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Nr. 1

Freikaq den 2. Januar

Seil. «

Lokales.

Hanau, 2. Januar.

Silvester.

Das alle Jahr ist tot. Es lebe das neue. Würdig ward es empfangen. Als um 12 die Uhren seine Geburtsstunde verkündeten, be­gann das Feuerwerk in den Straßen, da schoß und knallte es, daß es eine Lust war, da zisch­ten die Raketen, da pafften die Frösche, da knallten die Kanonenschläge und die Leucht­kugeln streuten ihr buntes Licht aus. Auf den Straßen aber wünschte man sichProsit Neu­jahr!" Menschen,die sonst aneinander fremdvor- übergehen, riefen sich den Gruß zu, Menschen, die einander nie gekannt, beglückwünschten sich. Feucht fing das Neugeborene an, nicht nur äußerlich, sondern auch im Innern wurde es bei so vielen feucht und feuchter und so man­cher dick- und dünnbauchigen Flasche dürfte zusammen mit dem alten Jahr dèr Hals ge­brochen worden sein. Hinter den Fenstern sah Man noch einmal den Christbaum leuchten. Dort saß im trauten Kreise bei Punsch oder Bowle die Familie. Der Dater hatte nm 11 nochmal die Uhr nach den Schlägen gestellt und nun wartete man von Minute zu Minute bis die beiden Zeiger sich auf der Zwölf ge­funden hatten. Das flüssige Blei zischte in der Wasserschüssel und das Erraten der bizarren Gebilde begann. Damit waren die Heimfeiern beendet, nicht so die Feiern in den Gasthäusern und Eafès. Dort war noch Betrieb zu einer Zeit, wo man sonst schon wieder zum Dienst geht. Ueberall herrschte Laune und Frohlich- kell, Ausgelassenheit und Silvesterstimmung. Auch hier beherrschte der Punsch, jenes echte Neujahrsgetränk, das Feld. Mancher ist auch in das neue Jahr hineingetanzt, wie denn über­haupt überall tüchtig getanzt wurde. Es soll aber auch Leute gegeben haben, die ihre Le­bensregel nicht unterbrochen haben und in Morpheus Armen ruhend das Neujahr ange- freten haben So hat jeder seinem Tempera­ment gemäß Neujahr gefeiert. Mögen all die Glück- und Segenswünsche, die wir empfangen und ausgeteilt, in Erfüllung gehen, dann wird 1925 ein wahrhaft glückhaft Jahr werden.

* Ausweis über Fahrpreisermäßigung für Kriegsbeschädigte. Wir weisen darauf hin, daß die Gültigkeit der Ausweise für Kriegsbeschä­digte für Fahrpreisermäßigungen nach einem Jahre abläuft. Da die Eisenbahnverwaltung auf jährlicher Erneuerung dieser Ausweise be­steht, so müssen die Anträge auf Weitergewäh­rung von Fahrpreisermäßigungen erneut in der amtlichen Fürsorgestelle für Kriegsbeschä­digte und Kriegshinterbliebene gestellt werden.

Zunahme der Erwerbslosenempfänger. In Mr Zeit von Anfang bis Mitte Dezember hat die Zahl der Hauptuntcrstützungs^ in der Erwerbslosenfürsorge von 437 000 auf 458 000, d. h. um rund 5 Prozent zugenom­men. Die Zunahme erstreckt sich Verhältnis- mäßig ziemlich gleichmäßig auf männliche und weibuche Hauptunterstützungsempfänger. Die Zahl der Zuschlagsempfänger (unterstützungs- berechtigten Angehörigen von Hauptunter­stützungsempfängern) ist von 572 000 auf 606 000 gestiegen. Die Entwicklung entspricht im ganzen der Jahreszeit.

Zu einem kleinen Zimmerbrand kam es in der Silvesternacht in einem Hause in der Neuen Anlage. Durch das Abbrennen von Feuerwerk hatte ein Vorhang Feuer gefangen. Die Hausbewohner konnten das Feuer selbst löschen.

Die Jagd im Januar.

