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Hanauer W Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Sana« Sladl und Land.
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Nr. 206 Donnerstag den 3. September
1925
Das Neueste.
— In Paris wurde gestern nachmittag der 24. Weltfriedenskongreß durch den französi- jchen Unterrichtsminister de Monzië eröffnet.
— Gestern abend sind Chamberlain, Briand und Dandervelde in Genf zur Besprechung der englisch-belgisch-französischen Fragen zusammengetreten.
— Die französischen Bankbeamten haben die Fortdauer des Streiks beschlossen.
— Marschall Petain ist vom Ministerrat zum militärischen Befehlshaber Wer Marokko ernannt worden.
, " ' ‘ ' " ......7.....'"---------------------------------------- Der Einlritt Italiens in Sie
Paklverhan-lungen.
Seit der Ueberleitung der schriftlichen Pakt- verhandlurrgen in das mündliche Verfahren, geht die Entwicklung ihren Gang, ohne daß zunächst nach außen hin viel davon in die Erscheinung tritt. Umso ausfallender macht sich ein neues Moment bemerkbar, das für den Verlauf der Paktverhandlungen voraussichtlich von erheblicher Bedeutung sein wird: Der nachträgliche Eintritt Italiens in die mündlichen Beratungen. Der Beginn der Londoner Besprechungen zwischen den juristischen Sachverständigen mußte bekanntlich um einen Tag verschoben werden, well Italien ziemlich unerwartet einen Vertreter anmeldete, als die übrigen Sachverständigen sich bereits in der englischen Hauptstadt versammelt hatten. Jetzt taucht die glaubhafte Meldung auf, daß Italien sich auch an der geplanten Konferenz der Äußenministerbeteillgen will und daß Mussolini um die Wahl eines Konferenzortes gebeten hat, der es ihm infolge zentraler Lage ermöglicht, ohne allzu großen Zeitverlust an den Beratungen teilznuehmen. Die in Aussicht genommene Tagung der Außenminister am Genfer See wird also voraussichtlich die Vertreter Deutschlands, Englands, Frankreichs, Belgiens und Italiens vereinigen.
Es ist doch wohl etwas sehr äußerlich, wenn man den Wunsch Mussolinis nach einer Beteiligung an der Konferenz aus Prestige-Gründe zurückführt. Der Realpolitik, zu der sich der Faschistenführer Mussolini bekennt, wäre wenig mit der Würde und dem Glanz eines Vorsitzes in der Ministerkonferenz gedient, wenn nicht auch ein greifbarer Vorteil dabei zu erzielen wäre. Und auf diesen Vorteil kommt es den Italienern selbstverständlich in erster Linie an. Mussolini hat seine Teilnahme an den Pakt- verhandlungen nicht artgemeibet, um etwa nach amerikanischem Muster den Beobachter zu spielen.. sondern um Italien einen Platz bei dem Abschluß des Paktes zu sichern. Man erinnert sich, daß diese Frage schon in einem früheren Stadium der Verhandlungen eine Rolle gespielt hat. Als man in langwierigen Besprechungen die Antwort auf das deutsche Paktmemoran- dum ausarbeitete, machte Italien den Versuch, den Gedanken des Sicherheitspaktes über die deutschen Ost- und Westgrenzen hinaus auch auf die österreichisch-italienische Grenze zu übertragen. Von dem ursprünglichen deutschen Gedanken, die deutsche Westgrenze gegen kriegerische Verwicklungen sicherzustellen, war man bereits durch das französische Verlangen abgekommen, auch die deutschen Ostgrenzen unter Garantie zu stellen. Das italienische Verlangen nach einer Sicherung der österreichisch-italienischen Grenze ging noch einen Schritt weiter. Es drang damals nicht durch, da England schon Bedenken hatte, sich mit dem Risiko der östlichen Grenzsicherung zu belasten. Wenn jetzt ein italienischer Sachverständiger in London an den Besprechungen teilnimmt und wenn Mussolini sich für die Konferenz der Außenminister anmeldet, so kann man sicher sein, daß das frühere italienische Verlangen dahintersteckt, auch die italienisch-österreichische Grenze in den vicherheitspakt mit einzubeziehen.
