200. Jahrgang.
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General-Anzeiger für die Kreise Kanarr Stadt und Land
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Nr. 171
Freilag den 24. Juli
1S2Z
Der Reichstag für die Regierung.
Die Bilttgungserklürung mit 235:158 Stimmen angenommen.
Reichskanzler Dr. Luther das Wort, sondern^ die erste Rednerreihe der Parteien wird fortgesetzt.
Abgeordneter Dr. H a a s-Baden (Dem.) nennt es ein tragisches Schicksal, daß das deut- che Volk gezwungen sei, in so breiten Schichten hinter eine Außenpolitik zu treten, die so schwer und hart sei. Der Redner billigt die Außenpolitik der Regierung, die darauf hinausläuft,
eine Besserung des deutsch-französischen Verhältnisses
anzubahnen. Diese Besserung sei die Grundlage ür eine Befriedung Europas. Allein auf dieser Grundlage liege auch die Befreiung des Rheinlandes. Zu dem heutigen Frankreich könne man ein offenes Wort sprechen. Zweifellos war das uns zugefügte Unrecht groß, aber wir hoffen, daß die deutsch-französischen Beziehungen im Geiste wahrhafter Demokratie ausgestaltet werden. Der Redner verweist auf den Aufruf von 102 Schriftstellern Frankreichs an das Gewissen der Welt, der den Weg zur friedlichen Verständigung weise. Bei diesen 102 Franzosen handele es sich um Männer, denen rechtsradikale Studenten in Deutschland das Sprechen verbieten (Hört, Hört links). Der Rednr fragt, warum denn die von Deutschnationalen so oft aufgerührte Kriegsschuldrage nicht erwähnt werde. Die Deutschnatio- nalen sollten doch endlich zugeben, daß sie nur aus parteipolitischen Gründen handeln. Eine olche Frage muß man der sorgsamen Abwägung der Regierung überlassen. Tief schmerz- ich sei der Verzicht auf Elsaß-Lothringen. El- äß-Lothringen solle nicht wieder zum Kampfobjekt zwischen Deutschland und Frankreich werden, aber die deutsch-elsässische Kultur müsse erhalten bleiben. Der Redner wirft die Frage auf, was geschehen wäre, wenn eine Regierung Wirth-Rathenau diesen Verzicht ausgesprochen hätte. Kein Mann der Regierung wäre seines Lebens sicher gewesen (Zustimmung links). Der Redner erklärt, die Demokraten 'mürben auch als Oppositionspartei die Stellung des Außenministers gegenüber dem Auslands nicht schwächen.
Den Kommunisten erwidert der Redner, die Russen hätten es leicht scharfe Töne gegenüber den Alliierten anzuschlagen; denn sie wohnen an der Wolga, wir aber am Rhein.
Abgeordneter Dr. Bredt (Wirtsch. Vereinigung): Die Zustimmung unserer Fraktion zur Außenpolitik des Kabinettes wird, wenn auch das Vorgehen des Außenministers zunächst im Auslande Ueberraschungen hervorgerufen hat, hiermit zum Ausdruck gebracht.
Abg. Leicht (Bayer. Vp.) bedauert, daß das auswärtige Amt so wenig Fühlung mit dem Reichspräsidenten halte. Der Redner stimmte grundsätzlich der Antwortnote zu.
Abgeordneter Graf R e v e n t l o w (Völkisch) begründet das völkische Mißtrauensvotum gegen den Außenminister. Dieser habe eigenmächtig gehandelt, ohne das Kabinett und den Reichstag zu befragen. Der Reichstag müsse ihm daher seine Mißbilligung aussprechen. Die Regierung habe kein Recht, ein Verzicht auf Elsaß-Lothringen auszusprechen.
