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Hanauer 8 Anzeiger

General-Anzeiger für die Streife Lranau Sladl und 6ano.

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Nr. 233

Monlag den 3. Oktober

1925

Am Vorabend von Locarno.

Das Neueste.

Gestern wurde die Frankfurter Herbst­messe eröffnet. Der Besuch war gut, doch wur­den größere Abschlüsse nicht getätigt.

Die erste Besprechung der Ministerzu­sammenkunft in Locarno findet am Montag fl Uhr vormittags im Konferenzsaal des gustizgebäudes statt. An der Besprechung neh­men die Delegierten in Bgleitung ihrer eng­sten Mitabeiter teil.

Der Streik der Berliner Speditionsar­beiter hat nach einwöchiger Dauer sein Ende gesunden. Sowohl die Streikenden wie auch die Genalversammlung des Verbandes Ber­liner Spediteure stimmten dem am Samstag gefällten Schiedsspruch zu.

Nachrichten aus Marokko melden an der ganzen französischen Front eine Reihe von Offensivvorstößen und Erfolgen.

Ankunft in Locarno.

Locarno. 3. Okt. Heute abend gegen 7 Uhr

e r und der

s e m a nn nach

5t der Reichskanzler Dr. L u t h Keichsaußenminister Dr. S t r e s

Ker Fahrt in Locarno eingetroffen. In Bel- jona haben sie ihren Sonderzug verlassen Md sind dann im Auto nach hier herüberge-

wird der

kl!

große Sitzungssaal würdig mit Möbeln im Tessiner Stil ausgestattet. SechsTelephonzellen sind für die Regierungsvertreter aufgestellt worden. Der große Pressesaal in der Nähe er­hielt deren sieben.

Locarno, 3. Okt. Der französische Außen­minister ist entgegen der ursprünglich getrof­fenen Dispositionen bereits heute abend um 7 Uhr in Begleitung von Berthelot, Fromageot und Leger in Locarno angekommen und im Grand Hotel Palace abgestiegen, wo übrigens auch die englische, die italienische, die tschecho­slowakische und die polnische Delegation Woh­nung nehmen werden.

Presseempfang Sei Ser deutschen Delegation.

Berlin, 4. Okt. Wie unser Berichterstatter in Locarno meldet, empfing die deutsche Dele­gation heute vormittag die Vertreter der deut­schen Presse im Hotel Esplanade, dem Sitze der deutschen Delegation, um die anwesenden 4 0 deutschen Journalisten zu begrüßen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß es im Interesse Deutschlands und des deutschen Volkes gelingen werde, gemeinschaftlich das große ernste Ziel zu erreichen, das sich die Zu­sammenkunft der Regierungsmitglieder gesteckt hat. Die Probleme, die hier zur Sprache kom­men sollen, wurden bei dieser Gelegenheit mit dem Reichskanzler und dem Reichsaußenmi- Mster erörtert, wobei beide die Hoffnung ausdrückten, daß es nun endlichfür Deutschland und Europa zu einem wirklichen Friedenszustande kom- wenwerde, wie ihn Deutschland, aber auch me anäeren, sowohl aus politischen wie wirt- 'chastlichen Gründen dringend brauchten.

Der Reichskanzler wies darauf hin, ^ abgesehen von den großen Schwierigkeiten, K das Pakt- und Schiedsgerichtsproblem ge­stellt haben, die Aufgaben dieser Zusammen­kunft dadurch kompliziert worden seien, daß auf der Gegenseite die Verbindung des Sicher- heitspaktes mit der Völkerbundsfrage als un= zugänglich bezeichnet wurde. Die deutsche âgurung habe dieser Forderung nicht wider- iprochen, durch die aber weitere Probleme auf- S°Ut würden. Die Abrüstung Deutschlands, ohne daß auf der anderen Seite die durch den ^erfailler Vertrag vorgeschriebene allgemeine Rüstung von Deutschlands Nachbarn eingelei- ut worden sei, in Verbindung mit der fort- rWriben, zum Teil noch auf lange Jahre vor-

Besetzung deutschen Gebietes schafft für Deutschland aus dem Wege zur Erreichung Js wirklichen Friedens eine konkrete beson- oere Lage.

