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Hirtenbrief des Hoch«. Herrn Bischofs von Zulda.

In Christo geliebte Diözesanen!

^^^Wur Zeit des Königs Josias befand sich das Reich Juda in einem ^MW traurigen Zustand. Aus seiner früheren Höhe herabgesunken, wurde es von den umliegenden Völkerschaften verfolgt, wie ein schutzloser Vogel von gierigen Raubtieren, niedergetreten und beraubt, wie ein offener Weinberg von fremden Hirten. So schilderte Gott selbst dem Propheten Jeremias das Elend seines Volkes. Und er fügte hinzu, das Unglück sei darum so beklagenswert, weil man seine Augen vor der eigentlichen Ursache dieses Elendes verschließe, weil keiner nach dem rechten Heilmittel sich umsehe:Oede und wüst ist das ganze Land, weil niemand ist, der im Herzen nachdenkt." (Jerem. 12, 11.)

Geliebte Diözesanen! Läßt jene Schilderung beim Propheten sich nicht anwenden auf die vielseitige äußere und innere, materielle und sittliche Not unseres Volkes nach dem unglücklichen Weltkriege? Wie hoch stand doch Deutschland unter den Nationen zur Zeit des Friedens, und wie liegt es jetzt darnieder, tief gedemütigt und gebrochen! Wie berechtigt ist aber auch die Klage, daß viele die letzten Gründe unseres Unglücks übersehen, daß so wenige ernste Umschau halten nach jenen Mitteln, die allein ein weiteres Umsichgreifen der Uebel aufhalten, eine Besserung herbeiführen, ja sogar das einzig wahre Glück sichern können.

Hierzu weist allein der Glaube uns allen den zuverlässigen Weg.

Als letzte Ursache alles menschlichen Elendes bezeichnet nämlich der Glaube die Erbsünde mit ihren verheerenden Folgen. Wahre Besserung und Heilung ist daher nur dann zu erwarten, wenn die Folgen der Erbsünde überwunden oder doch geschwächt werden. Dazu aber bietet die Religion ihre vielseitige und wirksame Hilfe an.

So mögen denn die Lehren der Erbsünde und ihrer Folgen den Gegenstand unseres Fastenhirtenbriefes in dieser harten Zeit bilden, Lehren, die ohne Zweifel ernst, aber auch tröstlich und ermutigend sind.

I.

Geliebte Diözesanen!

1. Als Gott die ersten Menschen, unsere Stammeltern schuf, begnügte er sich nicht damit, sie nur mit jenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Hilfsmitteln auszustatten, die ihrer geschaffenen Natur entsprachen. Er hatte ja in seiner Güte beschlossen, daß Adam und Eva dereinst ihn von Angesicht zu Angesicht schauen, ihn selbst besitzen und in seine eigene Glückseligkeit eingehen sollten. Darum nahm er sie im Augenblicke ihrer Erschaffung an Kindesstatt an, hauchte in ihre Seele das übernatürliche, göttliche Leben der heiligmachenden Gnade und verlieh ihnen damit die Befähigung und das Anrecht auf die himmlische Erbschaft.

Diese hoste Würde der Gotteskindschaft, dieses Anrecht auf den Besitz Gottes in der ewigen Glückseligkeit sollte Adam nach Gottes gnädigem Beschluß auf alle seine Nachkommen vererben, wofern er nur die Prüfung durch den Verzicht auf die verbotene Frucht bestehen würde. Welche Güte, welche Herablassung!

Ihr kennt, geliebte Diözesanen, den unheilvollen Entschluß, den unsere Stammeltern faßten. Mit ruhiger, klarer Ueberlegung setzten sie sich über das göttliche Gebot hinweg. Sie achteten gering die ihnen verliehene hohe Würde und das in ihre Hand gelegte Los ihrer Nach­kommen. Den Vorspiegelungen der Schlange glaubten sie mehr, als den Verheißungen und Drohungen Gottes. Darum erreichte nicht nur sie selbst das göttliche Strafgericht, sondern in ihre Schuld und Strafe wurde ihr ganzes Geschlecht verstrickt. Weil Adam als Haupt und Ver­treter der Menschheit sündigte, vergiftete er den ganzen Stamm. Er ver­erbte auf seine Nachkommen mit dem leiblichen Leben zugleich den Tod der^Seele, den Mangel der heiligmachenden Gnade, den Verlust der Kindschaft Gottes und der himmlischen Erbschaft. O armes Geschlecht Adams! Wie viel hast du verloren durch die Schuld deines leiblichen Stammvaters!

Doch Gott,der reich ist an Erbarmen" (Ephes. 2, 4), sandte in seinem eingeborenen Sohne dem gefallenen Menschengeschlechte den zweiten, geistigen Stammvater, damit er den Fluch des ersten in Segen verwandle. Dieses neue Haupt, Christus Jesus, sollte uns Menschen nicht nur die in Adam verlorenen Rechte wiedererwerben und Zurückerstatten, sondern uns zu noch höherer Würde, zu noch höherem Glücke führen. Das alles durch seine Menschwerdung, durch sein Leben und seinen Tod. in dem von ihm gestifteten Gottesreiche, der Kircke.

