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Hanauer S Anzeiger
General-Anzeiger / Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan a. M.
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Nr. 242
Dienstag den 14. Oktober
1924
Die SzeMrt les „Z. L 3“
Hoch über dem Atlantik huscht das deutsche Zeppelimluftschiiff L. Z. 126 dahin. Der Herzschlag von Millionen Deutschen, in den Grenzen des Reiches wie in iber Fremde, begleitet den Sprößling Zeppelinschen Tatwillens, der frei und kühn die Fahrt über das Weltmeer wagt. Wer im Sommer 1908, in Deutschlands geschwätzigsten Tagen, fein Scherslein dazu beigesteuert hat, um dem Manne der stummen Tat die Fortsetzung seiner Arbeit zu ermöglichen,
der mag heute stolz sein auf das Vertrauen, das er damals gehabt hat. Vertrauen in eine gute Sache läßt nicht zuschande werden, das ist Gruß, den L. Z. 126 an fein deutsches Dater-
st der
land zurücksendet. Sei uns der Name Zeppelin denn ein Symbol für die Arbeit im Dienste einer heiligen Sache, die sich durch keinerlei Mißerfolg entmutigen läßt, und die gelassen wieder von vorn anfängt, wo der Ertrag eines Lebens zusammengestürzt zu sein scheint! Sei uns der Glaube dieses deutschen Mannes an sein Werk ein Ansporn, zu glauben an den Beruf des Deutschtums und seine Arbeit im Dienste der Menschheit! Nicht ein schwächliches „Ich möchte gern", nicht wortreiches, immer neues Erläutern der ach! so guten Absichten zwingt ein widriges Schicksal, nein, nur ein lautloses, nach innen gekehrtes „Ich will".
Dieses Luftschiff bedeutet eine Weltwende. 400 Jahre sind verflossen, seitdem Kolumbus mit seinen Schiffchen den Seeweg nach Amerika land und Europas Gesicht vom Mittelmeer dem Atlantischen Ozean zuwandte. Heute bewun- mass den Fahrzeugen anvertrauten, über die wir heute, angesichts unsrer 50 000-Tonnen- Dampfer, lächeln. Was werden in den nächsten 400 Jahren Technik und Wissenschaft für ungeahnte Fortschritte gemacht haben. Dann wird man über dieses von Dr. Eckener geführte Luftschiff staunen und wird sich wundern, daß je- mand wagte, sich mit so ungenügendem Fahrzeug der atlantischen Reise anzuvertrauen.
Auf dem großen englischen Passagierdampfer Defiance ist man beim Diner. Niemand ahnt, daß in der Funkspruchkabine eine • große Meldung einläuft, die alle Schiffe auf dem Ozean gleichzeitig erreicht und gespannt aufhorchen läßt. Einige Minuten später tritt ein Boy in den glänzenden Speisesaal, reißt die betreßte Mütze vom Kopf, geht rasch auf den Kapitän zu und übereicht ihm den Funkspruch. Der Kapitän liest, klopft an sein Glas und teilt mit: „Meine Damen und Herren, das große Zeppelin-Luftschiff, das die Amerikaner in Deutschland bestellt haben, ist heute früh vom Bodensee abgefahren, hat in acht Stunden Frankreich überflogen und ist jetzt auf hoher See. Wenn es unsern Weg kreuzt, werden wir ihm diese Nacht bogognen." Der Kapitän setzt sich wieder, die Musik spielt, und die Unterhaltung geht weiter. Aber ist alles noch so, wie es vor fünf Minuten war? Nein. Was also ist geschehen? Die Gespräche greifen die Mitteilung des Kapitäns auf, man spricht an vielen Tischen über den sensationellen deutschen Flug; an einigen Tischen hat man die Nachricht geflissentlich überhört, denn was geht Old Englands dieser Luiftansflug der domned Huns an? Es ist belanglos, was die Smokings und die dekolletierten Ladies an den Tischen sprechen. Beachtenswert ist das Unausgesprochene, was die beherrschte englische Gesellschaft verschweigt, obwohl es fast greifbar den Saal durchatmet; die beschämende Erkenntnis: „Das ist die deutsche „Barbarei", die wir Engländer seit zehn Jahren mit Feuer und Schwert, mit Haß und Luge an der Seite eines Poincarës eküm^en und vernichten — der deutsche Geist, der spielend das höchste technische Wunder unsrer Zeit herstellt. Jetzt fliegen diese Deutschen über die stärkste französische Festung. Sie könnten sie mit Hilfe ihrer fabelhaften chemischen Erfahrung, trotz Militärkontrolle, trotz Abrüstung, trotz des Völkerbundes, trotz allem, was wir ihnen auferlegt haben, von diesem Luftschiff aus vernichten. Aber sie begnügen sich damit, hinüberzufliegen, denn sie haben Wichtigeres fü r d i e W e lt z u lei sten, a l s a n Fr ank- reich Rache zu nehmen. Sie lächeln ü b e r F r a n k r e i ch."
