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SanauerS Anzeiger

General-Anzeiger für die Kreise Kanan Stadt und Laad.

Nr. 211

Mittwoch den 9. September

1925

Neue Paklschwieriglreilen.

Das Kernproblem auch in London nicht gelöst. Der Pakt im Spiegel französischer Auffassung.

Genf, 8. Sept. Der heutige Tag war, so­weit es sich um die den Sicherheitspakt be- treffenden Verhandlungen drehte, von ganz sensationeller Bedeutung. Er begann eigent­lich mit einem hochpolitischen P r e s f e b a n - kett im Hotel des Bergues, dem Painlevë, Chamberlain, Vandervelde und der Senator Jouvenel beiwohnten. Die wichtigste politische Rede wurde von Chamberlain ge­halten, der mit ganz deutlichen und die fran­zösischen Journalisten sowie Painleve tief überraschenden Erklärungen die Notwendig­

keit einer baldigen Zusammenkunft mit Ver­tretern der deutschen Regierung aussprach. Chamberlain gab der Hoffnung Aus­druck, daß noch in diesem Monat oder vielleicht zu Beginn des nächsten eine Konferenz stattfinden möge, um das Werk des Friedens vorzubereiten. Nach chm sprach V a n d e r v e l t e, der in vielleicht noch eindrucksvollerer Weise mit seiner großen Rednergabe die Bedeutung der Paktoerhandlungen in den Vordergrund rückte und auch auf Rußand hinwies, dessen Eintritt in den Völkerbund für die Wiederher­stellung des Friedens auf dem Kontinent von entscheidender Tragweite sein würde. Sehr mattfiekdieRededes französischen Minister­

Präsidenten aus. Painlevs wagte es nicht, jein und den ^WLeâuchsmt ^agffc über die diplomatischen Vorgänge in solcher würde, sich auf Grund des Artikels 8i

Art und Weise zu sprechen, wie'seine beiden Vorredner. Auch Senator Jouvenel

verschanzte sich hinter einigen sehr höflichen Phrasen. Er hielt es offenbar für besser, an­läßlich eines Journalistenbanketts nicht mit diplomatischen Enthüllungen zu kommen. Den Erfolg des Banketts bildeten in journalistischer Hinsicht jedenfalls die Reden Chamberlains und Vanderveldes.

Unmittelbar nach dem Bankett reisten Painlevè, Brianh und Chamber­lain zu Baldwin nach Aix - les - B a i n s. Der Offiziosus will nur von einem Höflichkeitsbesuch beim englischen Minister­präsidenten etwas wissen. Es wurde ein Communiquè ausgegeben, in dem es heißt, daß die Herren Tee tranken und sich über einige ganz nebensächliche und amüsante Binge unterhalten haben. Um ^8 Uhr abends kehrten Painlevë, Briand und Chamberlain zurück. Von den Journalisten ausgefragt, machten sie zuerst einige Spässe. Schließlich aber fühlten sie sich bewogen, mitzuteilen, daß Zwischen Baldwin und Chamber­lain eine gründliche Ausp rache über das nunmehr vorliegende Expose der Londoner I u r i st e n - Konferenz stattgefunden habe. Es han­delt sich hier um ein Schriftstück, in dem die Gunsten, inbegriffen der Vertreter des deut­schen Auswärtigen Amtes, eine vollkommene Darstellung der verschiedenen Gesichtspunkte entwickeln. Wie es heißt, und wie auch Bri­and im Gespräch mit einigen französischen Journalisten hervorhob, sind Gegensätze sowohl zwischen der englischen und französischen, als auch zwi­schen der alliierten und der deut­schen A u f f a s s u n g f e ft g e st e l l t wor­den.

Polen und die Tschechoslowakei sollen an einer Konferenz teilnehmen.

Paris, 8. Sept. Wie aus Aix-les-Bams gemeldek wird, sollen die dort zum Besuch j Baldwins eingelroffenen Minister Painleve, Bnand und Chamberlain übereingekommen sein, eine Sieben st aaten-Lonfe- r ® n 3 einzuberufen, an der die Außen- mmister von England, Frankreich, Belgien, Dakien, Deutschland, Polen und der ^lchechoslowakei teilnehmen sollen. Man be- nicht nur die Rheinlandpaktfrage, fonoern auch die Schiedsgerichtsver- rage mit Bezug auf die östlichen Grenzen zur Sprache zu bringen.

Das Ergebnis von London.

