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UNIVERSITÄT.

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SanauerS Anzeiger

General-Anzeiger / Zugleich amlliches Organ für den Landkreis Sana«.

Erscheint ^glirä mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. , ^ernsprech-Anfchluß Nr. 1287 und 1238.

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Ar. 51

Won-as Len 2 März

1925

Zum Tode des Reichspräsidenten.

Der erste Präsident der Deutschen Republik, Friedrich Ebert, ist tot. In voller Lebenskraft, im besten Mannesalter ist der Reichspräsident ein viertel Jahr vor dem Ablauf seiner Amts- periode einem tragischen Geschick zum Opfer gefallen. Erschüttert steht das deutsche Volk an der Bahre des aus dem Volke bis zum ehren­vollsten und verantwortungsreichsten Amt des neuen Reiches emporgestiegenen Mannes, auch derjenige bürgerliche Teil des deutschen Volkes, der den Verstorbenen als Mitträger der revo­lutionären Bewegung, aus der die Deutsche Republik hervorgegangen ist, in politisch er­regten Zeiten bekämpfen mußte. Friedrich Ebert ist tot. Der Tod gebietet allem Kampfe Einhalt. Neigt die Fahnen, senkt die Degen! So will es die Ritterlichkeit des Kampfes. Friedrich Ebert war viel umstritten. Bis in die letzten Tage seines Lebens hinein. Doch mag das Charakterbild Eberts in dem Urteil seiner Zeitgenossen noch so schwanken, das Eine muß bei objektiver Würdigung, seiner Tätigkeit als Reichspräsident, seines Wollens und seines Wirkens festgestellt werden, daß dieser Mann des Volkes, der sich in einer langen, zähen, den öffentlichen Dingen gewidmeten Lebensarbeit die Geistes- und Charakterwaffen eines Füh­rers selbst schmieden mußte, die Präsidenten­schaft in kluger und hingebungsvoller Weise ge- i wMM Woh^âer. LeMÄM wi. gute cher Tatkraft zu fördern gesucht hat. Er besaß ein großes Maß politischen Taktes und einen unbeirrbaren Tatsachensinn. In den sechs Jah­ren seiner Amtsführung befleißigte er sich stets einer klugen Zurückhaltung und hat damit viel dazu beigetragen, im Kampf der politischen Meinungen die Schärfe zu mindern und Ver- . jöhnlichkeit zu wecken.

Gewiß, der Verstorbene war Sozialdemo- -rat, aber nicht einer der Phantomen nach- agte, sondern der der Wirklichkeit ins Auge chaute. In einer Unterredung, die er während des Ruhrkampfes mit dem Vertreter eines dänischen Blattes hatte, wohl der einzigen, in der er von seiner politischen Weltanschauung sprach, was für sein Taktgefühl spricht, hat er gesagt, daß er dem rechten Flügel seiner Partei augehöre und ihm das Opportune immer näher gelegen habe, als das Prinzipielle, und daß ihm ein realer Vorteil für die Arbeiter mehr wert gewesen sei als ein Sieg der Prinzipien. Man kann nicht leugnen, daß er wirklich wäh­rend seiner sechsjährigen Amtszeit nach diesem Grundsatz gehandelt hat. Er hat zumeist die sozialdemokratischen Prinzipien vollkommen 'n seinem Herzen verborgen, wenn man darun­ter die fundamentalen Grundsätze des Pro­gramms versteht, das doch noch immer die Richtschnur seiner Partei ist. So hat der Reichs­präsident niemals auch nur den geringsten Versuch gemacht, die Verstaatlichung der Pro- ourfionsmittel auch nur um einen Schritt ihrer Verwirklichung näher zu bringen. Dagegen hat Er chcht gezögert, unter Anwendung des Ärtrkels 48 der Verfassung das bitterernste Gebot der Stunde zu erfüllen und die Reichs- wshr in Sachsen und Thüringen einmarschieren zu lassen, als es gerade, wie jetzt der Tscheka- prozeß zeigt, die allerhöchste Zeit war. Wäh- - rend von bürgerlicher Seite ihm vielfach der Vorwurf sozialistischer Neigungen und in deren I Gefolge Rücksichtnahme auf Stimmungen und Interessen seiner Partei gemacht worden ist, haben große Kreise der Sozialdemokratie ver­ständnislos der Tätigkeit des Reichspräsidenten gegenübergestanden. Man darf wohl sagen, daß seine eigene Partei dem verstorbenen Reichspräsidenten die größten Schwierigkeiten und die geringste Würdigung seiner Arbeit entgegengebracht hat. Seine eigne Gewerk­schaft, in der er einstmals als Sattler mitge­arbeitet hatte, konnte ihn aus ihren Reihen I ausschließen.

