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200. Jahrgang

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General-Anzeiger für die Kreise Kanarr Slaöl und Land

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. / Fernsvrech-Anschluß Nr. 1237 und J 238.

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Nr. 131

Monlaq den 8. Juni

1923

London, 7. Juni. Die Abendpresse vom Samstag veröffentlicht in großer Aufmachung die von Reuter übermittelten, bereits von einem Teil der Morgenpresse gebrachten offiziösen deutschen Erklärungen zu der Note der Alliier­ten, die, wie ersichtlich, hier ihren Eindruck nicht verfehlt haben. Einige Blätter kritisieren die Note bereits zum Teil scharf.

Der radikaleS t a r" führt unter der Ueber- schriftGeheime Rüftungen" aus, Berge hätten eine Maus geboren. Nach Monaten, sogar Jah­ren der Angftmacherei seien die Enthüllungen der Interalliierten Militärkontrollkommissionen ein vollkommener Fehlschlag. Sogar die keines­wegs deutschfreundlicheTimes" müsse zugeben, daß die Note, sowie die Anlagen nichts enthiel­ten, was darauf Hinweise, daß die Verletzungen in der Materialfvage weitreichend seien. Das Blatt fährt fort: Nachdem die deutschfeindlichen Agitatoren zwei oder drei Jahre lang das bri­tische Volk mit Erzählungen über angebliche deutsche Rüstungen vergiftet haben, die nie­mand nachprüfen konnte, weil alle Beweise da­für in den Händen der Interalliierten Militär- kontrollkommiffion lagen, zeigt sich, daß die Wahrheit trivial istStar" betont, daß

die deutsche öffentliche Meinung der alliier­ten Forderungen unvermeidlich als vor-

während es im Gegenteil wünschenswert sei, daß Deutschland nicht durch eine Politik der Nadelstiche zum Feinde gemacht werde. Die Urheber des Vertrages hätten nicht das Recht, mehr als die Erfüllung des Buchstabens des Vertrages zu verlangen. Am Schlüsse hält das Blatt dem Getue wegen der Unterbringung der deutschen Polizei in Kasernen die Tatsache ge­genüber, daß in London ein großer Teil der städtischen Polizei in sogenanntenStation Houses" untergebracht ist.

Bemerkenswert ist, daß es sogar im konser­vativenE v e n i n g Standard" heißt, die alliierte Note werde mit gemischten Gefühlen ausgenommen werden. Wenn es auch ärgerlich sei, daß die Bestimmungen, denen Deutschland in Versailles zugestimmt habe, ncht voll ausge­führt worden seien, so dürfe doch nicht vergessen werden, daß die Lage sich seit der Unterzeich­nung des Vertrages radikal geändert habe, und daß die Verzögerung in der Zurück­ziehung der alliierten Besetzungs- truppen sehr bedauerlich sei.

Die schärfste Kritik übt der liberaleM a n- ch e st e r Guardia n", der in einem Bericht aus London ausführt:

Die alliierte Note wird den Weg zum europäischen Frieden noch für lange Zeil versperren.

Die einzige Hoffnung für eine Verminde­rung der Wirkungen der Ungeschicklichkeit der Note liegt in Berlin. Es ist bedauerlich, daß un solches Dokument in Berlin zu einer Zeit überreicht wird, wo die höchste Aufgabe der europäischen Diplomatie darin besteht, den Si­cherheitspakt vorwärts zu bringen. Es ist schwer, die geheime Freude zu verbergen, mit der die französischen Poincaristen dieses Doku­ment begrüßen, und es ist ebenso schwer zu ver­stehen, wie die Engländer zulassen konnten, daß es gedruckt wurde. Es ist

erstaunlich, daß die Alliierten der deutschen Regierung fünf Monate lang die Gründe vorenthielten, weshalb Köln nicht am 10. Januar geräumt wurde, und noch erstaun­licher. daß die Note und diese Forderungen luf^Berlinabgejchojsen" wurden ohne jede

Bezugnahme auf Deutschlands bewunderns- werte Initiative in der Frage des Sicher­heitspaktes.

Der defensive Ton der Note deutet darauf hin, daß, wer sich entschuldigt, sich beschuldigt. Der Bericht schließt unter Hinweis auf die zweitklas­sigen Diplomaten der alliierten Mächte mit den Worten: Eine Ironie des Schicksals ist es, daß nur Deutschland durch die Anwendung eines überlegenen Geistes sie (die alliierten Diplomaten) vor ihrer Torheit retten kann.

