201. Jahrgang.
SamueM Anzeiger
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Nr. 232
Samstag -en 3. Oktober
1925
Regelung der deutsch-russischen Beziehungen
Das ReichsKabineN stimmt der Unterzeichnung -es Kandelsverlrages mit -er Sowjetunion grundsätzlich zu. — Tschitscherin über Sie rutzlan-sein-liche Politik Englands.
Das Neueste.
— Die deutsche Delegation für Locarno ist
andels-
gestern abend abgereist.
— Das Reichskabinett hat in seiner gestrigen llbendsitzung der Unterzeichnung des H Vertrages mit der Sowjetunion zugestimmt.
— Die Spanier haben Ajdir, die Hauptstadt des Rifgebieks, eingenommen und das linke Ufer des Guis und die, die neuen Stellungen beherrschenden Anhöhen besetzt. Reiches Kriegsmaterial ist in die Hände der Spanier gefallen.
Die Rifleuke sollen bedeutende Makerialver- lusie erlitten haben und vollkommen erschüttert sein. In Madrid herrscht großer Jubel.
Der deutsch-russische Vertrag und die Konferenz von Locarno.
Berlin, 2. Off. Der Reichsminister des tluswärtigen Dr. Stresemann empfing heute nachmittag den russischen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten Tschitscherin zugleich mit dem russischen Botschafter in Berlin. Die mehr als einstündige Unterhaltung bildete den Abschluß des gestern begonnenen Gedankenaustausches, der sich auf alle zwischen Rußland und Deutschland schwebenden politischen wirtschaftlichen Fragen erstreb"
Die deutsche Delegation ist $ von Berlin im Sonderzug nach ocarno äb- gersist. Kurz vorher ist es der Regierung noch gelungen, den Handelsvertrag mit Rußland so ziemlich unter Dach und Fach zu bringen. Bis kurz vor ihrer Abreise sind die Delegierten durch Besprechungen und Kabinettsberatungen fortgesetzt in Anspruch genommen worden, während die Delegierten der anderen Staaten sich durch einen Urlaub für die kommenden Verhandlungen stärken, oder, wie Briand, durch eine Automobilfahrt nach dem Orte der Konferenz erholen konnten. Immerhin — das was noch erreicht worden ist, war die Anstrengung und die stundenlangen Verhandlungen wohs wert.
Die Regelung der deutsch-russischen Beziehungen, die angesichts der Konferenz von Lo-
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carno von besonderer Wichtigkeit war, hat in erster Linie den Reichsaußenminister Stresemann sehr stark in Anspruch genommen. Am Donnerstag haben sich seine Besprechungen mit Tschitscherin bis gegen 2 Uhr nachts hingezogen und gestern haben sie die kargen Stunden ausgefüllt, die zwischen abermaligen Kabinettsberatungen und der Abreise noch übrig blieben. Während auf wirtschaftlichem Gebiete die letzten Hindernisse für den Abschluß des deutsch-russischen Handelsvertrages beseitigt worden sind, haben die Besprechungen zwischen Stresemann und Tschitscherin die politische Atmosphäre zwischen uns und den Russen vollständig geklärt und gereinigt. Der russische Volkskommissar für das Auswärtige wird sich davon überzeugt haben, daß nirgends die Spur etwa einer deutsch-englischen "Verständigung gegen Rußland zu erblicken ist, daß auch bei einem etwaigen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund keine Rede von der Möglichkeit einer solchen Politik sein kann. Daß Rußland m den deutschen Paktverbandlungen einen An- zur Besorgnis erblickte, ist bekannt. Man aber allen Grund, mit Sicherheit anzu- neomen, daß die beiden Staatsmänner, der russische Außenkommissar und der deutsche Außenminister, in dem besten Einvernehmen voneinander geschieden sind. Rußland weiß, daß leine Besorgnisse unbegründet sind.