Der greife englische Lord, der unnahbar am Ecktisch im Saal allein speist, sieht tiefsinnig in sein Rotweinglas. Zweimal war er Großbritanniens Minister des Auswärtiaen. Unter
den buschigen Augenbrauen blitzt in den alten klugen Augen ein grimmiger Humor. Der graue englische Diplomat gönnt seinen Alliierten das Vergnügen, von Deutschland überflogen zu werden.
Aus dem Zwischendeck klettert derweil ein Mann zur Funkerkabine empor. Er hat alles Geld aus feinen Taschen zusammengeholt, das er noch besaß. Mag es draufgehen, wenn es nur fürs Telegramm reicht. Er funkt: „Dr. Eckener L. Z. 126! Einziger deutscher Zwischendecker auf 88-Defiance grüßt in Ihnen Deutschlands unzerstörbaren Lebensmut. Deutschland Hurra! Wir alle wollen Hüter sein!"
Das war ein englisches Schiff. Welcher Jubel aber herrscht erst auf den deutschen Schiffen, die auf dem Atlantik die Kunde vom deutschen Siegesflug erreicht. Die Säle leeren sich, alles strömt an Deck, man lauscht in die Nacht hinaus, die Ferngläser bohren sich in den Sternenhimmel. Nichts ist zu sehen oder zu hören. Aber die Herzen aller Deutschen schlagen höher, voll Angst, voll Stolz, voll tiefster Ergriffenheit.
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In diesen Stunden, da eine ganze Welt gespannt den kühnen Flug begleitet, raunt das W e l t g e w i s s e n: Wir haben diese Deutschen geschmäht und gelästert, haben sie mit Füßen getreten und bespien, wir haben ihnen die Dornenkrone des 20. Jahrhunderts aufs Haupt gedrückt. Und diese Dornenkrone wandelt sich zu kleinen ..... land seine leuchtenden Schwingen und strebt in seinem faustischen Geist der Ewigkeit zu. Wir können es nicht niederziehen. Und hängen wir ihm auch Mühlsteine um den Hals, es erhebt sich doch.
Menschheit, gönn ihm den Flug!
Keine direkten Berichte mehr.
Friedrichshafen, 13. Okt. Wie die Zeppelinwerst Friedrichshafen um 11.30 mitteilt, gelangen von Z. R. 3 keine direkten Funktelegramme mehr nach Deutschland, weil die deutschen Funkstationen sich bereits außerhalb der Reichweite des Luftschiffes befinden. Die deutschen Empfangsstationen sind jetzt lediglich auf die Berichterstattung der amerikanischen Kriegsschiffe und Funkstationen angewiesen.
Die Fahrt über die Azoren.
