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Sette 9
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Von Dr. Harald Förster, Dresden.
Als mir auf dem Flugplätze Croydon bet mitgeteilt wurde, Laß das Flugzeug Andon-Köln vollbesetzt sei, war ich über diesen etritfi durch meine Rechnung nicht gerade er- bant. Mit gemischten Gefühlen sah ich Lem Arnfien Vogel nach, als mein Blick auf den Menten Propeller einer mir — aus dem »riefle nur zu gut — bekannten De Havyland- mflfdiine fiel. Auf meine Frage, welches hier d-r Bestimmungsort sei, wurde mir erklärt, es w das Zeitungsflugzeug nach Amsterdam, ^chdeni mein Gehirn rasch etwas Geographie durcheinanLergemirbelt hatte, war mein Plan ferttq. Mit dem Flugzeugführer wurde ich bald einig. Wer kann jemand dafür verant- morffid) machen, wenn Sturm und Wetter ein l-luqzeug zum Ausweichen zwingen, sodaß man beispielsweise etwa in die Gegend von Ypern
Lille ausbiegen muß?!
Mch einer Kurve über dem Flugplatz, dessen AEZen im Morgimdunste kaum erkennbar M befinden wir uns über dem Häusermeer der SieLenmillionenftadt, über die ein dicker Meier von Qualm und Rauch gebreitet ist. Nir kreuzen die Themse mit Len Docks, deren Mesenanlagen einmals den Zeppelinen ein gutes Ziel boten. Woolwich mit seinen Arsenal- Mlagen bleibt zur Linken, hinter uns verschwindet die Menschenfalle London, wir über- nueren die Bahnlinie von London nach Canterbury und nach Dover. Wolkenfetzen in dreihundert Meter Höhe teilen recht unliebsame Men aus, sodaß die Verwindungsklappen nicht mr Ruhe kommen. Noch einmal versuchen wir, die Wolkenschicht nach oben zu durchqueren, dènn schon taucht vor uns am weit hinausgeschobenen Horizont ein glitzernder Streifen auf, der sich zusehends verbreitert — das Meer. Auf Sturmesflügeln eilen wir der Küste zu. Die Sonne durchbricht die Wolken, welche von her Seite beleuchtet, das Licht auf unsere silber- gruuen Tragdecks reflektieren. Stahlblau liegt das Meer vor uns, an der englischen Küste in lichtes Grün übergehend. Ein Dampfer legt au der Mole von Folkestone an, und schon sind wir über den Feftungsanlagen von Dover, steil stürzen die Kreidefelsen in die Tiefe zum schäumenden Gischte der brandenden See. Die Hafenanlagen gleiten unter uns hinweg, da tößt's nach uns mit Riesenfauft, gewaltig chüttert die Maschine in den jäh aus dem Wichen Wechsel von Meer und Land auf- teigenden Luftwirbeln. Heulend jagt eine Regenbö über das Wasser und pfeift durch das
Gestänge der Maschine, welche die Nase tief nach unten, dem Unwetter zu entrinnen sucht. Ich lasse den Höhenmesser mit dem langsam weichenden Zeiger nicht aus den Augen. Als er die 200 Metergrenze unterschreitet, werfe ich dem Flugzeugführer einen mißtrauischen Blick zu. Wir haben jetzt das Land etwa 10 Kilometer im Rücken, unter uns kochen und gischten die Sturzwellen des Kanals, ich fitze eingeklemmt zwischen Zeitungspaketen der Daily Mail — auch nur das leiseste Versagen des Motors muß in dieser geringen Höhe zum sofortigen Zusammenstoß mit der Wasserfläche führen. Ein wenig sympathischer Gedanke, sich mit der Katze im steinebeschwerten Sacke vergleichen zu müssen. Bei 5 bis 6000 Meter Höhe war es im Kriege trotz der unfreundlichen Abwehr von unten gemütlicher.
