200. Jahrgang.
SanauerSAnzeiger
General-Anzeiger / Amtliches Organ für SlaSi- und Landkreis Kana« a. M.
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Nr. 287
Samstag den 6. Dezember
1924
An die Wahlurne!
Das Saferlani ruft Euch - es gehl um Eure Zukunft!
Gins große Stunde ist für unser Volk gekommen. Der Wahltag, der 7. Dezember, ent- scheidet über das, was werden soll im deutschen Vaterlands. Das deutsche Volk ist aufgerufen worden zu wählen, welche Regierung es für die nächsten Jahre haben will und nun ist es Pflicht jedes Deutschen, der das Wahlalter besitzt, an die Wahlurne zu schreiten und seine Stimme abzugeben. Da gibt es keine Ausnahmen, keine Entschuldigung, keine Müdigkeit. Das Vaterland ruft, tue deine Schuldigkeit! Es gibt nichts, was dich der Pflicht gegen das Vaterland entbinden könnte. Wer sich weigert, wer nicht zur Wahlurne geht, der unterstützt die Parteien der Zersetzung und Zerstörung. Durch die Abgabe des Stimmzettels hat jeder Deutsche die Möglichkeit, Ein- fluß zu üben auf das Geschick des Reiches und des Staates — verzichtet er darauf, so ver- sündigt er sich an der Allgemeinheit und begibt sich des Rechts der Kritik, wenn Zustände ein* treten, mit denen er nicht einverstanden ist Deshalb alle Mann an die Wahlurne! Wahlrecht ist Wahlpflicht! Verräter am deutschen Vaterland« ist der, der morgen der Wahlurne fernbleibt.
Wenn von dem deutschen Volke mit Recht gesagt wird, daß es ein unpolitisches Volèâ in gilt das heute nur noch im Wesentlichen von dem sogenannten Bürgertum. Die Köpfe der Linken sind „revolutioniert" bis zum Aeußer- sten. Ihr Wesen ist Agitation und ihr Leben ist Agitation. Die „falsche Scham" des Bürgertums, nicht oder möglichst wenig über die politische Ueberzeugung zu reden und diese Ueberzeugung zu bekennen, muß angesichts dieser Tatsache abgelegt, derGefahr, die unserem Volke von der Linken droht, muß mit dem Stimmzettel in der Hand begegnet werden. Deshalb, deutscher Mann, deutsche Frau, verleugne nicht dein Vaterland in einem Augenblick, wo es auf dich angewiesen ist!
Damit ist schon gesagt, wie morgen zu wählen ist: gegen Link s! Das alte Reichsparlament wurde aufgelöst, weil es infolge der Weigerung der Demokraten keine genügende Regierungsmehrheit zustande brachte. ' Die Deutsche Volkspartei wollte diese Mehrheit zuwege bringen, indem sie den Einbezug der Deutschnationalen, der stärksten Partei im Reichstag, in die Regierung forderte, doch die Demokraten wandten sich gegen diese berechtigte Forderung, eine Koalition aller bür- gerlichenParteienzu bilden. Und deshalb haben wir morgen neu zu wählen und so zu wählen, daß wir eine rein bürgerliche Koalition bekommen. Es handelt sich dabei nicht um einen Kampf der Bürgerlichen gegen die Arbeiter — Bürger sind Arbeiter und Arbeiter sind Bürger — sondern darum, in einem Block aller Staatsbürger, die den Untergang des Abendlandes vermeiden wollen, die individua- listische Staats- und Wirtschaftsordnung gegen die sozialistische Klassenherrschaft zu verteidigen. Daher ist es Pflicht gegen Links zu wählen.
Die Sozialdemokraten erwarten, daß sie aus diesem Wahlkampf, nachdem sie beiden letzten Wahlen verloren haben, bedeutend gestärkt hervorgchen und sie wiegen sich schon in der angenehmen Erwartung das Staarsruder wieder in die Hand zu bekommen. Diese Erwartung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, nachdem die bürgerlichen Demokraten den Wahlkampf so gut wie gemeinsam mit der Sozialdemokratie geführt haben und für die Bildung eines Linksblocks eingetreten sind.
