200. Jahrgang.
Hanauer W Anzeiger
General-Anzeiger für die Kreise Kana« Stadt und Land.
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Nr. 127
Mittwoch den 3. Juni
1925
Das Neueste.
— Eupen und Malmedy sind mit dem 1. Juni in die belgische Zivilverwaltung übernommen worden.
— Zum Schutze der Ausländer sind anläßlich der Unruhen in Schanghai englische, amerikanische und italienische Truppenabteilungen gelandet worden.
— Die norwegische Regierung beschloß end- £g die Entsendung einer Hilfsexpedition für indsen.
— Die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und der jugoslawischen Regierung zwecks Erneuerung des Bündnisvertrages find abgebrochen worden.
— Der türkisch-griechische Patriarchenstreit ist durch den Rücktritt des Patriarchen endgültig beigelegt.
Das Sicherheitsproblem
Eine englische Richtigstellung
London, 2. Juni. Der Londoner Berichterstatter des Wolfbüros erfährt über den augenblicklichen Stand des Meinungsaustausches zwischen der britischen und der fran-
zösischen Regierung in der Si folgendes: Das der französisch vor kurzem übermittelte britisch dum stiert die allgemeinen Grundsätze an, die nach Ansicht der britischen Regierung der deutschen Regierung in Beantwortung ihres Paktvorschlags als Grundlage für die weiteren diesbzüglichen Verhandlungen mitgeteilt werden müßten. Was das von einem Teil der
age
jen Regierung sche Memoran-
Der erste Schritt.
Zur Annahme der Skeuerüberleitungsgefetze.
Das große Problem, die öffentlichen Finanzen in Deutschland systematisch neu zu ordnen und organisch in die Funktionen unseres Wirtschaftslebens hineinzufügen, ist vom deutschen Reichstag mit Energie in Angriff genommen Norden. Die Tatsache, daß in der Jnflations- ! zeit die steuerlichen Grundlagen vollkommen zerstört worden find, erforderte zunächst ein« mal, die willkürlichen Zustände auf dem Gebiet Ser Einkommensteuervorauszahlungen zu beseitigen und wieder die Einkommenbesteuerung auf den tatsächlichen Ertrag abzustellen. Im Gegensatz zu dem Standpunkt der Reichsregie- kUNg vertrat die Wirffchaft und mit ihr die
neicystags Den Standpunkt, da zwe g und notwendig sei, die erste re Grundlage möglichst schnell durch die Veranlagung für zu schaffen. Diese Unterlage hätte einmal die Möglichkeit gegeben, einen wenn auch nicht vollkommenen, so doch teilweisen Ausgleich für die Härten und Ungerechtigkeiten der Auswir- i Ning der Einkommensteuervorauszahlung des ‘ ffuhres 1924 zu geben, und andererseits eine ; 'Kare Grundlage für die tatsächliche Leistungs- ähigkeit unserer Wirffchaft für die Veurtei- der neuen Steuergesetze zu schaffen. Die uteichsregierung stellte sich dieser Auffassung entgegen und blieb bet der Meinung, daß die -Veranlagung technisch nicht durchführbar sei, vor allem, weil der Ausgangspunkt für die erste Bilanz mit dem 1. Januar 1924 im An- ! Wm an die Jnflationsperiode ungeeignet sein wurde und eine Korrektur der damaligen Vermögenswerte nicht durchführbar fei, während auf der anderen Seite gerade die erste Aus- I ßangsbilgnz für die Einkommenbesteuerung Der Zukunft eine möglichst klare und gesunde Grundlage darstellen müsse. Daß diese Gründe ?um Teil stichhaltig sind, kann auch kein An- der Veranlagung für 1924 leugnen.
Entscheidend war aber für die Regierungsmehr- der Kommission die Tatsache, daß zur ! ârchführung der Veranlagung für 1924 zu I Diel Zeit verloren gegangen ist, und daß eine s Aufschiebung dieser Veranlagung in die Ar- i der Steuerbehörden eine derartige Vor- für die Lösung der kommenden Aufgaben bedeutet haben würde, daß I Regierungsparteien die Verantwor-
i t ”9 doch nicht übernehmen zu können glaub- - verachtetmuri)e nuf die Veranlagung für 1924 i ^^rheit jst aber auch nicht den Weg ns^^s ^erungsvorlage gegangen. Sie hat es * âe teilweise nachträgliche Veran-
! rrâ-"g sur 1924 wesentlich zu Gunsten des f durchzuführen, weil damit ein gerechter i s"r die Wirtschaft nicht zu'schaffen
i 1924 -6o ^schloß man sich, unter das Jahr I -Ann Strich zu machen und nur in Fäl- i f^/rer persönlicher und wirtschaftlicher - d°r Steuerpflichtigen, die dessen
s^è„A^9keit wesentlich beeinträchtigt, eine : lt, robsetzung der Ablösungsbeträge für 1924 ■ düs^ffchen. Als persönliche Verhältnisse ft gelten insbesondere auhergewöhn- i Belastungen durch Unterhalt oder Er- ! der Kinder, der Verpflichtung zum ' terWt mittelloser Angehöriger,' durch ' ™9e't Körperverletzung, Verschuldung oder
Mlucksfälle. Als wirtschaftliche Verhältnisse können auch wesentliche Verluste in «rächt kommen, die sich beim Vermögensver- : gleich ergeben.