Doch die alte englische Kriegsmaschine hält durch und klettert munter durch ein Wolkenloch nach oben. Wie von Geisterhand geschoben fliegt die Nebelwand davon, das Herz möchte jauchzen ob der Großartigkeit, ob des stolzen Gefühles, hoch über allem Irdischen zwischen zwei Landen das All zu durchsegeln. Die stürmische See ist nur noch an leichten Wellenbewegungen erkennbar, die von weißen Schaumkronen übersät sind. Ein Viermaster stampft mit geblähten Segeln unter uns dahin, ein Ueberseedampfer läßt seine schwarze Rauchfahne hinter sich, das Ueberfahrtsschiff Dover- Ostende gleicht einem schmucken Spielzeug. Näher rückt die französische Küste, wir halten auf Calais zu. Rechts schweift der Blick in der klar gewordenen Luft bis Boulogns, deutlich durch das Glas erkennbar, und ganz entfernt über das Kap Griz Nez nach Le Havre. Jetzt schweben wir mitten über dem Kanal, zu beiden Seiten ist das Land gleichweit entfernt. Doch bald ist die englische Steilküste im Morgennebel verschwunden, vor uns liegt französisches Land. Zu meinen Füßen wirst sich schaumspritzend das Meer an die Küste. Calais mit seiner aus der Kriegszeit bekannten breiten Hafeneinfahrt und dem tief ins Land führenden Kanal ist erreicht. Links dehnt sich bis in unendliche Fernen die Nordsee, wo das dunkle Blau in immer hellere Farben übergeht. Die Sonne schlägt breite Bahnen mit ihrem Flammenschwert. Es ist Ebbe, weit breitet sich der Sandftrand aus. Ueber dem Schaum- streifen der Brandung jagen wir nach Osten, während im Süden das Auge kilometertief in die blühenden französischen Gaue dringt. Der
Blick läßt nicht locker, denn rückwärts in die Jahre fliegen die Gedanken. — Wird dort unten aus der Stadt mit breitem Kanal nicht die Abwehrbatterie am Südweftausgange ihre so harmlos aussehenden und doch den Tod in sich bergenden Wattebäusche in dichtem Kranze um unser Flugzeug legen? — Doch in Gravelines bleibt alles still. Auch Dünkirchen zeigt ob unseres Kommens nicht die geringste Aufregung, die dort liegenden Kriegsschiffe feuern keinen „Salut" — eigentlich schade, es war immerhin ein spannendes Spiel. Ich habe gerade noch Zeit, einen Blick auf die zahlreichen neuen Dächer und stark geflickten Hasenanlagen zu werfen, als eine heranbrausende Regenbö zwingt, nochmals den Kurs weit über das Meer zu nehmen. Hoch auf dem Strande liegt das Wrack eines großen Seglers, welcher dem letzten Sturme zum Opfer fiel. Bach steuern wir die belgische Küste an, bei La Panne künden zahlreiche Betongeschützstände in den Dünen das Naben der ehemaligen Kampffront. Rechter Hand liegt trurdy zahlreiche Neubauten weichin sichtbar Furnes, Coxyde, allen Marinefliegern wohlbekannt, bleibt hinter uns, und weit vor uns breitet sich die flandrische Ebene aus. Wir nahen uns der eisernen Mauer, die ehemals an der Schweizer Grenze beginnend, hier ihr Ende fand. Als wir über Nieuport mit seinen einst zerschossenen, heute wieder hergestellten Schleusen schweben, zwingt die schon in London „vorhergesagte" Regenbö zum Aus- biegen nach Süden.
