Sette 4
Dienstag den 28. Juli
Nr. 174
Landkreis Kanan.
Dörnigheim, 27. Juli. (Aus dem Se» meindeparlament.) Zu Beginn der Sitzung wird an Stelle des zurückgetretenen Gemeindevertreters 21. Kröfchell (Sozialdcm.) I. Lapp 19ter durch den Beigeordneten Fischer mittels Handschlag verpflichtet. Der Antrag des Kreiswohnungsamtes auf Gewährung von 100 Mark Umzugskosien für Wilh. Muth wird zur nächsten Sitzung vertagt. Ein weiterer Antrag des Kreiswohnungsamtes auf Ausbau eines Bodemaumes tm Hause Frankfurterstraße 42 zu einem Wohnzimmer wird ebenfalls bis zur nächsten Sitzung vertagt, um nähere (Ermittelungen über die Höhe der Kosten und dergl. anzustellen. Ein Antrag der Kulturarbeiterinnen wird einstimmig angenommen. Dieselben erhalten einen Stundenlohn von 50 Pfg. Bei dieser Gelegenheit wurde be- schloffen, daß Beschwerden der Kulturarbeiterinnen dem Gemeinderat und dem sozialpoli- t^chen Ausschuß vorgelegt werden. — (Stellenbesetzung.) Die durch Pensionierung des Herrn Rektor Geb freigewordene Rektorstelle wurde Herrn Lehrer Hach aus Fechenheim vom 1. August ab übertragen.
Bischofsheim, 26. Juli. (Gemeindevertretersitzung.) Nach längerer Aussprache wurde dem Borschlage des Gemeinderats betr. des Bauvorhabens 1925 mit 11 gegen 2 Stimmen zugestimmt und beschlossen: Es sollen vier Einfamilienhäuser in der Friedhofstraße, linker Seite, errichtet werden. Die Bauleitung wird dem Architekten Hamburger in Höchst a. M. übertragen, die weiteren Vorarbeiten sind von dem Gemeinderat in Verbindung mit dem Vauausschuß zu tätigen. — Die Verhandlungen über den Beitritt zur Ruhegehalts-, Witwen- und Waisenkaffe werden bis zur nächsten Sitzung verschoben, da ein Vertreter noch verschiedene Unklarheiten klargestellt wissen möchte und weiter wünscht, daß den Vertretern noch Zeit zur näheren Information gelassen wurde. Die Notwendigkeit des Beitritts zu dem Verband der preußischen Landgemeinden bezw. der Anschluß an eine größere Organisation seitens der Gemeinde wurde allseitig anerkannt und demzufolge einstimmig beschlossen, daß die Gemeinde dem Verband der preußischen Landgemeinden als Mitglied beitritt. Eine Beschickung zur Bezirkstagung des Verbandes der preußischen Landgemeinden wurde infolge der noch zur Verfügung stehenden kurzen Zeit ab- gslehnt, jedoch gewünscht, Umschau zu halten, ob eine der umliegenden Gemeinden eine Delegierung vorgenommen hat, damit von dieser eine Berichterstattung erfolgen könne. Die Vertretung beschloß des weiteren einstimmig, daß in Zukunft eine Delegierung in der Weise erfolgt, daß die Gemeindevertretung einen Delegierten wählt und ebenfalls der Gemeinderats
Niederrodenbach,' 28 Juli. (Silberne Hochzeit) feiern morgen Mittwoch, 29. Juli, Herr Heinrich Wilh. Schaaf und Ehefrau Katharine geb. Reußwig, Kirchstraße 37.
Hüttengesäß, 26. Juli. Der beim Vaden im Main bei Fechenheim ertrunkene Arbeiter Wilhelm Freytag von hier wurde zwei Tage später gefunden und am Freitag in Fechenheim beerdigt. Der Bedauernswerte hinterläßt Frau und drei unmündige Kinder. Die Ge- meinbe nimmt herzlichen Anteil an dem Unglück, das die Familie betroffen hat.