Reichsaußenmini st er befaßte besonders mit den aus Deutschland vor- genden Nachrichten, über die ganze Anzahl bedungen, die der russische Außen- wmisjar Tschitscherin Pressevertretern

Bl FM««WW Mm 1916 Aus den Memoiren Eömard Greys.

Berlin, 3. Okt. In Paris sind jetzt die Me­moiren des Lords Edward Grey, des bri­tischen Außenministers vor und während des Krieges, veröffentlicht worden, die außerordent­lich bedeutsame Aufklärungen über die Vor­gänge innerhalb der Alliierten während des Krieges geben.

Lord Grey erklärk, daß Wilson schon 1915 England und Frankreich angeboten hat, Frieden mit Deutschland zu vermitteln, falls sie den Augenblick dafür gekommen hielten. Sollten die Alliierten diesen Frie­densvorschlag nicht annehmen wollen und der Krieg einen weiteren ungünstigen Ver­lauf nehmen, so würden die Vereinigten Staaten sich gezwungen sehen, ihr Desinte­ressement für die europäischen Entwicke­lungen zu erklären. Wilson scheint jeden­falls Ende 1915 die Lage der Alliierten sehr ungünstig beurteilt und mit der Mög­lichkeit gerechnet zu haben, daß Deutschland in nicht ferner Zeit seine westlichen Feinde niederringen wird.

Nach den Memoiren Sir Edward

Tegs scheint die Anregung Wilsons zuerst in

e-

lag

England 'nicht auf unbedingte Ablehnung gl toßen zu haben. Der Wilsonsche Vorschlag ieht den Zusammentritt einer Konferenz vor, sie das Ende des Krieges bedeuten sollte.

Es scheint, daß Wilson damals bereits die Wiederherstellung Belgiens und die Zu- fprechung Esatz-Lothringens an Frankreich den Alliierten konzediert hat. Diese Ver­luste an Territorien durch Deutschland soll­ten durch Konzessionen auf außereuropäi­schen Gebieten gutgemacht werden.

Sir Edward Grey berichtet nun in seinen Memoiren, daß er von dieser amerikanischen Absicht seine Kollegen unterrichtet hat. Lord Grey schreibt zu dieser Frage wörtlich:Wir dachten die Franzosen könnten der Mei­nung sein, die Niederlage des deut­sch e n H e e r es sei das einzige Mittel, um den preußischen Militarismus niedsrzuschlagen. Frankreich und Rußland hatten bis zu diesem Augenblick viel schwerer zu leiden als wir. Wir fühlten aber alle, daß wir eine Initiative im amerikanischen Sinne nicht unternehmen konn­ten." Sir Edward Grey hat darauf zu dem amerikanischen Vorschläge in einem Memoran­dum Stellung genommen, in dem er schreibt: Nur die Niederlage Deutschlands kann den gro­ßen Krieg in befriedigener Weise beenden und den zukünftigen Frieden sicherstellen. Auf die­ses Ziel müssen alle unsere Anstrengungen ge­richtet sein. Die deutsche Provaganda läßt den Krieg als eine Rivalittät zwischen Deutschland und Großbritannien erscheinen. Es ist möalich, da diese falsche Aufassung in Frankreick' Ruß­land und Belgien eine gefährliche pazifistische Bewegung, eine positiv englandfeindliche Be­wegung Hervorrufen würde. In sehr geschickter diplomatischer Form hat Lord Gren es verstan­den, den Wilsonschen Friedensvorschlag prak­tisch zunichte zu machen. Lord Grey schreibt offen, es sei damals infolge des Wilsonschen Vor­schlages zu befürchten gewesen, daß einer der großen Alliierten jede Hoffnung auf den end- güliigen Sieg aufgeben und verlangen würde, daß der Krieg unter den bestmöglichsten Be­dingungen zu Ende geführt werde. England könnte durch die Wilsonsche Friedenspropa-

gewährte, und bemerkte dazu, die Besprechun­gen, die Tschitscherin mit ihm in Berlin gehabt habe und die zum Abschluß der zweijährigen Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag führen werden, seien in manchen Erörterungen dieser Interviews als Spitze gegen das Verhandlungs­ziel von Locarno ausgedeutet wor­den, eine Auslegung, die vollkommen gegen­standslos sei, wie ja denn auch Tschitscherin

ganda tatsächlich vor die Alternative gestellt werden, Friedensverhandlungen anzuknüpsen oder allein den Krieg fortzusühren.

