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201. Iayrqang.

SanauerW Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Sladl und Land.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. / Fernsprech-Anschlutz Nr. 1237 und 1238.

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Nr. 236

DonnersLag den 8. OKLober

1925

Konferenz - Sensationen.

Dr. Lukher und Briand verhandeln autzerhalb von Locarno. Die Jagd nach dem Pakt - Entwurf.

Das Neueste.

... Dr. Luther und Briand haben sich gestern in Ascona, in der Nähe von Locarno, zu ihrer ersten Besprechung getroffen.

Die tschechische Delegation unter Führung Beneschs ist gestern nachmittag in Locarno ein­getroffen.

Nach einer Meldung desPetit Pari- fien" versichert man in diplomatischen Kreisen, daß die Absicht besteht, einen deutsch-russischen Sicherheitspatt abzuschließen.

In Frankreich werden alle Maßnahmen getroffen, um den aufs neue drohenden Sturz des Franken aufzuhalten.

Der dritte Tag.

Zwei Momente kennzeichnen den Stand der Dinge am dritten Verhanülungstag. Das erste Moment ist die Zusammenkunft zwischen Reichskanzler Dr. Luther und dem französischen Außenminister Briand, die außerhalb von Lo­carno, also gewissermaßen auf neutralem Bo- â' vor sich ging und die scheinbar einen recht betriebt qeniben Uteriauf genommen hat. Das zweite Moment ist die auffallend kurze Sitzung des gestrigen Tages, die wiederum negativ ver laufen ist, da sich ergab, daß eine Reihe von Punkten von den die Vorberatungen besorgen­den Juristen noch nicht genügend geklärt waren, so daß man sie an die Juristen zurück­weifen mußte. Daß es sich dabei nicht um die grundlegenden Probleme handelt, ist zweifel­los, denn ihre Erörterung gehört gar nicht zur Kompetenz der Juristen. Deshalb find alle Kombinationen, mögen sie auch in der aus­ländischen Presse noch so autoritativ auftreten, von vornherein in das Gebiet der Locarnoer Fabeln zu verweisen. Wichtig ist weiter die Feststellung, daß die gestrigen Anträge, die zur Ueberweisung an die Juristen Anlaß gaben, von den verschiedenen Seiten gestellt worden sind, daß also nicht eine einzelne Delegation Schwierigkeiten bereitet hat. Es erscheint recht unsicher, ob die Juristen heute schon fertig wer­den, oder ob man sich wie das schon aus­drücklich Vorbehalten ist über irgendwelche andere Fragen aussprechen wird und die gestri­gen weiter zurückgestellt läßt. Das geht ja um so leichter, als man, wie immer wieder betont werden muß, nicht nur ohne Vorsitzenden, son­dern auch ohne die Formalität einer bestimm­ten Tagesordnung verhandelt. Das mag ein Novum auf derartigen internationalen Konfe­renzen fein, es erweist sich aber als praktisch und dem Fortgang der Verhandlungen förder­lich.

Ueber den V e r l a u f der gestrigen -Vollsitzung wurde folgendes Kommunique ausgegeben:

In der heutigen Sitzung der Konferenz wurde zunächst die allgemeine Aussprache wie­der ausgenommen und alsdann der Bericht der Rechtssachverständigen über die ihnen im Ver- aufe der ersten Sitzung übertragenen redak- nonellen Arbeiten entgegengenommen. Da in Mam Bericht Anträge gestellt werden, ergab «ich die Notwendigkeit einer erneuten Betrau- ung des Juristenausschusses mit deren Stu- oium. Es wurde daher ein ergänzender Bericht aer Rechtssachverständigen angefordert, der in einer späteren Sitzung erstattet werden soll, ^e nächste Zusammenkunft der Hauptdelegier- >en ist auf Donnerstag, nachmittag 2.30 Uhr, angesetzt worden.

