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„Dann mußt du zur Mutter Erde gehen und sie fragen, vielleicht erlaubt sie es dir,' meinte dar andere Schneeglöckchen bn; „ich möchte jedenfalls kein anderes Kleid heben, als unsere schönen weißen, mit ben grünen Spitzchen, und ich möchte auch niemals aus unserem Wals fort.”
Das unzufriedene kleine Llumenkind aber träumte sich immer mehr in die Schönheit eines neuen blauen Kleidchens hinein, und kurz entschlossen ginn es zur Mutter Erde und bat um die Erlaubnis, diesmal ein blaues Kleidchen tragen zu dürfen.
Mutter Erde hörte die Kleine ruhig an.
„Nun gut * meinte sie dann, »bring mir dein weißes Kleid, ich will dir helfen es blau zu färben; dann darfst du aber nun auch nicht mehr „Sdjneeafötfthen* heissen, dann mußt du als „Blauglöckchen" gehen.'
Bald war das Dlauglöckchen fertig mit feinem neuen Staat, aber all die Kameraden sahen es gar nicht sehr fteundlich an; so fremd war ihnen die kleine Schwester geworden, sie waren alle recht traurig darüber.
Plauglöckchen aber kam sich furchtbar fein vor, in seinem neuen Putz, es drehte sich norm Spiegel, faßte fein Röckchen und tanzte geziert hin und her
Aus der Erde aber rüstete sich der Winter zur Heimreise in kein Eisreich. Die liebe Sonne schien täglich wärmer, so daß Schnee und Eis nur noch eine kurze Lebensdauer hatten und bald den warmen Sonnenstrahlen weichen mußten. Da war auch die Zeit der Schneeglöckchen gekommen und eins nach dem anderen steckt« fein Köpfchen heraus, freudig begrüßt von dem grünen Moos. Stand es nun doch nicht mehr so allein im Dolde, sondern hatte die kleinen Früblingsfreunde wieder bei sich.
„Kommt nur. fommt, * rief es den Zögernden zu. „wenn es Euch auch noch kalt erscheint, wir decken euch put zu, wenn ihr friert.”
So war auch Blauglöckchen auf die Erde gekommen, und das Moos konnte sich nicht genvo wundern, warum denn in diesem Jahr ein Schneeglöckchen ein blaues Kleid anhatte. Auch die Käfer und kleinen Schnecken schauten verwundert das „blaue” Schneeglöckchen an.
„Eigentlich gefällt du mir aar nicht,' zwitscherte eine kleine Meise vom nahen Halelnußstrauch. „Warum hast du denn plötzlich ein blaues Kleid ongezogen?
„Weil ich es hübscher finde: Paß nur auf, wenn jemand hier vorüber geht dann pflückt er mich ob, und ich komme in die große Stadt, da soll es wunderschön sein!'
„So,' sagte erstaunt die kleine Meise, „olio in der großen Stadt soll es wunderschön sein? Na, ich finde es in unserm Wald viel schöner, ich fliege nur in die Grabt wenn ich im Winter hier kein Futter finde.'
Dlauglöckchen ober fiel wirklich auf zwischen all den weißen zarten. Schwestern und ein Knabe, der mit seinem Pater einen Sonntaas- spoziergong machte, wundert« sich denn natürlich auch über da« merkwürdige Blümchen und pflückte es ab, um es morgen den anderen Kinder« in der Schule zu zeigen.
Freudig klopfte das kleine Herz vom Biai'qlöckchen. aber als die inarme Hand des Knaben es fest umschlossen hielt, um die einzelnen Blüten nicht zu verlieren, war dem Blümlein nicht grab sehr wobl dabei, denn es war an die srssche WaldesküAe gemahnt: und beinah m^-f^te es sich wieder zu den Schwestern zurück. Aber als es bann im frischen Wasser sich wieder erholt hatte, mar alle Waldessthnsucht verschwunden.