Entscheidend war die Gestaltung der Steuer« Verhältnisse für das Jahr 1925. Die Wirffchaft
ranzösifchen öffentlichen Meinung aus „briti- chen Anregungen" herausgelesene Zu g e- t ä n d n i s eines Rechts Frankreichs anbetrifft, den östlichen Alliierten mittels Durfchmorsches durch die entmilitarisierte Rheinlandzone zu- Hilfe zu kommen, so wird in hiesigen politischen Kreisen angedeutet, daß eine derartige Auslegung den augenblicklichen Erörterungen v o r a u s e i l t, da sich , die Frage der Auslegung der aufgestellten allgemeinen Grundsätze automatisch ergeben wird, wenn diese der deutschen Regierung in einer Note mitgeteilt worden sind, die sie natürlich zu Anfragen über die Folgen gewisser Punkte veranlassen wird. Nach Ansicht der britischen Regierung muß der Völkerbund beim Zustandekommen, sowie bei der Durchführung des Paktes die Hauptrolle spielen. Es ist anzu- ne^ __
aller in der Völkerbundsatzung enthaltenen Verpflichtungen verlangt werden wird, einen Teil der französischen Presse zu Schlüssen veranlaßt hat, die noch verfrüht sind und von der Auslegung der in Betracht kommenden Paragraphen abhängen. Dies ist umso wahrscheinlicher, als, wie vermutet, werden kann, die östlichen Bündnisse Frankreichs in dem britischen Memorandum nicht erwähnt worden sind. Es wird von britischer Seite außerdem darauf hingewiesen, daß alle bisherigen Erklärungen der britischen Regierung zur Sicherheitsfrage den Grundsatz der Gegenseitigkeit des geplanten Paktes betont haben. Als nächste Entwicklung wird die Antwort der französischen Regierung auf die britischen „Anregungen" erwartet. Es wird angenommen, daß diese Antwort noch vor der Zusammenkunft zwischen Chamberlain und Briand in Genf erfolgen wird.
Paris, 3. Juni. Das „Journal" glaubt zu wissen, daß die Antwort der belgischen Regierung hinsichtlich des Sicherheitspaktes vollkom-
on Deutsch-
. — Die Enlwaffnungsfrage.
men den gleichen Standpunkt vertritt wie die englische Antwort.
Ueberreichung der Konlrollnole am Donnerstag.
Berlin, 2. Juni. Wie wir hören, ist die Usbergäbe der Note der Botschafter-Konferenz zur Frage der deutschen Entwaffnung an den Reichskanzler für Donnerstag zu erwarten. Die Veröffentlichung des umfangreichen Schriftstückes soll wie es heißt, bald darauf erfolgen.
Vermutungen und Kombinationen.
Paris, 2. Juni. Die heftigen Kommentare der deutschen Presse über die alliierte Entwaffnungsnote erregen in hiesigen politischen Kreisen Aufmerksamkeit. Es wird darauf hingewiesen, daß der Inhalt der Note in Berlin noch gar nicht bekannt sei und daß also die Erregung der Presse offenbar einer besonderen Absicht dienen soll. Der „Temps" drückt diese Vermutung, die auf französischer Seite besteht, etwas deutlicher aus, indem er die Erregung der deutschen Zeitungen auf ein taktisches Manöver zurückführt. Offenbar hätten diejenigen Stellen, die diesen Plan veranlaßt hätten, die Absicht, das Terrain für eine Zurückziehung dre deutschen Garantie- paktoorschläM vorzub'ereiten. Die weitere Besetzung der Kölner Zone solle wahrscheinlich als Vorwand benutzt werden, um das deutsche Angebot rückgängig zu machen, zu dessen ernster Prüfung sich die Alliierten bereit erklärt hätten. Die Art, wie die alliierte Note von der Regie-
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schaffen, aber die getroffenen Entscheidungen würden auf keinen Fall eine Aenderung erfahren.