Die Paktverhandlungen werden durch den Eintritt Italiens nicht gerade erleichtert werden. Wie in Paris, so fürchtet man auch in gewisse Konsequenzen, die unweigerlich werden gezogen werden müssen, wenn der L-icherheitspakt einmal Wirklichkeit geworden wird. In Paris fürchtet man vor allen Dingen die Rückwirkung auf die französische öiheinpolitik, in Rom die Wendung, die in der A"ge des deutsch-österreichischen Zusammen- icylusses eintreten muß. Eine Sicherung des europäischen Friedens durch den Abschluß des
Paktes ist der kräftigste Stoß gegen die französische Position am Rhein und sie ist auf der andern Seite der kräftigste Schlag gegen die Schranke, die der Friedensvertrag unter völliger Mißachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zwischen Deutschland und Oesterreich errichtet hat. In einem friedensgesicherten Europa gibt es nicht den geringsten stichhaltigen Grund, die trennende politische Schranke zwischen den beiden deutschen Brudervölkern aufrecht zu erhalten. Diese Entwicklung sieht man wohl in Rom voraus und deshalb beeilt man sich, auch das neuentstandene italienische Grengsystem unter das Dach und Fach des Sicherheitspaktes zu bringen, ähnlich wie Frankreich sich bemüht, die neugeschaffenen und auf die Dauer unhaltbaren östlichen Erenzoer- Hältnisse mit Hilfe des Sicherheitspaktes zu fun- damentieren.
Der französischen Polittk gegenüber ist schon wiederholt deutlich genug gesagt worden, daß Deutschland sich niemals dazu verstehen kann und wird, irgendwelche Garantie für Aufrechterhaltung der östlichen Grenzen zu übernehmen. Ebenso ablehnend stehen wir selbstverständlich den italienischen Wünschen gegenüber. Es ist schon aus rein äußerlichen Gründen ein Ding der Unmöglichkeit, dem italienischen Verlangen Folge zu geben. Es gibt keine gemeinschaftliche deutsch-italienische Grenze. Diesen Zustand hat die Entente geschaffen, als sie Deutschland und Oesterreich durch das Mittel ihrer brutalen Gewaltpolitik daran hinderte, den gegenseitig innigst gewünschten Zusammenschluß zu vollziehen. Run muß man diesem Zustand selbstverständlich auch Rechnung tragen. Für Deutschland handelt es sich einzig und allein darum, den Paktgedanken in seiner ursprünglichen Form ausrecht zu erhalten, d. h. durch Garantierung der deutschen Westgrenze dem Rheinland dauernde Sicherheit gegen künf- tige Störung und dauernde Freiheit zu verschaffen. Was darüber hinaus geht, ist vom Uebel und für uns nicht annehmbar.
Alliierle Einigung über den Sicherheilspakl?
Genf, 2. Sept. Vanderoelde und Chamberlain hatten heute nachmittag eine einstündige Unterredung über den Sicherheitspakt. Bei seiner Rückkehr erklärte Vandervelde der Presse, daß zwischen ihm und Chamberlain über die Grundlagen des Sicherheitspaktes volle Einigkeit herrsche. Diese Einigkeit sei um so wertvoller, als sie sich auf England, Belgien und Frankreich erstrecke, was er aufgrund seiner heutigen Aussprache mit Briand mitteilen könne. Diese Einigkeit dürfe in Deutschland nicht mißverstanden werden, da es sich in keiner Weise bei dem jetzt in London von den juristischen Sachverständigen beratenen Paktentwurf um etwas handle, was von Deutschland nur angenommen oder ab gelehnt werden könne. Im übrigen habe sich in seinen heutigen Verhandlungen mit Chamberlain wieder gezeigt, daß eine mündliche Aussprache rascher vorwärts bringe als ein Notenwechsel.
Die Besprechungen sollen in einigen Tagen fortgesetzt werden, sobald die Ergebnisse der Londoner Konferenz der juristischen Sachverständigen in Genf vorliegen.
Der Lvhnkonfllkl bei der Reichsbahn.
Die vertragsschließenden Organisationen der Eisenbahner werden heute vormittag zusammentreten, um zu der durch die Aufhebung des bisherigen Schlichtungsverfahrens geschaffenen Lage Stellung zu nehmen. Der Vorwärts glaubt, daß die Organisationen an das Reichsarbeitsministerium den Antrag richten werden, ein neues Schlichtungsverfahren anzuordnen und einen neuen Schlichter zu bestellen. Wie das Blatt noch bemerkt, drängt die Stimmung der Eisenbahnarbeiter im ganzen Reiche auf Einleitung einer scharfen Aktion.
GewerKschafisKongretz.