In dem grossen Zimmer gefiel es ihm wunderschön! Da waren Kerr- liche stark duftende Blumen, ein Döglein sang lustig, und überall stahlen sich die Sonnenstrahlen ins Zimmer hinein. Ein kleiner Gnnnenrrrrhl hüpfte bis zum Blauglöckchen und brachte ihm einen Gruß aus dem Walde, aber es hörte gar nicht darauf es gefiel ihm hier wunderschön
Am nächsten lag nahm nun Hans Jochen die Blumen mit >,ur Schule, hier wurde sie von allen bewundert; der Lehrer konnte den
Kindern auch nicht erklären, woher das Schneeglöckchen ein blaues Kleid- chen trug. Alle Kinder mußten es sich genau ansehen, Staubfäden und Blutenblatter zählen, ja, es wurde so genau betrachtet, daß es schließlich dem Blauglöckchen weh tat.
„Ja, es ist eine ganz merkwürdige kleine Blume,' sagte der Lehrer, „du mußt sie dir in dein Herbarium legen. Hans Jochen.'
Dlauglöckchen war eigentlich recht ermattet von all dem vielen Anschauen. aber als es nun hörte, daß es Hans Jochen in fein Herbarium tun sollte, freute es sich doch sehr, denn das war doch sicher wieder etwas ganz Besonderes.
Der klein« Sonnenstrahl ober, der auch in der Schule umher huschte, wurde plötzlich ganz betrübt und wischt« sich ein dickes Tränchen aus seinen sonst so blitzenden Aeuglein.
Hans Jochen trug fein Blümlein vorsichtig nach Haus und stellte es wieder in das frische Wasser. Am nächsten Tag, als sich Blauolöckchen wieder ganz erfrischt hatte, nahm Hans Jochen es wieder heraus und legte es zwischen zwei,Löschblättern. Das gefiel Dlauglöckchen nicht be- sonders, es wäre Hebe in dem frischen Wasser geblieben, wo immer wieder Menschen kamen und es bewunderten. Das Löschpapier sog alle er« frischere Feuchtigkeit ob, so daß Blauolöckchen bald ganz durstig wurde.
„Wenn nur Hans Jochen erst wieder kommt, dann wird er mich wohl erfrischen " dachte die kleine Blume, aber es kam ganz anders.
Als Hans Jochen sich bas Blumlein wieder ansah, war er sehr zu» frieden, daß bas Löschpapier bas Wasser so gut ausgewogen hatte: dann
wieder frisches Papier, legte Dlauglöckchen darauf zupfte alle Blättchen recht gut auseinander, legte noch einen anberen Bogen Lösch« papter daraus und floppte das Buch zu. Dann legte er es unter die Sucbernrefie feines Vaters und zog die große Schraube fest an.
Blauglöckchen wusste car nicht wie ihm geschah. Plötzlich war alle- dunkel, noch einmal stahl sich Sonnenstrobl durch die Ritze bes Bucher, als wenn es Abschied nehmen wollte vom Dlauglöckchen, dânn konnte dar klein« Bluwenherzchen schließlich gar nicht mehr klopfen.
«W!« S'hnsuchtrtränen meinte Blaublümlein noch nach den Geschwistern und dem schönen H-imotwald. dann schlief es müde ein und
"rftccknel. Hans Jacken freute sich zwar immer über die seltene Blume in feinem Herbarium, aber ein Blauglöckchen hat es seitdem nie wieder unter den Sckneealöckcken gegeben.
Warum, l'ieoe Mutter, sage mir, Hab' ich dich gar so gern?
Warâm bin ich io froh bei dir Und traurig, wenn du fern?
Warum fühl' ich die Tränen nah'n. Wenn ich dich traurig seh'? — Ein strenges Wort, von dir empsah'n, Tut mir im Herzen weh!
Und wie macht mich dein Lächeln froh.
Wenn es mir liebreich gilt;
Nur eine Mutter lächelt so. Nur ihrem Kind so mild! Es bringt mir in mein Herz hinein Und macht vor Glück mich stumm. So möcht' ich immer bei dir fein! — Sag', Mütterchen, warum?
31|e Herlinger.