«oo. Jahrgang hanauerS Anzeiger General-Anzeiger für die Kreise Kanan Sla-l und Land»
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Nr. 224
Dozwersrag den 24. September
1925
Das Neueste.
— Ueber das Ergebnis des gestrigen Ministerrats wird gemeldet, daß die Annahme der Einladung zur Sicherheitspaktkonferenz, die am 5. Oktober beginnen soll, im Prinzip beschlossen worden sei.
— Im wirtschaftspolitischen Ausschuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrats sprachen Reichswirtschaftsminister Dr. Neuhaus und Ernährungsminister Graf Kanitz, über die Preissenkungsaktion der Regierung.
— Auf dem Langen Markt in Danzig fand eine stark besuchte Massenprotestkundgebung gegen die Genfer Entscheidung des Briefkasten- konflikts statt.
— Die Drusen haben Sueida im Sturm genommen. Weiter wird die allgemeine Mobilmachung der Drusen gemeldet.
Die Berliner Beralungen.
Berlin, 23. Sept. Das Reichskabinett hat heute bis tief in die Abendstunden hinein getagt und seine vorbereitenden Beratungen über die Ministerkonferenz zum Abschluß gebracht. Da das offizielle Siegel unter das Ergebnis erst in einem Kabinettsrat, der am Donnerstag vormittag 11 Uhr unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten zusammentritt, gesetzt werden soll, ist beschlossen worden, bis dahin Geheimhaltung zu üben. Wir hören jedoch aus politischen Kreisen, daß in allen wesentlichen Punkten eine weitg eh en de Ueb ereinst immun g innerhalb des K a Line t t s sich ergeben hat. Die größte Ueber« raschung dürfte es bedeuten, daß nun doch der Außenministernicht allein zur. Kzärenz fähr^ sondern daß neben ihm b e r Stetes« kanzler selbstdie deutsche Delegation führt. Innerhalb des Kabinetts war aber eine starke Gruppe, der auch der Reichskanzler selbst angehörte, die sich auf den Standpunkt stellte, daß es nach den vorausgegangenen Verhandlungen nicht möglich wäre, die bevorstehende Konferenz nachträglich wieder in eine Vorkonferenz herabzudrücken, daß vielmehr die deutsche Delegation sehr wichtige Vollmachten besitzen müsse und es deshalb zweckmäßig wäre, wenn der Reichskanzler selbst mitginge. Diese Anschauung hat sich auch im Kabinett durchgesetzt.
Nach obiger Meldung sind die Vechandlun- gen des Kabinetts über den Rheinlandpakt und die Einladung zur Ministevkonferenz nunmehr soweit gereift, daß heute unter Lem Vorsitz des Reichspräsidenten im Kabinettsrat der endgültige Beschluß gefaßt werden kann. Die Beratungen haben sich einen Tag länger hingezogen, als man zunächst annahm. Es handelte sich dabei nicht allein um die Klärung der ganzen Angelegenheit im Kabinett, sondern auch um eine Sondierung der Regierungsparteien, die ja schließlich der parlamentarische Träger der ganzen Aktion sein müssen. Die Besprechungen mit den Parteiführern haben am Dienstag nachmittag stattgefunden und soviel Zeit in Anspruch genommen, daß das Kabinett selbst in vollzähliger Sitzung nicht mehr beraten konnte. Das Ergebnis war ein volles Einverständnis sämtlicher Regierungsparteien, daß die Einladung zur Ministerkonferenz angenommen werden muß. Da im Kabinett selbst nach der Rückkehr des Ministerialdirektors Gaus von London an dieser Notwendigkeit nicht ge= zweifelt worden ist, so war die Beschickung der Ministerkonferenz an sich am Dienstag abend schon so gut wie beschlossene Sache.
Der heutige Kabinettsrat wird also die Teilnahme Deutschlands an der Paktkonferenz beschließen. Das kann man nach dem Ergebnis »er Vorbereitungen und Vorbesprechungen mit aller Bestimmtheit voraussagen. Was die Richt- üvien für die deutsche Delegation anbetrifft, so vaben biefe auf der deutschen Note vom 20. Es und auf den Erklärungen, die die Reichs- regierung zur Paktpolitik im Reichstag abge- ireben hat, zu bassieren.
Diese Auffassung vertritt, wie uns aus po- mschen Kreisen mitgeteilt wird, auch das ueichskabinett. Ziel der Konferenz soll sein, mt den Unterhändlern der Westmächte zu Ver- anbarungen zu gelangen, die nach Genehmi- MNg durch die Regierungen und die Parlamente auf einer zweiten Konferenz unterzeich- werden sollen.