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Von Stadtrat Dr. Merkel, Leipzig.
Die Revolution von 1918 hat wohl die Verfassungen des Reiches und die aller deutscher Länder rasch über den Haufen geworfen, aber nicht ein einziges kommunales Grundgesetz. Das mag frappant erscheinen, ist aber darin begründet, daß die Umwälzung demokratischrepublikanischer Natur war und sich naturgemäß gegen die Monarchie richtete. In den Gemeindeverfassungen war aber kein Angriffspunkt gegeben, denn das waren ja bereits demokratisch-republikanische Gebilde, die sich in hundertzähriger Entwicklung bewährt hatten. Nach der Revolution wurden aber auch die Gemeinden in den Umschichtungsprozeß hineingezogen und diese kommunale Revolution ist heute noch in vollem Gange. Drei Merkmale sind hier hervorzuheben: Der Drang in den Ländern nach Neuordnung der kommunalen Grundsätze; der Drang der Reichsgewalt nach Zentralisierung auf Kosten der Gemeinden und endlich Vernichtung der finanZwirtschaftlichen Selbständigkeit der Gemeinden. Gerade der letzte Punkt steht jetzt bei den erregten Verhandlungen über den Finanzausgleich im Vordergrund des Interesses. Jeder einsichtsvolle Staatsbürger, nicht nur der Kommunalpolitiker, wird mit tiefer Sorge feststellen können, daß Parlamente, Regierung und öffentliche Meinung in Deutschland die Notwendigkeit einer freien und starken Selbstverwaltung als Staatsnotwendigkeit nicht erkannt haben. Regierung und Parlament stehen in Deutschland der Selbstverwaltung ziemlich kühl gegenüber, sehr oft mit dem sacro egoismo kühler bürokratischer und fiskalischer Berechnung. Gewiß hat der Staat in den letzten Jahren stärkste Kräfte einsetzen müssen zur Abwehr äußerer Angriffe und zur Aufrechterhaltung seiner selbst. Allein ein ganz wesentlicher Teil dieses deutschen Selbstbehauptungs- kampfes wird eben innerhalb der deutschen Selbstverwaltungskörper, in den Gemeinden geführt, d. h. in den Zellen, aus denen sich der ganze Staatsorganismus aufbaut. Darum sollte man gerade diese unmittelbare Kampffront stärken.
Im Reichstag ist zwar gelegentlich über die Nöte der Gemeinden gesprochen worden, leider ohne nachhaltige Wirkung. Ein selbständiger Reichstagsausschuß für kommunal-politische und gemeindewirtschaftliche Fragen wäre das Richtige; seins Schaffung scheiterte bisher an der Haltung einer der stärksten Parteien.
Welche Wirkungen hat nun diese Nichtachtung oder nicht genügende Beachtung der kommunalen Interessen getätigt, Schon in den Ländern ist die kommunale Grundgesetzgebung, die Schaffung der Gemeindeordnungen bisher oft stark dadurch gehemmt worden, daß der Gesetzgeber, also Regierung und Parlament, zu wenig auf die Stimme der Praxis gehört haben. Die Folge war, daß die neuen Gemeindereformen in manchen Ländern nach kurzer Zeit wiederum selbst reformiert werden -rußten, so in Bayern, Mecklenburg-Strelitz ✓nb jetzt in Sachsen.
Noch verhängnisvoller ist es, daß das Reich selbst oft Gesetze, die zu einer gesunden Selbstverwaltung nötig sind, nicht erläßt, sondern verzögert, z. B. Reichsschulgesetz, Grundsatzgesetzgebung für das höhere Schulwesen, Reichsbeamtengesetz. Weiter wirkt kommunalfeindlich, daß das Reich, bei fast allen Gesetzen, die sich auf die Gemeinden auswirken, die kommunalen Interessen nicht genügend beachtet, so beim Landessteuergesetz, den Grundsätzen
über die speziale Fürsorge und jetzt in erschreckendem Maße beim Finanzausgleichs- gcsetz.