. ®er Sonderberichterstatter der Havasagen- «5 Locarno übermittelt der französischen folgende offiziöse Darlegung über den s der Verhandlungen der Konferenz:

u nr System, das man sich in Locarno upuitellen bemüht, ist neu, daß es vollkommen dem Gedanken der obligatorischen chiedsgerichtsbarkeit für alle, N d-.MWohl für rechtliche als auch für politische onfllkte beruht, die zwischen den Vertragsteil- Mmerst, entstehen könnten. Es ist also leicht, ein Bild von dem Verfahren zu machen,

Gin HM-MAr MW§M?

P a r i s, 8. Off. Der Berliner Berichterstat­ter desPelit patifien erklärt, in diplomati­schen Kreisen versichere man, daß Außenmini­ster Stresemann in der vergangenen Woche mit Tschitscherin in Berlin geprüft habe, welcher Art die russisch-deutschen Beziehungen sein wer- den, wenn Deutschland den Sicherheitspakt unterzeichnen und in den Völkerbund einlreten werde. Eine Art deutsch-russischer Gegenvertrag sei daher von russischer Seite vorgeschlagen worden, durch den Ruß­land und Deutschland sich gegenseitig ver­pflichten. sichinZukunfkwedermi-

das für die Regelung dieser Streitigkeiten ins Auge gefaßt sind. Sie würden Organen, wie MMWMiWWWMM fung durch den Völkerbund übergeben wer­den. Der Völkerbund wird bei dem friedlichen Verfahren die Hauptrolle spielen, die ihm schon das Statut zuweist. So würde er auch einzu- greifen haben, wenn eine der Parteien sich wei­gert, zu dem Schiedsgerichtsverfahren ihre Zu­flucht zu nehmen oder den Schiedsspruch aus­zuführen. Der Völkerbund würde außerdem beschäftigt werden, wenn am Rhein jemand Gewalt anwendet oder wenn die entmilitari­sierte Zone verletzt wird. Aber es versteht sich, daß bei einem offenkundigen und nicht provo­zierten Angriff jedes der interessierten Länder das Recht behalten würde, sich unverzüglich selbst zu verteidigen, bis der Völkerbund offi­ziell den Angriff festgestellt und die erforder­lichen Maßnahmen ergreift. Eine große Schwierigkeit der Verhandlungen besteht, wie man weiß, darin, eine Koordination herzu st eilen zwischendem Rheinland­pakt und den Schiedsverträgen im O st e n, die Deutschland selbst in seinen Vor­schlägen am 9. Februar miteinander verbunden hat. Angesichts dieses Zusammenhangs der Ab­machungen ist Frankreich immer besorgt ge­wesen, Polen und die Tschechoslowa­ke i, mit denen es durch Verträge über gegen­seitigen Beistand verbunden ist, gegen die Even­tualität einer Nichtbeobachtung dieser Schieds­verträge mit Deutschland zu schützen, in der Annahme, daß dadurch, daß es ihre Bedeutung verstärkt, es nur nach dem Geiste des Völker­bundsstatuts handelt, wie dies in einer Reso­lution der Genfer Versammlung zum Aus­druck kommt. Auch dürfte der Rheinland- pakt nach Auffassung der französischen öffent­lichen Meinung Frankreich nicht da­ranhindern, seinenöstlichenAlli- ierten den Beistand zu leisten, den es ihnen leisten soll für den Fall, daß Deutschland entgegen seinen Verpflichtungen zur Gewalt schrei­tet, anstatt die Konflikte, die zwischen ihm und seinen beiden östlichen Nachbarn entstehen, könnten, friedlich zu regeln. Um diese Formel, die, was die Zukunft Europas anbetrifft, von großen politischen Folgen sein kann, wird die diplomatische Schlacht vonLocarno entbrennen.

Das Lulher-Briand-Gespräch.