Für die deutsche Politik bedeutet bi^ noll= händige Reinigung der deutsch-russischen Beziehungen kurz vor dem Zusammentritt der von Locarno einen besonderen Er- ® e Stellung unserer Delegation wäre auf , nferenz unter Umständen recht schwierig . wenn im Rücken die Gefahr einer e^'^M^en Verstimmung oder Spannung ^.v^Uirchten gewesen wäre. Sicher hatten die uoern Verhandlungsmäane alles daran gesetzt, solche Möglichkeit sich zunutze zu Diese Möglichkeit aber ist jetzt beseitigt no schere Delegierten werden api Montaa in
erer Delegation wäre auf
ReiGregiernng mH KriegslAldsrage
Berlin, 2. Okt. Von unterrichteter Seite wird uns über die Auffassung der Reichsregie- rung hinsichtlich der Entwickelung der Kriegsschuldfrage folgendes mitgeteilt:
Wenn die Antw o r t e n, die in P a ri s, London, Brüssel und Rom auf das deutsche Memorandum erteilt worden sind, von mancher Seite als Mißerfolg der Reichsregierung hingestellt werden, so läßt sich diese Beurteilung nur aus der völligen Verkennung des Zwecks der deutschen Aktion erklären.
In den Kreisen der Reichsregierung hat niemand erwartet und konnte niemand erwarten, daß die alliierten Regierungen die Erklärungen des Memorandums über den deutschen Standpunkt in der Kriegsschuldfrage zustimmend beantworten würden. Es wird noch geraumer Zeit und langwieriger entschlossener Aufklärungsarbeit bedürfen, bis die Schuldfrage eine Klärung findet, die von allen Mächten anerkannt wird. Dagegen handelte es ^ für die Reichsregierung im gegenwärtiaen iWÄ^^
erheitspaktes nü
be-
ginnen, ohne noch einmal mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen, daß sich das deutsche Volk moralisch nicht an das 1919 in Versailles erzwungene Schuldbekenntnis gebunden fühlt, und daß es nicht nur in den äußeren politischen Formen, sondern auch in seiner ganzen inneren Einstellung seinen Verhandlungspartnern mit dem Anspruch auf volle Gleichachtuna und Gleichberechtigung gegenübertritt. Gewiß ist schon 1919 in Versailles und seither bei manchem anderen Anlaß der gegen Deutschland erhobene Vorwurf von deutscher Seite zurückgewiesen worden. Das konnte die Reichsrmie- rung aber nicht davon entbinden, Sicker- heitsverhandlungen, durch die nach Auffassung aller beteiligten Regierungen eine neue wichtige Etappe auf dem Wege zur endgültigen Befriedung Europas errei' werden soll, ihrerseits mit der Wiederholung einer Zurückweisung zu eröffnen. Das mußte um so mehr geschehen, als die bekannte Erklärung des Reichskanzlers Dr. Marx vom 29. August 1924 noch nicht zur amtlichen Kenntnis der Verhandlungspartner gebracht war. Der Schritt war auch gerade jetzt "deshalb geboten, weil die Alliierten den Gedanken des Sicherheitspaktes auf das evgste mit dem Völkerbundgedanken verbunden haben, und weil,
Locarno den Kampf mit dem Bewußtsein aufnehmen können, daß sie im Rücken in jeder Beziehung gedeckt sind.
Der deutsch-russische Kaudelsvertrag.
Berlin, 2. Okt. Zur U n t e r z e i ch n u n g des deutsch-russischen Vertragswerkes hat das Reichskabinett in seiner gestrigen Abendsitzung seine grundsätzliche Z u - st i m m u n g erteilt.
Das gesamte Vertragswerk enthält folgende für die Regelung der beiderseitigen Rechts- und Wirtschaftsbeziehungen wichtige Einzelabkommen: Riederlassungs-, Wirt- schafks-, Seefchisfahrts-, Eisenbahn- und Steuer- Abkommen, über Handelsgerichte, außerdem Kosular- nebst Rechtshilfeabkommen und Nach- laßabkommen.
