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200. Jahrgang. -

ßanauerS Anzeiger

General-Anzeiger / Amtliches Organ für Stadt« und Landkreis Kanan a. M.

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Nr. 232

Donnerstag den 2. Oktober

1924

Das Neueste.

Im großen Mainzer Tunnel ereignete sich gestern mittag ein schweres Eisenbahnunglück. Die Gesamtzahl der Opfer dürfte sich etwa auf 14 Tote und ebensoviel Verletzte belaufen.

Reichsfinanzminister Dr. Luther ist heute vormittag nach London ahgereist, um den Schluß­verhandlungen über die Auflegung der deutschen Anleihe beizuwohnen.

Im englischen Unterlaufe fand ein plötz­licher Vorstoß der Konservativen gegen die Arbeiterregierung statt, die zu einer Kabinetts­krisis führen kann.

Der französische Unterrichtsminister hat gestern sämtliche Schulbehörden im Lande be­auftragt, die Einheitsschule vorzubereiten.

Hm die Regierungsbildung.

Die gestern erfolgte Ankündigung, daß Reichskanzler Marx noch gestern die Verhand­lungen über eine Regierungsumbildungnach rechts und links" aufnehmen werde, hat sich im Laufe des gestrigen Tages noch mäst in die Tat umgesetzt. Nach einer gestern abend herausgegebenen Meldung sollen die Be­sprechungen des Reichskanzlers mit den Par­teien erst heute nachmittag mit einer Konferenz der Führer der Regierungsparteien beim Reichskanzler ihren Anfang nehmen. Am Frei­tag soll dann eine Besprechung mit den Sozial­demokraten und am Samstag eine Konferenz mit den Deutschnationalen erfolgen.

Der Beschluß des Vertretertages der Deutschnationalen Volkspartei, sich an der Re­gierung zu beteiligen, soll, wie derVorwärts"

Geschlossenheit des Vertretertages bekunden. Wesentlich an dem Beschluß sind zwei Punkte: einmal die Anerkennung des Londoner Ab­kommens und der Gesetze zu seiner Durchfüh- rung als einerbindenden Norm", und dann die Bereitwilligkeit, auf Verhandlungen über den Eintritt in die Regierung einzugehen. Zeichendeuter und Haarspalter mögen an der Form, worein die beiden Teile des Entschlusses gekleidet wurden, ihren kritischen und satirischen Scharfsinn üben; wer das Mönchsgezänk um Worte nicht für das Wesen der Politik hält, darf sich mit den Tatsachen begnügen. Die Dawes- Gesetze sind innerhalb der deutschnationalen Wählerschaft schärferem Widerstande begegnet als innerhalb der Reichstagsfraktion. Nach erfolgter Annahme der Dawes-Gesetze durch die verfassungsmäßigen Organe tritt nun auch die Vertretung der deutschnationalen Wähler­schaft auf den Boden der damit geschaffenen, neuen politischen Wirklichkeit, um die Wahr­nehmung deutscher Lebensinteressen bei Durch­führung des Londoner Abkommens sicherstellen zu helfen. Einer Beteiligung der Deutsch­nationalen an der Regierung, deren Hauptauf. gäbe zunächst die Durchführung der Dawes- Gesetze sein wird, steht damit von Partei wegen nichts mehr im Wege.

Es wäre aber verkehrt, zu glauben, damit wäre die Regierungsbildung bereits übern Berg. Was nun folgt, läßt sich doch nur zum Teil in derDunkelkammer" erledigen. Jetzt beginnen Einwirkungen, die sich nicht so be­quem ausschließen lassen, wie bei den Deutsch­nationalen die eigene Presse. Reichskanzler Marx läßt erklären, er werde nachrechts und links verhandeln. Darin deutet sich schon eine der Schwierigkeiten an, die sich erheben, nach­dem die Schwierigkeit, die im Zwiespalt bei den Deutschnationalen lag, beglichen worden. Zentrum und Demokraten sind, in bezug auf den Beitritt der Deutschnationalen, genau so geteilter Meinung, wie es die Deutschnationalen in bezug auf das Londoner Abkommen waren. Den Erzberger-Flügel des Zentrums zieht es stark zur Sozialdemokratie. Das ist nicht gerade geeignet, Herrn Marx feine Bemühungen zu erleichtern.