Ueber die Unterredung des Reichskanzlers Dr. Luther mit dem französischen Außenmini­ster Briand, die in dem kleinen Ascona am Lago Maggiore stattgefunden hat, wissen die Berliner Blätter zu berichten, daß einmal die Differenzen über den Artikel 16 des Völker- bundsiakutes Gegenstand der Besprechung ge­wesen seien. DemLok.-Anz." soll es nach dieser Unterredung den Anschein haben, als ob eine Formel gesunden werden könnte, die den Artikel so interpretiere, daß die deutschen Be­denken etwas an Scharfe verlieren könnten, weiter soll die Frage der französischen Garau-

lilärisch noch wirtschaftlich oder durch eine finanzielle Blockade anzugreisen. Dieser Vertrag soll später abgeschlossen und dem Ergebnis der Konferenz von Locarno angepahl werden. Das sei einer der Gründe, weshalb die deutsche Delegation nicht endgültig in Locarno selbst abschließen wolle, da der deutsch-russische Si­ch erheitspakt nach einer Aussage von Tschitscherin dazu bestimmt sei, evenkl. zu glei­cher Zeit wie der westliche Sicherheitspakt in Kraft zu treten.

sie der östlichen Schiedsverträge bei der Unter­redung eine Rolle gespielt haben. Wie das

Briand die von Frankreich ursprünglich ver- langte einseitige Garantieleistung für die Ver­träge fallen gelassen haben. Er soll sich damit einverstanden erklärt haben, daß Frankreich außerhalb der östlichen Schiedsverträge eine Erklärung zur Sicherung Polens abgeben werde. Den Juristen fei die Aufgabe zugewie- fen worden, diese Erklärung zu formulieren. Wie sämtliche Blätter betonen, soll sich Briand zu französischen Journalisten außerordentlich befriedigt geäußert haben.

Wachsende Schwierigkeiten.

London, 8. Okt. Die Meldungen der Blät­ter über die Konferenz von Locarno sind heute recht dürftig. Der Korrespondent derMor - n i n g p o ft" meldet, zur Besprechung zwischen Dr. Luther und Briand, die Verhandlungen seien hoffnungsvoll beendet. Briand habe spä­ter durchblicken lassen, daß Deutschland den Grundsatz eines obligatorischen Schiedsspruches annehmen werde und man glaubt, daß dies vielleicht als Berufungspunkt für die östlichen Verträge benutzt werden könne.

Der Sonderberichterstatter desDaily Herald" berichtet über die Völkerkonferenz, nachdem Briand erklärt habe, Frankreich be- siehe auf dem Recht irgendwelcher dieser Ver­träge zwischen Deutschland und Polen bezw. Deutschland und der Tschechoslowakei zu garan­tieren, habe Stresemann energisch wider­sprochen. Zum allgemeinen Erstaunen habe Chamberlain den französischen Standpunkt unterstützt und der schwierigen Situation sei durch Zurückverweisung der Angelegenheit an die juristischen Sachverständigen ein Ende ge­macht worden.

Der Sonderberichterstatter derWestminster- Gazette"' meldet, Benesch habe sich ihm gegen­über sehr hoffnungsvoll über den Erfolg der Konferenz ausgesprochen. Er sei der Ansicht, daß kein unüberwindliches Hindernis für die Regelung der Garantie für die deutschen Ver­träge bestehe.

Die Jagd nach dem Rheinlan-yakl- Enlwurf.

Locarno, 7. Okt. Eine der spannendsten Epi­soden dieser Konferenz wird wohl die Jagd auf den Rheinlandpakt-Entwurf sein. Man kann sich nicht vorstellen, mit welchem Sensa­tionshunger hier gearbeitet wird, um der inter­nationalen Presse, namentlich der früheren neu­tralen und der italienischen, einen sogenannten Leckerbissen zu verschaffen. Seit mehreren Tagen stürzen sich die Journalisten darauf,, den Rheinlandpakt-Entwurf in die Hand zu | bekommen. Diese Anstrengungen waren um so leichter, als verschiedene Pressevertreter durch ihre Regierungen, hauptsächlich die italienische und die englische, in die Lage versetzt werden, den Rheinlandpakt-Entwurf zu lesen und sich eine Kopie zu nehmen, nicht zur Veröffent- lickuna. sondern zum Zwecke ihrer Orientier

rung. Wahrscheinlich gelang es den verschied» nen Agenten, die hier mit fieberhaftem Eifei arbeiten, sich Kopien des Rheinlandpakt-Ent­wurfs zu verschaffen.