Was soll geschehen, diese Mängel zu beheben? Oberbürgermeister Dr. Külz, der sich im Reichstag und auch sonst stark für die Gemeinden einsetzt und dessen Ausführungen wir auch hier folgen, weist in erster Linie den Weg, daß die Gemeinden mehr als bisher Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen müssen. Auch Dr. Luther hat bei seinem Amtsantritt diese Notwendigkeit betont. Mit einem bloßen „Gehör" des deutschen Städtetages als der obersten Vertretung der deutschen Gemeinden ist es nicht getan. Man hört die Stimme zwar, aber beachtet sie nicht. Einfluß auf die Gesetzgebung können die Gemeinden nur dadurch gewinnen, daß in allen Parlamenten im Reiche wie in den -.Ländern ständige kommunale Ausschüsse eingerichtet werden, die in engster Fühlung mit den kommunalen Organisationen arbeiten. Die deutschen Städte sind durch die nachrevolutionäre Gesetzgebung stark ins Hintertreffen geraten; unter dem alten System betten sie in den ersten Kammern der Landtage eine wirksame unmittelbare Vertretung. Die Länder haben diese unmittelbare Möglichkeit in der Gestalt des Reichsrates behalten, die Städte aber sind weder im Reichsrat noch z. B. im Preußischen Staatsrat vertreten.
Darüber hinaus müssen aber die Praktiker der Selbstverwaltung die Autorität ihrer Sachkenntnis viel mehr als bisher in ihren politischen Parteien, und wenn es not tut, auch gegen sie durchsetzen; sie müssen viel mehr als bisher aktiven Anteil am parlamentarischen Leben nehmen, vor allem an dem der einzelnen Länder. Die Organe der Selbstverwaltung müssen weiterhin planmäßig die öffentliche Meinung, die Tagespreis darüber aufklären, daß eine gesunde freie Selbstverwaltung eine unbedingte Notwendigkeit für das Allgemeinwohl und die Festigung des Staates ist, denn aus den Zellen der Gemeinde baut sich der Staatsorganismus auf.
Die jetzigen Bestrebungen der Regierung und der Reichstagsausschüsse, den Finanzausgleich zu Ungunsten der deutschen Gemeinden umzugestalten. lenken den Blick auf die Be^ drohung der städtischen finanziellen Selbständigkeit durch das jetzige Steuer- und Finanzsystem überhaupt. Eine gesicherte, auf eigener Verantwortung beruhende Finanzwirtschaft der deutschen Städte ist A und O jeder Selbst- rerwoltung. Das jetzige Ueberweisungssystem, wo zehntausende deutscher Gemeinden zentral aus der großen Reichskrippe gefüttert werden, ist auf die Dauer unhaltbar; dieses System bedarf der Aenderung von Grund auf. Es muß nun endlich ein Neubau der öffentlichen Finanzen aufgerichtet werden, in dem Reich, Länder und Gemeinden jedes eine eigene selbständige Wohnung bekommt, worin sie einen selbständigen gesicherten und geordneten Haushalt unter eigener Verantwortung führen können. Die deutschen Gemeinden können und wollen nicht länger als simple Kostgänger des Reiches von den Brosamen leben, die von des Reiches Tische fallen und Reichskanzler Dr. Luther hat selbst einmal gesagt — freilich war er damals noch Oberbürgermeister von Essen — Wir (d. h. die deutschen Städte) müssen dazu kommen, daß unser Verhältnis zu Reich und Stadt auf feste geordnete Grundlage gestellt wird.