Ueber die Beratungen der deutschnalanalen R e i ch s t a g s f ra k t i o n, die E®1’ abend wieder ausgenommen wurden, Halsten wir, daß auch die deutschnationale Fraktion durchaus auf dem Standpunkte steht,
Zweiter Konflikt um Mossul?
Die Rolle Frankreichs in Genf. — Slarke Verstimmung. — Türkische Warnungen.
„Sie Lage ist ernst".
London, 23. Sept. Das wichtigste Ereignis des Tages ist die Rückkehr Amerys aus Genf. Die plötzliche Abreise Amerys ist auf den Wunsch des Premierministers Baldwin zurückzuführen. Baldwin will mit Amery über die Lage konferieren; auf einer Kabinettssitzung werden dann weitere Entschlüsse gefaßt werden. In gut unterrichteten Kreisen ist man dr Meinung, daß die Weigerung des Völkerbundes, sich in der Mossul- frage zu entscheiden, ein Sieg des französischen Einflusses sei. Alle maßgebenden Personen im Völkerbundsrat, dis die Entscheidung zu fällen hatten, waren entweder Franzosen oder den Franzosen verpflichtet. Die Mossut-Enkscheidung bedeutet nicht nur eine englisch-türkische, sondern mittelbar vielleicht eine französisch-englische Krise. Inwieweit dies öffentlich zum Ausdruck kommen wird, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle ist die Lage ernst.
Ganz so düster, wie obige Mitteilung sie hinstellt, können wir die Situation nicht an« sthen. London ist schon oft verstimmt gewesen, wenn ihm Paris das Konzept verdarb, ohne daß eine regelrechte „Krise" entstanden wäre. In diesen Fällen wird man sich allerdings im völkerbundbegeisterten ^England ganz beson- deren Gedanken hingeben über den inneren Wert der Genfer Abstimmungen.
Türkische Truppen an der Jrakgrenze
London, 23. Sept. Wie „Westminster Gazette" meldet, hat die Irak-Regierung dringend um die Entsendung britischer Truppen an die Grenze von Mossuj gebeten, mindestens einer Division, da allgemein ein Einmarsch türkischer Truppen befürchtet werde. Das Verlangen der Irak-Regierung soll in London alarmierend gewirkt haben. Ministerpräsident Baldwin ist aus Chequers nach London zurückgekehrt.
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London, 24. Sept. Der diplomatische Berichterstatter des «Daily Graphic" erklärt, von einer militärischen Stelle die Information erhalten zu haben, daß vier türkische Divi- Visionen an der Jrakgrenze konzentriert bezw. auf dem Wege dorthin seien.
Die Räumung Mosfuls durch England eine Anmöglichkeil.
Genf, 23. Sept. In einem Interview mit einem Vertreter des Reuterfchen Büros wies der englische Kolonialminister Amery nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, die Deportation der christlichen Bevölkerung aus dem strittigen Gebiet an der Grenze zwischen der Türkei und dem Irak durch Vertreter des Völkerbundes untersuchen zu lassen. Amery erklärte, die Welt solle die volle Wahrheit über diese äußerst beklagenswerten Vorfälle erfahren. Er bezeichnete den Vorschlag, daß England Mossul sofort räumen solle, als eine Unmöglichkeit. Die Aufgabe des von der Türkei beanspruchten Gebiets, so führte Amery aus, würde für den Irak einen Verlust von etwa einem Viertel feiner Einnahmen und demgemäß für England eine entsprechende Vermehrung seiner finanziellen Lasten bedeuten. Der Völkerbundsrat müsse die Grenzlinie bestimmen. Die Herrschaft der Türkei über Mossul werde für das Jrakgebiet eine unmögliche Grenze bedeuten.
daß die deutsche Note vom 20. Juli für die deutsche Paktdelegation bindend bleiben müsse. Aeber den Charakler der Konferenz, bestehen noch immer Zweifel. Auf Seiten der Alliierten ist man in gewissem Grade immer noch geneigt, eine Verknüpfung der Ostfragen mit dem Rheinlandpakt zuzulassen. Die Außenminister der Tschechoslowakei und Polens sollen, wenn auch nur als Beobachter, an den Verhandlungen über den Westpakt teilnehmen. Nach Ansicht unterrichteter Kreise wird Deutschland bis zum Zusammentreten der Konferenz auf dem Wege des diplomatischen Meinungsaustausches versuchen, die Verhandlungen durch eine solche Verknüpfung nicht von vornherein komplizieren zu lassen. In gewissem Sinne
scheint man auch die deutschen Bedenken auf der Gegenseite zu würdigen. So schreibt in diesem Zusammenhänge die Londoner „Times": „Die Minister der beiden östlichen Staaten werden an den Verhandlungen über den westlichen Sicherheitspakt nicht unmittelbar teilnehmen und auch nicht die Möglichkeit haben, die Einfügung allgemeiner und eine weitgehende Auslegung zulassender Klauseln durchzusetzen und somit den Pakt zu schwächen. Ebensowenig werden die Minister dieser beiden Länder nach den klaren Darlegungen Chamberlains erwarten können, daß die westlichen und östlichen Verträge miteinander verbunden werden. Die von
Türkische Warnungen.