Breslau, 2. Sept. Im Anschluß an die Referate von Prof. Dr. Bermberg-Leipzig und Reichstagsabgeordneten Jäckel-Berlin legte der Bundesvorstand zur Frage „W i r t f ch a f t und Gewerkschaften" eine Reihe von Entschließungen vor, in denen der Kongreß vom Reiche, den Ländern und Gemeinden u. a. fordert: Volle Anerkennung der Gewerkschaften bezüglich der Gleichberechtigung mit den Unternehmern beim Wirtschastsausbau und bei der Wirtschaftsführung, schleunige Vorgestaltung des vorläufigen Reichswirtschaftsrates au einem
wirklichen Wirtschaftsparlament und schleunige Errichtung von Bezirkswirtschaftsräten, paritätisch von Arbeitern und Unternehmern verwaltete Wirtschaftskammern für Industrie und Handel, Handwerk und Landwirtschaft, Selbstverwaltungskörper für alle Industrien, planmäßige Unterstützung der Konsumgenossenschaften insbesondere durch Förderung der konsumgenossenschaftlichen Eigenproduktion, Erweiterung des Mitbestimmungsrechtes der Betriebsräte. Diese Entschließungen gelangten alle mit wenigen Aenderungen zur Annahme. Ebenso wurde ein Antrag auf Förderung der Bauhüttenbewegung gutgeheißen.
Hierauf berichtete der stellvertretende Bundesvorsitzende Hermann Müller-Berlin über die soziale Gesetzgebung in Deutschland.
Breslau, 2. Sept. Zum Punkt der Tagesordnung „Sozialgesetzgebung" fordert eine Entschließung des Bundesvorstandes die Schaffung eines Arbeitsvertragsgesetzes und die Schaffung eines Tarifvertragsgesetzes, das aufgebaut ist auf den Paragraphen 165 der Reichsverfassung und auf § 1 der Verordnung vom 23. Dezember 1918, weiter die Verwirklichung der Arbeitsgerichte, die Schaffung einer Arbeitslosenversicherung und die Vereinheitlichung der Sozialversicherung. Schließlich wird gegen die durch das Schlichtungswesen gegenwärtig geschaffene Beschränkung des Koalitionsrechtes protestiert. Cs
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Paris, 2. Sept. Der 24. Welkfriedenskon- gre& auf dem mehr als 800 Delegierte aus 20 verschiedenen Ländern oectreken sind, wurde heute nachmittag durch den französischen Unter- richtsminister de Monzie feierlich eröffnet. Auch die deutschen Linksparteien waren zu diesem Kongreß eingeladen worden und Reichstagspräsident Löbe beabsichtigte, eine Rede zu halten. Aber infolge eines bedauerlichen Zwischenfalles konnte der Reichstagspräsident die mit Spannung erwartete Ansprache nicht halten. Löbe hatte seine Zustimmung, nach Paris zu reifen und auf dem Kongreß zu sprechen, in der bestimmten Erwartung gegeben, daß gleich- zeitig auch Kammerpräsident Herriot anwesend sein und ebenfalls dasWortergreifenwerde. DasOrga- nisationskomikee des Kongresses hat, wie es scheint, von Anfang an große Mühe gehabt, Herriot zur Teilnahme am Kongreß zu bewegen. Schließlich sagte der Kammerpräsident der gegenwärtig in Lyon weilt, seine Teilnahme zu. In letzter Stunde schickte aber Herriot ein Telegramm an den Kongreß, worin er diesem mitfeilte, es sei ihm wegen einer Generalrats, sitzung in Lyon nicht möglich, im Kongreß zu erscheinen. Das französische Organifations- komitee war nun der Meinung, daß unter diesen Umständen die Voraussetzung für die Rede des Reichskagspräsidenten wegfalle. Wenn Herriot nicht spreche, könne Löbe auch nicht das Work ergreifen. Man könne ja dessen Rede vorlesen. Begreiflicherweise widersetzten sich die deutschen Delegierten diesem Vorschlag, eine Ansprache des Reichskagspräsidenten vorzulesen, während er selbst im Saale anwesend fei. Schließlich gab Löbe die Erklärung ab, er verzichte dar auf, seine Rede zu hallen.