Was bedeutet ein solcher Linksblock mit fo= Zaristischem Ausschlag? Die Erneuerung sozialistischer Luderwirtschaft auf lange Dietere Jahre. Und diese Luderwirtschaft können wir gerade jetzt nicht gebrauchen, wo auf dem Gebiete der
Politik schwierige Probleme zu lösen sind. Wir werden unter den Lasten des Dawesgutachtens erliegen, wenn wir nicht die rationellste Finanz- und Wirtschaftspolitik treiben. Nur die Notwendigkeit darf alle Maßnahmen bestimmen; nur klügste Einsicht, keine Schlagworte, keine Rücksicht, die nicht in der Sache gegeben wäre, keine Furcht vor der Straße. Wessen haben wir uns vor der Sozialdemokratie zu versehen? Seht den mehrheitssozialist'.schen Abgeordneten Keil am 21. Dezember 1918 verkünden: „Mitten in dieser Uebergangszeit zu sozialisieren, würde ein Stück aus dem Tollhaus sein." Hört den Genossen Willy Eggert sagen: „Zur Sozialisierung bedarf es nicht nur reifer Industriezweige, sondern in noch höherem Maße eines reifen sozialistischen Menschentums. Seht dort die Unabhängigen krakeelen, ihre roten Banner schwingen, auf denen die Forderung „Vollsozialisierung!" 7teht. Und seht das Doppelbild vom Genossen Scheidemann: dort das eine, wie er im Dezember 1918 die Sozialisierung als zurzeit unmöglich ablehnt; da das andere, wie er sich im März 1919 in der Nationalversammlung für die Sozialisierung einsetzt. Die ihm also kein Unsinn mehr schien? O doch! Aber die Unabhängigen hatten „das wirtschaftliche Elend plinierten Arbeiter in den Organisationen vielfach mitzureißen und zu mißbrauchen." Die Straße schrie nach Vollsozialisierung — und die Sozialdemokratie, die das Unsinnige der Forderung kannte, setzte sich dafür ein. — Frage: Wird es gut sein, diesen Leuten Einfluß auf die Gestaltung der deutschen Wirtschaftspolitik in der ungeheuer schweren Zeit, die uns bevorsteht, einzuräumen? Wollt ihr mit eurer Verarmung ihre Popularitätsbedürfnisse bezahlen?
Die auswärtige Politik. Darüber kann man wohl kurz sein. Die auswärtige Politik der Sozialdemokraten hat sich von jeher nur von Illusionen genährt. Scheidemanns Wort am 9. November 1918 vom Sieg des Volkes auf der ganzen Linie, und der Waffenmusiand vom Tage darauf, die Quittung für die kunstvoll herbeigeführte Niederlage des deutschen Dort, auf jener Anschlagsäule, klebt ein „Aufruf an das württembergische Volk", datiert vom 14. 11. 1918, unterzeichnet von dem Ministerpräsidenten, Mehrheitssozialisten Blos: „Die gegenwärtige Entwicklung der Dinge wird zu einem bisher nicht gekannten Zustand der Freiheit und Wohlfahrt des gesamten Volkes ^ren, wenn sie nicht durch Uneinigkeit gestört wird." Seht Herrn Leinert in Versailles, wie er am Vorabend vor der Ueberreichung des Friedens- Vertrages jedem zuschwört, alle Zeitungsnachrichten über dessen Inhalt seien Quatsch- der Friede werde auf Wilsons 14 Punkten aufge- ibaut sein.
Verklungene Zeiten? Freilich wohl. Aber: Sie haben nichts aus ihnen gelernt, die großen Politiker der Sozialdemokratie. Nach der Ueberreichung, nach her Unterzeichnung des Friedensvertrages die gleichen Illusionen. Der Kunstmaler, Kriegsleutnant, Novembersozialist und württembergische Polizeidirektor Hahn berichtet von jenem famosen Generalstreik des Weltproletariats, der auf den 21. Juli 1919 angesetzt war: „Eine riesige Weltblanr a g e . . . Allein den unentwegt international empfindenden deutschen Arbeitern blieb es vorbehalten, die klassenbewußte internationale Solidarität zu dokumentieren, indem sie „generalstreikten" ... Die Jdeologenführer des deutschen Proletariats aber haben nicht nur nichts gelernt durch den Weltkrieg . . sondern sie haben vis auf den heutigen Tag sich ... unsterblich blamiert und verächtlich gemacht durch ihre mangelnde nationale Einstellung." Geschrieben im Herbst 1922.
