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200. Jahrgang.

Hanauer W Anzeiger

General-Anzeiger / Amtliches Organ für Sladl- und Landkreis Kanan a. M.

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Nr. 254

Dienstag den 28. Oktober

1924

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Am kommenden Mittwoch, 29, Oktober, fin­den in Großbritannien und Nordirland zum dritten Male in zwei Zähren Neuwahlen statt. Im letzten Parlament hatten die Konservativen 259, die Arbeiterpartei 193, die Liberalen 158 und die Unabhängigen 5 Sitze inne. Ueber iwO Kandidaten sind diesmal von den verschiedenen Parteien aufgefahren worden, um 583 um­strittene Sitze im künftigen Parlament zu er­obern, davon 536 von den Konservativen, 510 von der Arbeiterpartei und 330 von den Libe­ralen. 16 Konservative, 9 Arbeiterparteiler, 6 Liberale und 1 Unabhängier sind automatisch in das neue Parlament gewählt worden, da in ihrem Wahlkreis kein Gegenkandidat auf­gestellt wurde. Zu diesen Glücklichen zählt der Führer der konservativen Partei Baldwin. In 43 Wahlkreisen, die bei den vorigen Wahlen infolge der Stimmenzersplitterung zwisch-a dem konservativen und dem liberalen Kandi­daten von der Arbeiterpartei erorbert wur­den, sind diesmal Vereinbarungen zwischen den Konservativen und den Liberalen getrogen worden, nur einen Kandidaten einer der bei­den Parteien gegen den Arbeiterkandidaten auf­zustellen, um dadurch eine wesentliche Zahl die­ser Sitze wieder der Arbeiterpartei zu ent­reißen. In 224 Wahlkreisen sind jedoch 3 und noch mehr Kandidaten aufgestellt. In 247 Wahlkreisen kämpfen Konservative gegen Ar­beiterpartei, in 54 Wahlkreisen Liberale gegen Arbeiterpartei und in 51 Wahlkreisen Konser­vative gegen Liberale.

Es geht hart auf hart. England leibet unter " äsn Verwüstungen, die der Krieg in seinem Parteisystem angerichtet hat. Aus dem histori­schen Zwei-Parteien-System ist durch das An­wachsen der Arbeiterpartei und die Vermin­derung der beiden anderen Parteien ein hysterisches Drei-^arteien-System geworden. Trotzdem der in den Wahlmanifesten der Par­teien aufgeworfenen Fragen nimmt der Kampf immer mehr den Charakter einer Kra^robe

zwischen Sozialismus und Antisozialismus an Das furchtbare Wort von den Klassen und Massen" drängt sich npr. Sidney Webbs ProphezeiungDiese Wahlen werden seyr schmutzige sein", erfüllt sich, und wenn Voltai e heute lebte, würde er wohl kaum beteuern, daß die Engländer nicht mehr den Fanatikern -er Zeiten Cromwells gleichen.

Die Wahlen drehen sich um drei Haupt: fragen: Arbeitslosigkeit, Rußland, Campbellfall. Auf die Wahlmanifefte im Einzelnen einzu- zehen, erübrigt sich.Wir versprechen gemäß unseren Hoffnungen und wir halten gemäß un­seren Befürchtungen". Stand nicht bei den letzten Wahlen die Revision des Versailler Ver­trags auf dem Programm der Arbeiterpartei? Und wird nicht wieder der Schutzzoll hervor­geholt werden, wenn die Konservativen eine absolute Mehrheit erhalten sollten?