Reichskanzler Dr. Luther
nimmt dann unter allgemeiner Spannung das Wort und erklärt: Mir ist bis zu diesem Augenblick unbekannt, wie der formale parlamentarische Abschluß dieser außenpolitischen Erör- trung sich gestalten wird. Ich kann mich daher so erklärt der Kanzler weiter, nur auf die tatsächlichen Ausführungen der Fraktionsredner beziehen und feststellen, daß eine große Mehrheit des Reichstages im Endergebnis ihrer sachlichen Stellungnahme sich im Einklang mit der Note der Reichsregierung an die französische Regierung befindet (Zustimmung). Die Reichsregierung kann hieraus den Schluß ziehen, daß sie bei der Stellungnahme den politischen Willen der großen Mehrheit des deutschen Volkes zum Ausdruck gebracht habe. (Zustimmung). Da auch die meieren Schritte in Geist und Sinn der Note getan werden sollen, so ist damit gesichert, daß die bevorstehenden außenpolitischen Arbeiten im Sinne der Volksvertretung zutage treten. Diese Tatsache muß der Stellungnahme der Reichsregierung ein besonderes Gewicht geben. Die Anregungen
Die außenpolitische Aussprache hat an sich keine Sensation gebracht und keine Ueber- mschung bereitet. Man kannte die Stellung der Parteien schon im voraus ziemlich genau, man wußte auch, was die Regierung zu der Angelegenheit zu sagen hatte, denn das Thema war ja schon in allen Variationen behandelt worden, ehe es vor das Reichstagsforum kam. Trotzdem hat die außenpolitische Aussprache des Reichstags doch eine außerordentlich wertvolle Ergänzung gebracht, sodaß jetzt in der Position, die diè deutsche Regierung in der Frage des Sicherheitspaktes einnimmt, keine Lücke mehr vorhanden, sondern alles hieb- und stichfest abgerundet und abgeschlossen ist.
Man darf es als ein wichtiges Aktivum buchen, daß gestern der Reichskanzler Dr. Luther das Wort ergriffen und die Antwortnote an Briand dadurch zu einem Akt des gesamten Käbinetts gestempelt hat. Es ist nicht ohne Grund bei einigen Gelegenheiten ausgefallen, daß der Reichskanzler sich des Wortes enthalten und ein ausdrückliches Bekenntnis zu dem deutschen Memorandum und seine Konsequenzen vermieden hat. Es war natürlich, daß sich eine Reihe von Kombinationen an diese Tatsache anknüpfen mußte. Nach der gestrigen Erklärung des Reichskanzlers ist die Solidarität und Einheitlichkeit des Kabinetts, die natürlich die erste und wichtigste Voraussetzung einer erfolgreichen Außenpolitik ist, außer allen Zweifel gestellt.
Das Ergebnis der Aussprache ist deshalb ferner wichtig, weil es die Zustimmung der Deutschnationalen zu dem Schritte der Regierung nach außen hin festlegt. Wan hatte eigentlich nie Veranlassung, an d-er Zustimmung einer deutschnationalen Fraktionsmehrheit zu zweifeln. Aber auch hier fehlte es noch an der ausdrücklichen Bestätigung und diese Unsicherheit gab den Ränke- und Jntrigen- spinnern der Linken und der äußersten Rechten willkommenen Anlaß zu dem Versuche, das Gefüge der Koalition zu lockern. Auch das ist nunmehr unmöglich. Graf Westarp hat schon am ersten Tage der Aussprache klipp und klar ausgesprochen, daß die deutschnationale Fraktion für die Antwortnote der deutschen Regierung eintrete und daß deshalb die sozialdemokratische Interpellation überholt sei. Die Abstimmung hat darunter das Siegel gedrückt. Und wenn auch eine Leutschnationale Gruppe nach wie vor abseits steht, so ändert das doch nichts an der Geschlossenheit der Regierungskoalition im Großen und Ganzen. Die Re- giemna hat hier eine sichere Stütze und alle Versuche, daran zu rütteln, sind auch in den Fragen der Außenpolitik zwecklos.
Man wird aber wohl in Zukunft auf derartige Versuche verzichten, denn der Verlauf •6er außenpolitischen Aussprache hat deutlich genug bewiesen, daß die Regierungsmehrheit in außenpolitischen Fragen sich tatsächlich nicht auf die Regierungsparteien als solche beschränkt. Die Demokraten billigen den außenpolitischen Kurs ebenso wie die Sozialdemokraten. Daran haben die Redner gar keinen Zweifel gelassen und man wird deshalb dem Votum des Reichstages ein viel größeres Gewichtbeilegen können, als in der Abstimmungs- Siffer selbst zum Ausdruck kommt. Vollkommen isoliert sind die Deutschvölkischen und die Kom- rnunisten, die mit ihren Mißtrauensvoten kläglich abgefallen sind. Die Stellung der Regierung ist nunmehr durch das Votum des Reichstags gestärkt und gefestigt, wie man es nur wünschen kann. Dieser Ausklang der außenpolitischen Aussprache berechtigt zu der Hoffnung, daß es gelingen wird, in der großen Friedensoffensive, von der der Außenminister gesprochen hat, die deutsche Auffassung und die deutschen Interessen zum Siege zu führen.
Reichstag.
Präsident Loebe eröffnete die 100. Sitzung um 2.45 Uhr und gibt der Hoffnung Ausdruck daß dieser Tagung nicht allzuviele Sitzungen noch folgen werden (Lebhafter Beifall).