Hat Hahn recht? Reichskanzler Hermann Müller seht dort, wie er auf dem Sozialdemokratischen Parteitag am 6. Mai 1920 gläubig die Augen emporschlägt: „Es hat den Anschein, als wenn unsere früheren Gegner endlich zur Einsicht kommen, als ob der Geist der Versöhnung sich nunmehr durchsetzen wird." Nunr- mehr, 1920. Vor der Zerreißung Oberschlesiens, vor dem Ruhreinbruch. Ein nüchterner, illusionsloser Erkenner der Wirklichkeit, nicht wahr?
Wie sagt doch jener Novembersozialist Hoche? „Verächtlich gemacht durch ihre mangelnde nationale Einstellung". Stimt nicht? Seht doch Dr. Oskar Cohn, dem die Erhaltung des Deutschtums keinen neuen Weltkrieg wert wäre; Crispin, der unter dem donnernden Beifall der Seinen kein Vaterland zu kennen erklärt, das Deutschland heißt; Hoffmann- Kaiserslautern, der mit General de Metz, dem Henkersknecht der Pfalz, einen Putsch gegen die bayerische Regierung verabredet — und der daraufhin von der S. P. D. wieder als Spitzenkandidat aufgestellt wird. Blickt auf jene Sitzung der dänischen und deutschen Genossen, in der die Deutschen „jeden Jridentismus ab- dfrto^^«^^^ Vaterland M geriffenen Bruder an die Dänen verraten, worauf hin ihnen eine schöne, runde Summe zur Finanzierung ihrer Partei und ^res Var- teiorgans ausgezahlt wird. Selbstverständlich ohne jeden Zusammenhang mit dem Volksverrat, den sie getrieben haben. — Frage: Soll solche Einstellung zum Vaterland die auswärtige Politik des Deutschen Reiches beeinflussen?
Weiter denkt daran, wie sich die Sozialdemokraten als „Beamtenfreunde" aufspielen. Auch im November versprachen die Sozialdemokraten dem deutschen Berufsbeamtentum den Himmel auf Erden. Die Beamten hätten auch ohne Verheißungen der roten Herren ihre Pflicht getan. Doch haben die Männer und Parteien, die 1918/19 zur Führung des Reiches sich berufen glaubten, den Beamten die Treue in der Pflichterfüllung gedankt? Man versprach, dilettantisch wie man nun einmal in staatsgeschäftlichen Dingen ist, den Beamten größere Gehälter, obwohl man sich in keiner Weise darum kümmerte, woher nehmen, wenn der Säckel dauernd leer ist. Die Beamtenschaft hat in der Inflationszeit erfahren, wie eine finanzielle Mißwirtschaft dieser Art enden muß. Der Staat hat selbstverständlich das größte Interesse daran, seine Beamten ausreichend zu bezahlen, sonst kann der Staat eben nicht bestehen. Aber die politische Führerschaft, die das Staatsruder in den Händen hält, hat dafür Sorge zu tragen, daß in die Finanzen Ordnung hineinkommt. Wie kläglich und erbarmungswürdig haben in den Jahren 1919, 1920 und 1921 die Männer der Sozialdemokratie versagt! Aber nicht nur in diesem Falle wurde die deutsche Beamtenschaft aufs ärgste getäuscht. Viel schlimmeres fügte man ihr zu. Man legte die Axt an den Stamm unseres prächtigen deutschen Beamtentums, indem man den Parteimann ohne fachliche Vorbildung zum Beamten machte, indem man Staatsbeamtenstellen als Futterkrippen betrachtete. Das Prinzip der Versorgung durch den Staat wurde von dem Parteibuch abhängig. Maulhelden, Schreihälse, Streber durften sich auf Stadtratssesseln nie- lerlassen, wurden Bürgermeister, hingen Ministerialdirektorenposten, wurden Amts- und Kreishauptmänner, Regierungs- und Oberpr^- identen. Von Eignung war niemals die Rede. Die Partei hatte bic Macht in den Händen und vergab die Posten. Das deutsche Berufsbeamtentums biß die o«vne aufeinander, tat aber seine Pflicht. — Frage: Soll diese Futterkrip
penwirtschaft fortdauern, ja noch verschärf! werden?