Grundsätzlich wäre gegen eine Regierungs- Mehrheitvon Müller-Franken bis Hergt" nicht viel zu sagen; über die praktische Möglichkeit ist eigentlich aber schon jedes Wort zuviel gesagt. Maßgebend für die Regierungs- Zähigkeit einer Part ei im gegen­wärtigen Augenblick ist ihre Stel­lung zur Außenpolitik. Deshalb mußten die Deutschnationalen über ihre Stel­lung zum Londoner Abkommen Klarheit

WM WWWWe im Minze! Mel

Mainz, 1. Oft. Auf den 12.14 hier ab­fahrenden Baseler Schnellzug, der in­folge eines Defektes im Tunnel zwischen Mainz- hauptbahnhof und Südbahnhof gezwungen war, zu halten, fuhr der 12.18 hier abgehende Wormser Personenzuc» auf. Bei dem Zusammenstoß gab es eine Anzahl Toter und Verletzter. Der vordere Teil des Baseler Schnellzuges konnte weiterfahren. Die Bergung der Verletzten und der Toten, sowie die Aufräumungsarbeiten überhaupt find im Tunnel mit großen Schwierigkeiten verbürge i.

Mainz, 1. Oft Das Eisenbahnunglück im Mainzer Tunnel, also im Gebiet der franzö­sischen Regie, stellt si^ als außerordent­lich schwer heraus. Die Zahl der Toten und Verlebten läßt sich noch nicht genau angeben. Sechs Fahrgäste, die sofort tot waren, wurden auf die polizeistakion am Süd­bahnhof gebracht. Man ist dort noch mit der Feststellung ihrer Personalien beschäftigt. Von den in das Städtische Krankenhaus eingeliefer- ten Verwundeten sind zwei Männer und ein Kind gestorben. Die Ramen dieser beiden Toten ind: Artur Struve, Hamburq. Damm- iraße 32, Georg Engel, Vilbel, Ritter- kraße 32. Die Ramen der Verletzten, die m Städtischen Krankenhause liegen, sind Müller, Pforzheim, Spahn, Cassel, k o m m e ck e, Holzhausen, Krieger (ohne Ortsbezeichnung). Von dem gestorbenen Kinde konnten die Personalien bisher nicht ermittelt werden. Auch einer von den in das franzvi-che Milikärlazarett Verbrachten ist bereits gest ir- im D-Zuq mitfuhr. Die meisten Verletzten'sind Fabrgäste des D-Zuges gewesen. 3m franzö­sischen Militärlazarett liegen außerdem noch 10 Verletzte. Die Zahl der Toten schätzt man bis setzt auf 14. die der Verletzten dürfte ebenso hoch sein.

Die Verletzungen sind zum Teil schwerer Art. einem Manne mußten beide Deine abge­nommen werden, um ihn am Leben zu erhalten. Die aus dem Tunnel geschafften Verwundeten sind vom Rauch völlig geschwärzt.

Die Rektungsarbeiten sind sehr erschwert. Die Gaskäsken sind geplatzt, sodaß das was ausströmt. Der Tunnel ist mit Rauch und Gas angefüllt, das keinen Abzug hat. Der Tunneteingang nach dem Hauptbahnbsf wurde sofort gezerrt, Passagiere und Make.ist werden vom Südbahnhof her herausgeichafft.

Am 15. Oktober werden es 40 Jahre, daß der Tunnel eingeweiht wurde. Seit dieser Zeit hat sich kein nennenswertes Unglück ereignet

Die Rettungsarbeiten.

Mainz, 1. Ost. Die Mainzer Feuerwehr, Regiebeamte und ein starkes französisches Trupipenaufgebot sind damit beschäftigt, die in dem Tunnel ineinander geteilten Wagen aus«

schaffen, ehe die Verhandlungen mit ihnen be­ginnen konnten. Dessen bedarf es bei der Sozialdemokratie leider nicht, ihre Stellung ist eindeutig klar; sie ist d e r offene oder geheime Bundesgenosse jedes fremden Vertrags- oder Verhand- lungsgegners, gegen den die deutsche Re­gierung sich mühsam genug durchzusetzen hat. Sie hat sich eben jetzt wieder zum Dolmetsch eines Versuches Herriots gemacht, sich in die innerdeutschen Verhältnisse, und zwar in recht plumper Form, einzumischen. Solange also die Wahrnehmung deutscher Lebensinteressen bei Durchführung des Londoner Abkommens Hauptaufgabe der Reichsregierung ist, kann für die rechte Hälfte der Mittelparteien die Sozial­demokratie als Partner nicht in Frage kommen. Zur rechten Hälfte der Mittelparteien gehört aber auch der rechte Flügel des Zentrums. So bereit der Erzberger-Flügel des Zentrums sein möchte, die Wirth-Koalition mit der Sozial- demokratie zu erneuern, so wenig wird der Stegerwald-Flügel für diese Rückwärtserei zu haben sein. Und ähnlich liegen die Dinge auch bei den Demokraten.