Jetzt ist es Zeit, daß die aus der Not der
Jnflationsjahre überkommenen unsystemati, schen, zum Teil sogar zweckwidrigen Steuer, und Finanzgesetze des Reiches durch eine plan, mäßige Neuordnung der Steuer- und Finanzwirtschaft abgelöst werden. Dabei müssen zwei Hauptpunkte maßgebend sein: einmal einfachere und wirtschaftlichere Gestaltung der Steuern und zum anderen klare und organische Abgrenzung der Stcuergebiete zwischen Reich, Ländern und Gemeinden. Es muß auch der jetzt in verstärktem Grade drohenden Bevormundung der deutschen Gemeinden auf finanziellem Gebiete vorgebeugt werden. Die Koalitionsparteien des Reichstages wollen im Verein mit der Regierung jetzt nichts mehr und nichts weniger, als eine laufende Kontrolle der Gemeinden durch die Finanzämter, das wäre ein System der Finanzaufsicht, wie cs etwa die europäischen Großmächte der Türkei gegenüber ausübten. Gewiß ist eine Staatsaufsicht in gewissen Grenzen notwendig, denn die Gemeinden sind organische Bestandteile einer höheren Gemeinschaftsordnung, eben des Staates, der seinerseits an der gesetzmäßigen Handhabung der Selbstverwaltung ein vttales Interesse hat. Allein die Staatsbürokratie darf nicht in eine Gängelei und Bevormundung ausfallen, die jede freie Entwicklung unterbindet. Der Schöpfer der deutschen Städte- Selbstverwaltung, Freiherr v. Stein, hat hierzu treffend einmal geäußert: „Zutrauen ver- edell den Menschen, ewige Vormundschaft hemmt sein Reifen."
Deutsche Selbstverwaltung ist der Ausgangspunkt schaffender Kräfte gewesen für Volk und Staat, ja man darf ohne Ueberheb- ung sagen: die deutschen Städte sind die stärksten Träger der kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des deutschen Volkes gewesen. Der Zusammenbruch 1918 traf auf ein deutsches Städtewesen, das noch soeben die gewaltigen neuen Aufgaben der Kriegszeit fest spielend erledigt hatte. Es muß also auch gelten: Bahn frei für die Selbstverwaltung bet deutschen Städte.
Aus Nah und »WIL
Frankfurt a. M., 27. Juli. Während des Olympiade - Festzuges warf ein plötzlicher Windstoß ein auf dem Main unterhalb der Wilhelmsbrücks fahrendes Boot um. Die beiden Insassen, ein Herr und eine junge Dame, stürzten ins Wasser, konnten sich aber, da sie beide des Schwimmens kundig waren, ohne fremde Hilfe, die sofort herbeieilte, ans Land rettén, — Bei einer Bootsfahrt von Fechenheim nach Offenbach kenterte ein mit zwei Brüdern aus Offenbach besetzter Kahn und warf die Insassen ins Wasser. Während der eine Bruder sich retten konnte, ertrank der andere. Die Leich« konnte noch nicht geborgen werden.
Frankfurt a. Ar.. 27. Juli. Wr lE-WßMw Heimer Bürgermeisterei wurde Samstag nüch mittag der vierjährige Sohn eines Fabrikarbeiters von einem Lastkraftwagen überfahren und
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DAS ZWIEBACK-PAULCH EM
den Redseligsten war, so wußte er dock mancherlei zu erzählen von dem, was er draußen erfahren und es hörte sich ihm gut zu. Sehr freundliche Bilder waren es freilich selten, die er dabei aufrollte und das Licht, das hier und da über feine düsteren Gemälde zuckte, war ein grelles, scharfes, wie Wetterleuchten, oder wie ein jäher Blitz aus unheilvollen Gewitterwolken.