Wir find mitten im Winter obwohl dieser sich noch immer von einer gutmütigen Seite zeigte und uns mit nennenswertem Frost und Schnee verschonte. Für den im allgemeinen schwachen Wildstand ist das mit Freuden zu begrüßen, doch sollte der Weidmann, wie die illustrierte IagdwochenschriftSt. Hubertus" in Cöthen-Anhalt dringend empfiehlt, auch seinen Teil dazu beitragen, daß dem Wilde nunmehr Ruhe vergönnt wird.

Obwohl Rehwild in manchen Staaten noch Schußzeit hat, so soll doch kein Jäger von dieser Erlaubnis Gebrauch machen, wenn es sich nicht um kümmernde Kitzböcke handelt.

Auch beim Edelwild soll sich der Abschuß nur noch auf Gelttiere und Spießer beschrän­ken. Die Fütterungen sind täglich nachzusehen und nachzuschütten und ist besonders für kräf- tige Fütterung des hochbeschlagenen Mutter­wildes zu sorgen. Das Wild rudelt sich in dich­teren Beständen ohne Unterschied des Ge­schlechts, nur die starken Hirsche stehen einzeln zusammen.

Für die Aesung und den Abschuß des Dam­wildes gilt dasselbe wie beim Rotwild.

Auf Sauen ruht die Jagd in gehegten Re­vieren. Nach der in den Dezember und Januar fallenden Rauschzeit sind besonders die Keiler schlecht bei Wildbret.

Die Jagd auf Hasen ist möglichst einzu­schränken, besonders dürfen Treibjagden keines­falls mehr stattfinden, da die Hasen bei mildem Wetter zu rammeln anfangen und weil ihnen gerade in dieser Zeit durch Schlingensteller und Raubzeug am meisten nachgestellt wird. Zäune und Hecken sind auf das vorhandensein von Schlingen zu prüfen.

Rebhühner sind bei strenger Witterung möglichst in Nähe kleiner und dichter Remisen mit Getreideabfällen, Heusamen usw. zu füttern. Der Fuchs fängt Mitte des Monats an zu ranzen und steckt häufig in Bauen. Der An­stand morgens und abends auf den Bauen ist oft lohnend, weil er sie in der Dämmerung ab­sucht.

* Die Grotzhandelsindexziffer. Die aus den Stichtag, den 31. Dezember berechnete Groß­handels-Indexziffer ist gegenüber dem Stand vom 2. Yezember (132,6) um 1,3 Prozent auf 134,3 gestiegen. Von den Hauutgruppen stiegen Lebensmittel von 129,0 auf 131,3 oder um 1,8 Prozent und Industriestoffe von 139,3 auf 139,9 oder um 0,4 Prozent.

* Das Fest der goldenen Hochzeit feiern morgen Kupferschmiedemeister Fr. Walter und dessen Ehefrau Dorothea geb. Welsch im städt. Pflegehaus.

* Lkadkkbeater. Aus dem Theaterbüro wird

uns geschrieben: Heute Freitag wird als 15. Vorstellung im Freitag - Abonnement die Mt js großem Beifall aufgeiwmmene O Boccaccio" von Suppè nocbmals wie.

Öpcrette mark (R.-Mt.) zu lauten. Sind sie noch auf

---------^_ ------------ederholt. Rentenmark (Rent.-Mk.) oder Mark (Mk.) aus- Morgen Samstag 7's llhr findet die am 3f? aestellt, so gelten sie als auf Reichsmark lautend.

Dezember ausgefallene 15. Vorstellung im Mittwoch-Aborm. statt. Zur Aufführung ge­langt das neu einstudierte LustspielLiselott von der Pfalz", in einem Vorspiel und drei Ak-

ten von Presber und Stein. Sonntag nackm. 3 Uhr wird der überaus lustige SchwankDie vertagte Nacht" von Arnold und Bach zu klei­nen Preisen zum letzten Male zur Aufführung gelangen. Abends 7 54 Uhr erfolgt die Erstauf­führung vonMignon", Oper in 3 Men mit Benutzung des Goetheschen RomansWilhelm Meisters Lehrjahre" von M. Carrs und I. Bar­bier, Deutsch von F. Gumbert, Musik von A. Thomas.

Jubiläums-Damen« und Fremden- Sitzung der Neuen Hanauer Larnevalgefellschaft.