Ueber dem Laufe der kanalisierten Yser überqueren wir das einst unter Wasser gesetzte Land, das jetzt wieder trocken gelegt ist. aber doch hie und da noch mit Wasser gefüllte Granattrichter zeigt. Wie aus der Spielzeugschachtel entnommen, mutet das neuerbaute Dixmuiden mit seinen weithin leuchtenden roten Dächern an. Die Orte De Kippe, Mercke und Luighem sind wieder aufgebaut. Auch Driegrachten, welches im heißen Ringen häufig den Besitzer wechselte und dabei bis auf den Namen vom Erdboden verschwand, ist in die Wirklichkeit zurückversetzt worden. Die Dörfer liegen in sumpfigem Weideland, welches mit seinen unzähligen kleinen von der Yser gespeisten Wasseradern fast holländischen Charakter trägt. Von geringen Erhöhungen abgesehen, zieht sich meilenweit die fruchtbare flandrische Ebene dahin. Riesige Rübenfelder, kleine Gehölze, dichte Hecken und Wiesen, Moore und Teiche, hier und da verstreute, von Wasser umgebene Gehöfte bilden den Inhalt der von Feuchtigkeit gleich einem nassen Schwamme vollgesogenen Erde. Die Kämpfe, welche sich hier abspielten, wurden im Morast und Sumpf geführt, der den Kämpfern auf beiden Seiten oft bis über den Gürtel reichte. — Nur die
Kanaldämme, Bahnlinien und Straßen führen als feste Wege durch die Niederung. Bei dem Orte Blankaert liegt der heute wieder in seine Ufer zurückgekehrte See gleichen Namens. Wir kreuzen über Bixschoate, und schon liegt der tote Wach von Houthulst unter mir. Zersplittert die Bäume, von dichtem Buschholz überwuchert, läßt er nur ahnen, daß er der Brennpunkt schwerster Kämpfe war. Neben Betonständen künden die unzähligen Trichter, mit welcher Erbitterung die gegnerische Artillerie dem versteckten Gegner beizukommen suchte.
Während drohend von Westen die Hübe 8ès Kemmels herübsrragt, zieht zu meinen Füßen das Straßenkreuz von St. Julien vorbei, inmitten zahlreicher Betonstände ist deutlich ein großer Friedhof mit unzähligen Gräbern zu erkennen. Die aus den Trümmern neu er« standenen Dörfer von Poelcapelle und Lange- marck führen die Gedanken rückwärts in die Zeit, wo ein ganzes deutsches Volk sich in Einigkeit der drohenden Gefahr entgegenwarf. Langemarck ist die Verkörperung der opferbereiten, das eigene Ich vergessenden deutschen Jugend. Als damals 1914 der Kommandoruf erscholl, da erhoben sie sich aus dem Schlamm und Morast und brausend stieg das Lied zum feuerspeienden Himmel, im Hagel der bersten» den Granaten tönte von Tausenden das „Deutschland, Deutschland über alles", und Tausenden unter ihnen brach darüber der bleiche Mund, während der Nov euch erstürm den letzten Klang von ihren Lippen mit den Ueber- lebenden über den erstürmten Bahndamm von Langemarck riß. Wenn auch im Feuer des fest verschanzten Gegners das Lied erstarb, ko blieb doch der Geist der Toten als Vermächtnis unter den anderen.
Wir weichen einer uns entgegenziehenden Wolkenwand aus; als sie den Blick zur Erde wieder freigibt, liegt senkrecht zu meinen Füßen die Stadt Ypern, welche im Laufe der Kriegsjahre vollständig in Trümmer und Asche gelegt wurde. Die herrlichsten und weltberühmten Bauwerke, die Tuchhallen, die Kathedrale, der Belfried stürzten, die englischen Batterien unter sich begrabend, zusammen. Heute liegt die Stadt neu und sauber vor mir, ganz im alten Stile aufgebaut, nur etwas zu „neuwaschen", zu sauber, um die Ehrfurcht vor tausendjähriger Geschichte aufkommen zu lassen. Freilich die Werke mittelalterlicher Baukunst sucht man vergeblich. Der große Mittelpunkt der Stadt ist ein toter Kern in der Blüte neu aufsprießenden Lebens. Die schnelle Maschine läßt Die Orte mit all den bekannten Namen so eilig vorüberziehen, daß die Gedanken fast nicht folgen können. Wenn man auch heute vergeblich die Eindrücke der ehemaligen Schlachtfelder sucht, so erinnern doch die dem Flieger gewohnten