, . ^K«, 8. Sept. Ein sehr ungünstiges Ur= U über das Ergebnis der Londoner Juristen- onferenz fällt der diplomatische Mitarbeiter »Daily Telegraph", der bisher immer sehr

gut unterrichtet war. Er schreibt, das Kern­problem der Sicherheitsfrage fei auch in London nicht gelöst worden. Es sei deswegen keineswegs sicher, ob die Empfehlungen des Juristenkomitees der öffentlichen Meinung Deutschlands besonders annehmbar erscheinen. Keine der hauptbe­teiligten Mächte hätte ihre Haltung hinsichtlich der deutschen Ostgrenzen geändert. Eine Eini­gung über den Westpakt sei aus diesem Grunde sehr fraglich. Diese Mitteilungen desDaily Telegraph" bereiten auf die sehr schwierige Situation vor, der sich die deutschen Vertreter gegenübersehen, wenn das Reichskabinett der Einladung der Alliierten Folge leistet. Wie gering die Neigung der Pariser Regierung für den Abschluß eines reinen Westpaktes ist, geht weiter aus der Andeutung desDaily Tele­graph" hervor, nach der anscheinend diplo­matische Erörterungen zwischen Italien, Frankreich und der Tschechoslowakei für den Abschluß eines gesonderten Schutzpaktes einge­leitet worden sind. Daß dieser Schutzpakt in erster Linie den Anschluß O e st e r r e i ch s

an das Deutsche Reich verhindern soll, gibt das Blatt offen zu. Es gibt sich aber auch darüber keiner Täuschung hin, daß Deutsch­land mit einem solchen Pakt nicht zufrieden

ordern

10 des

Versailler Vertrages mit der Anschlußfrage zu

beschäftigen. Allem Anschein nach sieht es so aus, als ob die Londoner Juristenkonferenz keineKlärung, sondernehernoch Verwicklungen geschaffen hat. Trifft das zu, dann bestätigt sich auch die Auffassung der Reichsregierung, daß die Behandlung der Sicherheitsfrage durch mehrere Konferenzen dieser nicht förderlich sein, sondern nur neue Konfliktsstoffe schaffen wird.

Der Sicherheitspakt im Spiegel französischer Auffassung.

Pariser Brief.)

Der Kongreß der Friedensfreunde in Paris verbreitet nach allen Seiten Stimmungswellen, die sicherlich besonders in Deutschland von gläubigen Ohren aufgefangen werden. Es ist zwar nicht erwiesen, aber trotzdem nicht un­wahrscheinlich, daß diese ganze Stimmungs­mache im Dienste der französischen Politik steht, um einen möglichst dichten Schleier über das zu ziehen, was Frankreich wirklich beabsichtigt. Es erscheint um so notwendiger, die wahren Absichten der französischen Politik immer wie­der von neuem zu unterstreichen. Demjenigen, der die Pariser Presse genau verfolgt, fällt diese Aufgabe nicht schwer. Denn während man nach außen Stimmungsmache betreibt, spricht man sich im eigenen Hause ziemlich offen über die eigenen Herzenswünsche aus.

Es ist in Paris als ein Erfolg der franzö­sischen Politik empfunden worden, daß Italien seine Teilnahme an den Paktverhandlungen angemeldet hat. Seit Monaten hat Briand

alles getan, was er tun konnte, um der Be­teiligung Italiens den Weg frei zu machen. Wie in Paris jedermann weiß, hat er die fran­zösische Presse ständig ermahnt, Italien gegen­über einen möglichst herzlichen Ton anzuschla­gen. Seine Bemühungen sind denn auch nicht erfolglos geblieben und man hat in Paris Italien als Teilnehmer an den Paktbesprechun­gen herzlich willkommen geheißen. Wenn man dies weiß, so wird man sowohl das italienische Interesse an dem Sicherheitspakt wie auch die Ziele der französischen Sicherheitspolitik im richtigen Lichte sehen.

Der französische Außenminister ist damit beschäftigt, ein ganzes System von Garantie­verträgen auf die Beine zu stellen, in dem der deutsch-französische Sicherheitspakt nur einen Teil darstellt. In diesem System ist die Teil­nahme Italiens für Frankreich von großer Bedeutung. Wie man weiß, steht Italien bei der Bekämpfung des deutsch-österreichischen Zusammenschlusses im Vordergrund. Ihm zur Seite die Tschechoslowakei, die ebenfalls einen Raub deutschsprachlichen Gebietes aus der Erbschaft der Oesterreichischen Monarchie zu verteidigen hat. Die französische Außenpolitik hat diese Lage schon vor längerer Zeit in ihre Rechnung eingestellt und sie arbeitet heute aus

einen Garantievertrag zwischen Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei hin, der die italienische Brennergrenze und die Grenzen der Tschechoslowakei sichern soll. In dem allgemei­nen Garantiesystem, das die französische Poli­tik anstrebt, ist dieser Vertrag ein besonders wichtiger Bestandteil.