In einem Leitartikel bezeichnetManchester Guardian" die fünf Monate, die die Alliierten zur Formulierung der Gründe für die Nicht- räumung der Kölner Zone verwandten, als vollkomen vergeudet. Die Note der Alliierten, sagt das Blatt weiter, enthält Erklärungen, die Uebertreibungen zu sein scheinen. Wenn die Alliierten von einer ernsten Bedrohung des Friedens reden, so gebrauchen sie die Sprache des Bluffs.

Die Alliierten sind so beschäftigt mit dem Splitter in Deutschlands Auge, daß sie den Balken in ihrem eigenen vergessen haben. Die Ansicht, daß Deutschland fähig ist, einen Angriff vorzubereiken, ohne ein einziges schweres Geschütz, ohne Kampfflugzeuge und Tanks, ist einfach phantastisch.

teiligung aus allen Teilen des Saarlandes.

wirtschaftlich zu mächtig ist, vergeh alten zu werden, und sagt dann weiter: Die deutsche Geste des Paktangsbots ist unbe­lohnt geblieben. In ihrer augenblicklichen Gestalt sind die Forderungen der Alli­ierten noch schwerer zu erfüllen als zu der Zeit, wo sie hauptsächlich die Anlieferung von Kriegsmaterial betrafen. Deutschland ist jetzt in eine Lage gebracht worden, in der es nie­mals die Alliierten befriedigen kann, außer wenn diese es wollen, was sie augenblicklich anscheinend nicht tun. Der Grund dafür ist leider nur allzu deutlich. Die Besetzung Kölns ist nach der Ansicht Frankreichs eine der wich­tigsten Bürgschaften für seine Sicherheit. Es wird sie nicht aus den Händen lasten, bevor es einen mindestens ebenso guten Ersatz dafür hat.

Unser dem Vorwand der Nichterfüllung der Abrüsiungsbestimmungen des Ver­trags versucht Frankreich mit britischer Gutheißung bessere Garantien für seine Sicherheit zu erpressen als die vom Ver­sailler vertrag vorgesehenen. Da die Hauptlast dieser Garantien wahrscheinlich auf Großbritannien fallen wird, scheint die britische Politik in dieser Hinsicht weder sehr aufrichtig noch sehr klug zu sein.

DerObserver" beschäftigt sich heute noch einmal grundsätzlich mit der Entwaffnungs­note und führt unter anderem aus, daß, wenn die Einzelheiten der Entwaffnungsforderungen ausgeführt sein werden, Deutschland weder mehr noch weniger entwaffnet sei als gegen­wärtig. Die Entwaffnungspolitik habe keinen Einfluß auf die künftige Gestaltung, denn das Rüstzeug der Zukunft fei die Industrie, und es sei unmöglich, die industrielle Aktivität Deutschlands niederzuhalten. Man kann nicht die kommerzielle Ausbeutung der Luft durch deutsche Unternehmungskraft mindern. Schließ­lich ist Entwaffnung nicht die Frage, um die es geht. Die Gefahr liegt vielmehr darin, daß der schlimme Geist des. deutschen Nationalis­mus wieder aufgezogen wird und eine wachsende Gefahr bildet. Jedenfalls müsse diese Entwaffnungsnote endgültig das letzte Wort der englischen Regierung sein. Wenn die Forderungen im wesentlichen erfüllt sind, muffe Köln geräumt werden.

Rom, 6. Juni. DieBoce Republicana" schreibt zur Entwaffnungsnote der Botschafter­konferenz an Deutschland: Ein entwaffnetes Deutschland in dem bewaffneten Europa ist nicht zulässig.

Deutschlands Entwaffnung muß der Be­ginn der allgemeinen Entwaffnung sein.

Das Blatt ermahnt Frankreich, das seit Kriegs­ende am meisten mit den Waffen geklirrt habe, in dieser Hinsicht ein klares Wort zu sprechen und schließt: Durch Paris und Berlin muß die Achse einer neuen Politik gehen, welche die Wiederherstellung Europas zum Ziele hat.

DieE p o c a" meint u. a., wenn man den Frieden in Europa ernstlich will, muß man eine Interessengemeinschaft mit Deutschland anstreben und Deutschlands Mitarbeit an der Herbeiführung eines dauernden Friedens an­nehmen. Will man das nicht, so täte man besser daran, den Krieg vorzubereiten.

Ein Gefallenen - Denkmal im Saargebiel.