Lord Grey hat damals jedenfalls außer­ordentlich klar die Situation erfaßt und seine Entscheidung danach getroffen. Lord Grey hat Briand damals mitgeteilt, er sei n i ch t ge­neigt, diese Frage weiter zu erörtern. Die interalliierte Kriegskommission hat darauf ein­mütig ihren Standpunkt dahin präzisiert, der Augenblick seinochnichtgeko mm en, den Frieden zu erörtern.

Die Niederlage Deutschlands sei das ein­zige befriedigende Ende des Krieges.

Es zeigt sich somit, daß der sehr groß an­gelegte und ernsthafte Versuch Wilsons, Ende 1915 und Afang 1916 ein Ende des Krieges herbeizuführen,' tatsächlich durch die taktisch sehr geschickte, aber außerordentlich zielbewußte politische Führung Greys im Sande verlaufen ist.

Die Grey'schen Memoieren bedeuten in der Kriegsliteratur ein neues Zeugnis dafür, mit welch feilen fielen von Venen ver Mrenrs der Krieg gegen Deutschland geführt worden ist. Es scheint auf Seiten Englands und auch Frank­reichs ernsthaft niemals der Gedanke an einen Frieden bestanden zu haben, der nicht auf der völligen Niederlage Deutschlands aufgebaut werden konnte.

Ein englisches Urteil zur Kriegs­schuldfrage.

DerObserver" veröffentlicht eine Zuschrift von Professor C. H. Herford von der Man­chester Universität, der sein großes Befremden darüber ausspricht, daß der Vorstand des bri­tischen Instituts für internationale Angelegen­heiten den Antrag einiger Mitglieder, drei deutsche Sachverständige zu einer Erörterung der Schuldfrage einzuladen, ablehnte. Wie könne das Institut sich international nennen, wenn esvor der bloßen Möglichkeit eines unangenehmen Lichtes von auswärts schauere." Zur Sache selbst schreibt Mr. Herford:

Heuke weiß jeder unterrichtete Mensch, daß der Ursprung des Krieges keine klare und einfache Sache ist, und daß die einfache Ant­wort, die wir hier in England so lange zuver­sichtlich auf die Schuldfrage gaben, und die als ein fundamentales Axiom hingenommen wurde, um alle Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages zu diktieren und zu rechtfertigen, unhaltbar ist. Die Enthüllungen, die in Ruß­land, Frankreich und Serbien gemacht wurden, um nicht weiterzugehen, genügen vollkommen, um die Lehre von Deutschlands Alleinschuld über den Haufen zu werfen, in deren Namen nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa so schweres Unrecht zugefügt wurde.

Es war leicht, vielleicht unvermeidlich, beim Kriegsausbruch die entgegengesetzte Theorie lächerlich zu machen, zu der sich Deutschland ebenso einmütig bekannte. Auch diese Theorie barg Elemente der Illusion. Heute hat die unterrichtete Meinung in beiden Ländern, wie auch in Frankreich und Italien alle diese Illusionen überwunden. Es bleiben aber immer noch ernste Differenzen bestehen, deren Aufklärung von höchster Wichtigkeit ist. Nur eine Aussprache zwischen fähigen Ver­tretern der beiden Seiten kann die Erreichung dieses Zieles merkbar näherbringen, und nur ein Institut, das organisiert wurde, um inter­nationale Ziele zu verfolgen, könnte eine solche Aussprache leichtundangemessen organisieren.

selber englischen Journalisten gegenüber zuge- standen habe, daß dieser Abschluß des so schwie­rigen, wahrscheinlich für die künftigen Handels­verträge des Handelsmonopollandes Rußland mit anderen kapitalistischen Ländern vorbild­lichen Vertragswerts keine Sensation dar­stelle Der deutsch-rusische Abschluß sei nicht nur für Deutschland und Rußland, sondern ganz allgemein erfreulich, trotzdem die deutsche Wirtschaft wahrscheinlich

allerhand an dem Vertrage auszu setzen haben werde. Auf der anderen Seite habe man offen«

bar in Rußland eine zeitlang er tungen gehegt, daß Deutschland

Teilnahme an der eine vollkommene

in Locarno

enderung seiner Politik,

eine westliche Orientierung vornehmen wolle. Insofern seien die Vereinbarungen, die un­mittelbar vor der Abreise der deutschen Dele­gation noch Locarno getroffen worden seien, eine Klarstellung der Absicht Deutschlands, sich den Weg nach Rußland offen zu halten. Für uns gibt es, sagte Dr. Stress- mann, keine Option zwischen Ost­und West Politik. Wir wollen nach beiden Seiten in guten Beziehun­gen leben.