Angora, 23. Sept. Die i Hakimieti Millie" erklärt zur
offizielle Zeitung
.....-_________ ________„ r Mossulfrage:
„Wir gehen nicht vor den Haager Schieds- gerichtshof, alle Beschlüsse, die darauf abzielen, unsere Rechte zu annullieren, werden bereits jetzt für null und nichtig erklärt. Die englischen Staatsmänner kennen trotz vieler Erfahrungen, die sie gemacht haben, die Türkei von heute nicht. Es gibt heute eine wachsame » nd selb st bewußte Türkei, die bereit ist, ihre Rechte mit den s ch w e r st e n O p f e r n zu verteidigen. Die englischen Staatsmänner verwechseln die Türken mit den ande- ren Staaten des Orients und die Karte der
Türkei mit der Afrikas."
Moskau die größte Gefahr.
Die M o s s u lf r a g e beschäftigt die öffentliche Meinung sehr stark. Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" betont, daß man sich an maßgebenden Stellen naturgemäß in Stillschweigen hülle, doch würde kein Versuch gemacht, den Ernst der Lage zu verkleinern. Der Korrespondent bezeichnet Moskau als die größte Gefahr i m Mos- fu l st r e i t. Bei der Gelegenheit werde Rußland die Interessengemeinschaft mitderTürkei betonen. Dazu kommen die Manöver der Russischen Schwarzmeer-Flotte,
hM,AürkLN oiK, Demynstration sür^dw Verteidigung Konstantinopels aufgefaßt würden. Im Mossulgebist machen sich aber noch andere, sehr bedeutsame Einflüsse bemerkbar. Dazu gehöre in erster Linie die Frage der Vergebung der Oelkonzessionen im strittigen Gebiet. England habe Amerika, Italien und Frankreich Zusicherungen auf Beteiligung an der Ausbeute der Erdölquellen im Mossulgebiet gegeben. In einigen Fällen werde jedoch die zugesagte Beteiligung als unzureichend angesehen.
Amerikanische AnzufrisSenheit mit dem Völkerbund.
Washington, 23. Sept. In amtlichen Kreisen ist man mit dem Resultat der September- Tagung des Völkerbundes unzufrieden. Die Entwaffnungspläne des Völkerbunds mit der beabsichtigten Konferenz, die her von Coolidge geplanten Konferenz Abbruch tun würde, hatten bereits eine gewisse Mißstimmung hervorgerufen. Nun hat die Wendung der Mossul- frage in Genf auch die amerikanischen Befürworter des Völkerbunds enttäuscht, da sie geeignet ist, das Argument der Gegner des Völkerbundes zu stärken, daß der Bund lediglich ein Instrument , der Großmächte sei. Das Unbehagen wird erhöht durch den Rifkrieg und den Drusenaufstand, die, wie man glaubt, die wachsende Unruhe in der mohammedanischen Welt widerspiegeln. Diese Erwägung, daß im Falle eines Krieges zwischen England und der Türkei Rußland der letzteren wahrscheinlich feine Hilfe anbieten werde, hat die Unruhe noch vergrößert. Obwohl die Regierung bisher ihre Desinteressiertheit an Kleinasien geflissentlich unterstrichen hat, weisen politische Kreise darauf hin, daß durch einen Konflikt in Kleinasien möglicherweise die Chester-Petroleum- Konzession berührt werden könnte. Im Zusammenhang Hiermit sieht man in der scharfen Stellungnahme der Regierung gegen die amerikanischen Flieger an der Marokkofront den Wunsch, sich ein Alibi zu schaffen, um darzulegen, daß Amerika jede unfreundliche Haltung gegen die Mohammedaner mißbilligt.
ihnen abzuschließenden Verträge können je« doch nicht von dem, was vorher erreicht worden deckung
ist, ganz abhängig sein." Die letzte Entscheidung, in welcher Form die Teilnahme Polens und der Tschechoslowakei erfolgen soll, ist also noch nicht gefallen. Den Schritt der Tschechoslowakei, der die Bereitwilligkeit Benesch' zu Ver» Handlungen über den Abschluß eines Schiedsvertrages kundgab, legt man aber kn politischen Kreisen dahin aus, daß in Berücksichtigung der deutschen Wünsche diese Verhandlungen erst nach dem Westpakt eingeleitet werden sollen
Stimmungsmache für die PaKl- verhandlungen.