Völklingen a. d. S., 7. Juni. Ein deutsches Denkmal im Saarland ist zum Gedächtnis der Ge­fallenen in Völklingen an der Saar enthüllt worden, das seine Bedeutung nicht nur in seiner großen künst­lerischen Schönheit, sondern vor allem darin bat, daß es in dem Grenzlande ein machtvolles Zeugnis deutscher Kultur darstellt. Das Denkmal, dessen Schöpfer bet Frankfurter Bildhauer Beuna Elkan ist, zeigt eine vielfach über Lebensgröße weibliche Ge­stalt, die, ein Symbol allen Leidens der Frauen im Kriege, eine ti vergreifende Klage darstellt. Wie be^ »iirtkn narb

PvMifcher Mord bei Wismar.

Vor einiger Zeit wurde in der Nähe von Wismar in Mecklenburg die Leiche eines jungen Mannes namens Holz gefunden. Nach einer Meldung der Montagèpost" soll sich jetzt herausgestellt haben, daß ein völkischer Vehmenmord vorliegt. Der Staats­anwalt habe gegen vier Personen Anklage wegen Mordes erhoben.

Blutiger Zusammenstotz in Teltow.

Berlin, 7. Juni. Als die Schützengilde von Teltow bei Berlin heute anläßlich ihres Schützenfestes einen Umzug durch die Ortschaft veranstalteten, kam es zwischen Teilnehmern des ZugeS und Mitgliedern des roten FrostkämpfervundeS, der ebenfalls in Teltow ein Fest feierte, zu schweren Zusammenstößen, bei denen als Wurfgeschosse Flaschen und Steine eine Roll 'vielten. Schutzpolizei und Landjäger griffen in die Schlägereien ein, wobei schließlich auch Schüsse fielen. Als die Beamten mit ihren Gummiknüppeln nichts mehr ausrichten konnten, mußten sie von der Schuß­waffe Gebrauch machen. Ein Toter und neun Schwer­verletzte blieben auf dem Kampfplatz liegen. Zahlreiche andere Personen, die sich an der Schlägerei bete lut hatten, erlitten leichtere Verletzungen. Die Polrze, zerstreute schließlich die Kämpfenden und stellte bie Ruhe wieder her.

Wie der Moniasspost zu bett Zusammenstößen in Teltow gemeldet wird, gehören der Tote und die neun Schwerverletzten dem roten Fiontkämpferbundan. Abei auch die Gegense te, sowohl die Polizei als auch die Sckützcngilde, die der Polizei zu Hilf« ereilt war, hatte eine große Anzahl Verletzter. Wie die Blätter betonen, hatte der bie Polizei anführende Oherland- jäger die andringendcn Kommunisten mit lauter Stimme zum Zinückweichen mitgeforsert, ba er sonst genötigt sei, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Erst als dieser Aufforderung nicht Folge geleistet wurde, gab der Oberlandjäger den Beicht, scharf zu ichicßkn. Mehrere der «chwcrvcrletzien Pmonen habe» Bauch- und Lungenichüsie erhalten. Ihr Zustand ist besorgniserregend. Fast alle wurden in den Kranken- bäuiern, in die sie gebracht wurden, sofort operiert Das Berliner Polizeipräsidium hat zur Untersuchung der Vorfälle Beamte nach dem Schauplatz des Kampfe« abgeschickt.

Die Stellung Der Bayerischen Volks- Partei zum Zentrum.

München, 7. Juni. In einer Auslassung der Bay inchen Volkspaitei über die Beratungen des Laudesausschusier ter Partei, die Ende der Woche hier stattfinden, wir» oesagt, daß ihSbnonb're die Vorgänge bei der Reickspräfidcntenwahl und das Verhältnis der Bayerischen Voltspait« zum Zentrum eingehend erörtert worden sind. In der ersten Frage urteilte der Lomes- autschuß, daß die Gesebloffenheit der Partei durch die iinter chiedliche Ruff« un« über bie Zweckmäßigkeit bei Wahlparole unangetastet bleibe und daß der AuSgang ter R'ichrpräsidentenwahl allgemein als ein bo.itif* .b-arükenSmertrs Eeemnut ankortâ wurde. Lw Luü.

Sprache über das Verhältnis zum Zentrum brachte, der erwähnten Quelle zufolge, die Gewißheit, daß unge­achtet aewiffer Nuancen in der Beurteilung der Dartek eine Wiederannäherung beider so nahe verwandtes Parteien erhofft werde und, so weit es an ihr liege^ den Weg zu dieser Wiederannäherung freihalten wilst

Die neue Novelle zur Personal« abhauverordnung.