Der Minister ging weiter auf Meldungen aus der deutschen Presse über die neue Lage ein und gab dem Bedauern Ausdruck, daß man gerade in dem Augenblick, wo die deutschen Regierungsmitglieder in eine überaus schwie­rige dornenvolle Verhandlung mit den Allsten ten eintreten wollen, innerpolitische Meinungs­verschiedenheiten zu Hause mit besonderer Schärfe ausfechten zu wollen scheine. Dr. Stre­semann wies im Zusammenhang damit daraus hin, daß er z. B. als Führer der damals stärk­sten Oppositionspartei während der Genueser >te au der èMMMâ^â, nau teilgenommen hatten, leoc rnnerpolltische Opposition für die Dauer der Konferenz ein­gestellt und diesen Standpunkt auf das ent­schiedenste öffentlich im Reichstag vertreten

eine Bern

habe.

Locarno, 4. Okt. Der heutige Sonntag brachte ollständigung der an der Zujammen- kunft beteiligten Delegationen. Um 12.30 Uhr traf Chamberlain, begleitet von Sir Cecil Hurst und einigen wenigen Herren fast unbemerkt von den vielen Neugierigen hier

ein. Um 1 Uhr folgte Scialoja, der erste italienische Delegierte im Kraftwagen, während der zweite Delegierte, der Unterstaatssekretär Grandi nachmittags mit der Bahn folgte. Fast um dieselbe Zeit traf Vandervelde mit seinen Begleitern hier ein. Jm übrigen war der Nachmittag hauptsächlich mit Vorbesprech­ungen über Zeitpunkt und Arbeitseinteilung der morgen beginnenden Beratungen ausge­füllt. Die K ons er enz b e g i nn t am M on- t a g vormittag 11 Uhr mit einer Sitzung, die voraussichtlich nur Formalien gewidmet ist, während nachmittags die ersten sachlichen Be­ratungen sich anschließen. Die verschiedenen Delegationsführer, vor allem Briand und Chamberlain, haben heute nachmittag die Pressevertreter ihrer Länder empfangen, um sich, wie heute vormittag die deutsche Delegation, über ihre Hoffnungen für die Konferenz zu äußern. Dabei unterstrich Briand sehr stark den guten Willen auf franzö­sischer Seite, zu einem Einvernehmen zu ge­langen, während Chamberlain auf die histo­rische Entwicklung der zur Beratung kommen­den Fragen einging. Selbstverständlich hatten auch Briand und Chamberlain eine per­sönliche Aussprache.

Sehr groß warm die Anstrengungen und Aufwendungen, die die eidgenössischen und lokalen Behörden anläßlich der Zusammenkunft der Delegationsmitglieder in Locarno gemacht haben. So fand heute abend eine Illumination des Seeufers und der auf hohen Felsen ge­legenen Kiche Madonna del Sasso statt. Daran beteiligten sich auch die kirchlichen Behörden. Der Bischof von Lugano zelebrierte in der alten Kirche St. Antonio um 8 Uhr abends einen feierlichen Gottesdienst, in dem er den Segen des Himmels auf die bevorstehenden Verhand­lungen erflehte und in bewegten Worten auf die Rolle der Schweiz während der vergange­nen Kriegsjahre und auf ihre Pflicht zur Mit­arbeit zur Festigung und Bewahrung des Weltfriedens hinwies. An dem Gottesdienst nahmen u. a. auch eine Anzahl Herren de» deutschen Delegation teil.

Zur Frage des Vorsitzes auf der Konferenz.

Locarno, 4. Okt. Da die Zusammenkunft von Locarno einen nicht formalen Konferenz­charakter tragen wird, ist also z. B. auch nicht von einem Einberufer die Rede. Es dürfte auch