Auf dem Präsidententisch steht aus Anlaß des Sitzungsjubiläums ein großer Strauß von roten und weißen Nelken.
Die außenpolitische Aussprache wird darauf fortgesetzt. Wider Erwarten nimmt nicht
der Reichstagsparteien werden für die künftigen Beratungen der Reichsregierung von besonderer Bedeutung sein. Alle unsere Maßnahmen werden auf das Gesamtziel abgestellt sein. Es handelt sich einmal darum, durch zielbewußte
Verfolgung des Sicherheilsgedankens
eine dauerhafte Grundlage für den europäischen Frieden zu schaffen, andererseits muß die deutsche Regierung fest im Auge behalten, daß die großen Grundgedanken, die allein den Frieden gewährleisten, auch Deutschland gegenüber Geltung haben. (Zustimmung). Auch die großen Rechtsgedanken des Völkerbundes dürfen nicht etwa durch neue Abmachungen geschmälert werden. Die Darlegungen, die Deutschland schon im September-Memorandum bezüglich des Völkerbundes gemacht hat, sind gerade von dem Verlangen getragen, eine wirkliche Gleichberechtigung zu erzielen. Durch formale gleichmäßige Anwendung von Paragraphen konnte eine solche Gleichberechtigung nicht zum Ausdruck gebracht werden (Zustimmung). Sie ruht vielmehr auf der Anerkennung, daß die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigt werden müssen. Auf eine solche Anerkennung besonderer Umstände hat Deutschland gerade bezüglich des Artikels 16 der Völkerbundssatzung ein natürliches Anrecht. Es muß wenigstens eine Rechtsgewähr dafür erhalten, daß fein Gebiet nicht Aufmarsch- und Operationsgelände anderer Staaten werden kann (Zustimmung). Die endgültige Regelung der allgemeinen Fragen ist erst möglich, wenn bis dahin alle mit der Entwaffnung zusammenhängenden Fragen — auch Die Räumung der nördlichen Rheinlandzone — befriedigend geregelt sind. Das sogenannte Jnvestitations- programm entspricht in keiner Weise dem Geiste der Verständigung. Der Kanzler überbringt dem deutschen Volke an Rhein, Ruhr und Saar die Grüße des ganzen Vaterlandes. Mit besonderer Anteilnahme gedenkt der Kanzler derjenigen, deren endgültige Befreiungsstunde noch nicht geschlagen hat. Ihnen wird am besten gedient sein, wenn die Vorstellung von der Notwendigkeit eines wirklichen friedlichen Europas sich auch außerhalb Deutschlands immer mehr verbreitet und in die Tat umsetzt.
Die deutsche Regierung wird bis zur Herbeiführung des endgültigen Friedenszustandes alles tun, was in ihren Kräften sieht.
(Lebhafter Beifall).
Abg. Dr. Rosenberg (Komm.) behandelt eingehend das russische Problem und warnt vor einem Eintritt in den Völkerbund, der Deutschland zu einem Kriege gegen Rußland zwingen könnte.
Abg. v. Graefe (völk.) nennt die Note eine bewußte Preisgabe Elsaß-Lothringens. Es sei Volksbetrug, wenn man das bestreite.
Abg. Landsberg (Soz.) stellt in einer Erklärung mit Genugtuung fest, daß die Regierungsparteien jetzt Vorschläge machen, die sich in hohem Maße der von der Sozialdemokratie vertretenen Politik nähern. Die politischen Kundgebungen und Vorbehalte der stärksten Regierungspartei zwängen aber zu Mißtrauen. Der Eintritt in den Völkerbund erfahre eine den Interessen Deutschlands nicht dienliche Verzögerung. Die Fraktion könne deshalb dem Vertrauensantrag der Regierungsparteien nicht zustimmen. Sie werde in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt durch die allgemeine Politik der Regierung, die immer klarer das Ziel verfolge, die Saften aus dem Friedensvertrag den Massen aufzuerlegen.
Abg. K o ch-Weser (Dem.) gibt die Erklärung ab, daß seine Fraktion trotz mancher Bedenken damit einverstanden fei, daß in Konsequenz des Memorandums vom Februar die Note der Reichsregierung überreicht worden ist. Die demokratische Fraktion werde infolgedessen dem Billigungsantrag zustimmen.