Diese Kopien werden seif zwei Tagen zu verschiedenen Dollarpreisen angeboten. Hüt selbst offerierte ein Agent gestern für 200 Dollar den authentischen Rheinlandpakt- Entwurf.

Man kann von einem Geheimnis überhaupt nicht mehr sprechen. Es ist im jetzigen Augen­blick die Frage aufzuwerfen, ob es nicht am besten wäre, wenn sich die hier anwesenden Delegationen über eine zweckmäßige Veröffent­lichung der authentischen Inhaltsangabe dieses Entwurfs verständigen würden. So kann es hier nicht weitergehen. Die Journalisten drü­cken mit allen Mitteln und selbst mit allen möglichen raffinierten Tricks auf die Delega­tionen, um endlich authentische und effektive Tatsachen über das zu erfahren, was hinter den Kulissen vorgeht. Die Löcher in diesen Kulissen werden immer größer. Man sieht be­reits tief in die Vollsitzungen hinein und es figungen oorgehl. Besonders öie Plauener, wie behaupten, dâß sie an der ganzen Rheinland­paktaffäre überhaupt nicht interessiert sind, er­klärten jedem, der es hören will, sie könnten sämtliche protokollmäßige Sitzungsberichte in ihren Blättern veröffentlichen. Tatsächlich ist dies gestern in einem Turiner Blatt geschehen, das den vollständigen Text der in der Voll­sitzung gehaltenen Reden veröffentlichte.

In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch gestaltete sich die Jagd auf den Rheinland­pakt-Entwurf geradezu zu einer ungeheuer­lichen abenteuerlichen Sensation, wie ich dies noch nie auf einer Konferenz erlebt habe.

Gegen Mitternacht erfuhr Briand, daß zwei italienische und ein holländisches Blatt den Rheinlandpakt veröffentlichen würden. So­fort wandte er sich an den italienischen Dele­giertes Grandi, um zu erreichen, daß die be­treffenden Journalisten bei ihren Blättern an­juchen sollten, die Veröffentlichung des bereits abgesandten Textes zu unterdrücken. Dies ge­schah auch. Grandi erreichte bei dem Vertreter desSecolo", daß die Veröffentlichung bis auf weiteres unterbleibe. Das ist aber nicht bei dem Amsterdamer Blatt gelungen, dessen hie- siacr Berlrctcr bereits eine ausführliche In­haltsangabe des Paktentwurfs abgeschickt hatte. Briand persönlich ist tief niedergeschlagen über diese Campagne. Er erklärte verschiedenen Persönlichkeiten, daß er in der Veröffentlich­ung des Rheinlandpaktentwurfs einen schweren Schlag oderzum minde- sten einen Torpedierungsversuch der Konferenz erblicke. Um nun eine Verdichtung der, wie bereits erwähnt, sehr großen Lücke, durch die alle Konferenzgeheim. Nisse durchdringen, zustande zu bringen, wird sich heute Briand mit den Delegationssührern in Verbindung setzen und neue Dorschlätze ein- bringen, damit diese Indiskretionen, tue den Gang der Konferenz auf das äußerste gefähr­den, unterdrückt werden können.

Zu diesem Zwecke wird wahrscheinlich Briand vorschlagen, daß die Hotelzimmer unter Bewachung gestellt werden, während sich die Minister untereinander unterhalten.

Dr. Benesch in Locarno.

Prag, 7. Okt. Das Tschechoslowakische Presse» büro meldet aus Locarno: Der tschechoslowa­kische Außenminister Dr. Benesch ist heute um 2.30 Uhr hier eingetroffen. Unmittelbar nach seiner Ankunft traf Dr. B e n e s ch mit dem britischen Außenminister Chamberlain zu­sammen. mit dem er einen Meinungs­austausch über die Situation hatte, worauf eine längere Unterredung mit dem französischen Außenminister Briand und Berthelot folgte. Die Unterredung be­traf sowohl den augenblicklichen Stand der gegenwärtigen Verhandlungen, als auch die ausdrücklich die Tschechoslowakei betreffende«