Darüber, daß die Konservativen nicht ge­schwächt wiederkehren werden, scheinen wenig Zweifel zu bestehen. Der Kampf geht daher letzten Endes zwischen Liberalen und Arbeiter­partei. Die Liberalen können wohl kaum mehr erhoffen ,als im neuen Parlament eine Stütze der konservativen Regierung gegen die Oppo­sition der Arbeiterpartei zu bilden. Für diese, Die bisher regierende Partei, haben die letzten Tage noch eine außerordentlich unangenehme Usberraschung gebracht. Der Brief Sinowjeffs, der die englischen Kommunisten zur Umsturz­propaganda in Heer und Flotte und im Staate selbst auffordert, hat wie eine Bombe in den Wahlkampf eingeschlagen. Er ist sofort heiß um­stritten worden, da Rakowski ihn für eine Fäl­schung erklärt hat, eine Behauptung, an der natürlich die Moskauer Regierung festhalten wird, obwohl alle Zeichen dafür sprechen, daß der Brief echt ist. Wie weit er sich im Wahl­kampf auswirken wird, ist im Augenblick schwer zu sagen. Das Auswärtige Amt ist dem konser­vativen Versuch, den Brief hinter dem Rücken der Regierung zu veröffentlichen, geschickt zuvor gekommen und man hat auch den Eindruck, daß Macdonald es gegen die Sowjetregierung nicht an Entschiedenheit hat fehlen lassen. Dazu kommt, daß die Kommunisten ja aus der Ar­beiterpartei ausgeschioden worden sind, sodaß der Rückschlag dieses Briefes für die Arbeiter­partei vielleicht doch nicht allzu stark ist. Er wird freilich viele bürgerliche Anhänger Mac­donalds tnpffdieu gemacht und die antisoziali-

stische Propaganda der bürgerlichen Parteien gestärkt haben. Und den englisch-russischen Han­delsvertrag wird man wohl endgültig begraben müssen.

Auf jeden Fall haben sich die Aussichten der Konservativen in den letzten Tagen weiter gebessert, sodaß man sie bereits als die Herren der künftigen Situation betrachtet. Die Zusam­mensetzung einer rein konservativen Regierung ist unschwer zu ahnen. Baldwin würde wieder Premierminister werden. Churchill, der große Aussichten haben soll, diesmal in das Par­lament gewählt zu werden, hat das konservative Programm angenommen und ist damit nach 19 Jahren wieder zur konservativen Partei zurück­gekehrt. Es heißt, daß er das Schatzamt er­streben und erhalten soll. Chamberlain wird allgemein als der kommende Staatssekretär des Aeußern angesehen. Für Lord Birkenhead kommt wohl das Kriegs- oder Kolonialamt in Frage.

Heinrich Heine schrieb im Jahre 1828:Die Tories bildeten damals die Opposition, und John Bull, der arme (staatspaff agier,. hatte Ursache, vor Freude zu brüllen, als sie die Oberhand gewannen, aber seine Freude war von kurzer Dauer--er mußte jähr­lich mehr und mehr Fuhrlohn ausgeben, es wurde viel bezahlt und schlecht gefahren . ..

Wie wird es diesmal werden?

Macdonald über denSinowjew-Brief.

London, 28. Oktbr. Macdonald hielt gestern nachmittag in Cardiff seine mit Spannung erwartete Wahlrede. Er sagte u. a.,daß der Brief Sinowjews erst nach dem 10. Oktober beim auswärtigen Amt

eingegangensei, also nach derNiederlagedesKabinetts. Der Ministerpräsidentforderte seine politischen Gegner auf, nachzuweisen, daß die Regierung bereits vor dem Campbell-Prozeß Kenntnis von dem Brief ge­habt habe. Er persönlich habe das Dokument nicht vor dem 16. Oktober in Augenschein genommen. Die Angelegenheit sei niemals Gegenstand einerKabinetts- sitzung gewesen. Bei Erhalt des Aktenstückes am 18. Oktober wäre er sich keinen Augenblick im Unklaren darüber gewesen, daß mit der größten Sorgfalt und Umsicht vorgegangen werden müsse, um festzustellen, ob der Brief authentisch sei oder nicht. Im ersteren Falle hätte die Veröffentlichung sofort erfolgen müsse«. Während der Untersuchung wurde der Tert einer Note an Rakowsky vorbereitet, sodaß im Falle einer bejahenden Lösung der energische Protest der Regierung ohne Zeitverlust hätte erfolgen können. Am 21. Oktober wurde Macdonald der Tert des Entwurfs der Note an Rakowsky zugesandt, den er jedoch erst am 23. erhielt. Am 24. fand er Zeit, den Entwurf zu prüfen und Veränderungen vorzu­nehmen, worauf er ihn sofort an das Auswärtige Amt zurücksandte in der Erwartung, daß er ihn mit Belegen zurückerhalten würde. Wider Er­warten fand die Veröffentlichung am gleichen Abend statt. Hierzu äußerte sich Macdonald wörtlich wie folgt: Sowohl das Auswärtige Amt al» auch ein jeder meiner Kollegen wußte, daß ich eine derartige Propaganda nicht dulden würde. Die Veröffentlichung hat in dem guten Glauben stattge­funden, daß das Schriftstück tatsächlich authentisch sei. Da mein fester Entschluß, unwandelbar am Vertrag festzuhalten, seit ich ihn unterzeichnete, allen bekannt war, glaubten meine Mitarbeiter in meinem Sinne zu handeln, indem sie den ganzen Sachverhalt ver­öffentlichten.