Der Genfer Korrespondent des Brüsseler „L e P e u p l e" drahtet seinem Blatte folgen- des Telegramm:
Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bildet gegenwärtig in Genf den Gegenstand eifrigster Verhandlungen, die jedoch mit größter Verschwiegenheit geführt werden. Ich erfahre von zuständiger Seite, daß man sogar soweit gegangen ist, die Ueber» gäbe eines Mandates an Deutschland über eine seiner früheren Kolonien ins Auge zu fassen. Das würde der deutschen Oeffentlichkeit eine tiefe Befriedigung geben. Infolge einer englischen Anregung war zuerst davon die Rede, den Deutschen das Mandat über eine oder mehrere Inseln des Großen Ozeans, die gegenwärtig unter englischem Mandat stehen, zu übergeben. Ich glaube jedoch, daß die Verhandlungen weit genug vorgeschritten sind, um sagen zu können, daß eine Mandatsübertragung von England selbst ausgehen wird und'
zwar ist die Rede davon, Deutsch Aufsicht des Völkerbundes die Vi
land unter der
erwaltung von
Togo und Kamerun zu übertragen."
Obige Meldung, daß gewissermaßen als Mumie für den Völkerbundseintritt Deutschland ein Teil der ehemaligen Kolonien zurückgegeben werden soll, darf u. E. lediglich als Stimmungsmache gewertet werden. Dieser Ankündigung fehlt jede sachliche Unterlage und soll offenbar dazu dienen, in Deutschland die Stimmung für die kommenden Verhandlungen zu beeinflussen. Aehn- lich verhält es sich wohl auch mit der Nachricht über eine bevorstehende Räumung der Kölner Zone.
Zu dieser Angelegenheit wird uns heute aus Brüssel gemeldet: Der Artikel des Peuple, der sich mit der Frage eines Kolonialmandats für Deutschland beschäftigt, falls das Reich Mitglied des Völkerbundes würde, findet in belgischen Kolonialkreisen und auch bei zahlreichen Politikern eine sehr unfreundliche Aufnahme. Es wird darauf hingewiesen, daß durch ein deutsches Mandat über einen Teil von Togo und Kamerun den Belgiern wirtschaftliche Nachteile erwachsen würden. Man weist darauf hin, daß England Deutschostafrika unter allen Umständen behalten will, um den großen Kolo- nialplan zu verwirklichen, die Herstellung einer direkten Verbindungskinie zwischen Kairo und dem Kap der guten Hoffnung.
Danziger Protest gegen die Völker« bundsentscheidung.
Danzig, 23. Sept. Der DanzigerHelma t d i e n st hatte heute zu einer Protestkundgebung auf dem Langen Markt gegen die Entscheidung des Völkerbundsrats im Poststreit aufgefordert. Tausende von Einwohnern waren dieser Aufforderung nachgekommen. Nach Ansprachen von Vertretern des Beamtenbundes, der christlichen und der freien Gewerkschaften und der Angestelltenorganisationen wurde eine Entschließung angenommen, die der bitteren Enttäuschung darüber Ausdruck gibt, daß der Völkerbundsrat die Frage des Poststreits im Sinne des für die Stadt Danzig unerträglichen Sachverständigengutachtens entschieden hat. Das Vertrauen der Danziger Bevölkerung zum Völkerbünde habe einen neuen schweren Schlag erlitten. Es fei unverständlich, daß die Sachverständigenkommission ihr Gutachten nicht be-. gründete und daß der Völkerbundsrot die von der Freien Stadt Danzig geltend gemachten Bedenken unberücksichtigt gelassen hat. Die Danziger Bevölkerung hoffe bestimmt, daß nach drei Monaten eine neue, dem Grundsätze des Rechtes und der Gerechtigkeit gerecht werdende Regelung der Postfrage erfolgt.
Die KredNnvl der Landwirlschast.
Berlin, 23. Sept. Die Landtagsfraktion bei Deutschen Volkspartei hat i i preußischen Land« tag folgende „Große An,rage" eingebrachti „Die Reichsregierung verlangt die restlose Ab« rg aller bei ihr laufenden landwirtschaft-