Der Forstwart hatte ihn lange schweigend angeschaut, wie er so gesprochen, dann hatte er ihm die Hand fest auf die Schulter gelegt und gesagt:
„Ob ich dich recht verstanden hab' — f weiß es nicht und will's nicht näher untersuchen. Eins aber laß mich sagen: Ich bin noch von altem Schlag und langsam und ungeschickt, mich in Neues hineinzupassen. In meinem Katechismus, da steht ein Wörtlem obenan, bas heißt Treue! Treu meinem Herrgott, treu meinem Herzog! Ich weiß, daß in der Welt draußen manche ihre Stimme erheben und meinen sie könnten fertig werden ohne einen Herrn im Himmel und auf Erdem Aber er erhob sich und stand dem Fritz in schlichter ernster Größe gegenüber —, „an meinem Tisch und an meinem Herd, da ist kein Platz für so einen neumodischen Weltverbesserer!"
(Fortsetzung folgt.)
Der Kerr -er Erde.
Erzählung von Anna Kapp st ein.
Nun waren sie alle auf und davon, und eine wohltätige Ruhe breitete in der einge- kampferten, von Staublappen entstellten Wohnung sich aus. Die Frau mit dem kleinen Kroppzeug dampfte vierter Güte nach Ahkbeck und würde dort wirts^ften. Fritz, der Sekundaner strolchte mit Wandervögeln auf Ent- deckungsfahrten, Liddi, die schon verdiente an ihrer Schreibmaschine, hatte sich eine Harztour geleistet. Hermann Hoyerdingk aber hatte auf alte Fragen der Ausreisenden: „Und wo wirst
du eigentlich ein bißchen ausfpannen, Vater?" nur ein geheimnisvolles Achselzucken gehabt. Du lieber Gott, mit derart abgegraften, nahen, billigen Sommerfrischen begnügte ein Mann wie er sich nicht!
Im Frieden seines tabakgewürzten Zimmers breitete er die Weltkarte aus, nahm das Kursbuch zur Hand, zog mit dem Bleistift Eisenbahnlinien, Flußläufe, Ländergrenzen nach. In seine Augen trat ein fremdes Licht.
Dann riß er den Hut vom Nagel und lief „in die Welt". Erft durch den Tiergarten. Das war wie ein Weg zum Bahnhof. Hinter dem Brandenburger Tor fing die Welt an, von der er träumte. Reifebüro neben Reisebüro ... Wo sollte er zuerst eintreten? Er blieb vor den großen Schaufenstern stehen, betrachtete die zeane, auf denen Schiffe nach Honolulu, nach Jokohama, nach der Hawaiinsel kreuzten, ver- li-ebte sich in das Modell einer Kabine, das schmuck und einladend in braunem Edelholz mit kostbaren Stossen und Spiegeln ihm der Gipfel der Vornehmheit dünkte, öffnete mutvoll die schweren messingbeschlagenen Türen und sammelte mit fiebernden Fingern die Prospekte und Reklamehefte, die unentgeltlich von den Auslagetischen der Reedereibüros und Auskunftsstellen mitzunehmen waren. Die Buntheit des Erdballes vereinigte sich in seiner Hand. Weiße Möven freisten über der stillen Mäue des Pacific, Pyramiden brannten aus dem Schwefelgelb der Wüste, Mitternachtssonne flammte über schwimmenden Eisbergen, Rauchsäulen kräuselten über glühender Lava himmelragender Vulkane, Märcheneilaivde mit Tropenblumen und dunkelhäutigen Menschen tierunschuidigen Blicks glänzten auf, Wolkenkratzer reckten sich über sprühendem Hafengewimmel, unter Palmen zogen Kamelkarawannen, Männer im roten Turban und weißem Buryus lagen betend auf den Knien vor Allah, und im Hintergrund erfunkelten die Kuppeln der Moscheen.
Er trat in ein Kaffeehaus, bestellte einen
Mocca und der sonst stets wache Gedanke, daß dies ein unstatthafter Leichtsinn sei, regte sich nur dumpf in dem Rausch der Ferne, der ihn umnebelte. Er durchflog die Bilder, die Texte, sein Blick wurde frei und kühn. Das erregende Getränk gab Zuversicht und Selbstvertrauen.
An einem Tisch in seiner Nähe wurde englisch, an den andern russisch gesprochen. Sein Weltgefühl wuchs.