Prinz Carneval ist wieder eingezogen. Wie alljährlich, so kam er auch diesmal mit großem Gefolge in dieCentralhalle" zur Damen- und Fremdensitzung der Neuen Hanauer Carnevalgesellschaft. Aber diesmal ging es besonders feierlich zu, denn es galt für den Verein 15jähriges Jubiläum zu begehen. Ein Grund besonders zu feiern und es war eine besondere Feier. Der Saal derCentralhalle" war in bunteste Farben getaucht, echte schreiende, lustige Carneoalfarben Die Deko­ration war schon ein Meisterstück. Aber das war ja nur der Rahmen de- Festes. Die eigent­liche Feier verlief aber ebenso glänzend. "Wer nur einmal eine solche Sitzung mitgemacht hat, der weiß, daß die Carnevalisten zu feiern ver­stehen und wenn es gar eine Jubiläumssitzung ist, dann versteht es sich von selbst, daß sie mit allem Pomp gefeiert wird. So zog denn Prinz Carneval (Karl Müller) in rechter Carnevals- und Neujahrsstimmung durch den Ministerprä­sidenten (Hch. Reis) begrüßt, mit dem allzeit schlagfertigen Oberhofmarschall (Karl Dürr) und dem Leibjäger (Jean Leipold) in den Saal ein. Nach Einladung der auswärtigen Ministe­rien und dem Protokoll wurden die Jubilare, die 10 Jahre der Gesellschaft angehörten, geehrt und es begannen nunmehr die Vorträge. Echter blühender Carnevals-Stuß wurde verzapft. Büttenvorträge, wo es nur so von Witzen und Kalauern hagelte. Otto U h l e r t (Alte Frank­furter Carnevalgesellschaft Westend 1895), Louis Loßberg er (CarnevalgesellschWeiße Lilie", Bornheim), Alfred Waller (Rhein­länder-Vereinigung Frankfurt) und Fred Darmstädter (Carnevalges. Westend) über­boten sich gegenseitig. Vor allem der letztere, als kommunistischer Abgesandter mit Sowjet­stern und Kindertrompete, ließ die zahlreichen Zuhörer nicht aus dem Lachen kommen. Auch das Zwiegespräch zwischen Lebrer und Schüler von Wörner und Mahr (Bornh. Carnev.- Ges.Weiße Lilie") brachten viel Stimmung, die durch die Vorträge von Müller-Albus noch erhöht wurde. Ein Riesenradio war die Ueberraschung des Abends, der mit Verlosung und Ball einen glänzenden Abschluß fand.

* Personalien. Obersteuerinspektor Knaup vom Landesfinanzamt Darmstadt ist zum hiesi­gen Finanzamt, Steuerinsvektor Pohl zum Finanzamt Rüdesheim versetzt worden.

* Umstellung des Poskscheckverkehrs auf Reichsmark. Nach der 2. Verordnung der Reichsregierung zur Durchführung des Münz- gesetzes vom 12. Dezember 1924 gilt der Post- scheckverkehr mit sofortiger Wirkung als auf Reichsmark umaestellt. Zahlkarten, Ueber-

Weisungen und Schecke haben fortan auf Reichs-

Zu Ein- und Ausrablungeb im Postscheckver­

kehr können wie bereits mit dem Jnkrast- treten des neuen Münzgesetzes von der Deut­schen Reichspost angeordnet worden ist alle zu Zahlungen an Postkasten zugelastenen Zahlungsmittel benutzt werden.

* Ein Einbruch wurde in der Silvesternacht in der Akademiestrabe verübt. Der Dieb hatte die Fenster eingeschlagen und war dann ein­gestiegen. Die Türen im Innern wurden mit Gewalt erbrochen. Dem Einbrecher fielen 400 Mark Bargeld und ein Fahrrad in die Hände. Eine Reihe Einrichtungsgegenstände wie Uhren und Bilder wurden demoliert.