Friedrichshafen. 13. Okt. Mit erheblicher Verspätung ging um 2 Uhr mittags in Friedrichshafen folgender Funkspruch ein, der von der drahtlosen Station Arranjuez aufgefangen und über Madrid nach Stuttgart weitergeleitet worden ist:
An Bord des Z. R. 3. Soeben. 12 Uhr mittags, anfliegen die Azoren. Sutter gut und klar. An Bord alles in bester Ordnung. Sind alle hoffnungsvollster Stimmung. E i n Drittel des Seeweges zurückgelegt, hoffen auf weitere schnelle Fährt.
Dr. Eckener.
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Weiterhin gute Nachrichten.
Berlin, 14. Okt. Nach einem Funksprüch aus Anapolis, den die Funkstation der Telegraphenunion um 6.45 Uhr nachmittags aufgefangen hat, steht der amerikanische Kreuzer „Milwaukee" mit Z. R. 3 in dauernder funkentelegraphischer Verbindung. Wetterberichte und Peilungen werden dem Z. R. 3 laufend durch den Kreuzer übermittelt. Die Station Anapolis bestätigt weiter, daß der Z. R. 3 gegen 3 Uhr nachmittags mitteleuropäischer Zeit die Azoren und um 3.35 Uhr nachmittags mitteleuropisicher Zeit die Insel Fayal passiert hat. An Bord befindet sich alles in bester Ordnung. Nach einem Washingtoner Wetterbericht herrscht südlich von Grönland Sturm, der sich in nordwestlicher Richtung bewegt. Südwestlich von Bermudas wird ein Tiefdruckgebiet gemeldet.
Auf die Bermudas zu.
Washington, 13. Okt. Durch Funksprüch. Das Luftschiff Z. R. 3 befand sich um 3 Uhr nachmittags amerikanischer Zeit 130 Meilen westlich von Fayal. An Bord war alles wohl. Um 6.30 Uhr abends amerikanischer Zeit überflog der Zeppelin die westlichste Azoreninsel Flores. (Siehe unsere Karte.)
Berlin, 14. Okt. Eine Kabelmeldung aus Newyork besagt: Heute früh um 8 Uhr wird Z. R. 3 die Bermudas passieren. Ob der Kurs wegen der Cyklonen, die von der Virginiaküste gemeldet werden, direkt auf die Bermudas abgesagt wurde, hat Z. R. 3 bis jetzt noch nicht gemeldet, da er in die Landwirbelwirkung des Cyklons noch nicht eingetreten ist.
Der Standort von heute vormittag.
Berlin, 14. 0». Z. N. 3^besindet sich7.20
!gs auf 41 wrao nord und Jö wrao est. An Bord ist alles wohl.
(Ungefähr 1000 Km. von der Westküste von Neufundland entfernt. D. Red.)
Das Interesse Englands.
London, 14. Okt. Die Blätter bringen an Bord des „Z. N. 3" aufgenommene, in der Nähe von Bordeaux mit Fallschirm abgeworfene, nach Paris Der Zug und von dort Der Luftschiff nach Creiden beförderte Photographien des Luftschiffes, während des Fluges und der Cfrisiere des Luftschiffes. „Daily KhronicTe" veröffentlicht da? bis Sonntag abend bestehende Logtuch des Kommandanten des „Z. R. 3" des Kapitäns Dr. Eckener, das vom Luftschiff an aus drahtlos übermittelt wurde. Der Bericht ist datiert: An Bord des Z.R. 3 überdem Atlantischen Ozean. Das Luftschiff teilt mit, daß das Wetter während der ganzen Zeit gut aewesen, daß an Bord alles wohl sei, daß die durchschnittliche Höhe bei der Fahrt über Frankreich 850 Fust betragen habe, daß die Maschinen glänzend arbeiteten und daß alle in ausgezeichneter Stimmung seien.
(Letzte Meldung.)
Ncwnork. 14. Dtt. (Funkspruch). Die Funkstation Chatham erhielt heute früh kurz _ vor 8 Uhr einen Funkspruch des nhalts, daß an Bord des Luftschiffes olles wohlbehalten ier. Z. R. 3 bat die Station, nach Berlin drahtlose Grüße zu übermitteln.
Amerika in Erwartung des Zeppelins.