Er zahlte, schlenderte ein paar Häuser weiter, stand — er wußte nicht wie — im Büro Norden und fragte nach den Bedingungen einer Nordkapfahrt. „Welcher Klasse?" erkundigte sich der Beamte. „Erster", warf er geläufig hin. „Es ist natürlich ein ganz modern eingerichtetes Schiff?" Man zeigte ihm den Grundriß des Dampfers, den Plan der Außen- und Jnnenkabinen. Er notierte sich die Preise. „Geht die Rückfahrt über Lofoten?" Man bejahte. Er nickte erfahren. „Es ist die lohnendste Strecke". — „Der Herr hat die Tour schon einmal gemacht?" — „Mehrmals", erwiderte er lächelnd. „Dann wird' der Herr wissen, daß um diese Jahreszeit die Dampfer voll besetzt zu sein pflegen. Es würde sich also empfehlen, die Kabine schon jetzt zu bestellen." Er überlegte. „Es ist blos, weil ich noch nicht sicher bin, ob ich nicht eine Reise nach Spitzbergen vorziehe. Aber ich kann den Auftrag ja auch televhonisch erteilen". — „Sehr wohl, mein Herr/
Glücksgefühl durchströmte seine Adern, als er wieder auf der Straße stand. Mitten in der Reihe derer, die das Leben meistern, wußte er sich.
Er kreuzte einige Querstraßen und trat in das Geschäftshaus einer südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft.. Diele Ausländer warteten an langen Tischen. Er beobachtete sie aufmerksam. Bald war er im Bilde, welche Fragen hier gestellt und beantwortet wurden. Eine Herbstreise nach Ri de Janeiro, wenn es dort Frühling wird.... Der Herr am Aus
kunftsschalter bedeutete ihn, daß man die Reise in vortrefflichen Kammern dritter Klasse für wenige hundert Mark ausführen könne. Eigentlich ärgerte ihn das. Schätzte man ihn sozial nicht höher ein? „Viele Gelehrte und Künstler benutzen diese Ueberfahrtsgelegenheit." Ja so, wenn man ihn so rubrizierte, den bescheidenen Buchhandlungsangestellten... „Und wie lange müßte man den Aufenthalt drüben bemessen?" — „Acht Wochen wären natürlich ratsam." — „Selbstverständlich nicht weniger. Kann ich genaue Pläne haben?" — „Sie kommen in den nächsten Tagen heraus. Dürfen wir sie Ihnen zusenden?" Er gab seine Adresse an und verabschiedete sich leutselig. Mit den Terminen würde es sich ja einrichten lassen, erst Nordland, dann Brasilien ... Seine Seele war zu allem entschlossen, seine Seele reifte schon jetzt. Daß die Mittel fehlten, daß Frau und Kinder, roenn er von seinen Abenteurergedanken auch nur gesprochen hätte, ihn für verrückt gehalten hätten, störte sein Gleichgewicht nicht zum mindestem
Verjüngt kam er nach Hause. Er genoß den himmlischen Frieden seiner Wohnung, in der er Bücher und Karten auseinander falten, in der er mit weiten Augen, die über die Dinge hinwegblickten, herumgehen konnte.
Andern Tages traf ein Brief von seiner -Frau ein. „Ich habe in Ahlbeck eins weit billigere Wohnung gefunden, als ich zu hoffen wagte. Für das ersparte Geld könntest du wirklich nachkommen, Männe." Er sah die weißen Möven und die Iropenbäume auf den Bildern an. Er dachte: Drei Wochen lang darf ick an diese Wunder glauben, wenn ich hier bleibe, ganz allein... Und es gibt noch so viele Reisebüros, zu denen ich einen Spozier- gang durch den Tiergarten machen kann... Die Luft in den Reisebüros ist wie See- oder Bergluft. Nein, gute Frau, gönn' du nur meine Ferien.