Bettachtet zunächst nur, geliebte Diözesanen, was er durch die hl. Taufe, das Sakrament der Wiedergeburt, beim Eintritt in das irdische Gottesreich, in uns bewirkt. Da tilgt er die Erbschuld, sowie jede etwaig« persönliche Schuld und versöhnt uns wieder mit seinem Vater, so daß nichts Verdammungswürdiges uns anhaftet (Röm. 8,1). Er senkt wieder in die tote Seele das verlorene göttliche Leben der heiligmachsnden Gnade und verleiht ihr eine, allen irdischen Glanz und Reichtum überstrahlende Schönheit. Er erhebt den Getauften zur Würde eines Gotteskindes, das aus Gott geboren ist." (Joh. 1, 13.) Er nimmt ihn auf in die innigste geistige Lebensgemeinschaft mit sich selbst, indem er ihn seinem geheimnisvollen Leibe, der Kirche, eingliedert und verleiht ihm Anteil an allen dort niedergelegten Schätzen der Wahrheit und Gnade, daßwir alle aus seiner Fülle empfangen Gnade um Gnade" (Ioh.1,16) und endlich die selige Wohnung im Reiche seines Vaters. (Joh. 14,2). Und zur Besiegelung "seines Werkes, zur Bekräftigung feiner Verheißungen prägt der Heiland bei der Taufe der Seele sein unauslöschliches Merk­mal ein. Fürwahr, diese hohen Vorzüge, die der Mensch jetzt durch Christi Taufe empfängt, hätte Adam, auch wenn er Gott treu geblieben wäre, nicht auf uns vererben können.

2. We chen Dank, geliebte Diözesanen, schulden wir daher für bfc Taufgnade unserem neuen Stammvater, dem göttlichen Heiland, dem wahren Weinstock, dem wir an unserem Taustage als lebendige Reb­zweige eingefügt wurden, damit von ihm der göttliche Lebenssaft in uns überströme! Lasset uns doch die dort empfangene heiligmachende Gnade über alles hochschätzen, sie in uns und anderen, besonders denen, die uns anvertraut sind, schützen und bewahren! Und sollte sie je durch eine Todsünde verloren gegangen sein, dann wollen wir sie baldigst durch ausrichttge Reue und Buße wiedergewinnen.

Begnügen wir uns nicht damit, bloß den Namen Christ zu tragen, sondern feien wir unablässig darauf bedacht, Christum in uns nachzu­bilden. Christ Sinn und Geist in uns aufzunehmen: dennwer den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein." (Röm. 8,9.) Wenn doch jeder in Wahrheit mit dem Apostel von sich sagen könnte:Ich lebe, dock nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir." (Gal. 2, 20.)

Aus dem Glaubenssatz von der Erbsünde ergibt sich ferner eine heilige Pflicht für euch, christliche Eltern, die Pflicht nämlich, euere neu­geborenen Kinder bald zur hl. Taufe zu bringen. Welch' eine Verant­wortung würdet ihr auf euch laden, welche Vorwürfe würdet ihr euch vielleicht euer ganzes Leben lang machen, wenn eines derselben durch euere Nachlässigkeit ohne die hl. Taufe sterben würde. Für immer wäre seine Seele vom Himmel und der seligen Anschauung Gottes aus­geschlossen.

Ich darf es nicht unterlassen, hier eine Verirrung tief zu besiegen und von ihr abzufchrecken, die heutzutage sich zu verbreiten droht. Es gibt Personen, die darauf ausgehen, das keimende Menschenleben zu vernichten, sei es um die eigene Schande vor der Welt zu verbergen, sei es um den Mühen der Mutterschaft oder den späteren Sorgen auszu­weichen. Alle darauf gerichteten Handlungen sind verbrecherisch und sehr schwere Sünde, nicht nur weil sie einem Menschenwesen das leid­liche Leben rauben, sondern auch, weil sie schuld daran sind, daß einer von Gott geschaffenen Seele das übernatürliche Leben der Gnade durch die hl. Taufe nicht zu teil wird und ihr so der Himmel ewig verschlossen bleibt. Die Kirche verurteilt darum solche Handlungen aufs strengste und erklärt, daß alle jene, die sie begehen oder dazu Bei­stand leisten, dem Kirchenbann, dem Ausschluß aus der Kirche ver­fallen sind, wovon der Beichtvater nur im besonderen Auftrag des Bischofs lossprechen kann. Fürwahr, solche Taten können nur von solchen begangen oder angeraten werden, die in ihrem religiösen Tiefstände von der Erbsünde und ihrem Fluche nichts wissen wollen. Welche Ver­antwortung vor Gott, dem Herrn über Leben und Tod, der gesagt hat: Ich bin der Herr, dein Gott: du sollst nicht töten!"

II.

Geliebte Diözesanen!

1. Die Sünde der ersten Menschen war Hochmut, Selbstüber» Hebung, Ungehorsam gegen Gott. Nicht zustieden mit der ihnen aus unver­dienter Gnade verliehenen Gotteskindschaft, wollten sie Gott gleich, ihm aber nicht unterworfen sein. Darum überließ sie Gott der