* Lehrgang des Deutschen Reichsausschusse« für Leibesübungen. Die Deutsche Hochschul« für Leibesübungen veranstaltet erstmalig und probeweise in der Zeit vom 22. Februar bis 16. Mai 1925 einen dreimonatigen Lehrgang für Frauen in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr. Sie verspricht sich von dieser völlig neuartigen Veranstaltung eine wesentliche Förderung der Sache der Leibesübungen. In diesem Lehr­gang sollen erstens die wissenschaftlichen be­reits festgelegten günstigen Wirkungen bei milden Nordseeklimas auf den weiblichen Kör« per bei planmäßiger Leibesübung praktisch er­probt und studiert werden; zum anderen soll durch die weibliche Lebensgemeinschaft dieser für etwa 60 Frauen und Mädchen gedachten Lehrganges unter ausschließlich weiblicher Leitung eine Erarbeitung neuer, dem weiblichen Organismus besonders angemessener Gym­nastikformen erstrebt werden. Zum Lehrgang zugelassen werden außer den Studentinnen der Hochschule solche Frauen und Mädchen, die in ihrer Borbildung und körperlichen Leistung den Anforderungen der Hochschule im allgemeinen genügen. Bevorzugt werden Studentinnen, Lehrerinnen, Jugendpflegerinnen, Heilgym­nastinnen. Anmeldungen sind mit Angabe der Vorbildung und bisherigen Tätigfeit bis späte- stens zum 20. Januar 1925 an den Deutschen Reichsausschuß für Leibesübungen, Berlin W. 35, Kurfürstenstraße 48, Fernruf Kur­fürst 4192, zu richten, wo auch jede weitere Aus­kunft erteilt wird.

* Landwirtschaftliche Woche in Frank furt a. ZN. Den ganzen für die Landwirtschaft so wichtigen Komplex von zeitgemäßen Fragen vor Augen zu führen und Mittel und Wege zr deren Lösung zu bieten, hat sich der Frankfurter Landwirtschaftliche Verein entschlossen, in der Zeit vom 13. bis 16. Januar eine landwirt­schaftliche Woche zu veranstallen. Es ist ge­lungen, zu dieser für Besitzer und Pächter von Gutshöfen oder deren Betriebsleiter, ferner für alle den gesunden Fortschritt geneigten Land­wirte gleich wichtige Veranstallung eine Reihe hervorragender Forscher zu gewinnen. Diese Herren werden alle die Gegenstände in Vor­trägen zur Erörterung bringen, die heute das Interesse des praktischen Landwirtes bewegen und es in Verbindung mit der für jeden Dor­trag vorgesehenen 2lüsfprad)e die Möglichkeit zu einem ersprießlichen Gedankenaustausch unter den Teilnehmern gegeben sein. Es wer­den Vorträge gehalten: der ungarische Ge­sandte Professor Dr. Popoff aus Berlin über Zellstimulation und Landwirtschaft"; Ge­heimer Reg.-Rat Prof. Dr. Remy aus Bonn überBodenbearbeitung und Düngung unter besonderer Berücksichtigung des Kalk- und Gareproblems"; Professor Dr. Skalweit aus Kiel überKreditnot der Landwirtschaft"; Geh. Hofrat Professor Dr. Edler aus Jena über Aufgabe und Erfolge der land'oirtschafil. Pflanzenzucht; Oberveterinärrat Gutbrod ^s Würzburg überFragen aus der Tierzucht"; Prof. Dr. Derlitzki aus Pommritz überLand- arbeitsforfchung und ihre Bedeutung für die Praxis"; Prof Dr. Fingerling aus Möckern überZeitgemäße Fütterungsfragen"; Dr. phil. Hußmann aus Hergatz überKonservie­rung von Grünfutter".

* Preuß. Klasseulotterie. Nochmals sei da« rauf hingewiesen, daß heute Freitag der letzte Erneuerungstag für die 4. Klasse ist.

* Freibank-Verkauf Samstag den 3. Janua?, von 89 Uhr für die Nr. 13511600, von 910 Uhr für die Nr. 16011800, Preis pro Pfund Rindfleisch 50 Pfg., Höchstgewicht 5 Pfd.

Ursula Kronawitter.

Eine Liebesgeschichte aus Altbaiern von F. Schrönghamer-Heimdal.

