es wurde von beiden Seiten, unter Aufbietung schärfster Energie durchgeführk und steigerte sich zeitweise zu temperamentvoller Dramatik. Bezeichnend für die Schwere der augenblicklichen Verhandlungen ist die Tatsache, daß die Völkerbundssrage sofort von den hauptdelegierten in Ansprucb genommen wurde, ohne daß erst eine Vorbereitung durch die Juristen erfolgt wäre. Nachdem die beiden Standpunkte heute geradezu aufeinandergeprasselt sind, wird man morgen, neben den Juristenverhandlungen versuchen, das Problem in Einzelbesprechungen der haupt-elegierten für die beiden, für Samstag angesetzten Vollkonferenzen, vorzubereiten. Die Tatsache, daß für den Samstag gleich zwei Sitzungen ange- setzt wurden, hak ihren Grund darin, daß die Schwierigkeiten dieser Frage so ungeheuerlich sind und mit einiger Aussicht auf Erfolg auch nur in wenigen Einzelheiten in einer Sitzung der Klärung nähergebracht werden können. Gegenüber dem Kampf um den Völkerbund ist die Garanliefrage für die nächsten Tage zurück- getreten.
Zu dem Rededuell Stresemann—Briand meldet die „Agence Havas":
In Beantwortung von Vorbehalten des Reichsaußenministers Dr. Stresemann hinsichtlich des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund erklärte Außenminister Briand, alle Nationen müssen hinsichtlich des Völkerbundspaktes auf dem Fuße völliger Gleichheit behandelt werden. Wenn Deutschland Mitglied des Völkerbundes geworden ist, wird ès seine Wünsche im Schoße des Völkerbundes vorbringen können. Briand bekräftigte dann, daß der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund die einzige Garantie für eine wirkliche gegenseitige Garantie und für ein europäisches Abkommen bilde. Gerade der Mangel an Sicher- he-it fei es, der bisher die allgemeine Abrüstung verhindert habe. Der Rheinpakt werde die erste Etappe auf dem Wege zur Versöhnung der Völker sein, die allmählich zur allgemeinen Abrüstung führen müsse.
Chamberlain, Scialoja und Vandervelde stimmten den Bemerkungen Briands über die Notwendigkeit, die für die Zulassung zum Völkerbund festgesetzten Bedingungen zu achten, zu.
Stresemann bei Chamberlain.
Locarno 8. Okt. Wie angekündigt, ist die persönliche Fühlungnahme außerhalb der Vollsitzung der Hauptdelegierten heute fortgesetzt worden. Um 11 Uhr ist Reichsaußenminister Dr. Stresemann au Chamberlain
gefahren, mit dem er hn Grand-Hotel eine Besprechung abhielt, die erst um 1 Uhr beendet war. Dieser Besprechung legt man große Bedeutung bei. Allerdings liegt kein Grund vor, irgend eine sensationelle Plötzlichkeit aus dem Besuch Stresemanns bei Chamberlain zu entnehmen, da er schon gestern abend vereinbart worden ist. Es ist anzunehmen, -daß die Besprechung sich mit dem Versuch beschäftigte, die untragbaren Punkte des Paktproblems a u - ßerhalb der Verträge durch Erklärungen zu regeln, die niemand verpflichten. Da man auf deutscher Seite ebenso wie die Engländer über das Verhalten der Italiener denkt, so ist wohl auch diese Angelegenheit zwischen den beiden Außenministern zur Besprechung gekommen.
Viel bemerkt wurde, daß am Schluß der heutigen Sitzung Reichskanzler Dr. Luther etwa 10 Minuten eine Besprechung mit dem belgischen Außenminister Vandervelde hatte. Die Besprechung galt jedoch, wie verlautet, keinen bestimmten Fragen, sondern befaßte sich generell mit -er Völkerbundsfrage. Immerhin ist auch für diese kurze persönliche Fühlungnahme zwischen Vertretern Deutschlands und Belgiens, die übrigens durch eine längere Begegnung zwischen Staatssekretär v. Schubert und dem belgischen Außenminister eingeleitet
worden war, ebenso wie für die Unterredung bemerken, daß
Stresemann mit Chamberlain zu die Einzelbesprech!' ^gen der M Förderung der Son|Cren$arbeiten von größtem Werte sind.