Wie schon gesagt, gehen die französischen Bestrebungen darüber noch hinaus. Man will eine ganze Reihe von Garantieverträgen zu­standebringen, die gewisse Grenzstrecken sichern und für die man soviel Garantieunterschriften wie nur irgend möglich gewinnen will. Das eine wäre der Rheinlandpakt, der andere der Pakt zwischen Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei, ein dritter der Pakt mit Polen und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß auch ein Pakt mit Dänemark in diesem Rahmen in Aussicht ge­nommen ist. Wenn dieses System von Garan­tieverträgen einmal im vollen Umfange ent­wickelt ist, so glaubt Frankreich darin einen wertvollen Ersatz für das Genfer Sicherheits­protokoll zu finden, das ja bekanntlich an dem Widerstande Englands gescheitert ist. Ja man glaubt in Paris, daß dieses System noch besser ist als das gescheiterte Protokoll, daß es jeden­falls ganz markante Vorzüge besitzt. Bei dem Genfer Protokoll handelte es sich um eine Ga­rantie, die auf das Ganze ging. Hier handelt es sich um Garantieverträge, die immer nur einen bestimmten Grenzstrich betreffen. Wenn Frankreich bei allen diesen Verträgen die Hand im Spiele hat, so hofft es damit, seine Außen­politik fester fundamentieren zu können, als es durch das Genfer Protokoll möglich war. Das System hat außerdem den Vorzug, daß es die einzelnen Regierungen mehr auf ihr eigenes Interessengebiet beschränkt.

Die ,Pariser Zeitungen haben angedeutet, daß Briand diese Gedankengänge in Genf auf der Vollversammlung des Völkerbundes ent­wickeln werde. Er wird es vor diesem Forum sicher in sehr geschickter und verblümter Form tun, damit der Pferdefuß der französischen Außenpolitik dabei nicht zum Vorschein kommt. In Deutschland wird man aber diese franzö­sische Sicherheitspolitik mit schärfster Aufmerk- asmkeit verfolgen müssen. Es versteht sich von selbst, daß Briand zur Durchführung dieses Systems von Garantieverträgen Deutschlands Teilnahme nicht nur an dem Rheinpakt nötig hat, sondern auch an einer Reihe von anderen Garantieverträgen. Das gilt namentlich für dis Garantierung der Brennergrenze, für die der tschechoslowakischen und für die der polni­schen Grenze. Man hat es in Paris gewürdigt, daß die deutsche Regierung es abgèlehnt hat, ihre Unterschrift für einen anderen Sicherheits­vertrag zur Verfügung zu stellen, als für den Rheinpakt. Aber es versteht sich von selbst, daß man sich damit nun nicht zufrieden gibt. Man wird auf Deutschland drücken, auch die andern Grenzverträge zu garantieren und die Teil-

nahme Italiens bedeutet selbstverständlich eine Vermehrung dieses Druckes. Es erscheint an­gebracht, durch den Phrasennebel des Pariser Friedenskongresses hindurch den Blick einmal auf diese Ziele der französischen Politik zu öffnen.

Ministerialdirektor Gaus erstattet Bericht.

Mehrere Blätter melden, daß sich Ministerialdirektor Gaus in Begleitung des Staatssekretärs von Schubert heute nach Norderney begeben wird, uni dort dem Reichsaußenminister Stresemann über daS Ergebnis der Londoner Besprechungen der juristischen Sachver­ständigen Bericht zu erstatten.

Nach Meidungen derVossischen Ztg." und des .Vorwärts" aus Genf soll dec deutschen Regierung als Datum für den Zusammentritt der Mlinister- lonfercuz über den Sicherheitspakt der 29. September vorgeschlagen worden sein. Im übrigen sei im Aus­wärtigen Amt eine offizielle Einladung noch nicht eingetroffen.

Unnachgiebige Kattung der Türkei.

Genf, 8. Sept. (Schweizerische Depeschen- ageniur.) Es verlautet, daß die türkische Dele­gation aus Angora telegraphisch die Weisung erhalten hat, eine Abstimmung im strittigen Gebiet von Mossul in Vorschlag zu bringen. Die Verhandlungen des Berichterstatters Anden über diese Frage mit den britischen und türkischen Vertretern gehen nur langsam vor­wärts. Man ist der Meinung, daß die Frage den Völkerbunosrat im ganzen September und in der Session im Dezember beschäftigen wird.

G e n f, 8. Sept. Die Türkei hak ihrer Dele­gation die Weisung erteilt, u n nach­te b i q die türkischen Forderungen »insichtlich des Mossulgebietes s e st z u-

halten. Mit einer Aushebung der Entschei­dung des Völkerbundsrates wäre die Türkei nur einverstanden, falls gleichzeitig vom Völ­kerbund eine Volksabstimmung im Mossul- gebiet angeordnet würde. Die türkische Dele- §ation wird in diesem Sinne dem Völker- undsrat eine Denkschrift überreichen.