Der Zwischenfall hat in Kongreßkreisen einen äußerst peinlichen Eindruck hervorgerufen und könnte unangenehme Wirkungen auf den Fortgang der Verhandlungen haben. Die deutsche Delegation und das französische Organisationskomitee suchen daher nach Möglichkeit zu einer Verständigung zu gelangen, um vielleicht zu erreichen, daß Reichstagspräsident Löbe morgen noch seine Rede halten kann. Der Reichstagspräsident und Minister Koch, der ebenfalls der deutschen Delegation angehört, gewährten den Pressevertretern noch am Abend eine kurze Unterredung, in der der Reichstagsprüsident sein Bedauern über den durch das Organisationskomitee heraufbeschworenen Zwischenfall ausdrückte. Er teilt der Presse auch mit, daß er nach dem Kongreß eine kurze Aussprache mit Ministerpräsidenten Painlevè gehabt habe, in der der französische Premier der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland auf einem günstigen Wege fortschreiten und gute Erfolge seifigen möge. Gegenüber den Gerüchten, daß Reichstagspräsident Loebe in seiner Rede den Anschluß Oesterreichs an
werden größere Sicherheiten bei den Ver- bindlichkeitserklärungen gewünscht, ebenso die Beseitigung von Hemmungen bei der Durchführung iym Streiks. Ferner beantragen der Metallarbeiterverband Essen den Ausbau der Alters- und Änvalidenversi- cherung, der Verband der Holzarbeiter und Fabrikarbeiter Bruckmühl die Zusammenlegung der Krankenkassen, die Metallarbeiter Berlins die Vereinheitlichung der gesamten Sozialversicherung, insbesondere den Schutz jugendlicher Personen unter 18 Jahren; außerdem fordern die Metallarbeiter Berlins die gesetzliche Festlegung von Ferien. Der Metallarbeiterverband Chemnitz fordert die Abänderung des § 123 Abs. 8 der Gewerbeordnung, in der unbillige Härten vermieden werden sollen. Der Zimmereroerband in Essen fordert die Herabsetzung der Altersgrenze und die Erhöhung der Renten der Alters- und Invalidenversicherung, der Baugewerksbund Berlin fordert die Streichung der Abschnitte über Notstands- und Pflichtarbeit im Erwerbslosenfürsorgegesetz. Die weiblichen Delegierten wenden sich gegen die Kürzung der Wochenhilse. Schließlich fordert eine große Anzahl Delegierter mehrerer Verbände das Arbettsgericht und stellt hierzu eine Anzahl von Anträgen, die sie von der Annahme des Gesetzes abhängig macht.
Deutschland fordern und daß er dabei die französische Haltung kritisieren wollte, betontLoebe, daß diese unrichtig seien. Seine für den Kongreß ausgearbeitete Rede sei schon vor der Anschlußkundgebung fertiggestellt gewesen und sie enthalte kein Wort, das den Anschluß Oesterreichs an Deutschland betreffe.
Frankreich will von jeher Sen Frieden Sen Dorleilen Ser Wacht vorgezvgen haben.
Paris, 2. Sept. Heute vonnittag wurde unter dem Vorsitz des Unterrichtsministers de Monzie im großen Amphitheater der Sorbonne der 24. Friedenskongreß eröffnet. Am Vorstandstisch hatten Platz genommen: Präsident des Kongresses Richet, von der Akademie der Wissenschaften, Le Foyet, Generalsekretär der Organisationskommission, der Vizepräsident des belgischen Senats, Lafontaine, der Rektor der Universität Paris, Appell, der Präsident der luxemburgischen Kammer, Blum, der Vizepräsident der bulgarischen Sobranje, Waraw, Reichstagspräsident Loebe und als Delegierter der englischen Friedensoerbände Angel. Le Foyet hielt die Begrüßungsansprache und verlas ein Telegramm des Kammerpräsidenten Herriot, der durch die Sitzung des Generalrats im Rhonedepartement verhindert ist, an der Tagung teilzunehemn. Nach Ansprachen der Delegierten verschiedener Länder ergriff Minister de M o n z i e das Wort. Er begrüßte die Teilnehmer im Namen der Regierung, einer Regierung, die, wie er sagte, alle ihre Gedanken in den Dienst des Friedens gestellt habe und im Namen eines Landes, das niemals über die Art und Weise, wie man den Frieden vorbereiten und erhalten könne, im Zweifel gewesen sei, weiter im Namen eines Volkes, das von den ältesten Zeiten an die Erwägung des Friedens den Vorteilen der Macht vorgezogenhabs (!). Frankreich, so erklärte der Minister, sei ein Land des Rechts, eine Akademie der Gerechtigkeit, eine Schule für die freie Aussprache, und heiße deshalb den Kongreß willkommen. Der Friede sei nicht so sehr eine Herzensangelegenheit als vielmehr eine Sache des Intellekts. De Monzie erinnerte dann daran, daß er vor fünf Wochen das erste französisch-deutsche Abkommen für den Austausch von Studenten ratifiziert habe. Er werde in einigen Wochen eine Einladung, die die Bukarester Akademie an die wissenschaftlichen Gesellschaften Frankreichs gerichtet habe, erwidern. Uebrigens stehe alles, was von dem Schlitz oder gar der Initiative der Regiening abhänge, den einwandfreien Fremden zur Verfügung. Der Franzose fordere nur Achtung vor seinen Toten und Respekt vor den Verträgen. — Die Rede des Ministers wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Eine größere Heuchelei wie die Ansprache de Monziers kann man sich wahrhaftig nicht