Mister für die
Optimismus«
London, 9. Okt. Die Blätter konzentrieren sich hauptsächlich auf die gestrige große Rede Baldwins auf der konservativen Parteikonferenz, die sich auf die Mossul-Frage und die Paktverhandlungen bezog.
Von der Konferenz von Locarno meldet
Reuter, daß der Eindruck der gestrigen Sitzung ein vorzüglicher gewesen sei. Chamberlain habe sie als das Interessanteste bezeichnet, an dem er bisher teilgenommen habe.
iahe.
Von französischer Seite wurde erklärt, man habe sich über den Westpakt nahezu geeinigt und es seien nur noch formale Einzelheiten zu erledigen. Trotzdem erscheint es Reuter zufolge als sicher, daß die Konferenz noch mindestens zwei Wochen dauern werde.
Eine VermMlungsformel über Artikel 16 ?
Paris, 9. Okt. Einer der Berichterstatter des „Matin" erklärt, der in Locarno angekommene polnische Außenminister Skrzynski werde am Montag hinsichtlich der Diskussion des Artikels 16 des Sicherheitspaktentwurfes sagen, das Recht Frankreichs in gewissen außerordentlichen Fällen in die entmilitarisierte Rheinlandzone einzudringen, sei vorhanden. Man stoße also offene Türen ein, denn dieses Recht werde auch Deutschland besitzen, wenn es in den Völkerbund eintrete. Nicht nur Frankreich habe das Recht in gewissen Fällen bewaffnet in die Rheinlandzone einzudringen, sondern es habe sogar die Pflicht. Diese Pflicht werde aus Artikel 16 des Völkerbundsstatuts hergeleitet und morgen schon ererbe sich Deutschland in einer absolut gleichen Lage befinden. Er, Skrzynski, würde also sagen, die Rheinlandzone ist immer neutral mit Ausnahme für den Fall wie ihn die Artikel 42, 43, 44 des Frisdensvertrages und Artikel 16 des VRkerbundsstatuts vorsehen. Wenn die zwischen Deutschland und Polen und der Tschechoslowakei abgeschlossenen Verträge verletzt werden, tritt der Artikel 16 in Kraft. Die Neutralität der Rheinlandzone ist aufgehoben und Frankreich verlange, ohne daß es deshalb den Rheinlandpakt verletzt, das Jnter- ventionsrecht nicht aufgrund seiner Aliancver- träge, sondern aufgrund der allgemeinen Verpflichtungen, die es in gleicher Weise übernehme, wie die anderen Mitglieder. Der Berichterstatter des „Matin" erklärt, er könne versichern, daß auch Benesch eine derartige These vertreten werde.
Graf Sforza über den Sicherheitspakt
London, 8. Okt. In der „Manchester Guardian" schreibt der frühere italienische Außenminister Sforza, auch wenn der Pakt zustande- komme, werde sich die Lage Europis nicht von Grund aus ändern, solange die jetzige unruhige Atmosphäre in den französisch-deutschen Beziehungen bestehen bleibe. Die erste Vorbedingung sei gegenseitiges Verständnis. Sforza weist daraus hin, daß Frankreich innerhalb von sechs Jahren zweimal eine andere Politik gegenüber Deutschland getrieben habe, eine
nationalistische und eine demokratische. In Deutschland herrsche daher auch in friedliebenden Kreisen noch immer Mißtrauen bezüglich der französiscken Absichten auf den Rhein. Aber die Mehrzahl der Franzosen teile nicht die Illusion ihrer sogenannten Realpolitiker, daß es möglich sei, eine Nation von 70 Millionen durch die größeren materiellen Hilfsmittel eines 40 Millionen-Volkes niederzuhal»
London, 9. Okt. Der Sonderberichterstat- i
des „Daily Telegraf" in Locarno schreibt > ten. Die französische Landbvölkerung," die rur Frage des Artikels 16: Da dieser Artikel schließlich bei den Wahlen entscheide, wünsche
ker