Damit schließt die Aussprache. Die Interpellationen werden für erledigt erklärt. Ein völkischer Antrag auf Nachprüfung der Dawesgesetze wird abgelehnt. Es folgt dann die Abstimmung über das Vertrauensvotum der Regierungsparteien. Es lautet:
Indem bet Reichstag über die andeâ Anträge zur Tagesordnung übergeht. bMÄ er die Antwortnote und die darin zum Mm» druck kommende politische Stellungnahme d« Reichsregierung.
Mit den Regierungsparteien stimmen c&^ die Demokraten, sodaß deren Antrag mit großer Mehrheit angenommen wird.
Das Vertrauensvotum wurde mit 235 gegen 158 Stimmen bei 13 Stimmenthaltungen angenommen.
Die 13 Abgeordneten, die sich bei der Ab- stimmung über das Vertrauensvotum der Stimme enthielten, gehören der Wirtschaftlichen Vereinigung an. 5 Abgeordnete der Wirtschaftlichen Vereinigung haben sich an der Abstimmung überhaupt nicht beteiligt, 3 haben für das Vertrauensvotum gestimmt.
Einige Ergänzungsetats werden ohne Aussprache angenommen. Das Haus vertagt sich auf Freitag 1% Uhr nachmittags mit folgender Tagesordnung: Personalabbauverordnung, Amnestievorlage, Uniformschutzgesetz.
Schluß gegen %8 Uhr.
Die französische Presse zur Rede Stresemanns.
Paris, 23. Juli. Die gestrige Rede des Reichsaußenministers Dr. Stresemann, die die französische Presse in recht unvollkommenen Auszügen wiedergibt, wird im „Temps" kritisiert. Er schreibt, wenn Stresemann erkläre, daß Deutschland eine Friedensoffensive großen Stils beginne, müsse man an eine Offensive denken, um den durch den Friedensvertrag von Versailles geschaffenen Frieden zu revidieren. Darüber täuschten sich die Deutschen auch nicht und deshalb habe ein so ausgezeichneter Nationalist wie Graf Westarp, der Stresemann noch vor einigen Tagen heftig angegriffen habe, gestern die Frankreich erteilte Antwort gebilligt. Er habe die Beseitigung der ungerechtfertigten Forderungen in der Entwaffnungsnote und in der Note über die Luftfahrt sowie die Beseitigung der Ungerecht- fertigfeiten im Saargebiet gefordert, ohne zu vergessen, die Räumung der Kölner Zone und die Aufhebung des Artikels 16 des Bölker- bundsstatuts zu verlangen. Selbst die Ausführung des Dawespsanes werde angezweifelt, denn Stresemann habe gesagt, es sei gewiß, daß der Dawesplan nicht ausgeführt werden könne, wenn die Sanktionspolitik auch in Zukunft das Grundprinzip der europäischen Politik sei. In der Hoffnung, von nun ab den Alliierten Sanktionen für beabsichtigte Verfehlungen Deutschlands an seinen Verpflichtungen untersagen und deren Bewertung dem Völkerbund selbst für den Fall der Nichtausführung des Dawesplanes vorbehalten zu wollen, werde eine Summe von Forderungen aufgestellt. die über alles aufkläre, was die Deutschen an Nutzen aus dem Abschluß eines Sicherheitspaktes ziehen wollten, um sich durch eine geschickt durchgeführte politische Erpressung von den Ketten des Friedensvertrages zu befreien.
Weniger ungünstig urteilt das „Journal des Debüts" über die Strefemannsche Rede. Dadurch, daß er von der Friedensoffensive großen Stils gesprochen habe, habe er einen Ausspruch aus der militärischen Terminologie übernommen und dadurch vielleicht ohne es zu wollen, das Manöver gekennzeichnet, für das die Note vom 20. Juli der Beginn sei. Eine Offensive, selbst wenn man sie als wichtig bezeichne, sei eine Operation, die zum Ziele habe, die von einem Gegner besetzten Punkte zu nehmen. Das sei auch wahrscheinlich das Ziel, auf das die Reichsregierung lossteuere, tyran» zösischerseits sei man der Ansicht, daß durch den Abschluß eines derartigen Vertrages allen Mächten ein plus an Sicherheit, aber keine Verminderung der bestehenden Garantien gebracht werden müsse. In Berlin sei man der Ansicht, daß die eingeleiteten ^erhandlrmgcn es Deutschland gestatten müßten eine Reihe von Vorteilen, besonders was Mittel- unt Osteuropa anbetreffe, zu erzielen und dadurch den Weg für eine spätere, noch radikalere Revision des Friedensvertrages zu ebnen. Man müsse in ^Rechnung stellen, daß, wenn der Reicksaubenminister im Reichstem fprecäfcje