Zur endgültigen Feststellung der Vertragstexte, sowie zur Verständigung über einige noch offen gebliebene Punkte begibt sich eine unter Führung des Vorsitzenden der deutschen Delegation, von Körner, stehende engere deutsche Delegation unverzüglich nach Moskau. Mit Erledigung dieser Ausgabe sowie mit der Unterzeichnung ist in kürzester Frist zu rechnen Wenn auch einige Teile des gesamten Vertragswertes. insbesondere das Wirtschaftsabkommen,
wie schon das deutsche Memorandum vom September 1924 betont hat, der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund nicht denkbar wäre, wenn er als
e i n
mit dem
stillschweigend Sichabfinden dem Versailler Schuldspruch utet werden könnte. Das Ziel,
gedeutet wer
das die Reichsrsgierung bei ihrer Aktion allein im Auge hatte, ist somit durch die Tatsache der Ueberreichung und der Entgegennahme des neuen deutschen Memorandums erreicht. Hieran vermögen die alliierten Antworten, die sich auf die formale Regelung der Schuldfrage im Versailler Vertmg berufen, nichts zu andern.
Soweit diese Antworten neben der formalen Berufung auf den Versailler Vertrag noch Bemerkungen enthalten, die auf eine sachliche Stellungnahme Zur Schuldfrage und auf einen erneuten Vorwurf gegen Deutschland hinzudeuten scheinen, genügt ihnen gegenüber der Hinweis, daß es ein vergeblicher Versuch ist, an all den schon seht vorliegenden Ergebnissen
wlssenschafktlche Forschung seit Enoe des Krieges, insbesondere die lückenlose Akkenpublika- tion des deutschen Auswärtigen Amtes beseitigt hat. Selbstverständlich wird die deutsche Regierung auch weiterhin an ihrem Standpunkt festhallen. Insbesondere kann kein Zweifel sein, daß überall da, wo bei politischen Auseinandersetzungen so grundlegende Fragen, wie der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zur Erörterung gelangen, der Standpunkt zu wahren ist, daß Deutschland niemals einen politischen Akt vollziehen kann, der als die Anerkennung irgendwelcher moralischer Belastung des deutschen Volkes anzusehen wäre. Das wird bei einem etwaigen Eintritt Deutschlands in den Völker-
bund, aber auch dann, wenn es nicht dazu kommen sollte, den Signakarmächten des Versailler Vertrages, d< „ " jetzige, mit den bevorstehenden Verhandlungen zusammenhängende Erklärung nicht abgegeben worden ist, unmittelbar z u m Ä u s -
lenen gegenüber die
druck gebracht werden. Das ist nichts anderes als ein selbstverständlicher Ausdruck der Ueberzeugung, daß sich die Mitglieder der Völkerbundsgemèinichafk nicht nur äußerlich, sondern auch moralisch als gleichberechtigt anerkennen müssen, wenn sie dâs Friedensziel des Völkerbundes verwirklichen wollen.
angesichts der durch die Verschiedenartigkeit der beiderseitigen Wirtschaftssysteme bedingten Hemmungen noch keine auf die Dauer befriedigende Lösung der bestehenden Schwierigkeiten bringen, so stellt die auf breiter Rechtsgrundlage geschaffene umfassende Regelung der beiderseitigen Beziehungen doch gegenüber dem bisherigen ungeregelten Zustande unverkennbare Fortschritte dar. Als für die weitere Festigung freundschaftlich--wirtschaftlicher Beziehungen geeignete Einleitung^kann der Vertragsentwurf daher auch vom Standpunkt der deutschen Wirtschaft angesehen werden. Er kann darüber hinaus als wertvoller Ausgangspunkt für weitere wirtschaftliche Abmachungen betrachtet werden, sobald genügende Erfahrungen über die praktische Auswirkung des Vertragsentwurfs vorliegen. Die Bestimmungen über die Geltungsdauer der einzelnen Abkommen werden auch die Möglichkeit geben, zu gegebener Zeit auf Grund der bis dahin gemachten Erfahrungen die jetzigen Vereinbarungen zu verbessern
Die Tragweite des nach mühevollen mehr als zweijährigen Verhandlungen zustande gekommenen Vertragswertes ist um so größer als Deutschland das erste Land ist. das eine so umfassende Regelung mit der
Sowjekregierung trifft. Das Vertrags« werk wird ein Mittel sein, die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder auszugestalten und in gemeinschaftlicher Arbeit den beiderseitigen Wiederaufbau zu fördern. Es ist ein besonders glückliches Zusammentreffen, daß die Entscheidung der Reichsregierung über das Vertragswerk dem in Berlin anwesenden Volkskommissar Tschitscherin persönlich bekannt ge. geben werden konnte.