Am die Finanzkontrolle in Oesterreich

Genf, 8. Sept. Die Frage des Abbaues der Finanzkontrolle des Völkerbundes in Oester­reich stand heute vor dem Finanzkomitee des Völkerbundes zur Beratung. Die Aussprache ergab, daß auch das Finanzkomitee des Völker­bundes grundsätzlich für die Einleitung bee Abbaues der Kontrolle ist. Das Komitee spricht sich jedoch dafür aus, daß mit dem Beginn des Abbaues ein Delegierter des Völkerbundes nach Wien entsandt und der Oesterreichischen Staatsbank als Beobachter beigegeben werden soll. Da von englischer Seite, wie bereits vor

einigen Tagen im Ratskomitee, wiederum mit Rücksicht auf die Interessen des ausländischen Kapitals Bedenken gegen den Abbau geltend gemacht wurden, beabsichtigt das Komitee dem Völkerbundsrat vorzuschlagen, daß sich die österreichische Regierung im voraus verpflich­ten soll, mit der Wiedereinführung der Kon­trolle einverstanden zu sein, falls eine solche

sich nach Meinung des Völkerbundes nötig er­weisen sollte.

Geglückter Landungsversuch der Spanier.

Paris, 8. Sept. Wie in Madrid amtlich bekanntgegeben wird, sind spanische Truppen in der Bucht von Alhucemas gelandet. Hebet die Landung hat General Primo de Rivera, der sich an Bord des Schlachtschiffes Alfonso 13. befindet, folgenden Funkspruch an den König und die Regierung gerichtet: Heute mittag sind die Truppen in der Bucht von Eebadilla gelan­det. Um 12.30 Uhr haben sie nach kurzer Ar­tillerievorbereitung und ohne auf Widerstand zu stoßen, Stellung bezogen. Die Landung ist auf der Halbinsel Morro Nuovo (Alhucemas- bucht) durch Truppen erfolgt, die unter dem Befehl des Generals Caro stehen.

Spanien um Tetuan besorgt.

Paris, 8. Sept. Der Korrespondent des Temps" in Madrid schreibt seinem Blatte, daß man in allen politischen spanischen Kreisen mit Ungeduld die Nachrichten aus Marokko erwarte, daß dagegen die öffentliche Meinung gegenüber den dortigen Vorgängen ziemlich lau bleibe. Das liege zum Teil an der bis­herigen Erfolglosigkeit der spanischen Opera­tionen^ zum Teil auch daran, daß die strenge Zensur keine interessanten Nachrichten durch­lasse. Trotzdem alles für einen Erfolg vorbe­reitet fei, fei man doch um Tetuan b e- sorgt, das von den Djeballahs stark bedrängt werde. Es sei möglich, daß man, um Tetuan zu schützen, nicht mit der beabsichtigten Stärke die Hauptstadt des Rifgebietes Adjir werde be- rennen können.

Paris, 8. Sept. Havas berichtet aus Fez, der Druck des Feindes bei Jssual Halle weiter an. Nördlich dieses Postens habe er sich festgesetzt. Die französischen Flug­zeuge unternehmen überall, wo feindliche Zu­sammenziehungen stattfindcn, Bombardements. Der Angriff auf Tetuan und Adjir soll bei der Bevölkerung große Erregung hervorgerufen haben. Abd el Krim verstärke seine Propa­ganda bei den unterworfenen Stämmen und versuche, im Rücken der französischen Truppen einen Aufstand anzu- zetteln. Im übrigen herrsche an der ganzen Front Ruhe.

21 Schiffe Ser Spanier versenkt?

London, 9. Sept. Ein Mitarbeiter der Times" meldet aus Tanger, ein vom Haupt­quartier Abd el krims herausgegebener Be­richt meldet, daß die Versuche der Spanier, bei Wadlau Truppen zu landen, zurückgeschlagen worden seien. Hier seien 7 und bei Alhucemas 14 Schiffe dec Spanier versenkt worden. Der Berichlersiakker teilt mit, daß eine Bestätigung der Meldung in Tanger nicht zu erlangen sei Nach Aussage von Rifanhängern seien an bei ganzen Küste von den Rifanhängern Mine» gelegt worden.

Zum Lohnkoustikt der Eisenbahner.

Elberfeld, 8. Sept. Die Bezirksverbände der Reichsbahndirektionsbezirke Elberfeld, Köln und Essen des Einheitsverbandes der Eisen­bahner Deutschlands nahmen hier in einer ge» meinsamen Tagung zu dem Lohnstreit Stellung wie folgt:An den Forderungen der allgemein