Der Premierminister erhob schärfsten Einspruch gegen die politische Ausnützung des Falles durch die Oppositionsparteien. Er erklärte, daß die Arbeiter­partei keineswegs Uebergriffe in die inneren Ange­legenheiten des Reichs dulden werde, aber bereit sei, den Russen Fair play zu geben. Rußland werde weiter bestehen und daher sei die Mitarbeit Rußlands unbedingt erforderlich.

Nutzland fordert Genugtuung.

London, 28. Okt. Der russische Geschäfts­träger in London, Rakowsky, hat gestern im Auswärtigen Amt eine zweite Protestnote übergeben. In dieser wiederholt Rakowsky noch einmal seine schon geäußerten Bedenken. Die Sowjetregierung wäre für die Handlungen der kommunististischèn Internationale nicht verant­wortlich. Er wolle sich aber gegenwärtig nicht mit der ungewöhnlichen Form und dem Ton der englischen Note beschäftigen. Die Sowjet­regierung wäre in der Lage, kategorisch zu er­klären, daß der angebliche Brief der kommu­nistischen Internationale, der als Grundlage der ensliicben Note dient, eine unverschämte

Fälschung darstelle, deren Zweck es sei, den englisch-rustischen Vertrag unmöglich zu machen und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Rußland und England zu zerstören. In An­betracht dieser Fälschung einer offiziellen Urkunde werde die Sowjetregierung auf eine entsprechende Entschädigung sowie Bestrafung der Privat­personen und der Beamten bestehen, die an der Fälschung beteiligt wären. Rakowsky schlägt die Einsetzung eines unparteiischen Schiedsgerichts zur Klärung des Tatbestandes vor. Er soll feststellen, daß der Brief eine Fälschung ist.

Das englische Auswärtige Amt steht nach wie vor auf dem Standpunkt, daß der Brief echt sei, doch hat sich Macdonald in seiner gestrigen Rede in dieser Beziehung mit einem Vorbehalt ausgesprochen und seine Aeußerungen über die Echtheit des Briefes klingen nicht absolut überzeugend. Er müffe aber, ehe das Gegenteil bewiesen ist, an dem ihm zur Ver­fügung stehenden Beweismaterial festhalten, zumal da er nicht seine eigenen Beamten im Auswärtigen Amt opfern und sie zum Sündenbock erklären kann. Auch Lloyd George hat sich in seiner gestrigen Rede wiederholt mit dem Brief beschäftigt. Er vertrat den Standpunkt, daß es sich um ein echtes Dokument handle und daß die Sowjetregierung bereits früher einwandfreie Beweise, die gegen sie sprachen, einfach abgeleugnet habe.

Macdonalds Rede, das Kaupllhema der Presse.

Loudon, 28. Oktober. Macdonalds Rede in Cardiff, die heute am letzten Tage des W I ampfes in den Blättern den Hauptplatz einnimmt, iiut in der antisozialistischen Presse einen Sturm der Entrüstung gegen den Premierminister hervorgerufen. Die Times" schreibt: Macdonald habe eine Handlung begangen, die nach den bestehenden Regeln des briti* I u^ht urm-n .unoerreltichiei.