Wie verlautet, hat die deutsche Regierung das Ersuchen ausgesprochen, daß die Note, die erst Donnerstag mittag überreicht werden wird, nicht 12 Stunden später veröffentlicht wird, sondern erst Freitag abend oder Samstag früh. Man glaubt hier, daß dieses Ersuchen dadurch veranlaßt wurde, daß Deutschland zu gleicher Zeit auch feine Antwort veröffentlichen will.
Im übrigen scheint man sich auf französischer Seite über die Haltung der deutschen Regierung in -der Entwaffnungsfrage erstaunlichen Hoffnungen hinzugeben, wenigstens wollen die Abendblätter wissen, daß Deutschland nicht nur die Abschaffung der Zeitfreiwilligen, sondern auch die Auflösung des „Generalftabes" zugestehen würde und daß es nur in einigen anderen Punkten (Entmilitarisierung der Polizei und Umstellung der Kriegsfabriken) Einwände machen werde.'
Arbeit geleistet hat, die zwar nicht jedermann befriedigen wird, aber sicherlich dem Ganzen dient und die Hoffnung läßt, daß nun auch die weitere Arbeit der steuerlichen Neuordnung unserer Verhältnisse einen gleich verständigen Fortgang nimmt.
Beamlenlum und Aufwertung.
Frankfurt a. M., 2. Juni. Der Wahl» krei sb eamtenausschuß Frankfurt a. M. der Deutschen V o l k s p a r t e i hat beschlossen, an die Reichstagsfraktion der Partei folgende Entschließung zu richten:
„Der Beamtenausschuß erblickt in der beabsichtigten Lösung der Aufwertungs» frage eine e r n st e Gefahr für den Bestand des Berufsbeamtentums. Die Enteignung eines erheblichen Teils des Privateigentums der Beamtenschaft verhindert für die Folge eine Rekrutierung des Verufsbeamtentums aus feinen eigenen Reihen und die Versorgung der verschiedensten Berufsgruppen, insbesondere der freien und gelehrten Berufe wie in früheren Zeiten. Der Wegfall einer Verzinsung aus den Ersparnissen, welche in früheren Zeiten eine Ergänzung zu den Beamtengehältern und späterhin zu den Pensionen bildeten, läßt eine Verelendung weiter Beamtenkreise, insbesoch dere der älteren Beamtenschaft befürchten. Der Ausschuß sieht sich genötigt eindringlich auf die bereits weit um sich greifende Verschuldung des Beamtentums hinzuweisen, und ist der Ansicht, daß beieiner Aufrechter Haltungbest ehender Rechtsansprüche und einer dadurch bedingten Erhaltung und Förderung des öffentlichen Kredits eine Belebung von handel und Verkehr und damit eine Preissenkung erzielt würde, sodaß infolge einer Verbilli-
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wurde.
mußte befreit werden von den ungerechtfertigten Vorauszahlungsleistungen auf Grund eines Maßstabes, der mit dem Einkommen nichts zu tun hat. Es war notwendig, die Einkommensteuerleistung schnellstens wieder an den tat- fächlichen Ertrag der Wirtschaft zu binden. Diese Aufgabe ist in dem verabschiedeten Ueberleitungsgesetz, das, wie der Name sagt, in die ordentliche Veranlagung überleiten soll, gelöst worden. Die Landwirtschaft und diejenigen Unternehmungen, die zum 30. Juni 1925 bilanzieren, werden unmittelbar nach diesem Termin regelrecht veranlagt und haben daraufhin nunmehr ihre Steuerleistungen zu entrichten. Gehen die bisherigen Vorauszahlungen nach der vorzulegenden Steuerbilanz über Re Verpflichtungen aus dem Ertrage hinaus, so kann unmittelbar eine Stundung oder Herabsetzung dieser Vorauszahlung bis zur endgültigen Veranlagung erfolgen. Für alle übrigen vekanlagungspflichtigen Zensiten ergibt sich die Möglichkeit, von den ungerechtfertigten Vorauszahlungen, herunterzukommen, durch die Vorlegung einer Vierteljahrs- oder Halbjahrsbilanz am 1. Juli. Da ferner vorgesehen ist, daß fortan die Einkommensteuer- Sngen vierteljährlich erfolgen, wird der iermin ausfallen und als nächster Zahlungstermin für Mai-Juni der 10. Juli in Kraft treten. Damit ist die Möglichkeit geschaffen, von den Vorauszahlungen, die ungerechtfertigt sind. hinsichtlich der tatsächlichen Leistung schon für Die Mai- und Juniraten herunterzukommen. Die endgültige Abrechnung ergibt sich dann nach erfolgter Veranlagung im Jahre 1926.
Wenn damit der Wirtschaft ein wesentlicher Dienst erwiesen worden ist, so ist andererseits
durch den Reichstag dem Gesetz ein starker sozialer Charakter ausgeprägt worden.