Newyork, 14. Okt. Die Nachrichten über die Fahrt des Z. R. 3 werden in ganz Amerika mit ungeheurem Interesse verfolgt. Der höchste
Die Reiselinie des z. K. in.
X Siauöor! heute vormittag 7.20 H6r.
Grad der Spannung ist erreicht. Sämtliche Zeitungen bringen Extrablätter in großer Aufmachung mit Fahrtberichten und Bildern der Besatzung. Alle Hotels in der Nähe des Flugplatzes Lacehurft sind schon jetzt überfüllt. Gestern morgen traf der Prinz von Wales, der sich zur Zeit in Amerika aufhält, im Auto in Lake- Hurst ein. Die amerikanische Verwaltung hat 300 Haltemannschaften und 600 Marinesoldaten zur Absperrung des Platzes abkommandiert. Man rechnet mit der Ankunft des Z. R. 3 für Mittwoch vormittag. Das technische Per- sonal des Z. R. 3 bleibt vorläufig gemäß den Abmachungen mit den Zeppelinwerken im Dienst der amerikanischen Verkehrsfluggesellschaft. Der übrige Teil der Besatzung wird nach drei Wochen nach Deutschland zurück- kehren.
Vorsichtsmaßnahmen in Sakehurst.
London, 14. Okt. Der „Times" zufolge Lat der amerikanische Kreuzer „Detroi" gemeldet, daß sich gestern eine Luftströmung über dem Ozean südlich von Grönland gezeigt habe, die sich in nordöstlicher Richtung bewege. Die Marinebehörde hätte aber erklärt, daß diese Luftströmung dem Luftschiff mehr helfen al? hindern werde. Laut „Times" Werder alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, damit dem Lnstschiff bei seiner Ankunft in Lakehurst nichts zustoße. Die dortige Marinebehörde beabsichtigt, unverzüglich das Wasserstoffgas aus dem Schiff zu entfernen und durch da? unempfindliche Heliumaas zu ersetzen. Wenn dies geschehen sei, würde keine Person an Bord zugelassen werden.
Der Erbauer -es „3* R. 3" reist nach Amerika.
Dr. Karl Arnstein, der Erbauer Les Z. R. 3, reift mit dem ganzen Jngenieurstabe ,dcrFr igdrâhËM Zevvelinwerke un^ mit allem Kanstrüktionsmatsrial und den Modellen am 1. November nach Aron im Staate Ohio, wo die Zeppelinbauten im Namen der Goodyear Corporation von einer amerikanischen Fabrik fortgesetzt werden. Dr. Karl Arnstein ist der Chefkonstrukteur der Zeppelinwerke und hat die letzten 60 Luftschiffe, darunter die großen Kampfluftschiffe, erbaut. Er hat an der Technischen Hochschule in Prag studiert und ww dort Professor.
Gegen die Zerstörung der Zeppelin- Werke in Deükschlan-.
Newyork, 14. Okt. Die amerikanische Presse neräffentlief)! einen Ausruf des Botschaftsrat- von Liwinski, in dem das amerikanische Volk aufgefordert wird, die deutschen Zeppelinwerke nicht durch bie alliierten Kontro^kom- mifsionen zerstören zu lassen, da ausreichende Kontrollmöglichkeiten dafür vorhanden seien, daß in Deutschland keine Luftschiffe für militärische Zwecke gebaut werden. Eine Zer-.örung der Zeppelinwerke wäre nur eine sinnlose Vernichtung deutscher Ideen.
Die Deutschen Sie besten Lustschiffbauer.
London, 14. Oft. „Dailv News" schreibt tfl einem Leitartikel, die Deutschen könnten sich mit dem Gedanken trösten, daß sie weiterhin die besten Luftschiff, bauer der Welt seien und daß, wenn Z. R. 3 feint Reise nach Amerika ohne Unfall vollendet habe, dieß Tat als der deutschen Intelligenz und der deutscher technischen Geschicklichkeit dargestellt werde.