Gesamtfrage: Soll eine so gekennzeichnet« Partei in Deutschland wieder herrschen oder her Auchchlaq in einer Regierung geben?
Deutscher Wähler überlege dir reiflich all die obigen Fragen und werde dir klar, daß du die nächsten vier Jahre hindurch so liegen wirst, wie du dich morgen bettest. Gib deine Stimme gegen Links! Wähle weise! Wer nicht wählt, stärkt die Linke!
Der Vorwärts vergleich! Saarmann mit Sindenburg.
3m „Vorwärts", Abendausgabe Nr. 409 Ausgabe B Nr. 205) ist zu lesen:
Ein neuer Wallfahrtsort."
Der neue Wallfahrtsort ist das Haarmannhaus. das Slerbehaus von 30 Zienidjen. Vor diesem bleibt der Spießer mit unheimlichen Schauern stehen, Gänsehaut auf dem Rücken und Gänsehaut in der Seele, das blutrünstige Antier im Herzen und die Neugierde in den Augen, um zu sehen, wo Haarmann gewohnt hat . . . hier ist die Straße gedrängt soll von Autos, Droschken und Menschen, und jeder fragt: Wo wohnte Haarmann? Deutsche aus allen Gauen unseres Vaterlandes ...
Nur 30 Menschen!
Aben ebenso staunen die Menschen vor der Villa im Hindenburgviertel, woderalteGeneralwohnt, derin allen Offensiven Hundeckausende von Menschen in den Tod getrieben und nutzlos geopfert hat. Auch hier dieses herrliche, grausige Gc- fijhl, die Gänsehaut auf der Lippe. mit der man siegreich Frankreich schlagen will. Und Gänsehaut auf der Bierleber.
Welche Zukunftsaussichten und welche Parallelen, wenn Leute, die so abgrundtiefer Gemeinheiten fähig sind, wie dieser, in Deutschland wieder zu maßgebendem Einfluß gelangen solllen! Deutscher Wähler, Du hast morgen Gelegenheit, dafür zu sorgen, daß dieser Einfluß nicht zur Geltung kommt!
AegypUsche Weulerer flanSrechttich erschossen.
Paris, 6 Dezember. HavaS meldet aus Kairo, bah drü Offiziere, die am Mittwoch wegen Teilnahme an der Meuterei von dem Kriegsgericht in Khartun zum Tode verurteilt worden waren, gestern früh standrechtlich erschaffen wurden. Ein vierter Offizier, bet ebenfalls zum Tode verurteilt worden war, wurde zu 15 Jahren Gefängnis begnadigt.
SieWiHowOta^ kennzeichnete der Sozialdemokrat Dr. Ludwig Quessel am 9. November 1920 in den „Sozialistischen Monatsheften" mit den Worten: „Wo sind die Errungenschaften eurer Revolution? Wir sehen sie nicht. Das Kennzeichen eurer neuen Ordnung sollte emsiger, Werte schaffender Fleiß fein. Wo ist er? Uneigennützigkeit wolltet ihr an die Stelle des Gewinnstrebensetzen. Aber, was habt ihr denn «reicht? Spreizen sich nicht Egoismus und Interesse schamloser denn je? Ihr sprecht von Freiheit. Wo ist sie? An die Stelle der Knechtschaft ist die Zügellosigkeit getreten. Das Alter schwätzt. Die Jugend schwelgt in Phrasen."
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Wahlrecht ist Wahlpflicht!
— Wer nicht Wählt ist ein Vetter !