Berlin, 6. Juni. Die neue Nov-lle zur Personal« abbauuerordnuni siebt, wie daS W. T. B. erfährt, folgende Verbesserungen:

1. Gänzliche Aufhebung der für die Beamten und Anaeste itten geltenden Abbaubestimmungen.

2. Völlige Beseitigung der PensionSkürzungSvor» schrillen.

3. Gewährung von Abfindungssummen an ver­heiratete weibliche Beamte, bie aus dem Beamtenver- Hältuis ausscheiden.

4. Hinaufietznng der Mindestwartegeldzrenze und de» Höchstbctraaes des Wartegeldes.

5. Einschränkung der EinstellungStperre und be- londere Berücksichtiaung der Verloraungsanwärter und der Schwerkriegsbeschädigten bei der E.nstellung von Beamten.

6. Gewährung von Witwen- und Waiiengeld an die Hinterbliebenen eines verstorbenen RukegchaltS- emp'ängers, der sich erst nach der Pensionierung ver­heil atete.

7. Gewährung von Witwenbeihilfe an schuldlos geschiedene Ehefrauen verstorbener Beamten oder Ruhe« gehaltsemp'änger.

8. Gi Währung von Witwengeldbeikilfe an wieder- 'erheiratete witwengeldberechtigte Witwen im Todes­fälle des zw >ten Mannes.

Da diese Derbcfferungen nicht ohne Einfluß aus die Rechte der Länder- und Gemeindebeamten bleiben werden, war die bisherige Beteiligung des ReichSrateS a boten, um so eine gleichmäßige Behandlung der Reichsbeamten mit den Länder- und Gemelndebeamteil zu erzielen.

Eine sürchierliche Bluttat.

mit seiner Familie verfeindete Korbmetchec Mlh. Brückner ermordete hier heute nacht seine Frau, seine Mutter, einen Schwager, eine Schwägerin und deren fünf Kinder durch Beilhiebe auf den Kopf und Durchschneiden der Kehlen. Der Mörder hängte sich darauf.

Zu diesem grauenvollen Massenmord wird noch bekant: Der 31jährige, als sehr ver­schlossen, aber auch als zanksüchtig bekannte Korbmacher Brückner hat gestern abend seine von ihm getrennt lebende zweite Frau in Lindenberg bei Sohneberg ausgesucht und ihr nach einer Unterredung die Kehle durchge- schnikten. Dann kehrte er in sein Heimatdorf zurück und zertrümmerte dann seiner mit ihm im gleichen Hause wohnenden 71jährigen Mutter, seiner 41 Jahre alten Schwester und deren 44 Jahre allen Ehemann, sowie den fünf Kindern dieses Ehepaares, vier Mädchen von 218 Jahren und ein Knabe von S Jahren, die Schädeldecke während des Schlafes. Nach­dem fo alle Bewohner des Haufes ums Leben gebracht waren, erhängte sich der Mörder selbst. Die Leichen wurden heute in das Lei­chenhaus gebracht und werden morgen seziert. Die freiwillige Feuerwehr hält das Mordhaus besetzt und wehrt die aus den umliegenden Orkfchaften eintreffenden Neugierigen ab. Der Mörder lebte, wie wir noch erfahren, mit den ermordeten Familienmitgliedern in fortgesetz­tem Streiks.

Ein Vstt, das sich nicht wäscht. In einem der letzten Berich'te der Gesundheitskommission der Sowjetregienmg wird über einen Stamm Mitteilung gemacht, den man im irmefften Sibirien ausspürte. Diese Leute, die 1000 Kilo­meter von jeder anderen merrschlichen Gemein- schift entfernt leben, wißen von der übrigen Welt so wenig, wie wir vom Mars wissen. Oknvohl sie keinen Mangel an Wasser haben, stellten die Rsaierungskommissare doch fest, daß sie sich des Wassers nur zum Trinken bedienten. Sie wuschen nicht nur niemals ihren Körper, sondern sie wuschen auch nicht ihre Kleider, noch irgendwelche Geräte. Man mußte Gewalt an« wenden, um sie zur Benutzung des Masters zu veranlassen, unö der erste Mann, dem die Kommissare eine gründliche Waschung ange- beigen ließen, starb, entweder aus Furcht vor den Folgen dieser ungewohnten Maßnahme oder vielleicht auch wegen des plödlicb»i Schocks, den er 'dabei erlitt.