Unterredungen mit Tschitscherin.
Berlin, 2. Okt. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht eine Unterredung eines feiner Mitarbeiter mit dem russischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Tschitscherin, in der dieser erklärte, daß die augenblickliche Konstellation der großen Politik wesentlich durch die englische Feindschaft gegen die Sowjetunion bestimmt werde, die alle Situationen wesentliche beeinflusse. Die Formen, in denen sich diese Politik gegen Sowjetrußland betätige, seien weniger militärischer Art als vielmehr eine politische und wirtschaftliche Einkreisung Rußlands. Richt die Sowjetunion habe den politischen Kampf gegen England begonnen. Die Ursache der anti-sowjedistischen Politik Englands sieht Tschitscherin darin, daß die .jetzige,^ngüjHe.,MgieruM die Natur des Sowjetstaates als gefährlich für ihre Expansionspolitik und für ihre Herrschaftsmethoden in den Kolonien ansehe. — Auch die Paktpolitik Englands fei nach feiner Ansicht ein Bestandteil der britischen anti-sowjetistiichen Tätigkeit. Daher blicke Rußland mit steigender Besorgnis auf die Haltung Deutschlands, das mehr und mehr in das Fahrwasser der eng^ lischen Pläne einlenke. Die wichtigsten Fragen bildeten in diesem Zusammenhang die Art. 16 und 17 des Völkerbundspaktes, die das Mittel seien, mit dem Deutschland gegebenenfalls zur Teilnahme an einer Koalition gegen Rußland gezwungen werden solle. Daß sich Deutschland nicht von der Rapallolinie abbringen lassen wolle, dafür sei der Abschluß des deutsch russischen Handelsvertrages ein deutlicher Beweis.
Einem Vertreter der „D. A. Z." erklärte. Tschitscherin:
Dör Eintritt der Sowjetunion indenVölkerbund kommt garnicht in Frage. Der Gedanke, diesem durch den Versailler Vertrag geschaffenen Bmckie beizutreten, ist uns vollkommen fremd. Man mag noch so sehr die Fallen und Fesseln des Völkerbundes für gewisse Völker beschönigen, man wird die Tatsache nicht aus der Welt tchaflen, daß jedes Volk bei seinem Eintritt seine eigene Freiheit aufgibt, falls es nicht zu den Sieger- staaten des Weltkrieges gehört. Die Vorteile, die sich Deutschland von seinem Eintritt indenVölkerbund verspricht, werden Illusionen bleiben. Auf Grund des Artikels 16 kann Deutschland zur Teilnahme an wirtschaftlichen Sanftinen gegen andere Mächte gezwungen werden. Ich könnte mir eintretendenfalls für Deutschland und Rußland nichts Verhängnisvolleres denken.
I mW estenstehendietriumphie- renden Regierungen der Sieger« staaten. Ihnen gegenüber stehen diejenigen Völker, die daran arbeiten, eine ihren Lebensinteressen entsprechende politische und wirtschaftliche Stellung wiederzuerlangen. Das sind dieerwachenöenVölkerdesOstens, deren Vorwärtsbewegung durch keine Macht der Erde eingeschränkt werden kann. Wir sind^ die natürlichen Freunde der asiatischen Völker. Wir treten auf als die wahren Freunde eines unabhängigen Chinas sowie der Unabhängig- keitsbewègung bei den anderen asiatischen Völkern. Das wichtigste Ereignis unserer Geschichte ist der Friede mit Japan.
Demgegenüber nimmt England eine immer mehr feindliche Haltung gegen uns ein. Englische Minister haben gegen die Sowjetunion Drohungen ausgesprochen, wie sie bisher noch nicht gebraucht wurden. In diesem politischen Spiel will England auch Deutschland eine bestimmte Rolle zuweisen. Es hängt von Deutschland ab, ob es diese Rolle spielen will oder nicht»