_ Daß sich Ebert der Sympathie des größten Teiles des deutschen Volkes, auch bei den nicht- sozialistischen Partein, erfreuen konnte, bewies jener gesetzgeberische Akt vom 24. Oktober 1922, demzufolge die Amtsdauer des Präsiden­ten Ebert unter Vermeidung einer Neuwahl I bis zum 30. Juni 1925 verlängert wurde. Aber auch im Auslande erfreute sich Ebert allas-

meiner Achtung. Selbst die ehemaligen Feind-1 schafft deren Annahme aber nicht praktisch staaten sahen in seiner ruhigen, maßvollen wurde: Ebert wurde einer der sechs Volks- Persönlichkeit eine Gewähr für den Bestand beauftragten. Nach dem Zusammentritt der der gegenwärtigen staatlichen Ordnung in Nationalversammlung, Februar 1919, wurde Deutschland, an deren gewaltsame Aenderung I Ebert zum provisorischen Präsidenten der Re­in unserem Zeitalter allerdings in der Tat publik gewählt, und ehe seine Amtszeit ab«

wohl kein Venünftiger denkt. Am Grabe des Toten wird das ganze deutsche Volk sich daran erinnern, daß dieser Mann unter den Ver­tretern der deutschen Sozialdemokratie der­jenige gewesen ist, dessen Blick am weitesten über die Enge der Partei hinausschweifte, der ein Empfinden für die Volksgemeinschaft der Deutschen besaß. Darum Ehre dem Dahingeschie­denen, wie er sie sich mit Recht verdient hat! Und über sein Grab das Dichterwort:Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem."

Der Lebenslauf des Rsichspräfi-enlen

Friedrich Ebert war am 4. Februar 1871 in Heidelberg als Sohn eines Schneidermei­sters geboren worden, einer von sechs Ge­schwistern. Ein Onkel von ihm war sozial­demokratischer Stadtrat in Mannheim, was sicherlich auf den Entwicklungsgang seines Neffen Fritz nicht ohne Einfluß geblieben ist. Der besuchte in Heidelberg die Volksschule, lernte das Sattlerhandwerk, wurde Geselle und ging auf die Wanderschaft, auf der er eine lange Reihe deutscher Groß- und Mittel­städte kennenlernte. Mit 22 Jahren wurde er von dem Bremer sozialdemokratschen Blatt als Gerichtsberichterstatter und Redakteur an­gestellt. Im Jahr darauf heiratete er; der Ehe entsprangen vier Kinder. 1900 wurde er, der seit seinem 18. Lebensjahr ein einge­schriebenes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war, der sich stets stark um die sozial­demokratische Gewerkschaftsbewegung beküm­mert hatte, Arbeitersekretär in Bremen, eine Stellung, aus der er fünf Jahre später in die eines Sekretärs des Parteivorstandes in Ber­lin aufrückte. Mitglied der Bremer Bürger- fchaft und des Vürgeramts war er gleichfalls 19ud geworden; 1912, als die sozialdemokra­tische Reichstagsfraktion zum ersten Male auf über hundert Mitglieder anschwoll, wurde er für Elberfeld-Barmen in den Reichstag ge­wählt und schon im Jahre darauf zum Vor­sitzenden der Sozialdemokratischen Partei. Die Reichstagsfraktion führte er feit 1916, und am 9. November 1918 übertrug ihm bekannt­lich Prinz Max von Baden die Reichskanzler­

lief, wurde ihm diese durch ein verfassung­änderndes Gesetz vom Reichstage bis zum Sommer dieses Jahres verlängert.

Der KrankhsUsverlauf und die Todesursache.

Berlin, 28. Febr. Die behandelnden Aerzte geben über den Krankheitsverlauf und die Ur­sache des Todes des Reichspräsidenten folgen­den Bericht:

Die Bauchfellentzündung des Reichspräsi­denten, die durch den Durchbruch des bran­digen Wurmfortsatzes des Blinddarms in die Bauchhöhle entstanden war, war an sich im Abklingen begriffen, hatte aber zu einer schweren Darmlähmung geführt, die allen da­gegen angewandten Mitteln trotzte. Es gelang -zwar gestern und vorgestern, die Gase künst­lich zu entleeren doch blieb dies unvollkommen. Nichtsdestoweniger blieb die Hoffnung be­stehen, daß die Darmtätigkeit wieder in Gang käme und Genesung eintreten könnte. In der letzten Nacht trat gegen 5 Uhr eine plötzliche Verschlimmerung ein, die zu einem schnellen Verfall der Kräfte und um IOK Uhr heute vormittag zum Tode führte. Die mit Zustim­mung der Familie des Reichspräsidenten von Geheimrat Lubarsch ausgeführte Bauchsektion bestätigte, daß die D a r m l ä h m u n g die Todesursache war. Der organische Be­fund ergab ferner chronische Entzündung der Gallenblase und Gallensteine. Eiter oder sonstige Flüssigkeit fand sich nicht mehr in der Bauch­höhle. Sowohl der Krankheitsverlauf wie die Sektion zeigen also, daß der Reichspräsident nicht einer Infektion durch die Bauchfellent­zündung, sondern der durch sie verurfachten schweren Darmlähmung zum Opfer gefal­len ist.