Er, das Oberhaupt eines großen Staates habe ver­sucht, sich in einer schwierigen Lage zu decken, indem er Andeutungen darüber gemacht habe, daß seine Be­amten ohne seine Befugnis gehandelt hätten. Als Staatssekretär des Aeußeren habe er eine sehr wichtige Note, die in seinem Namen an eine auswärtige Macht gesanot wurde, desawouiert. DieTimes" schließt: Wir haben eine bewegte Geschichte, aber niemals ist ein Minister der Krone so tief herabgestiegen, daß er das Beamtentum, das keine Macht habe, sich öffentlich zu verteidigen, Angriffe auf eine Politik aussetzte, für die der Minister verfassungsmäßig allein verantwortlich ist.Daily Expreß schreibt der Premierminister müsse stets die Verantwortlichkeit für die Handlungen seiner Untergebenen übernehmen, insbesondere in Fällen wie des Sinowjew-Briefes, wo er selbst deutlich unbestimmte Anweisungen, die sie auch getreu und genau durchgeführt hätten, ge­geben habe. Macdonald habe bewiesen, daß er unfähig sei, die Pflichten seines hohen Amtes zu erfüllen und die Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Macdonald habe feiner Partei am Vor­abend der Wahlen einen vernichtenden Schlag zugefügt. Er fei für die Nation eine noch grö­ßere Bedrohung als die rote Gefahr selbst. Daily Chronicle" schreibt, es sei verwerflich von Macdonald, den Tadel auf Männer abzu­wälzen, die sich nicht verteidigen könnten und für deren Handlungen er die volle Verantwor­tung übernommen habe. Auck dieWest­minster Gazette" betont die besondere Nie­dertracht mit der Macdonald ver­nichte aus feinen Schwierigkeiten berauszukommen und die Verantwortung für den ganzen Zwischenfall dem Foreign Office aufzubürden. Wie jeder andere Minister sei auch er vollkommen verantwortlich für Handlungen in seinem Amtsbereich. Das Ganze fei eine Tragödie der Ungereimtheiten und Doppel­züngigkeit. ES sei klar, daß Macdonald ein Komplott erfunden habe, die ungeheuerlichen Fehler zu decken.

Sinowjew Kundin! dievnl cheidende

Schlacht" in Deuischland an.

London, 27. Oktober. Reuter meldet aus

Riga: Gelegentlich des Jahrestages des kom- ruhigrn und leidenschaftlosen Entwicklung ge- munistischen Aufruhrs in Hamburg im Oktober bracht, die aber mit dem Londoner Vertrage

1923 erklärte Sinowjew, daß eine Revolution des deutschen Proletariats unmittelbar beoor- stehe. Trotz allem Dawes, Ebert und Rosk- steht die entscheidende Schlacht unmittelbar be­vor. Hamburg ist unser Kampfruf und auch die Garantie, daß der Bürgerkrieg in Deutschland, und nicht nur in Deutschland allein, ausbrechen wird.

Der Kanzler über die politische Lage.

Berlin, 27. Okt. In einer großangelegten programmatischen Rede auf dem Reichs- parteitag des Zentrums kam der Reichskanzler Marx auch auf die deutsche Außenpolitik zu sprechen. Er führte dabei u. a. aus:

Unser Volk hat in seiner Not eine Mis­si o n. Es kann nicht die Aufgabe der Mensch­heit sein, in gegenseitigen Kriegen die seelische und materielle Wohlfahrt der einzelnen Völker zu zerstören. Es ist Aufgabe der Völkerbunds­staaten, im gegenseitigen Zusam- men wirken die wirtschaftliche und kulturelle Wohlfahrt zu fördern. In Erfüllung dieser Mission unseres Volkes sehen wir ungeheure Schwierigkei- t e n. Es gibt nur Ansätze im Völkerleben zum Willen dauernder friedlicher Zusammenarbeit. Es ist unsere Pflicht als Volk, diesen schwachen Willen zu stärken. Unser Ziel ist klar und un­verwandt, und unser Recht auf ein Leben als Nation verlangt ein freies Deutsch­land, frei von Ketten, und frei von militäri­scher Bewachung, verlangt ein Großdeutsch­land, in dem die ganze deutsche Nation ver­einigt ist, verlangt ein Deutschland mit Kolo­nien, damit dieses friedliche Deutschland Abiutz- und Austauschgebiet für Rohprodukte und Waren hat. Dieses heilige Recht als freie Nation zu leben, haben wir nicht verwirkt.