Der innere Zank also, der bei den Deutsch­nationalen klug und geräuschlos beigelegt wor­den, hat die schönste Aussicht, beim Zentrum und den Demokraten wieder aufzuleben. Und es wird übermenschlicher Geduld und einer nicht gewöhnlichen Geschicklichkeit bedürfen, um die

Änander, zureihen und die Ueberlebenden zu retten. Zur Hilfeleistuna in beim Tunnel sind französische A r m e e 1 ch et n w erf e r zu Hilfe herbeiigazogen worden. Bisher ist esn 0 ch nicht gedungen, an Me mittelten Wa­gen heranzu kommen, dadrs Lriünnner der zerstörten Wagen den Tunnel vollpandig versperren.

Die Arsache der Katastrophe.

Mainz, 1. Okt. Das Effenbahnunglück im Tunnel trug sich nach den bisherigen Fest­stellungen wie folgt zu:

Beim Pausieren des Tunnels zwischen dem Hauptbahnhof und Süd versagten am D- Zug 670/656 Köln-Mannheim die Luftbremsen, sodaß der Zug im Tunnel hielt. Infolge Versagens der MockLusfahrtfichs- rung aus Mmnz-Hauvtbahnhof war das Gleis des Tunnels nicht rückge- f ich e r t Obwohl von der Blockstelle Mainz- Süd des Tunnsle'ingangs der D-Zug noch nicht zurückgemiöldet und damit das Gleis nicht frei- gegeben war, ließ der verantwort­liche Fahrdienstleiter Mainz- Hauptbahnhof den vier Minuten später fälligen Pe rsonenzug bo* Mai n z - W o rms nach dem Tunnel zu a b. Der Loko­motivführer des Personen,zugs konnte wegen des dichten Qualms und wegen der Biegung des Tunnels den Haltenden D-Zug nicht sehen und fuhr so in ihn hinein. Die letzten Wagen des D-Zuges wurden schwer beschädigt, ebenso die Lokomotive des Personenzuges.

Eifenbahnregie bittet um die Veröffentlichung nachfolgenden amtlichen Kommunioues: Zwi­schen Mainz-Hauptbahnhof und Mainz-Süd hat sich ein ziemlich schwerer Zusammenstoß er­eignet. Der aus unbekannten Gründen in dem Tunnel haltende Zug 670 ist von dem folgen­den Personenzug 682 eingeholt worden. Der Zusammenstoß war heftig. Zwei Wagen sind schwer beschädigt worden. Unglücklicherweise ist her Tod von sechs Reisenden zu beklagen; sechs Schwerverwundete sind nach beim Mainzer Militärlazarett I transportiert worden; andere leicht verwundete Reisende konnten sich in ihre Wohnungen begeben. Es ist eine Untersuchung über die Veratwortlichkeit eingeleitet. worden. Der Verkehr wird im Laufe des Abends wie­der hergestellt. Vorläufig wird der Verkehr über das rechte Rheinufer und durch das Lahntal für die Pariser Verbindungen umgelsitet.

Mainz, 2. Okt. Von den Toten sind weiter festgestellt: Fabrikant Eugen Cordten in Bad Dürkheim, Student Erwin Cordien in Bad Dürkheim und ein Kontrolleur der fran­zösischen Regie, E r a n i e r.

Parteien, die zur Bildung einer einigermaßen tragfähigen Mehrheit der Mitte unentbehrlich sind, unter einen Hut zu bringen. Ja, wenn der regierungsbildende Kanzler wenigstens, wie das in Ländern mit einem leidlich vernünftigen Parlamentarismus üblich ist, Ellbogenireiheit hätte, sich seine Mitarbeiter auszusuchen! Aber ihm sind die Hände gebunden durch die unter­schiedlichen Partei-Bureaukratien, und in dieser Gesundheit soll er sich durchsetzen gegen den passiven Widerstand des Reichspräsidenten, dem

der

natürlich von der ganzen alten Wirth-Koalition Rücken gesteift werden wirbt

KknSenburg.

Wenn das deutsche Heer in dem gewal­tigen Völkerringen Leistungen aufzuweisen hat, die in der Geschichte aller Zeiten und Völker beispiellos dastehen, so ist dies in erster Linie der Erziehung des Volkes zur Wehrhaftigkeit zu danken. Hindenburg.

Millionen national denkender Deutscher im In- und Auslande gedenken heute des Feld- Marschalls an seinem 78. Geburtstage in Dank­barkeit und tiefer Verehrung sie lassen sein Bild und seine Daten an ihrem Geiste vorüber« ziehen.

Da steht der deutsche Recke in seiner sicheren Ruhe besten Preußentums, der selbstlose Ar­beiter im Dienste seines Vaterlandes, erfüllt von tiefer Liebe zur Heimat und zum deutschen

Boden mit unerschütterlichem Glauben an Deutschlands Zukunft.