Die Kundgebung der Reichs­regierung.

Berlin, 28. Febr. Anläßlich des Todes des Reichspräsidenten hat die Reichsregierung nachstehende Kundgebung erlassen:

Am heutigen Tage ist der deutsche Reichs- Präsident Friedrich Ebert aus dem

Leben abberufen worden. Tieferfchlik- tert steht die deutsche Reichs- regierung und mit ihr das deutsche Volk an der Bahre des deutschen Staatsoberhauptes. Mit Friedrich Ebert ist ein Mann dahingegangen, der unter Einsatz seiner starken Persönlichkeit erreichte, daß in den Wirren der Revolution die Ein­berufung der Nationalversammlung aus freier Wahl dès deutschen Volkes beschlossen und durchgeführk und damit dem deutschen Staats- leben wieder eine gesetzliche Grundlage ge­geben wurde. 3n schwerster Zeit hat er dar Amt eines deusichen Reichspräsidenten mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit und staats­männischer Klugheit verwalket und dabei in der Heimat wie im Auslande reiche Aner­kennung erworben. 3n den außenpolitischen Wirrungen, die nach dem Kriegsende dem Deutschen Reiche erwuchsen, nahm er die ver- ankwortuna für die Entscheidung, die nach vielen Mißerfolgen endlich den Weg zum Wiederanslieg anbahnlen, auf sich. Unparlei- lichkeit und Gesetzlichkeit waren die Richtlinien seiner Amisführung. Die Charaktereigenschaft ken des Menschen Friedrich Ebert und die her­vorragende Begabung des Staatsmannes, der an der Spitze des Deutschen Reiches gestanden hat, haben ihm bei all denen, die den Mann und sein Wirken rannten. Wertschätzung und VeretzruW erwMben. Er Heck dem deutschen Volke und dem deutschen Darertande in schwerster Zeit als aufrechter Mann gedient.

L u k h e r. G e ß l e r. B r a u n s. Stresemann. Sanitz. Stingl. Schiele. Neuhaus. Frenken. Krohne und v. Schlieben.

Aeileidskundgebungen der Parteien.

Die Sozialdemokratische Partei.

Berlin, 28. Febr. Der S o z! a l d e m o» k r a t i s ch e P a r t e i v o r st a n d hat an die Witwe des Reichspräsidenten folgends Schrei­ben gerichtet:

Verehrte Genossin Ebert! Zu dem schweren Unglück, das Sie betroffen hat, sprechen wir Ihnen, aufs tiefste erschüttert, unsere Teil­nahme aus. Dieser unersetzliche Verlust trifft nicht nur Sie und Ihre Kinder, sondern das ganze Volk und die ganze Welt. Die Sozialf demokratische Partei Deutschlands steht anjier Bahre eines ihrer Größten und Besten. Seit feiner frühen Jugend hatte Ihr Mann ihr on- gehört und alle Kräfte seines hohen Geistes und feines unerschütterlichen Charakters ihr gewidmet. Ihm als dem Würdigsten fiel vor zwölf Jahren als Erbe Augukt Bebels der Vorsitz, in unserer Partei zu. In der politischen und der gewerkichafilichen Arbeiterbewegung erblickte er den Hebel, um die Welt zu uer« ändern und die Masse des werktätigen Soiles zu politischer und sozialer Freiheit Heroufzu- führen. Für diesen Gedanken scheute er keine Opfer und keine Anfeindung und keine Ge­fahr, und ihm ist er treu geblieben bis zum Ende. Auch nachdem er aus den Händen der Nationalversammlung dos hohe und er­drückend schwere Amt des ersten Präsidenten del Deutschen Republik empfangen hatte, blieb er Mitglied unserer Partei. Nie in den schwer« Jahren seitdem hat er uns erbetenen versagt.

Mit Ihnen betrauert die Sozialdemokrat tische Partei Deutschlands den Heimgang die­ses außerordentlichen Mannes, dessen Schicksal in treuhingebender Gemeinschaft geteilt zu haben, stets der Stolz Ihres Lebens bleiben möge. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Hermann Mül-ler Wels. C i s p i e n."

Die demokratische Partei.

Berlin, 28. Febr. Anläßlich des Todes de» Reichspräsidenten hat der Vorstand der Deut­schen Demokratischen Partei folgendes Schrei ben an Frau Ebert gesandt:

Hochverehrte gnädige Frau! Der plötzliche Tod Ihres Gemahls, des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, hat uns tief erschüttert. Ihr Gemahl hat in der schwersten Stunde des deutschen Volkes die Leitung der deutschen Geschicke übernommen und hat die ihm vom Schicksal zugewiesene Aufgabe mit vorbild­licher Pflichttreue, Klugheit und Klarheit ge­löst. Ihm in erster Linie verdanken wir es,