Deutschlands Alleinschuld am Kriege ist eine Alär.

Wir erstreben die Befreiung von Schuld« bekenntnis nur aus moralischen Gründen. Es wäre ein unheilvolle Selbsttäuschung, wenn wir annehmen wollten, der Nachweis, daß uns nicht die Alleinschuld am Kriege aufgebürdet werden kann, würde auch zur Folge haben, daß wir unserer Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag ledig würden. Leider ist dieser Irrtum weit verbreitet und, wie ich fürchte, das Hauptgrund dafür, daß diese Frage

[eher Leidenschaft diskutiert wird. Wir

st unerträglich erscheint, die man uns zu Unrecht auf unsere Schultern gelegt hat. Der Weg zu dem Ziel, eine freie Nation zu werden, ist hart und dornenreich. Wir haben materielle Opfer schwerster Art in den letzten Jahren gebracht und werden sie auf Grund des Londoner Ver­trages auch in Zukunft bringen. Wir haben die nationale Bedrückung im härtesten Maße blu­tenden Herzens ertragen müssen. Die Armut unseres Volkes und die Leiden unserer be­drängten West- und Ostlande sind die Kron­zeugen unserer materielle Opfer und unserer nattcnalen Bedrückung. Diese Härten können wir als Volk nur ertragen, wenn uns die Hoffnung auf endliche Freiheit nicht geraubt wird. Die Annahme des Waffenstillstandes, des Versailler Friedensvertrages, des Lon­doner Ultimatums und des Londoner Ver­trages sind für uns Etappen auf dem Wege zur Freiheit. Das deutsche Volk geht diesen Weg in bewundernswertem Duldermut und vom kühlen Verstände geleitet. Das deutsche Volk ist nicht einig über diesen Weg der end­lichen Befreiung. Heiße Herzen schlagen auch in Deutschland, die von heute auf morgen das deutsche Volk frei haben wollen. Es ist weniger Rache als eine Forderung des Rechts. Einig ist unser deutsches Volk in dem Ziele der endgültigen Befreiung, uneinig über den Weg zu diesem Ziele. Aber die Mehr­heit des deutschen Volkes wünscht eine ruhige und friedliche Entwicklung Deutschlands, Euro­pas und der Welt und so erstrebt diese Mehr- heit eine Verständigung mit unseren früheren Gegnern, in der Hoffnung, so nicht nur Deutschland zu befreien, sondern auch die fried­liche Entwicklung Europas und der Welt zu sichern.

Der Kanzler kam dann auf die Repara­tionsfrage zu sprechen, die nach dem Abschluß des Londoner Vertrages endlich die Bahn einer

noch nicht zum Abschluß gekommen sei. Der Vertrag berge in sich einen Teil, der zu Ver­besserungen und zu vollkommeneren Lösungen dränge. Die A b r ü st u n g s f r a g e sei zur­zeit nur einseitig gelöst. Die Siegerstaaten hätten bei der fünften Völkerbundsversamm­lung in Genf ebenfalls den Willen zur Ab­rüstung bekundet. Mögen sie ans Werk gehen! Deutschland sei zur loyalen Mitarbeit im Völ­kerbund bereit, auch wenn dem mit dem Ver-

sailler Vertrage geschaffenen

Völkerbünde

noch mancherlei Unvollkommenheiten anhaften. Der Gedanke des Völkerbundes fei ein echt christlicher. Es fei zu bedauern, wenn dieser Gedanke in den Kreisen christlicher Männer