Sein Leben war der Erziehung seines Vol­kes zur .Wehchaftigkeit gervidmet. Wir sehen ihn als jungen Offizier auf den Schlachtfeldern von 1866 und 1870, seinen Soldaten ein leuch­tendes Vorbild von Tatkraft und Tapferkeit für Preußens und DeutschlandsGröße, kämpfen und für sein Vaterland bluten, wir sehen ihn im Jahre 1871 im Spiegelsaale von Versailles

Augenblick der Grün- s miterleben. Wir verfolgen weiter seinen __________m den Weg des Hochgebildete, kenntnisreichen, im Denken und Wollen vollendet durchgebildeten General­stäblers und feine Tätigkeit als Truppenführer, zuletzt als kommandierenden General des IV, Armeekorps, bis hinauf zum Höhepunkt seines Wirkens in dem großen Daseinskämpfe des deutschen Volkes. Am 23. August 1914 wurde er als Führer der 8. Armee nach dem Osten berufen, deren Oberkommando gemeldet hatte, daß es nicht im Stande sein würde, das Land östlich der Weichsel zu behaupten. Seit den Sie­gen von Tannenberg und an den masurischen Seen, die er durch überraschende Heerführung mit seinem Generalstabschef Ludendorff und seinen Truppenführern Mackensen, Scholz, Be­low, Francois und Goltz erfocht, durch die er Ostpreußen von den entmenschten russischen Horden befreite, ist er über den Feldherrn hin- ausgewachsen, er ist zum Volksheros geworden und wird es bleiben, solange noch ein national­bewußtes deutsches Volk besteht. Vor kurzem tat er bei der Grundsteinlegung zu dem Na­tionaldenkmal von Tannenberg die ersten Ham­merschläge mit den Worten:Den Gefallenen zum dankbaren Gedächtnis, den Lebenden zur Ermerung und den kommenden Geschlechtern

Wie er in höchster Not nach Ostpreußen, so wurde er im August 1916 von seinem Kriegsherrn in äußerst kritischer Lage als Chef

s Hindenburg 'N

Kriegsleitung befohlen. Was Hindenburg in den 27 Monaten dieser verantwortungssa/we- ren Stellung dieser furchtbaren, harten, von schweren Aufgaben überreichen Zeit des Welt­krieges vollbracht hat, wird als eine der größ­ten Leistungen in der Geschichte der Kriegs­

kunst verze ichnet stehen.

Als dann in unseren schwärzesten Tageck eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und tönender Redensarten unser staatliches Le­ben zu vernichten drohte, blieb er dennoch auf seinem Posten. Im felsenfesten Vertrauen an die nur verschütteten Quellen deutscher Kraft und deutschen Geistes führte er das Heer zurück und befestigte noch den Grenzschutz Ost.

Kraftvoll nahm er im Jahre 1918 in der denkwürdigen Veröffentlichung über das deut­sche Offizierkorps von Wilhelmshöhe aus seine Offiziere in Schutz, die damals von einer Flut von Schmutz und Verleumdung überschüttet wurden. Nicht verschweigend, daß auch man­cherlei Schatten auf das Offizierkorps fielen, kommt er dennoch zu dem Schlußurteil, daß es kerngesund, stark und lebensfähig aus dem größten aller Kriege zurück gekehrt fei.- Diese Anerkennung versagte ihm nicht einmal der Feind.

Wer auch für die Mannschaften hatte er ein warmes Herz und volles Verantwortungs­bewußtsein für den Wert jedes kostbaren beut« scheu Lebens. Schon 1917 trat er energisch da­für ein, daß die zurückkehrenden Krieger ein Heim vorfänden, das geeignet sei, den Hort eines gesunden deutschen Familienlebens zu bilden. Der unglückliche Ausgang des Krieges ließ seine Pläne nicht reifen, wie er sie 'm Geiste geschaut. Es gelang ihm nicht, seinem Volke eine Zukunft erträglicher und gesicherter Lebensbedingungen zu erkämpfen. An dem brutalen Vernichtungswillen der Anzahl weit überlegener Gegner und den zuletzt unzuläng­lichen eigenen Mitteln mußte auch feine Kunst scheitenr. Doch kann dies nicht das helle Licht, in dem seine Persönlichkeit erstrahlt, ver­dunkeln.

Dem deutschen Volke schenkte er in seinen Erinnerungen ein nationales Erbaungsbuch von unschätzbarem Wert, in dessen Schlußwort er den Kameraden der einst so großen stolzen Armee zuruft:-mrt Ihr von Verzagen sprechen, denkt an die Männer, die vor mehr als hundert Jahren ein innerlich neues Vater­land schufen, nicht gegründet auf eine uns we- fensfrembe Doktrin, sondern es aufbauten auf den Grundlagen freier Entwickelung des Ein-,