14. Forlutzuvft. »n '

Karl Sigl, der Bergbauernbub und an­gehende Rechtsanwalt, in dessen Adern das unverfälschte Blut ältesten Bajuwarenadels rollt, hat seine Hünengestalt vom Lager auf der Burgmatte erhoben und schreitet sinnend seinem Vaterhause zu, von dessen Giebel ihm das Sonnenzeichen der Sigrune wie ein Gruß aus Vorzeiten entgegenwinkt. Stumm sitzt er dann mit den ebenbürtigen Brüdern una oem alternden Vater, der den Söhnen zuliebe Wit­wer geblieben ist, um den uralten Birnbaum- tisch beim kräftigen Mittagsmahl, das die Hauserin, eine weitschichtige Verwandte, auf« trägt

Nach dem Mahle wirft er sich in seinen Sonntagsstaat und wandert dem Pfarrdorf im Tale zu, wo er die Postanweisungen an seinen Schneider, an die Hauswirtin, an die Wäsche­rin und an die Geschäftsleute aufgeben will, denen er noch etwas schuldet. Die Aussicht, diele Menschen n-ü unnn-hofffen Geldsendun­gen beglücken und sich selbst von heimlich drük- kenden Lasten befreien zu können, macht ihn fast übermütig. Wenn aber der blutechte Deutsche in solcher Laune ist, dann singt er, aber merkwürdiger Weise keine kecken Jodler, sondern schwerblütige, traurige Weisen zum Steinerweichen. So auch unk-- Rieke: In em-m kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad. Oder: Zu Straßburg, auf der Schanz, da gmg mein Trauern an. Jetzt kommen die unvermeidlichen Konigskinder, die nicht zusammenkommen konnten, weil das Wasser gar zu tief war. Der junge Riese grämt sich singend schier das Herz aus dem Leibe vor Sehnsucht nach der Königs­tochter, die er wegen des vielen Wassers nicht erreichen kann und in dem er elendiglich er-1 saufen muß. |

Aber nur im Liede, nicht im Leben.

Denn siehe da, wie der schwermütige Min­nesänger soeben aus dem Wäldchen am Berg­hange kommt, steht das wunderlieblichste aller Konigskinder vor ihm, eine maa^M fin#« gestalt, die Wangen vom ungewohnten Berg- ansteigen leicht oeröte*, die s^a f n in hellgelber Seidenrobe, die zarten Hände mit dem leichten Sommerhut spielend.

Karl, der Riese, steht einen Augenblick wie in den Boden gestemmt, wie die fremde Jung­frau zwei große, fragende Augen auf- und gleich wieder zuschlägt. Ist es nicht, als bebe ihre ganze Gestalt? Warum taumelt sie einen Schritt zurück? Warum senkt sie jetzt das gold­umrahmte Köpfchen? Warum zittert sie? '

Wie und von wannen kommt dieses Weid­wunder an einem hellichten Werkeltag in diese wildfremde Bergwell?

Wenn dem Deutschen das leibhaftige Glück in den Weg tritt und sagt,nimm mid), da bin ich" da macht er die größte Dummheit. Statt das Königskind, dos dem Sehnsuchts- Jänger endlich vor Augen steht, mit aller Wonne und Wärme zu umfangen, macht der Tölpel einen weiten Bogen um die Schöne und tram­pelt im Davonstürzen die jungen Pflanzen im nächsten Krautacker zusammen, als gölte es, aus dem Bannkreis der schlimmsten Wetterhexe zu entweichen.

Erst hundert Schritte hinter der seltsamen Erscheinung verzögert der junge Riese seinen Lauf und es kommt ihm bei, daß er sich auch anders hätte verhalten können und sollen. Zum mindestens hättte et als gebildeter, junger Mann den Hut ziehen und der Dame die Tagzeit bieten können. Aber was man versäumt hat, kann man ja nochholen. Deshalb bleibt der Ausreißer stehen und lüftet nachträglich den blonden Scheitel, indem er das Hütlein bergwärts schwenkt, aber so, daß niemand er­raten kann, soll es wirklich ein Gruß oder nur so ein Schwenken der Kopfbedeckung sein. _ Wie sich der junge Riese aber ein paar Schritte weiter, aus der Deckung einer die i Wegböschuna säumenden Haselhecke heraus.

nach der einsamen Pilgerin umblickt, lehnt diese an einem Tännling des Bergwaldes und blickt sie nicht eben jetzt talwärts, wo der Riese verschwunden ist? Was soll das?

Es waren zwei Königskinder, Die' gingen einander vorbei . . .