Bei allen Steuerzahlern ermäßigt sich der Steuersatz von 10 vom Hundert für die ersten 8000 Mk. Jahreseinkommen für die Ehefrau sowie jedes minderjährige Kind um 1 vom Hundert. Uebersteigt das Einkommen nicht den Betrag von 3000 Mk., so wird vom zweiten zur Haushaltung zählenden minderjährigen Kinde ab je 2 vom Hundert abgesetzt. Für die Lohnempfänger bleiben 80 Mk.- monatlich einkommensteuerfrei. Für den Lohnempfänger tritt allgemein das Privileg des 2prozentigen Abzuges auch vom dritten minderjährigen Kinde ab ein, aber bei einem Arbeitslohn bis zu 3000 Mark jährlich bereits vom zweiten Kinde ab, sodaß der Lohnempfänger und Beamte mit einem Einkommen von 3000 Mk. bei fünf Kindern künftig steuerfrei ist. Diese soziale Ausgestaltung des Gesetzes ist von sehr erheblicher Wirkung, wie der sich daraus ergebende Steuer- ausfall zeigt. Allein die Verbesserung, die Der Reichstag gegenüber der Regierung vorgenommen hat, stellt einen Ausfall an, Einkommensteuereingängen von rund 500 Millionen Mark dar. Damit ist einerseits der starke soziale Charakter des Gesetzes gekennzeichnet und andererseits leider aber auch festgestellt, daß die Verarmung in Deutschland eine unendlich breite Schicht der Einkammentrüger in die unteren Einkommensklassen hinabgedrückt hat. Schließlich ergibt sich aus tiefer sozialen Tat die Notwendigkeit, bei der weiteren Beratung des großen Steuerwerkes mit den Abstrichen an Einnahmen recht vorsichtig zu sein.
Man darf wohl sagen, daß der Reichstag, nachdem die Wahl Hindenburgs endlich Ruhe gebracht hat, eine schnelle, gründliche und gute
Masfenkündigung im Tiefbergbau.
Hamborn, 2. Juni. Infolge der anhaltenden Abfatzkrise sehen sich die Gewerkschaften Friedrich Thyssen, Lohberg und Rhein I, die auch zum Thyssen-Konzern gehören, veranlaßt, zum 15. Juni 3000 Beamte und Arbeiter zu entlassen, weil die Förderung bedeutend einig» schränkt werden muß.
Major v. Hindenburg ins Reichs- wehrministerium versetzt.
Der Sohn des Reichspräsidenten, Major v. Hindenburg, der bisher in der Kavallerieschule in Hannover tätig war, ist in seiner Stellung als persönlicher Adjutant des Reichspräsidenten in das Reichswehrininisteriuw versetzt worden.
Internationale Truppenlandungen in Schanghai.
Chinesische Forderungen an die Auslands Vertretungen.
London, 2. Juni. Die Anruhen in Schanghai, die einen ausgesprochen fremdenfeinblichen Charakter angenommen haben, dauerten gestern und heute mit unverminderter Heftigkeit an. Die Lebensmittelmärkte der Stadt mußten geschlossen bleiben, da die Angestellten und Transportarbeiter die Arbeit niederlegken. An verschiedenen Stellen kam es zu schweren Zusammenstößen, bei denen einige Amerikaner verwundet worden sind. Ein japanischer Polizist wurde von den Strei-
senden angegriffen und in einen Dach geworfen, worauf er in die Menge feuerte. Einer der Angreifer wurde getötet, zwei ernstlich verletzt. Englische, amerikanische und italienische Truppen sind im Laufe des heutigen Tages gelandet worden. Die Landungstruppen haben verschiedentlich Ma- j if die Angreifenden er- amerikanische Kavallerie ist ein-
Landungskrupp schinengewchrfeüer aui öffnet. Auch an
gesetzt worden.
Nach einer Sitzung des chinesischen Kabinetts ist der Kommissar für auswärtige Angelegenheiten beauftragt worden, an das Konsularkorps in Schanghai und an die Gesandten in Peking eine Note zu richten, in der dagegen protestiert wird, daß die Polizei der Fremdenviertel auf die Menge geschossen habe. Es wird ferner entsprechend der Entschließung der chinesischen Handelskammer die sofortige Freilassung des verhafteten Führers der fremdenfeindlichen Bewegung gefordert.
Schanghai, 2. Juni. Die Gesandtschaften der fremden Mächte haben beschlossen, 2000 Mann Marinetruppen zur Wiederherstellung der Ordnung in Schanghai zu entsenden. Die
zu richten, in der oa- daß die Polizei der
Haltung der chinesischen Regierung hat unvermeidlich zur Stärkung des zügellosen Vor-