Jetzt fällt es dem Ausreißer schwer auf die Seele, daß er sich so ungeschickt benommen hat. Vielleicht hätte die junge Dame in dieser Berg­einsamkeit und Waldwildnis gar feiner Dienste als Wegweiser bedurft. Zum mindesten hätte sie wohl eine Frage nach Wegen oder Oert- lichkeiten an ihn gehabt. Und er ist davon­gerannt wie ein Halbnarr!

Jetzt, da der holde Sommervogel im Berg­wald verschwunden ist, könnte er sich alle Haare ausraufen. Weiß Gott, ob und wann er die Wundermaid wiedersieht. Aber selbst wenn er das Glück noch einmal hätte, würde sie ihn nicht als ein-n Tollpatsch erachten müssen? Ach, und es ist ihm beim ersten Blick so siedeheiß und eiskalt zugleich über die Leber gelaufen, daß er sich ein weiteres Erdenwallen ohne diese Jungfrau nicht mehr denken kann. Diese oder keine! Das steht felsenfest in seinen Sinnen.

Wie oft hat er schon vonLiebe auf den ersten Blick" gehört und gelesen und für derleiDummheiten" stets nur ein mitleidiges Lächeln gehabt. Nun aber, da ihn die Fieber der Liebe selber schütteln, mußte er sich selbst auslachen, wenn ihm nicht so katzenjämmerlich zu Mute wäre.

Ach, wie oft hatte er sich vorgestellt, wenn er so an Liebe und Heiraten dachte, wie er unter den Schönsten des Landes wählen würde, und wie er stolz und kühn vor die Er­wählte treten und sie ritterlich um ih-e Hand zum Bund für's Leben bitten wollte! Nun, da sein Stündlein schlug, sand es statt eines Ritters einen mächtigen Ausreißer.

Im weiterwandern fällt ihm auch die An­deutung seiner Schwägerin ein, die eine Braut für ihn in Aussicht gestellt hatte. O Schwäge­rin, spar' dir deine Bemübunaenl Denn dieser

junge Schwärmer, der eben auf dem Wege ist die letzten Studentenfchulden von deinem Och­sengeld zu zahlen, weiß dir einen schlechten Dank. Und wenn du etwa gehofft hättest, von der Mitgift der Zugedachten das Ochsengeld wieder hereinzubekommen, dann ist solche Hoff­nung trügerisch. Denn dieser Schwärmer hat sich ' soeben geschworen, unbeweibt durch's Leben zu gehen oder sich einen frühen Tod an« zutun, wenn er die eine nicht bekommt, die ihm soeben in den Weg getreten ist und in der er die Wunschmaid seines tiefsten Sehnens er- schaut hat.

Wieder übermannt den Ausreißer jene Schwermut, in der der blutechte Deutsche nicht etwa Trauerweisen hören läßt, sondern die übermütigsten Trutzlieder in die Weiten schmettert, daß alle Welt glauben will: Hier geht der wahre Hans im Glück.

Jungfer Ursula Kronawitter denn sie und keine andere war, wie die geneigte Leser­schaft wohl schon erraten haben wird, die eben beschriebene Danie lehnt noch immer am Tännling im Bergwald und schaut wie welt­verloren in die Weiten. Daß sie in dem ersten Menschen, der ihr in dieser Bergeinsamkeit be« gegnete, gleich das leibhaftige Mannwesen ihrer Traumbildes, den schönen Jüngling erkannte, war das nicht mehr ein Zufall? War das nicht ein Wunder?

Glück und Qual zugleich bestürmen ihr das Herz. Wie, wenn der Herrliche schon gebunden war? Ist er denn nicht wie ein gescheuchter Edechirsch an ihr vorübergestürmt? Wie, wenn er eben jetzt, wo jede Faser in ihr von dem Einzigen erfüllt war, in die Arme einer an­dern eilte, die in einem der stattlichen Bauern- Höfe oder gar in Dattendorf seiner harrte? ! Wie, wenn er gar für immer aus der Gegend ginge, in der sie ihn glücklich entdeckt hatte, vielleicht in eine ferne Großstadt, vielleicht in ein fremdes Land, wo sie ihn kaum wiede» finden würde, selbst wenn sie seinen Namen wüßte?